Freitag, 1. Mai 2009

Susi

Susi konnte ihn nicht leiden. Er war ein Rüpel, unhöflich und setzte ständig dieses eingebildete Lächeln auf, als wollte er damit sagen, dass er etwas Besseres wäre. Besser als sie und besser als ihr Freund. Besser als alle anderen Einwohner des Dorfes.
Susi schnaubte, wenn sie daran dachte.
Nur, weil er aus der Stadt kam und so tat, als besäße er all die Welterfahrenheit, die man sich nur vorstellen konnte. Von wegen. Susi war welterfahren genug. Sie war ausreichend herumgekommen, hatte genug gesehen und gelernt, um zu wissen, dass ein Aufenthalt in der Stadt einen weder klüger noch vernünftiger machen konnte. Und wenn Rolf sich das einbildete, dann war das sein Problem. Das Problem ihrer Freunde allerdings wurde es, wenn er mit seinem Benehmen überall aneckte. Als täte er dies mit Absicht.
Es kam ihr manchmal beinahe vor, als wollte Rolf sich in Schwierigkeiten bringen, als wäre ihm das Kleinstadtdasein allein zu langweilig, zu unausgefüllt und zu konfliktarm, als dass ein Junge wie er es ertragen konnte.
Also machte er Ärger, wo es ging. Die Schule besuchte er nur gelegentlich, ließ überall verlauten, dass man ihm hier nichts beibringen konnte, dass auf der Straße mehr zu lernen wäre, als in dumpfen Klassenräumen.
Nun, Susi konnte dies nicht beurteilen, hatte ihre Mutter sie doch schon vor geraumer Zeit in eine Privatschule am Rande des Ortes geschickt. Eine Schule, in der sie sich fraglos wohlfühlte, die ihr alle Chancen und alle Möglichkeiten bot, sich zu entfalten. Susi war klug genug, diese zu nutzen. Sie engagierte sich in Schülerzeitung und Theaterclub, spielte Geige im Orchester und trug sogar die Schuluniform mit Stolz und Freude.
Ihr Freund Hendrik dagegen besuchte ebenso die öffentliche Schule, wie der zugezogene Rolf. Nur, dass er sich einige Jahre über diesem befand, sein Abschluss bereits in gefährliche Nähe rückte. Gefährlich, weil Susi nicht darüber nachdenken wollte, dass sie ihn verlieren konnte, dass die Weichen sich verstellen und ihr vertrautes Leben eine neue Richtung nehmen sollte.
Natürlich wusste sie, dass diesen Veränderungen nicht zu entkommen war, dass sie sich früher oder später damit auseinandersetzen musste. Die Welt blieb nun mal nicht wie sie war. Und ebenso, wie Rolf unvermittelt und unerwartet in dem Städtchen aufgetaucht war, so würde Hendrik eines Tages fortziehen, und sei es nur, um auf die Universität zu gehen.
Hendrik bedeutete Beständigkeit, Sicherheit und Vertrauen. Susi verließ sich darauf, dass ihm die Verbindung zu ihr ebenso wichtig war, wie ihr die Verbindung zu Hendrik, dass sie zusammenbleiben würden.
Schließlich waren sie beide lange genug um ihre Beziehung herumgetanzt, hatten sich vor- und zurückbewegt, umkreist und abgewartet, bis keiner von ihnen mehr eine Ausrede entdecken konnte.
Hendrik war groß und stark und zielbewusst. Er war vernünftig und plante seine Zukunft im Detail. Susi wünschte sich, auch sicher sein zu können, wie er. Sie arbeitete daran. Und doch gab es hin und wieder diese Momente, in denen sie sich nichts sehnlicher wünschte, als aus dem Rahmen auszubrechen, in den das Schicksal sie gesteckt hatte. In dem sie sich befand aufgrund der Wohlhabenheit ihrer Familie, der Erwartungen, die allerorts an sie gestellt wurden und die sie gewohnt war, pflichtbewusst und buchstabengetreu zu erfüllen.
Hendrik war der Mann, an dem sie plante sich festzuhalten, der ihr die Richtung weisen sollte, wenn sie selbst ins Schwanken geriet. Wenn unklare, ungenaue Vorstellungen sie einholten, Gedanken an Ausbruch, an Alternativen, an eine Welt außerhalb der ihr vorgegebenen.
Vielleicht war es das, was sie an Rolf so aufregte. Er schien keinen Plan, keine Erwartungen, nicht einmal ein Ziel zu besitzen. Rolf ließ sich durch den Tag, durch sein Leben treiben, ohne die Notwendigkeit zu verspüren, sein Bestes zu geben, die Chancen, die sich ihm boten, zu optimieren.
All das an sich wäre nicht einmal so schlimm gewesen und auf gar keinen Fall ein Grund dafür, einen weiteren Gedanken an den Jungen zu verschwenden.
Aber der Ärger, den er machte, die ständige Aufmerksamkeit, die er hervorrief, schrien geradezu danach, sich intensiver mit ihm zu befassen, und sei es auch nur, um sich der eigenen Abneigung ihm gegenüber bewusst zu werden.
Da war diese Schlägerei gewesen, in die sich sogar der sonst so vernünftige Hendrik verwickeln ließ. Und wenn sie ihm Glauben schenkte, dann handelte es sich dabei nur um eine von Vielen.
Rolf zog das Unglück an, zumindest hatte Hendrik es so ausgedrückt, als er sich den Eisbeutel gegen die Stirn presste. Und er hatte mehrfach versichert, dass er ihn nicht leiden konnte, ja, dass er ihn direkt hasste, um keinen Preis der Welt etwas mit ihm zu tun haben wollte.
Susi nahm ihre Thermosflasche aus der Tasche und schenkte sich einen halben Becher dampfenden Tees ein. Es war eindeutig noch zu kalt, um draußen zu sitzen, aber Susi konnte nicht wiederstehen.
Jedes Jahr zog es sie an den ersten Tagen, in denen der Frühling seine Ankunft meldete, ein Stück aus dem Ort hinaus, an den kleinen Bach mit der Brücke und der hölzernen Bank, von der aus sich der schönste Blick auf eine kleine Idylle entfaltete.
Diesmal hatte sie sich entschieden nach dem Unterricht nicht gleich nach Hause zu gehen, sondern war sofort in die Richtung aufgebrochen, in die es sie lockte. Der Himmel war blau und die Farben frischer und heller, als sie ihr in den letzten Monaten erschienen waren. Noch stieß keine Blüte, kein frisches Grün aus der Erde, doch Susi spürte, dass es sich nur um eine Frage von Tagen handelte, bis die Welt ein neues Kleid trüge.
Sie lehnte sich zurück, nahm einen Schluck aus der Plastiktasse und genoss die Wärme, die ihre Kehle hinunter strömte. Wenn sie wollte, konnte sie den ganzen Nachmittag hier verbringen, in Seelenruhe und allein.
Ihre Mutter war beschäftigt und ansonsten vermisste sie niemand.
Es schien, als habe jeder Mensch, einschließlich Hendrik, zu viel zu tun, als dass es auffiele, wenn sie sich für einen Tag ausklinke.
Eigentlich war dies nicht Susis Art, doch an diesem Tag konnte sie nicht anders.
Wer hätte auch erwartet, dass ihr an diesem einsam gelegenen Platz, zu einer unmöglichen Uhrzeit, ausgerechnet der Junge entgegenkäme, über den sie sich so angestrengt bemühte, nicht nachzudenken.
Sie erkannte ihn sofort, erkannte die zu weite, zu grelle Jacke, das dunkle, in die Stirn fallende Haar und den krummbeinigen Gang, den auch die schlabbernden Hosen nicht verstecken konnten.
Offenbar ahnungslos schlenderte er auf sie zu, blieb erst im Abstand von vielleicht zehn Metern vor ihr stehen, runzelte die Stirn.
Auffordernd sah sie ihn an, ein wenig zu streng vielleicht, eine unausgesprochene Warnung davor, dass er es nur nicht wagen sollte, sich ihr gegenüber etwas herauszunehmen.
Rolf zögerte, wich ihrem Blick für einen kurzen Moment aus, was ihm den Anschein von Unsicherheit verlieh. Susi fühlte sich irritiert, als hätte sich ein unvorhergesehener Aspekt seiner Persönlichkeit offenbart, die so gar nicht in ihr Bild passte.
Doch nur einen Augenblick später hatte er sich gefangen und trug wieder den vertraut hochnäsigen Ausdruck, der durch seine bleiche Haut und die halb geschlossenen Augenlider unterstrichen wurde.
Susi fiel auf, dass er weder Rucksack noch Schultasche bei sich trug und da sie vermutete, dass sein Schultag nicht kürzer sein durfte, als der ihre, schürzte sie verächtlich die Lippen. Kein Wunder, dass er schwänzte. Sicher fühlte sogar ein Kotzbrocken wie er, dass er unwillkommen war, dass ihn niemand hier haben wollte.
Susi senkte den Kopf, plötzlich beschämt. Seit wann war sie so elitär geworden, im Grunde lag eine Denkweise wie diese nicht in ihrer Art. Und doch brachte Rolf stets das Schlimmste in ihr zum Vorschein, die schlimmsten Vorurteile, die größten Abneigungen.
‚Er hat sich mit Hendrik geschlagen‘, sagte sie sich im Stillen. So war es denn kein Wunder, dass sie auf ihn nicht gut zu sprechen war. Ja, sie besaß jedes Recht, ihn nicht leiden zu können.
Sie sah auf.
Rolf stand immer noch vor ihr. Der Abstand zwischen ihnen hatte sich nicht verringert. Doch nun sah er sie an, unverwandt und mit einer Ernsthaftigkeit, die Susi einen kurzen, unerwarteten Schauer über den Rücken jagte.
Sie erwiderte den Blick. „Was?“, schnappte sie dann plötzlich, unfähig, die Stille noch weiter zu ertragen.
Rolf zuckte mit den Schultern. „Nichts“, antwortete er dann doch und ein schmales Lächeln kräuselte um seine Lippen. „Ich habe mich nur gefragt, was ein so braves Mädchen wie du allein hier draußen tut.“
Susi rümpfte die Nase. „Ich bin nicht brav“, verkündete sie, hauptsächlich um ihm zu widersprechen.
„Ach.“ Rolf zog seine Augenbrauen hoch und musterte sie dann von oben bis unten, mit Betonung auf ihre glattgestrichene Schuluniform.
Susi wand sich unbehaglich unter seinem Blick. „Und was tust du hier?“, fragte sie dann und bemühte sich, ihrem Ton die größtmögliche Schärfe zu verleihen.
Wieder zuckte Rolf mit den Schultern, verlieh der Achtlosigkeit in seiner Stimme Ausdruck. „Alles ist besser, als in dem Kaff herumzusitzen.“
„Du sprichst von meiner Heimatstadt“, erwiderte Susi und überlegte einen Moment. „Und jetzt auch von deiner“, fügte sie hinzu. „Sieht doch so aus, als habe dein Onkel dich für längere Zeit am Hals.“
Rolf grinste schief. „Der arme Kerl kann einem schon leid tun.“
„Das hast du gesagt“, gab Susi zurück und konnte es doch nicht verhindern, dass ihr ebenfalls ein Lächeln entschlüpfte.
„Also?“ Rolf legte den Kopf schief.
„Also was?“, fragte sie nun doch belustigt.
Rolf deutete mit dem Kinn zur Bank, auf den Platz neben ihr.
„Kann ich mich dazu setzen?“
Susi erstarrte nur kurz. „Hast du nichts Besseres zu tun?“, brummte sie dann.
Rolf durchquerte den Abstand zwischen ihnen in wenigen Schritten und setzte sich dann geschwind neben sie.
„Nein“, antwortete er und wand sich zu ihr, lehnte sich mit einem Arm gegen die hölzerne Lehne. „Um ehrlich zu sein, bin ich nur dafür hierhergekommen.“
„Ich wusste gar nicht, dass du so… so…“ Susi gingen die Worte aus und sie verstummte verlegen.
Rolf grinste. „Dass ich so romantisch bin?“, ergänzte er. „Du weißt vieles nicht von mir.
Susi entschlüpfte ein Kichern noch bevor sie es vermeiden konnte. „‘Romantisch‘ war nicht das Wort, dass mir in den Sinn kam.“
„Aha.“ Rolf lehnte sich zufrieden zurück. „Du meinst ein Herumtreiber und Schulschwänzer kann sich nicht an den Schönheiten der Natur erfreuen.“ Spöttisch zog er einen Mundwinkel hoch.
„Wie kommst du darauf?“ Doch trotz ihres Protestes errötete Susi.
„Na, ich liege doch richtig“, sagte Rolf und blickte auf den murmelnden Bach. „Glaub nicht, dass ich nicht wüsste, wie diese Stadt über mich denkt.“
Susi wusste erst nichts zu erwidern. Doch dann fühlte sie sich doch bemüßigt, etwas zur Verteidigung ihres Wohnortes beizutragen.
„Vielleicht hast du ja angefangen“, bemerkte sie ein wenig zu direkt, doch mit voller Absicht.
Als keine Antwort kam, wand sie den Kopf und traf auf Rolfs Blick, der sie amüsiert ansah. „Das habe ich sogar ganz sicher“, sagte er und musterte sie, als erwarte er jederzeit eine deftige Retourkutsche von ihr.
Doch diese blieb aus, als Susi den Blick senkte.
„Na, dann darfst du dich auch nicht wundern“, fügte sie schließlich zu dem Gespräch hinzu und zögerte.
Rolf rutschte auf der Bank ein wenig hin und her. „Wer sagt denn, dass ich mich wundere“, murmelte er dann.
Susi sah ihn von der Seite an. „Ich denke, ich verstehe“, äußerte sie ruhig.
Rolf wandte sein Gesicht dem Ihren zu und zum ersten Mal fiel ihr auf, wie satt kastanienbraun seine Augen in dem blassen Gesicht wirkten. Umrahmt von schwarzen Wimpern, die für ein Jungengesicht fast ein wenig zu lang wirkten und ihm doch den Anstrich einer Sensibilität gaben, die er hinter seinem angeberischen Äußeren nur allzu gut verstecken konnte.
Sie nickte. „Oh ja, jetzt verstehe ich“, murmelte sie und ein Lächeln breitete sich über ihr Gesicht aus. Ein Lächeln, das diesmal echt war, klar und ohne Vorbehalte. Ihr würde er nichts mehr vormachen. Ihr nicht. Vielleicht dem Rest der Stadt, vielleicht Hendrik, vielleicht der Schule, doch sie hatte einen Blick hinter die Fassade geworfen. Ihr Lächeln vertiefte sich. Und das Schönste daran war, dass Rolf selbst es vermutlich nicht einmal merkte.

Montag, 20. April 2009

Held

Es machte Olaf verrückt, wenn Christian sein Haar aus der Stirn warf. Diese eine, lässige Kopfbewegung wirkte auf ihn gleichzeitig lächerlich und auf diese verbotene Art anziehend, die er selbst nicht wagte, vor sich zuzugeben.
Manchmal fragte Olaf sich, was seinen Bruder dazu trieb, eine Frisur zu behalten, die derart unpraktisch war. Davon abgesehen, dass er sich nicht vorstellen konnte, warum Christian es ertrug, sein Gesichtsfeld permanent mit diesen dicken, schwarzen Strähnen einzuschränken.
Der Verdacht, er wollte sich hinter einem Vorhang verstecken, den er jederzeit nach Belieben zuziehen konnte, wollte er sich von der Welt abgrenzen, in seiner eigenen, verschrobenen Vorstellung des Lebens verbleiben, holte Olaf regelmäßig wieder ein.
Und doch musste er zugeben, dass Christians Haar zu ihm passte, weitaus besser passte, als die anderen Haarschnitte, die er während seiner rebellischen Jugendphasen ausprobiert hatte.
Anders als Olaf, der sein Haar stets kurz und praktisch geschnitten trug, funktionell, wie er es ausdrückte.
Andererseits waren sie beide nicht nur in dieser Hinsicht vollkommen verschieden und der Grund dafür lag nicht nur in ihrem Altersunterschied, sondern vor allem in ihrem Wesen begründet.
Christian war ein Träumer, ein Weltverbesserer, wohingegen Olaf sich für einen Macher hielt, angezogen und geleitet von dem Wunsch nach Macht, nach Einfluss, getrieben von dem Drang, etwas zu verändern.
Olaf seufzte und stellte das Glas zurück, ohne davon getrunken zu haben. Manchmal fragte er sich, ob es seine Schuld war, seine Eigenheit, die Unruhe in ihm, die ihn stets wach hielt, in Alarmbereitschaft, die ihn zum handeln zwang. Oder ob es nicht doch an ihren Eltern lag, die ihm von Anfang an eine andere Behandlung hatten zukommen lassen, als seinem kleinen Bruder.
Als Erstgeborener lagen von Anfang an die Erwartungen auf ihm, und damit ein gewisser Druck, den Olaf von Jahr zu Jahr zunehmend als Last empfand. Nicht, dass er sich je dagegen gewehrt hatte. Nein, keine Sekunde hatte er jemals gezögert, keinen einzigen Zweifel sich selbst erlaubt. Es wäre ihm unfair vorgekommen, nach allem, was seine Eltern für ihn getan hatten, nach der teuren Ausbildung, den Elite-Internaten und den Chancen, die ihm auf dem Silbertablett dargeboten worden waren.
Selbstverständlich waren sie auch immer deutlich gewesen, worin im Gegenzug seine Pflichten lagen, wie er zu Handeln habe und inwiefern er seine Dankbarkeit immer und immer wieder von Neuem zu Beweis stellen musste.
Und manchmal, wenn auch nur selten, beneidete Olaf Christian um seine Freiheit, um die Möglichkeit, zu tun, was immer ihm in den Sinn kam, ohne den festgefahrenen Mustern folgen zu müssen, in die er selbst von Kindheit an, gepresst worden war.
Und doch wusste Olaf sehr gut zu welch hohem Preis Christian sich diese Freiheit erkauft hatte, ob es denn in seiner Absicht gelegen hatte, oder auch nicht.
Seit seiner Geburt hatte Christian sich nie mit den Erwartungen auseinandersetzen müssen, die auf Olaf lasteten. Seine Freiheit bestand bis zu einem gewissen Grade in einer Gleichgültigkeit, die Olaf nur deshalb nicht spürte, weil seine Leere mit den Aufgaben und Pflichten erfüllt wurde, die ihm auferlegt wurden.
Nur in den seltensten Momenten bemerkte Olaf die wohl verborgene Missachtung seiner Eltern. Es waren dies die Momente, in denen er selbst nicht ganz in der Spur lief, die wenigen Augenblicke, in denen er versuchte, eine eigene Meinung zu entwickeln, einen Gedankengang zu verfolgen, der nicht mit dem seiner Familie konform lief.
Dann fühlte er einen Hauch der Kälte, der Christian ständig ausgesetzt war und der sein Bruder nur entkam, indem er sich in Phantasien verstrickte, die ihn aus der Welt, wie sie sich ihm bot, entführten. Indem er Ziele entwickelte, die so entfernt von denen ihrer Eltern waren, dass sie zumindest die Geringste aller Reaktionen hervorrief.
Standhaft hatte er sich geweigert, die Militärschule zu besuchen oder eines der anderen Internate, die ihm vorgeschlagen wurden.
Und Olaf war ihm in dieser Beziehung spontan und für ihn selbst überraschend zur Hilfe gekommen. Sah er doch einfach nicht, dass ein sensibles Kind wie Christian in einer Hierarchie, in der es hauptsächlich um Konkurrenzdenken und Ellbogen ging, bestehen konnte.
Nein, hatte er damals zu seinen Eltern gesagt, in einem der Augenblicke, die ihn neben die Spur brachten. Nein, das ist nichts für Christian. Und sie mussten ihm glauben, wusste er doch besser als jeder Andere, wovon er sprach.
Und als Christian dann Krankenpfleger werden wollte, anstatt in die Anwaltskanzlei einzusteigen, hatte er ihm wieder den Rücken gestärkt. Es war das Mindeste gewesen, was er für ihn tun konnte, ein winziges Zeichen von Solidarität, die jedoch niemals die langen Phasen seiner Abwesenheit von zu Hause gut machen konnten, die Zeiten, in denen er Christian allein ließ. Allein mit der Kälte und Lieblosigkeit eines großen und dunklen Hauses, allein in einer Hoffnungslosigkeit, die jeden Menschen früher oder später erdrückte.
Aber sie erdrückte Christian nicht. Irgendwie schaffte er es, diese Jahre zu überstehen, ohne den leeren und düsteren Blick ihrer Eltern anzunehmen, ohne die stumme Gefühllosigkeit zu übernehmen, welche diese atmeten.
Olaf gelang es immer seine Schuldgefühle beiseite zu drängen. Immerhin war es nicht seine Aufgabe, sich um den kleinen Bruder zu kümmern. Er hatte Besseres zu tun, Wichtigeres. Er musste sein Leben führen, das Beste leisten, zu dem er imstande war, bis an die Grenzen gehen. Und er war bereit und willens, diese Aufgabe auf sich zu nehmen, es immer gewesen.
Lediglich während der pflichtgemäßen Familientreffen, der wenigen Ferien, die er zu Hause verbrachte, bäumte sich das Gespenst auf, wollte ihn nicht los lassen für eine lange Zeit. Bis er wieder fort war, eine Weile fort und eingebunden in sein eigenes Leben, das ihm alles abverlangte.
Mehr als auf alles Andere, freute er sich jedesmal darauf, Christian wiederzusehen. Mehr als auf seine Eltern, mehr als auf das Zimmer, in dem er seine ersten Jahre verbracht hatte, und das immer noch die Comics und Spielsachen enthielt, für die er damals bereits zu wenig Zeit gehabt hatte.
Und jedesmal wieder war er überrascht, vielleicht sogar ein wenig erschrocken, sobald er der Veränderungen gewahr wurde, die in dem Jungen vorgegangen waren, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten.
Christian wuchs für ihn in Schüben, verwandelte sich in Sekundenschnelle vom Kleinkind zum Sechsjährigen, vom Schulkind in einen Teenager.
Und immer sah er ihn an mit diesem Ausdruck, den Olaf nur als stumme Frage deuten konnte. Als die Frage, die er sich selbst auch immer stellte: Wie nur brachte er es fertig, ihn so lange alleine zu lassen.
Als Christian größer wurde, sich der Schwelle zum Erwachsenwerden näherte, begann sich zu Olafs Schuldgefühlen etwas Anderes zu addieren, etwas, das er lange nicht erkannte, dann verleugnete und das er sich immer weigern würde, zuzugeben. So dachte Olaf.
Und er gab Christian die Schuld. Christian, der sich so anhänglich zeigte, der ihm auf Schritt und Tritt folgte, sobald er eingetroffen war. Christian, der seine Hände nicht von ihm lassen konnte, der ihn umarmte, sich an ihn hängte, ihm durch das kurze Haar strich, als gäbe es nichts Faszinierenderes auf der Welt. Nichts Faszinierenderes, als die Widerspenstigkeit von Olafs meist streng zurückgekämmten Haar, das er so sorgfältig in Schach hielt, und dem doch nicht viel fehlte, um ihm ein wildes, wirres Aussehen zu verleihen, kamen die Strähnen durcheinander, entwickelten ein Eigenleben und standen plötzlich in alle Himmelsrichtungen ab.
Zu dieser Zeit fiel Olaf auch Christians abstrakte Frisur auf, die Art, wie er die dunklen Strähnen während des Dinners über die Stirn fallen ließ, um mit seinen dunklen Augen darunter hervor zu linsen. Olaf wusste, dass Christian ihn beobachtete und er wusste ebenso gut, dass Christian glaubte, er würde es nicht merken, dass sein Haar ihn vor der Entdeckung schützte.
Christian war sein kleiner Bruder und er würde es auch immer sein. Und auch, wenn es Olaf bislang nicht gelungen war, seiner Rolle auch nur annähernd gerecht zu werden, so vergaß er doch nun nicht, worauf es dabei ankam.
Es war seine Pflicht, Christian zu beschützen. Und wenn es sein musste, dann auch, ihn vor ihm selbst zu schützen.
So dachte Olaf und hob sein Glas an die Lippen, um endlich zu trinken.
Daran änderte sich auch nichts, nachdem Christian erwachsen geworden war, ihr Elternhaus verlassen und sich in einem kleinen, in Olafs Augen schäbigen Apartment eingemietet hatte.
Christian war nun ein Mann, er übte einen Beruf aus, so verächtlich ihre Eltern auch über diesen sprechen mochten, und er führte sein eigenes, selbstständiges Leben, unabhängig von all dem, womit die Familie Olaf für immer an sich gebunden hatte und immer an sich binden würde.
Und Olaf fühlte wieder den leisen Stachel der Eifersucht, der ihn doch hin und wieder quälte, erlaubte er sich vorzustellen, wie sein Leben aussähe, hätte er sich von Anfang an gegen die Bevormundung, gegen die Fremdbestimmung von außen gewehrt.
Olaf trank. Die Flüssigkeit rann scharf seine Kehle hinunter. Es hatte keinen Sinn darüber nachzudenken, und Olaf war zu pragmatisch, um weiterhin seine Zeit mit nutzlosen Betrachtungen zu verschwenden.
Selbst wenn es für ihn eine Wahl gegeben hätte, so stände er nun nirgendwo anders. Er gehörte an diesen Ort, sein Leben gehörte zu ihm. Es war richtig und sofern etwas wie eine Bestimmung existierte, so war dieses die Seine.
Olaf sah auf, als sich der Schlüssel im Schloss drehte.
Rasch trank er einen weiteren Schluck und füllte dann sein Glas wieder, ohne dabei zuzusehen, wie die Tür sich öffnete. Er wusste auch so, wer es war.
Diese Stadtwohnung war Olafs heimliche Zuflucht. Den wenigsten Menschen gab er die Adresse und der Einzige, der einen Schlüssel besaß, war sein Bruder.
„Chris“, sagte Olaf ohne aufzusehen, lauschte nur dem vertrauten Schritt, dem Plumpsen des Rucksackes, den Christian sofort neben der Tür fallen ließ, ebenso wie dem Geräusch der Jacke, aus der der Jüngere schlüpfte, nur um sie ebenso achtlos auf den Boden fallen zu lassen.
Olaf unterdrückte ein Lächeln. Der Einzige, dem er dies durchgehen ließ, war sein kleiner Bruder. Bei jedem Anderen hätte er längst verlangt, dass dieser seine Sachen ordentlich aufräumte, doch bei Christian war er in der Lage, die Unordnung zu übersehen.
„Was tust du hier?“, fragte er immer noch ohne aufzusehen.
Schnelle Schritte näherten sich ihm und Christian ließ sich mit einem Seufzer neben ihm auf das Sofa sinken.
Erst jetzt wand Olaf sich zu ihm um und erschrak leicht über die Blässe in Christians Gesicht.
„Was ist los?“, fragte er unwillkürlich und es gelang ihm gerade noch seine Hand zu stoppen, die sich wie von selbst auf die Christians legen wollte.
„Was ist geschehen?“ Doch Christian schüttelte nur den Kopf, erlaubte es seinen Strähnen das bleiche Gesicht zu verdecken.
Und noch ehe Olaf wusste wie ihm geschah, hatte der Jüngere seine Arme um ihn geschlungen und sich gegen ihn gelehnt. So wie er es Jahre zuvor, noch ehe er zum Mann geworden war, noch ehe er zumindest ein Mindestmaß an Zurückhaltung gelernt hatte, tat.
Olaf erschauerte und er verwünschte den letzten Drink, den er genommen hatte, wusste er doch nur zu gut, wie es um seine Zurückhaltung unter Alkoholeinfluss bestellt war. Auch ohne benötigte er wenig Überredungskunst, gab er seinem Verlangen zu oft und zu rasch nach, als gut für ihn war.
Doch wenn er getrunken hatte, fand er sich gelegentlich in Situationen wieder, die ihm noch im Nachhinein die Schamesröte in die Wangen trieb.
Am schlimmsten war es, wenn er sich am Morgen den großen Augen eines jungen Mannes gegenübersah, eines Mannes, der verdächtige Ähnlichkeit mit Christian aufwies, der lange, dunkle Haare trug, hinter denen er sein jugendliches Gesicht versteckte. Eines Mannes, der für sein Alter fast zu schmächtig wirkte und der dennoch, wenn es um das Eine ging, eine Direktheit an den Tag legte, die Olaf erröten ließ.
Jedesmal wieder verabscheute er sich selbst im Nachhinein, verabscheute sich für diese kranke Begierde, für dieses Verlangen, von dem er genau wusste, dass er es niemals zulassen durfte, wenn nicht alles noch viel schlimmer, noch viel schwieriger werden sollte, als es ohnehin schon war.
Deshalb bemühte Olaf sich, seinen Alkoholkonsum in Grenzen zu halten. Deshalb trank er meist nur hinter verschlossenen Türen, wenn er sicher war, und wenn er sich in ausreichender Entfernung zu Christian aufhielt.
Doch jetzt war Christian bei ihm und Olaf spürte die Wärme seines Körpers, fühlte das seidig weiche Haar, das seinen Hals kitzelte. Und er stöhnte leise.
„Was ist?“, war es diesmal an Christian zu fragen. „Was hast du?“
Doch Olaf schüttelte nur seinen Kopf, unfähig zu antworten. Er presste seine Zähne zusammen, spürte seinen Körper erzittern, als Christians Hand seinen Arm hinauf wanderte.
„Es ist in Ordnung“, flüsterte Christian. „Ich fühle es auch.“

Sonntag, 5. April 2009

Wasser

Wasser

Schon immer hatte er sich auf eine geradezu abartige Weise vor dem Wasser gefürchtet. Seine Mutter war nicht müde geworden, immer wieder davon zu erzählen, wie er sich mit Händen und Füßen und lautstarkem Gebrüll bereits als Baby vor dem Waschen gefürchtet, beim Anblick der Badewanne in regelrechte Panikattacken ausgebrochen war.
Man hatte dieser Eigenart schließlich Rechnung getragen und sich damit begnügt, ihn lediglich mit einem feuchten Waschlappen zu säubern. Ebenso gewöhnten seine Eltern sich an, ihm die Haare stets bis an die Grenze zur Nichtexistenz abzuschneiden, einzig zu dem Zwecke, damit auch hier die soeben erwähnte Reinigungsmethode ausreichte.
Auf Vergnügungen, denen sich andere Kinder hingaben, wie das Plantschen in offenen Gewässern, oder auf das lediglich barfüßige Waten durch sanft dahinplätschernde Wellen, verzichteten sie sehr bald. Gedanken an Schwimmen lernen, Urlaub am Meer oder in Badeparadiesen kamen erst gar nicht zur Sprache.
Felix vermisste Vergnüglichkeiten dieser Art nicht im Geringsten. Im Gegenteil, für die begeisterten Berichte seiner Klassenkameraden, oder deren sommerliche Verabredungen in Freibädern oder am Badesee, zeigte er nur ein verächtliches Lächeln.
Nach seiner Ansicht war der Mensch nicht dafür geboren, sein Leben im oder auch nur am Wasser zu verbringen. Die Sehnsucht der meisten seiner Mitbürger nach dem Anblick der unendlich blauen Fläche, dem unverkennbaren Geruch nach Algen und Seetang, verstand Felix nicht einmal ansatzweise.
Wuchsen ihm etwa Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen, oder war es ihm gegeben, mit Kiemen ausgestattet unter Wasser zu überleben?
Mit Sicherheit nicht, und Felix war davon überzeugt, dass in diesen Vorgaben der Natur ein Sinn lag und eine Anweisung, der er nicht plante, sich zu widersetzen.
Nein, er hielt es mit den weisen Naturvölkern, die sich von ihren Gewässern fernhielten, bedachte dabei allerdings nicht, dass diese aus guten Gründen, wie dem Wunsch zu Überleben handelten.
Beinhalteten die mit dem Wasser verbundenen Gefahren doch ekelhaftes und unberechenbares Getier, wie nur als Beispiel erwähnt Krokodile oder Schlangen. Viel schlimmer und furchteinflößender stellten sich ihm die Möglichkeiten dar, die sich jedem Parasiten bot, der sich auf einen nichtsahnend in die verseuchte Flüssigkeit steigenden und nur allzu verwundbaren Körper stürzen konnte. Angefangen mit Blutegeln, machten die Horrorgeschichten auch nicht vor dem widerlichsten Gewürm Halt, das sich durch jede Körperöffnung Einlass verschaffen und sein zerstörerisches Werk beginnen konnte.
Es blieb dabei, Wasser war ein zu unabwägbares Risiko, als dass man allzu leichtfertig damit umgehen sollte.
Als Felix älter wurde, gewöhnte er sich an, auch bei dem, was er aufnahm und nicht nur bei der Umgebung, der er seinen Körper aussetzte, genauestens auf seine Sicherheit zu achten.
Wasser, das er zu trinken beabsichtigte, musste gründlich abgekocht werden, mindestens zehn Minuten, bestenfalls über einen Zeitraum von zwanzig Minuten.
Da Felix zu dieser Zeit gerade mitten in wichtigen Prüfungen steckte, nahm seine Mutter die Mühe gerne in Kauf und sorgte dafür, dass jede Flüssigkeit, die ihr Sohn aufzunehmen beabsichtigte, auch die gewünschte Zeit sterilisiert wurde.
Immerhin – sicher war sicher – und im Grunde konnte es auch kein Fehler sein, auf seine Gesundheit zu achten.
Und gesund blieb Felix, das musste jeder in seiner Umgebung zugeben. Als würden die Keime einen Bogen um ihn machen, so erkältete er sich so gut wie nie, blieb von geradezu nervtötender Gesundheit.
Ein wenig anstrengender, aber immer noch akzeptabel wurde es in ihren Augen, als Felix beschloss, dass auch zum täglichen Putzen der Zähne und dem ohnehin schon sparsam ausgeführten Ritual der Körperpflege nichts anderes, als bereits abgekochtes Wasser akzeptiert werden konnte.
Die Prüfungen gingen vorbei, und Felix begann sein Studium. Er entschied sich in der nahegelegenen Großstadt zu studieren, um das Geld für die Unterkunft zu sparen. Nicht nötig war es dabei zu erwähnen, dass es ihm in jeder anderen Umgebung, außerhalb der seiner Eltern, kaum möglich gewesen wäre, sein Tagespensum zu erfüllen.
Dieses beinhaltete neuerdings zu dem Abkochen jeder Flüssigkeit, auch noch die dreifache Wiederholung des Vaterunsers, begleitet von einer genauestens ausgeklügelten Abfolge gymnastischer Übungen, die er sich bereits vor Jahren zusammengestellt hatte.
Diese bezweckte eine ausgewogene und wiederholte Anspannung und darauffolgende Entspannung sämtlicher Muskelpartien, eine Möglichkeit, wie er sie sah, um den Körper zu reinigen von den schädlichen Einflüssen, denen er während der Fahrt zur Uni ausgesetzt war.
Sein Pech wollte es nämlich, dass diese Fahrt direkt an einem Gewässer vorbeiführte.
Zugegeben, er sah dieses nur durch die trüben Scheiben eines Zugfensters, doch allein das Wissen um die Existenz, um die unmittelbare Nähe mit der Gefahr, erweckte in Felix unangenehmste Gefühle. Diese schienen ihm am ehesten noch mit denen vergleichbar, die ihn bereits während Kindheit in ein nervliches Wrack verwandelt hatten.
Er sprach nicht über sein Leiden. Wenn ihm doch eine Bemerkung herausrutschte im Beisein eines Menschen, dem er genug Vertrauen schenkte, als dass er sich soweit öffnen konnte, so führte sie zumeist zu ähnlichen gutgemeinten, wenngleich unnötigen Ratschlägen.
Da war zum Beispiel der Vorschlag, doch den Führerschein zu machen und mit Hilfe eines Autos der so verhassten Zugfahrt aus dem Weg zu gehen.
Felix nickte nur höflich zu Ratschlägen wie diesem und bedankte sich nach allen Regeln des Anstands.
Tief in sich konnte er jedoch nicht anders, als heftig den Kopf zu schütteln über die Naivität einer solchen Denkungsart.
Bedachten all die wohlmeinenden Personen doch weder, dass der Besitz eines Autos die zwangsläufige Reinigung desselben zur Folge hatte. Und weder hatte Felix vor, sich mit eimerweise abgekochten Wasser an das Polieren eines Haufen Blechs zu begeben, noch zog er auch nur den Bruchteil einer Sekunde die Möglichkeit der Waschanlage in Erwägung. Allein ein Anblick eines solchen Gebildes ließ Felix bereits erschauern.
Doch der Schwerwiegendste aller Gründe lag in dem Rinnsal von Bach, das sich direkt um die einzige Fahrschule des kleinen Vorortes schlängelte.
Ein Bach, der immer noch groß genug war, als dass Felix, sobald er in dessen Nähe kam, gezwungen war, sein Ritual der Vaterunser und der rhythmischen Übungen auszuführen.
Nicht selten erntete er dabei schräge Blicke von zufällig Vorbeigehenden, doch im Laufe der Zeit gewöhnte er sich an diese Unannehmlichkeit und bemühte sich, darüber hinweg zu sehen.
Andere Menschen verstanden nicht, was er verstand. Sie sahen die Gefahren nicht, denen er täglich ausgesetzt war. Und manchmal beneidete Felix sie, beneidete sie um ihre Leichtfertigkeit, ihre Gedankenlosigkeit, ihr oberflächliches Treiben über die klaffenden Abgründe der Welt hinweg, vorbei an hungrigen Monstern und unsichtbaren Gefahren.
Nur er sah sie, sah jedes Monster in jeder erschreckenden Einzelheit, erkannte jede Gefahr in ihrer ganzen Ausprägung, ihrem fürchterlichen Grauen.
Und so blieb es seine Aufgabe, die Drohungen des Unvorhersehbaren in Schach zu halten, seine Aufgabe, mit all seinen Möglichkeiten dagegen anzukämpfen, dass das Böse die Überhand gewann, dass der Schrecken die Kontrolle übernahm.
Er hatte keine andere Wahl, als seine Übungen auszudehnen, als seine Einschränkungen genauer zu definieren.
Bald sah man ihn fast ausschließlich mit unermüdlich sich bewegenden Lippen. Ständige Vaterunser entströmten seinem Mund, verstummten nur, wenn die Anstrengung des Trainings ihm die Puste nahmen.
Denn seinen Körper zu stählen, abzuhärten, sah Felix als einzigen Ausweg aus dem Dilemma der immer größer werden Risiken, die ihn umgaben.
Er musste Umwege nehmen, joggte durch mehrere Querstraßen, vor und zurück, um von dem Brunnen auf dem Marktplatz den größtmöglichen Abstand zu halten.
Dazu kamen die unvorhergesehenen Notwendigkeiten, wie zum Beispiel gerade im Sommer die zunehmende Anzahl offen herumstehender Wasserflaschen, Gießkannen oder noch schlimmer: laufender Gartensprenganlagen.
Felix sprach bald nicht mehr, nichts Anderes als sein zum Mantra gewordenes Gebet. Zu sehr waren seine Lippen damit beschäftigt, die Worte des Vaterunsers zu formen.
Die Übungen, die er mittlerweile um einige Kniebeugen und Liegestützen erweitert hatte, nahmen ihn zu sehr in Anspruch, als dass er noch den Aufgaben des Studiums nachkommen konnte.
Unnötig zu erwähnen, dass seine Eltern sich hilflos fühlten. Schon seit langem war jede Ansprache an ihn ungehört verhallt. Zu lange hatten sie sein Verständnis vorgaukelndes Kopfnicken als positives Zeichen gewertet und nicht als das gesehen, was es war: Die Möglichkeit, sie für den Moment loszuwerden und sich ihrer unnötigen Mittäterschaft zu entledigen.
Der Priester, den sie aufgrund seiner unzerstörbaren Vorliebe für die Worte des Herrn holten, brachte sie nicht weiter, begnügte Felix sich doch damit, ihn mit Missachtung zu strafen, woraus jener unweigerlich schloss, dass es sich hierbei um kein kirchliches Problem handelte und sich umgehend empfahl.
Es überraschte also nicht wirklich festzustellen, dass den lieben Eltern von Felix die Belastung über kurz oder lang zu viel wurde. Nun – sie selbst überraschte es vielleicht und auch Felix. Obwohl Felix im Grunde zu abgelenkt war, um die Veränderungen um ihn wahrzunehmen.
Seine Eltern zogen sich auffallend zurück, nicht unbedingt absichtlich, sondern mehr aus Gründen der Notwendigkeit, besser gesagt aus Gründen der puren Selbsterhaltung.
Sie gingen Felix aus dem Weg, soweit ihnen dieses möglich war und sie ignorierten sein Verhalten mit all der verbleibenden Kraft, die ihnen zur Verfügung stand.
Unglücklicherweise handelte es sich bei dieser Kraft nur noch um einen spärlichen Rest dessen, was sie einst als junge Eltern ausgezeichnet hatte. Die jahrzehntelange Beobachtung, das Hegen und Pflegen einer Pflanze, die in keine Richtung wuchs, die sich im Kreis drehte und keine Anstalten unternahm, ihrem eigenen ewig verzweifelten Rundlauf ein Ende zu bereiten, hatten sie bis zu einem Punkt erschöpft, an dem kein Ausweg mehr zu existieren schien.
Sie liebten Felix, liebten ihn wirklich, und vielleicht war auch das der Grund, warum sie beschlossen, ihn und damit auch sich selbst von dem Elend, das sie eingeholt hatte, zu befreien.
Gerichtsverhandlungen, psychiatrische Sitzungen und Gefängnisstrafe ertrugen sie ohne zu klagen. Ruhig und stoisch saßen sie ihre Zeit ab, unterließen unnötige Verteidigungsmaßnahmen, leere Rechtfertigungen.
Denn sie waren sich einig, wie stets in den wichtigen Fragen ihrer Ehe, einig, dass es die Opfer wert war, endlich frei zu sein.
Und es war leichter gewesen, als erwartet. Kam ihnen der geschwächte Zustand ihres Sohnes doch zu Gute. Selbst wenn sie einen Moment befürchtet hätten, ihn mit ihren vereinten Kräften nicht unter dem Kissen festhalten zu können, so wussten sie doch, dass der tropfende Eimer Wassers neben seinem Bett, die erforderliche Lähmung zur Folge hatte, die eine Schrecksekunde, die sie brauchten.
Ihre Trauer hielt sich aus den erwähnten Gründen in Grenzen, und das erste, was sie unternahmen, nachdem ihre Freiheit ihnen wieder geschenkt worden war, bestand in einem Ausflug an die See. Wasser soweit das Auge reichte. Wasser und sonst nichts mehr.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Berührung

Berührung

Sie berührten sich oft. Lange war es Janine nicht aufgefallen. Erst als Simon, halb im Scherz, halb mit Ernst begann seine Bemerkungen fallen zu lassen, da erkannte auch Janine, dass seine Beobachtungen keineswegs übertrieben waren.
Simon war der Clown am Set, immer hatte er einen Scherz auf den Lippen und darin lag wohl auch der Grund, dass niemand sein Geplänkel wirklich ernst nahm.
Und dann kannten sie alle Calvin, kannten seine Art. Er umarmte alles und jeden, und mit besonderer Vorliebe seine Kollegen. Als müsse er sich mit jedem verbünden, ein Bindung aufbauen, der ihm in einer Szene zuspielte, so küsste, knuffte oder fuhr er ihm durchs Haar, ob derjenige dies nun gut hieß oder nicht. Es war der Preis dafür, dass er sich wohlfühlte. Und wenn Calvin sich wohlfühlte in seinem Spiel, dann agierte er brillant, einer Oskar-Nominierung würdig, so zumindest die Zeitungen. Wenigstens die Zeitungen, die sich mit einer durchschnittlichen Fernsehserie wie der Ihren beschäftigten.
Obwohl es auf das Ensemble ankam, so gab es doch kaum einen Zweifel, dass Calvins Talent die Show in die erste Riege katapultieren konnte, ließe man ihm genug Freiraum. Doch soweit war es noch nicht. Sein Charakter war wichtig, unbestritten. Ebenso wichtig wie der Kevins.
Dabei begann alles mit der Konzentration auf Kevins Rolle, seine Entwicklung, sein Schicksal. Doch nur nach wenigen Folgen konnten Drehbuchautoren ebenso wenig wie verantwortliche Produzenten die Dynamik übersehen, die beide Schauspieler aus dem Nichts heraus kreierten. Sie reagierten und gebaren neue Handlungsstränge, neue Ideen, überraschende Wendungen.
Und Kevin wuchs über sich hinaus, seine Fähigkeiten wuchsen über alles hinaus, was er bislang gezeigt hatte. So erstaunte es niemanden, der die beiden zusammen erlebte, dass der Jüngere stets nur in den höchsten Tönen und voller tiefer Bewunderung von Calvin sprach. Sie ergänzten sich und die Freundschaft, die sich entwickelte kam natürlich und fließend.
Vielleicht lag es auch am Altersunterschied, am Mangel kollegialen Neides oder einfach an dem lockeren Umgang beider Darsteller mit dem plötzlich eintretenden Erfolg, dass es keinerlei Misstöne gab, dass beide in Interviews den anderen über das werbetechnisch notwendige Maß hinaus lobten und verehrten.
Für Janine war es ihre erste Rolle, ihre erste größere Rolle. Sie war jung und neu in dem Geschäft, mehr durch Zufall dazu gekommen, als durch irgendetwas anderes. Und trotzdem liebte sie es, liebte die Schauspielerei, liebte die Spannung, die Konzentration, das Abrufen höchster Leistungen unter Zeitdruck mehr als alles andere, was sie bislang versucht hatte.
Ihre ersten Schritte als Modell ließen sich besser verwerten, als ihre Agentin geglaubt hatte und so stieg sie rasch zu einer der beliebtesten Charaktere der Serie auf. Nicht von ungefähr und mit Sicherheit hilfreich war die Tatsache, dass sie dazu erkoren war, die große und heimliche Liebe für Kevins Charakter darzustellen. Ein Umstand, der ihr sehr entgegenkam, musste sie doch zugeben, einen schwachen Punkt in sich zu bemerken, jedesmal, wenn Kevin auf sie zukam.
Auch aus diesem Grund machte ihr Herz einen ordentlichen Sprung, als dieser eines Abends nach Drehschluss auf sie zukam.
Janine bemerkte den hilfesuchenden Blick und das darauf folgende, beinahe unmerkliche Nicken, mit dem Calvin antwortete, obwohl er sich gerade im Gespräch mit der Regieassistentin befand. Breit lächelnd und seinen Charme in alle Richtungen versprühend unterhielt er sich, doch seine Augen huschten von Zeit zu Zeit zu Kevin herüber, der immer noch ein wenig unsicher vor ihr stand.
Für einen Augenblick nur fragte Janine sich, wie Calvins Frau es wohl aushielt, dass dieser mit jedem weiblichen Wesen flirtete, mittlerweile offensichtlich ohne sich selbst dessen bewusst zu sein.
Janine legte den Kopf schief und strich ihr rötlich schimmerndes Haar zurück, sich sehr wohl bewusst, dass das Freilegen ihrer weißen Haut am Nacken und der Anblick der weichen Linie, die sich zwischen Hals und Schultern dehnte, ausreichten, um mehr als einen interessierten Betrachter in seinen Knien schwach werden zu lassen.
Auch Kevin schluckte trocken, lächelte dann sein typisches schiefes, jungenhaftes Lächeln und fragte sie, wie erwartet, ob sie nicht Lust habe, mit ihm auszugehen.
Natürlich hatte sie, und selbst wenn seine schlanke, beinahe schlaksige Gestalt und seine dunklen Locken ihr kein angenehmes Kribbeln im Unterleib verursacht hätten, so würde sie doch alleine zusagen, um der Presse eine hübsche Story aufzutischen und somit ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen.
Der Abend verlief nett und harmlos. Sie tasteten sich vorsichtig einander an, lernten sich kennen, doch ohne in die Tiefe zu gehen. Als die Paparazzi auftauchten, nahm Kevin ihre Hand und hielt sie, bis beide sicher gehen konnten, dass alle Schnappschüsse gemacht waren.
„Das war sehr schön“, sagte sie zum Abschied und bot ihm ihre Lippen, die er pflichtschuldig und doch zärtlich küsste. Viel zu kurz, wie sie fand, aber doch ein Anfang.
Und wie sie es sich hätten denken können, war Simon am nächsten Morgen der erste, der einschlägige Artikel und Schlagzeilen zitierte. „Die junge Liebe“, neckte er Janine, die ihm empfahl, seinen Text noch einmal durchzugehen, anstatt dumme Gerüchte zu verbreiten. Schließlich war für gewöhnlich nicht sie es, die Dreharbeiten verzögerte.
Simon jedoch ließ sich nicht beeindrucken. „Du willst also behaupten, es wäre nichts zwischen euch?“, stichelte er weiter.
Gegen ihren Willen fühlte Janine wie ihr das Blut in den Kopf stieg. „Gar nichts“, zischte sie zurück und verteilte Puder auf ihren Wangen. „Wir sind nur Freunde.“
„Ach so“, meinte Simon und steckte die zu seiner Uniform gehörende Marke an, die ebenso falsch war, wie alles andere am Set. „Nur Freunde, so wie Kevin mit Calvin nur befreundet ist.“
Janine entging der giftige Unterton, als sie bestätigte. „Genau so. Wir waren nur essen.“
Simon stand auf und pfiff vor sich hin, zwei der Zeitschriften, die er mitgebracht hatte, vor sich her wedelnd.
Janine zuckte zusammen, als eine lange Gestalt sich plötzlich über sie beugte. Zuerst dachte sie, Kevin würde ihr sanft ins Ohr pusten, doch dann verstand sie die leisen Worte.
„Ich muss mit dir sprechen“, flüsterte er und Janine nickte nur, unfähig zu antworten, da ihr ganzer Körper vibrierte und ihr Blut in den Ohren rauschte.
Doch es schien auch, als habe Kevin weiter nichts sagen wollen, denn als sie wieder zu sich kam, war er bereits verschwunden.
Sie hatten eine Szene zusammen und Janine glaubte, die Spannung knistern zu hören. Jedoch kam das leise Knistern nicht gegen die Funken an, die zwischen Kevin und Calvin flogen, als sie an einem einzigen Drehtag den Bogen zwischen Streit und Versöhnung ihrer Charaktere schlugen.
Janine ging es wie den meisten anderen, die gebannt zusahen, obwohl sie sich eigentlich bereits hätten zurückziehen können. Heimlich bestätigte das Gesehene sie in ihrer Überzeugung, dass die beiden miteinander geübt haben mussten.
Die Zweifel, der Verrat und die unausweichliche Versöhnung entfalteten sich zu perfekt, zu flüssig. Deshalb war Janine auch nicht überrascht, als Kevin die Hand Calvins ergriff und ihn zu ihr führte. Sie berührten sich, während des Spiels und in Wirklichkeit. Ihre Vertrautheit unterstützte ihre Kunst.
Erst als er vor ihr stand, ließ Kevin den anderen Mann los. „Ist es in Ordnung, dass Calvin mitkommt?“, fragte er leise.
Janine sah ihn überrascht an, nickte dann. „Ja doch, warum nicht“, antwortete sie trotz widerstrebender Gefühle.
„Ich habe nicht viel Zeit“, sagte Calvin beinahe entschuldigend. „Aber wir können mit meinem Wagen fahren und zurück nehmt ihr ein Taxi.“
Kevin lächelte, also lächelte auch Janine und erntete von Calvin einen spontanen Kuss auf die Wange.
Es dauerte nicht lange, den Drehtag zu beenden und sich umzuziehen. Dennoch wartete Calvin bereits auf sie und auch auf Kevin. Er schien es wirklich eilig zu haben, ein Umstand, der Janine nicht weiter beunruhigte.
„Wohin fahren wir?“, fragte sie, nachdem sie sich gemütlich in die Polster zurückgelehnt und ihren kurzen Seidenrock glattgestrichen hatte.
Calvin antwortete und Janine nickte erfreut. Ein kleines Weinlokal mit abgetrennten Nischen und großer Betonung auf Privatsphäre. Offenbar war dieser Abend nicht als Futter für die Fotographen geplant.
Der Wein war schwer und süß und Janine fragte sich einen Moment, ob beide Männer ihr zuliebe die gleiche Bestellung getätigt hatten.
Sie deutete auf Calvins Karaffe. „Kannst du danach noch fahren?“
Calvin lächelte und legte eine Hand auf Kevins Arm. Überhaupt saßen die beiden sehr eng zusammen. Janine kam es vor, als würden ihre Knie sich unter dem Tisch berühren.
Nicht, dass sie kein attraktives Bild boten, das musste sie unumwunden zugeben. Beide dunkles Haar, kaffeebraune Augen und beinahe die gleichen Hemden, weiß und steif im Kragen. Sie könnten die Brüder sein, als die sie besetzt worden waren.
„Ich trinke nicht aus“, sagte Calvin. „Kevin bekommt, was mir zu viel ist.“ Ihre beiden Augen trafen sich und Janine bemerkte etwas wie Trauer oder Schmerz in dem dunklen Blick.
Dann sah er auf seinen Teller, sprach jedoch weiter. „Ihr versteht euch also gut, Kevin und du.“
Janine blinzelte. „Ja, ich denke schon.“ Verwundert wandte sie ihre Aufmerksamkeit Kevin zu, bemühte sich, seinen Gesichtsausdruck zu deuten.
„Das ist schön.“ Calvin blickte immer noch nach unten. Mit Messer und Gabel schob er lustlos das Stück Baguette auf seinem Teller hin und her. „Sehr schön.“
„Ich… ich weiß nicht…“ Janine runzelte die Stirn, fühlte sich mit einem Mal bloßgestellt, unvorbereitet auf einer Bühne, ohne auch nur die leistete Ahnung zu haben, was von ihr erwartet wurde.
„Es… es ist ein wenig kompliziert“, murmelte Kevin und Janine bemerkte, dass seine Augenlider flatterten.
Calvin bemerkte dies auch. Er beugte sich zu Kevin, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Möchtest du das lieber ohne mich…?“, fragte er leise.
Kevin seufzte, drehte dann seinen Kopf, um den anderen direkt anzusehen. „Ich glaube ja“, sagte er leise. „Entschuldige bitte. Ich dachte zuerst, es wäre leichter, wenn du dabei bist… aber jetzt.“
„Ich verstehe.“ Calvin lächelte und küsste ihn auf die Wange. „Ruf mich an“, sagte er, bevor er sich erhob und zu Janine ging, diese ebenfalls liebevoll küsste. „Sei nicht böse auf mich“, wisperte er, ein Hauch nur, so dass sie nicht sicher sein konnte, ob die Worte auch für Kevin gedacht waren.
Janines Frage, warum in aller Welt sie denn böse sein sollte, blieb unausgesprochen, als Calvin die Kellnerin winkte und in der weltgewandten Art, die Janine eher aus seiner Rolle kannte, die Rechnung beglich.
Seine Augen trafen noch für einen Augenblick die Calvins, bevor er sich abrupt umdrehte, als würde ihm der Abschied anders nicht gelingen, und das Restaurant verließ.
Das Schweigen zwischen Janine und Kevin dehnte sich aus, wuchs zur Unbeweglichkeit. Endlich hielt Janine es nicht mehr aus, räusperte sich. Als erwache Kevin aus seinen Gedanken, richtete er sich plötzlich auf, griff nach Calvins Glas und stellte es neben das seine. Seine Finger hielten den Stiel und er betrachtete scheinbar konzentriert die Farbe des Getränks, als er anhob zu sprechen.
„Ich wollte Calvin dabei haben, weil ich dachte, dann wäre es leichter, dir unseren… meinen Vorschlag zu unterbreiten.“
Er schwieg wieder und Janine begann unruhig auf ihrem Sitz hin und her zu rutschen. Das wurde eindeutig immer merkwürdiger.
„Was denn für einen Vorschlag?“, fragte sie schließlich.
Kevin hob das Glas, nippte daran, setzte es dann langsam wieder ab. Erst dann blickte er auf, suchte ihre Augen.
„Janine“, begann er.
„Ja?“ Sie lächelte.
„Du bist eine wunderschöne Frau und ein unglaublich nettes Mädchen.“
Janine hob ihre Augenbrauen. „Danke – denke ich.“
„Doch, das bist du. Und… und ich denke, dass du eigentlich nicht verdient hast, was ich vorhabe, dich zu fragen.“
„Das… hört sich wahrhaftig seltsam an.“ Janina runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht, was du meinst.“
Kevin lehnte sich mit einem Seufzer zurück und fuhr sich durch das dunkle Haar. Dann erst wieder sah er sie an.
„Ich… ich liebe Calvin“, sagte er.
„Ach.“ Janines Mund klappte auf.
„Ich liebe ihn“, wiederholte Kevin. „Und er liebt mich, wir lieben uns. Wir… wir sind ein Liebespaar.“
Janine spürte, wie verlegene Röte ihr Gesicht überzog und sich gleichzeitig eine vage Übelkeit in ihrem Bauch ausbreitete. Das verlief definitiv nicht so, wie sie es sich erhofft hatte.
„Und… und warum erzählst du mir das?“, brachte sie mit Mühe hervor. Ihr Mund war plötzlich trocken und sie griff nach ihrem Wein, trank ein paar große Schlucke.
Als sie wieder aufsah, kam es ihr vor, als hätte auch Kevins Gesicht eine rosa Tönung angenommen. Der Gedanke in Zusammenspiel mit der Wärme, die der Wein in ihrem Inneren verursachte, hob Janines Stimmung ein wenig und sie fürchtete beinahe kichern zu müssen. Eine Reaktion, die ihr dann doch nicht angemessen erschien, zumal sie eine gewisse Enttäuschung auch nicht unterdrücken konnte.
„Ich meine… warum bist du dann mit mir ausgegangen?“, fragte sie.
Kevin seufzte und blickte ihr direkt in die Augen. „Kannst du es dir vorstellen?“
Langsam nickte Janine. „Calvin ist verheiratet“, murmelte sie dann. „Er… er wird sich wohl nicht scheiden lassen?“
Kevin schüttelte den Kopf. „Das… das würde ich auch nicht wollen“, gab er zu und senkte den Blick. „Nicht wirklich.“
„Und ihr… und jetzt braucht ihr eine Ablenkung?“, riet Janine. „Einen Aufhänger, damit das Offensichtliche nicht zu offensichtlich ist?“
Kevin stöhnte. „Du weißt, wie das Studio denkt über… über…“
„Gleichgeschlechtliche Liebe?“, fragte Janine. „Bei mir fänden sie es gut.“
Sein schiefes Lächeln blitzte auf, als Kevin antwortete. „Das ist bei Frauen immer noch ein wenig anders.“
Janine nahm noch einen Schluck. „Ich denke, ich fange an zu verstehen.“ Sie konnte es nicht verhindern, dass Bitterkeit in ihrer Stimme mitklang. „Die Show gestern war ein Test, ob es funktioniert. Und nachdem die Presse angesprungen ist, dachte Calvin, es sei an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen.“
„Das war nicht Calvins Idee“, entschlüpfte es Kevin in härterem Tonfall, als beabsichtigt. „Er… ich denke, er würde es sogar öffentlich machen… wenn… wenn seine Frau nicht wäre und er ihr nicht wehtun wollte.“
Janine schnaubte. „Da kommt er jetzt drauf?“
Kevins Blick traf den ihren und wirkte nun so flehentlich, dass Janine nicht anders konnte, als sich zu fragen, wer eigentlich den dominierenden Part in dieser Beziehung einnahm. Und Kevins folgende Worte bestätigten ihre Vermutung.
„Ich könnte es nicht ertragen, wenn… wenn alle Bescheid wüssten“, gab er gequält zu. „Nicht nur wegen…“ Er vollführte eine ungenaue Handbewegung, sank dann, wenn überhaupt möglich, noch tiefer in sich zusammen.
„Ich kann es einfach nicht… es geht nicht. Nicht jetzt… nicht zu diesem Zeitpunkt.“
„Und ich… ich soll deine Freundin spielen?“
Janine holte tief Luft, bemühte sich den Schmerz fort zu atmen, der in ihr aufklaffte.
„Nein.“ Kevin sah wieder auf. „Nicht nur spielen.“ Er biss sich auf die Unterlippe und sah sie so unglücklich an, dass sie fast gerührt war. „Ich… ich möchte wirklich mit dir zusammen sein.“
„In der Öffentlichkeit… auf Premieren…“, ergänzte sie fragend.
„Auch“, gab Kevin zu. „Aber nicht nur.“
„Du… du möchtest eine Frau, für die Zeit, wenn Calvin mit seiner Familie zusammen ist“, schloss Janine.
„Ein normales Leben“, sagte Kevin schwach. „Wenigstens soviel davon, wie ich haben kann.“
Janine schwieg und verstand. Ein normales Leben. Etwas, wovon sie lange nicht mehr bewusst geträumt hatte. Und obwohl sie wusste, dass sie es nie haben könnte, im Grunde ihres Herzens wahrscheinlich auch niemals haben wollte, blieb doch die Illusion, das rahmenhafte Gebilde ein Gerüst, an dem festzuhalten, sie sich wünschte. Ein unterschwelliger Wunsch, einer, der niemals ausgesprochen, nicht einmal in Gedanken formuliert wurde, doch glich er einer Sehnsucht, an deren Unstillbarkeit sie sich gewöhnt hatte.
„Ein normales Leben“, wiederholte sie laut, aber nachdenklich. „Du sprichst von Premieren, gemeinsamen Auftritten, Gastspielen, wie dem gestern.“
Kevin nickte vage. „Vielleicht auch mehr.“
„Mehr, wie zusammen wohnen?“
Kevin zog eine Augenbraue hoch. „Vielleicht. Warum nicht? Eines Tages?“
„Hm.“ Janine begann es sich vorzustellen.
„Wie viel von alldem wäre Show?“, fragte sie nach einer Weile sachlich.
Und plötzlich lächelte Kevin. „So viel du willst“, antwortete er.
Sie sah ihn an, spitzte nachdenklich die Lippen. „Du machst mir demnach einen Antrag mit allem Drum und Dran, nur unter der Voraussetzung, dass ich die Sache zwischen dir und Calvin akzeptiere und geheim halte.“
Kevin atmete aus. „Das wäre so ungefähr der Deal.“
Janine wog Vorteile gegen Nachteile ab und kam zu einem Schluss. „Du würdest alles tun, was ich dir sage?“
„Nun, vielleicht nicht alles.“ Kevin lächelte wieder. „Aber sicher das, woran du denkst.“
Janine kicherte. „Du wärst mein Traumprinz?“
„Dein was?“ Kevins Blick weitete sich belustigt.
Janine zuckte mit den Schultern. „Nun – irgendetwas möchte ich auch davon haben. Und ein Verhältnis mit einem Mann wie dir, einem gutaussehenden, erfolgreichen Mann, der mir sicher in mehr als einer Hinsicht Wege ebnen kann, mir helfen wird, aus meinem Namen einen Begriff zu machen und der mich zudem auf Händen trägt, mich ausführt, öffentlich beschenkt…“ Sie kicherte wieder, nickte dann. „Ich denke, das wäre es mir wert.“
„Wirklich?“ Kevin sah sie gespannt an und Janine nickte, seufzte und legte dann ihre Hand auf die Seine.
„Wirklich und ehrlich. Ich gebe zu, dass meine Vorstellung ein wenig romantischerer Natur waren, aber letztendlich geht es doch darum, so pragmatisch wie möglich zu sein.“
Kevin nahm ihre Hand auf, drehte sie in der Seinen und küsste ihre Handinnenfläche. „Ich wusste, dass du die Richtige bist“, sagte er leise. „Danke.“
Janine lächelte. Wenn dies das Beste war, was sie bekommen konnte, dann sollte der Teufel sie holen, wenn sie es sich nicht nähme.

Über Fandom, Fanfiction und Bruderslash

Eine merkwürdige Entwicklung findet statt in der Welt der Fandoms. Und ich kenne mich aus, seitdem eine leider jüngst verstorbene Freundin mich behutsam in diese geheimnisvolle Welt eingeführt hat. Sie war eine der ersten, eine Pionierin in Sachen Fankultur, eine Expertin auf ihrem Gebiet, Frau der ersten Stunden.

Sie lehrte mich, dass alles mit den Visionen eines Gene Roddenberry begann. Sie lehrte mich, dass Star Trek für immer Mutter und Vater einer Kunstform bleiben würde, deren Existenz vielen Menschen für immer unbekannt sein wird. Andere handeln sie mit einem mitleidigen Lächeln ab, verstehen die Begeisterung, die Hingabe, den Enthusiasmus nicht, mit dem unzählige Menschen aus ihrem Schattendasein heraustreten, um ohne Bezahlung, ohne Anerkennung, ohne den geringsten Gewinn, Arbeiten verrichten, die Tage, Wochen, manchmal Jahre dauern.

Ein Hobby sagt vielleicht mancher, doch es handelt sich um mehr, handelt sich um kreativen Ausdruck einer Besessenheit, die danach schreit, ein Ventil zu finden.
Es sind phantasiebegabte Menschen, Menschen, die in ihrem Leben lange suchen mussten, bis sie etwas fanden, das ihre Gedanken, Gefühle, Sinne besetzen, ihnen geistige Höhenflüge und kindliche Begeisterung verschaffen konnte. Einen Trost in einer Welt, die nicht viel übrig hat für Kreativität, die keinem ökonomischen Zwecke dient.

Wenn die Gedanken auf Reisen gehen, durch den Kosmos wirbeln, ohne dass sie ein Ziel finden, fühlt sich dieser Mensch haltlos. Diesen Halt entdeckt er in einer Geschichte, die ihn fasziniert, nicht mehr los lässt, im besten Sinne fesselt. Und ebenso wenig, wie diesem Menschen die Welt ausreicht, die vor ihm liegt, ebenso wenig reichen ihm die Appetithappen, die Film- und Fernsehschaffende ihm darbieten. Das Geschehen ist nie genug, es kann nicht genug sein, endet doch die Phantasie der gewerblich tätigen Schreiber genau dort, wo ihnen Produktionsfirmen oder andere Mächte, die da sind, einen Strich durch die Rechnung machen.

Kein Wunder also, dass begabte und vielleicht auch weniger begabte, doch nicht minder engagierte Anhänger eines erfundenen Universums nicht anders können, als auf diesem Spielplatz weiterzuspielen, zu forschen, zu dichten, zu malen oder schneidern. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, unbeschränkt, fliegen frei wie Vögel. Bis auf eine Ausnahme. Lediglich der Inhaber von Urheberrechten vermag, dem kreativen Geist Einhalt zu gebieten, indem er sich öffentlich gegen die Nutzung seiner Kreaturen und Umstände ausspricht, so geschehen im Fall Anne Rice.

Jedoch sind die meisten, vornehmlich Serienschaffenden, flexibel, wenn nicht gar aufgeschlossen, geht es um die lockere Ausnutzung der Rechte.
Nicht zuletzt kennen die Verantwortlichen seit Star Trek die Werbewirksamkeit einer geballten Fan-Initiative. Und da es als Gesetz gilt, kein Geld mit dem Erdichten von sich im Canon befindlichen Geschichten zu verdienen, kommt jede Aufmerksamkeit, jeder Erlös niemand anderem als dem wahren Inhaber der Urheberrechte zugute.

Der schreibende Fan an sich lebt und arbeitet für seine Leidenschaft. Doch nicht selten findet er Anhänger, die ihm und seinen Geschichten durch verschiedene Fandoms folgen, die letztendlich alles, was er schreibt, begeistert aufsaugen.
Ebenso wie in Fantreffen Erfahrungen, Bilder, Kostüme ausgetauscht und gehandelt werden, so bietet auch das Verfassen von Fanfiction dem Schreiber nicht nur die Möglichkeit des Ausdruckes, nach dem es ihn gelüstet, es schenkt ihm auch den Kontakt zu Gleichgesinnten, die zumeist im wahren Leben spärlicher gesät oder unter Umständen sogar nur im Verborgenen blühen.

Doch in dem Moment, in dem sich die Phantasien überschneiden oder auch ergänzen, entdeckt auch der Fanfiction Schreiber einen Grund dafür, weiterzumachen, in seiner Odyssee fortzufahren.

Und damit komme ich zur Untergruppe der Fanfiction, zur berühmt berüchtigten Gruppierung der Slasher und Slasherinnen.
Dies sind Schreiber, deren besondere Leidenschaft der Entwicklung von Romanzen gilt, die zumeist im Fandom nicht einmal angedeutet, lediglich in den Träumen und Wunschvorstellungen der Verfasser existieren.

Es handelt sich dabei um die Ausarbeitung gleichgeschlechtlicher Beziehung, wiederum mit einem Vorreiter aus dem Star Trek Universum, den immer noch unerreichten Weltraumhelden, Kirk und Spock.
Ihre Liebe fasziniert bis heute und gewinnt mit Sicherheit mit der Ausstrahlung des neuen Enterprise Filmes an Einfluss innerhalb aller Fandoms.

Denn dieser gibt es mittlerweile unzählige. Sie schießen aus dem Boden wie Unkraut, mit jedem Tag, mit jeder neuen Serie entstehen neue Träume, neue Fantasien, neue Ausuferungen menschlicher Vorstellungskraft.

Zeigt doch die bereits zu Beginn dieses Artikels angesprochene Entwicklung nur allzu deutlich, dass Ziel und Zweck der Fanfiction die Entfernung von Grenzen und Barrieren sind, Visionen, die ausgelebt werden. Im besten Fall geht es dabei um die Akzeptanz und Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, um den Sieg der Liebe über veraltete Moral- und Wertvorstellungen. Ein Sieg, der errungen wird, indem allseits geliebte, verehrte Figuren sich in dieser Rolle wiederfinden und sie in gewohnt heldenhafter Manier bewältigen, vielleicht sogar Bestehendes ändern, verbessern.

Doch was ist davon zu halten, wenn sich die Fanfiction heikler Themen annimmt, über die zu urteilen, jedermann schwer fällt. So geschehen in der Rubrik RPS – Real Person Slash – in der tatsächlich existierenden Berühmtheiten angedichtet wird, was man nicht wagen würde, ihnen laut ins Gesicht zu sagen.
So geschehen ebenfalls in der sich zunehmender Beliebtheit erfreuenden Rubrik des Inzest-Slash.
Dabei ist die Erklärung nicht einmal weit hergeholt.
Mehr und mehr Serien konzentrieren sich um ein Bruderpaar. Sei es, dass diese gemeinsam aus dem Gefängnis ausbrechen, Dämonen jagen, FBI-Jobs erledigen oder überraschend mit Superkräften gesegnet werden.
Die besondere Dynamik der nicht selten komplizierten Geschwisterbeziehung kollidiert hierbei mit der fraglos existierenden Attraktivität der Betreffenden. Selbstverständlich sehen sie gut aus, tragen sie doch auf ihren Schultern den Erfolg der Serie.
Und so findet sich auch für jeden Geschmack ein passendes Duo, findet sich der Sensible und der Bulle, der Kluge und der Rabiate, ebenso wie der Politiker und der Krankenpfleger.
Es gibt nichts, was es nicht gibt, und so gibt es mittlerweile eine Vielzahl von in unsterblicher Liebe miteinander verbundenen Brüderpaaren, die gequält von Schuld und Zweifeln, gejagt von den ihnen eigenen Dämonen und Schrecknissen, doch ihrer Schwäche immer wieder nachgeben, ihr nachgeben müssen.

Grenzwertig und ‚disgusting‘, wie meine Fandom-erfahrene Freundin einst sagte. Und doch faszinierend, ein Abgrund menschlichen Verhaltens, das noch tabuisiert, aber vielleicht ebenso wie einst die Homosexualität auf einem Umweg wie diesen den Weg in Diskussion und Aufmerksamkeit findet.

Es lässt sich streiten darüber, wohin Geschichten wie diese führen. Doch unbestreitbar bleibt, dass ein Tabubruch stets ein Aufatmen der Betroffenen mit sich zieht. Ebenso wenig lässt sich darüber streiten, dass die Problematik, die Seelenqual, das Leiden der Charaktere in den wahrhaft guten Werken betreffender Fanfiction, keineswegs ausgeklammert, sondern im Gegenteil einen wichtigen Platz einnimmt.
Wir werden sehen, wohin das führt.

Montag, 13. Oktober 2008

Samstag, 4. Oktober 2008

Danach

Danach

Nachdem er gefallen war.
Nachdem jede Hoffnung aus seinem Geist gesogen, der letzte Glaube entfernt. Nachdem jeder Traum ausgeträumt, bevor begonnen. Nachdem zu viel Zeit vergangen, zu viel Zeit für eine neue Chance.
Nachdem die Schule ihn ausgespuckt, ins Leben entlassen, ohne ihm den Weg zu weisen.
Nachdem sie ihm beigebracht hatten, Angst zu haben. Seine Unzulänglichkeiten vor die Augen der Welt geführt.
Nachdem er nichts mehr wusste, nichts mehr konnte.
Nachdem ein Flaschenboden zu dem Aufenthaltsort geworden, den er nicht verlassen wollte, nicht verlassen durfte.
Nachdem jeder Versuch zur Katastrophe geführt.
Nach all dem, fing er an zu leben.
Nicht, dass es einfach war. Nicht, dass es funktionierte.
Die Dämonen der Vergangenheit, sie wüteten weiter in ihm. Der Alkohol, der ihn betäubt hatte, ihn versagte er sich. Keine Betäubung der Sinne, keine Flucht aus dem Alltag. Verboten, denn es ging nicht mehr um ihn. Ein Wesen war entstanden, für das er die Verantwortung auf seinen Schultern trug. Eine Verantwortung, für die er nicht bereit war. Und die er doch mehr ersehnte, als alles andere.
Danach, nach der Geburt, war alles anders. Danach war dieses Wesen bei ihm, Tag und Nacht. Es gab kein Entrinnen. Er war nicht mehr alleine, und doch mehr alleine als je zuvor.
Die Angst, sie stieg mit jedem Tag. Besitz bedroht. Gibt es etwas zu verlieren, so quält die Angst vor dem Verlust. Gibt es einen größeren Schrecken, als sich den Schrecken wieder und wieder auszumalen?
Nachdem er nicht mehr trank. Nachdem er ein Kind hatte. Nachdem er erwachsen geworden war. Nachdem er Verantwortung übernommen hatte.
Danach war schwer, was zuvor unerträglich. Danach lebte er nicht mehr nur für sich. Und dennoch lebte er. Und dennoch wollte er, wünschte er, ersehnte er. Bestand auf dem Wenigen, das sein war. Brauchte seine Zeit. Wollte alleine sein. Wollte für sich sein.
Erschöpfung forderte Ruhe.
Kindergeschrei forderte Antwort. Forderungen wollten erfüllt. Wünsche gehört.
Vorher gab es nicht viel, das er wollte. Nicht viel, das er brauchte.
Den langsamen Tod. Alkohol, der ihm den Weg ebnen sollte. Gift, das ihn langsam zerstörte, ihm die Zeit ließ, diese Zerstörung zu verfolgen. Sie mit Abstand zu betrachten und gutzuheißen.
Die Schmerzen, sie gehörten dazu. Die Ängste, sie mussten sein. Ein Leben zu beenden darf nicht leicht sein.
Und doch war davor alles einfacher. Und doch wusste er davor, was er wollte, wer er war. Auch wenn er es nicht ahnte. Eines war sicher. Er wollte sich zerstören, hatte ein Ziel.
Doch danach war alles anders. Danach gab es dieses Ziel nicht mehr. Durfte es dieses Ziel nicht mehr geben. Ein Mensch war geboren, der Sorgfalt bedurfte. Ein Mensch, der ihn brauchte. Jemanden, der am Leben war. Jemanden, der nüchtern war. Jemanden, der alles tat, was in seiner Macht stand, so wenig das auch sein mochte.
Danach wuchs die Qual. Danach wuchs die Angst. Danach wusste er, was er am Leben hatte. Danach wusste er, was ein Leben wert war. Danach wusste er, was ein Leben bedeutete. Danach fürchtete er sich vor dem Tod. Danach fürchtete er sich vor dem Tod des einzigen Menschen, des kleinen Menschleins, das wertvoller war, als alles andere.
Und dass er nicht aufgeben konnte, nicht aufgeben durfte, war schwerer zu ertragen, als alles andere. Dass er nicht aufgeben durfte, brachte ihn näher an den Punkt, aufzugeben, als jede Verzweiflung zuvor es getan hatte.
Nichts schmerzt so sehr, wie täglich beim Werden zuzusehen. Täglich an das Vergehen erinnert zu werden, das unweigerlich die Folge ist.
Liebe ist die Qual. Liebe ist der Schmerz. Ihn zu ertragen kostet alles. Ihn aufzugeben verlangt alles.
Beschützen, was einem nicht gehört. Umsorgen, was nur geliehen. Die Fragilität des Augenblicks erkennen. Nichts Schlimmeres existiert auf dieser Welt. Nichts Verheerenderes erfüllt das Sein.
Und doch begann alles danach. Und doch war er niemand zuvor. Wurde er jemand danach.