Titel: Schuld
Autor: callisto24
* * *
Er war einfach so verdammt hübsch. Sie konnte nicht anders, als ununterbrochen an ihn zu denken. Nicht weil sie ihn besonders mochte. Himmel, sie kannte ihn ja kaum. Aber seine Augen übten eine derart magnetische Wirkung auf sie aus, dass sie sich immer wieder dabei ertappte, wie sie ihn anstarrte. Es war fatal und ärgerlich.
Sie hatte schließlich einen Freund. Einen guten Freund, einen netten Freund. Auch wenn er manchmal ein wenig unbeherrscht schien. Aber er behielt ja auch jedes Mal Recht, wenn er aus der Haut fuhr. Immerhin war es ihre Schuld. Ihre Schuld, dass sie sich nicht beherrschen konnte und immer wieder zu dem anderen sah. Im Klassenzimmer, wo er in einem solch ungünstigen Winkel schräg vor ihr seinen Platz hatte, dass sie gar nicht anders konnte, als ihn zu betrachten. Oder in der Pause, wenn sie mit ihren Freundinnen an der Seite tuschelte und er sich so unglaublich lässig in eine Ecke drapierte, dass sie überhaupt nicht verstand, wie wenig Aufmerksamkeit die anderen ihm schenkten.
Seine Jeans hingen immer zu tief um die schmalen Hüften. Jedoch nie tief genug, als dass es ordinär wirkte. Sie konnten noch so ausgebeult, noch so alt, ausgewaschen und zerlöchert wirken, an ihm sahen sie besser aus, als jeder maßgeschneiderte Anzug an einem hochbezahlten Supermodel es je könnte.
Er war fast ein wenig zu schlank, ein wenig zu klein, ein bisschen zu blass. Wenigstens wenn sie ihn mit ihrem Freund verglich.
Auch ihre Freundinnen waren sich allesamt einig, dass sie ein Riesenglück mit Simon hatte. Er war groß, breitschultrig und besaß genau die richtige Menge an Muskeln, dass man sich als Frau sicher bei ihm fühlen konnte. Wenn er sich aufrichtete, wirkte er geradezu einschüchternd. Wenigstens auf die meisten, zumindest auf die Gleichaltrigen.
Allerdings nicht auf ihn. Und wenn, dann gelang es Michael, die Einschüchterung durch gewohnte Großspurigkeit zu überspielen.
Überhaupt war es diese Großspurigkeit, die sie ganz besonders an ihm störte. Alina hatte nichts übrig für Angeberei, für Jungen, die sich überall hervortaten und gleichzeitig vorgaben, es sei ihnen alles und jeder egal.
Sie war ziemlich sicher, einen Blick hinter die Fassade zu erhaschen, wenn sie ihn ansah. Vielleicht nur für eine Sekunde, denn sie gestand ihm zu, dass er seine Schutzwälle stets sorgsam errichtet hielt. Nur wer ihn besonders lange und gründlich beobachtete, erhielt eine Chance, die Maske fallen zu sehen.
Wenn dem so war, denn so ganz sicher war Alina sich eigentlich nie. Es mochte durchaus sein, dass sie sich nur einbildete, hinter der ganzen Großspurigkeit etwas anderes wahrzunehmen. Vielleicht war ein Wunsch der Vater des Gedankens, die naive Überzeugung, dass hinter einem derart hübschen Gesicht auch ein sensibler Geist stecken musste.
Und damit war sie bereits wieder bei ihrem Wunschtraum, der Vorstellung von ihm, die jeder Grundlage entbehrte. Und nicht zum ersten Mal fragte sie sich, warum sie überhaupt ihre Zeit und Energie damit verschwendete, über ihn nachzudenken. Zumal sie den besten aller möglichen Freunde doch treu und fürsorglich an ihrer Seite wusste.
Simon tat alles für sie. Er trug sie auf Händen. Und wenn nicht seine gelegentlichen Ausraster wären, an denen tatsächlich sie allein die Schuld trug, dann wäre ihr Leben mit Sicherheit zu perfekt um wahr zu sein.
Es gab Momente und diese häuften sich in der letzten Zeit, während derer sie sich ernsthaft fragte, ob sie noch all ihre Sinne beisammen hatte. Wieso tat sie Simon das an? Er merkte sehr wohl, wohin ihre Augen wanderten. Sie konnte es nicht vermeiden, nicht einmal in seiner Gegenwart. Nicht einmal, wenn sie an seinem Arm durch die Aula schlenderte.
Kaum geriet Michael in ihr Blickfeld, so vernebelten sich alle zuvor noch so klaren Gedanken. Sie lösten sich in Nichts auf und viel zu spät bemerkte sie, wie peinlich offensichtlich ihr Blick an Michaels Gestalt hing. Wie sie sein Haar beobachtete, das sich in die Stirn ringelte. Das im elektrischen Licht des Schulgebäudes dunkel glänzte oder in der Sonne bläulich schimmerte.
Wie sie seinen Gang verfolgte, die leichten O-Beine bemerkte, die in ihrer Unvollkommenheit einfach vollkommen wirkten.
Aber all das bedeutete nichts im Vergleich zu der Wirkung, die seine Augen auf sie ausübten. Groß waren sie, größer als ihre. Größer als eigentlich zu einem Jungen passte. Oder vielleicht wirkten sie auch nur so groß, weil sie dunkelbraun in die Welt sahen. Mit gerade dem Anteil an Hochmut, der durch ein Blinzeln im Schatten der langen, geschwungenen Wimpern verschwand.
Oh ja, sie erkannte den Schutzwall, den er um sich aufbaute, als das, was er war. Reine Selbstverteidigung.
Und hin und wieder schwor sie jeden Eid, dass sich unter der ganzen rauen, ungehobelten Schale ein unendlich kostbarer Kern befand. Anders war es kaum zu erklären, dass er ihn derart sorgsam beschützte.
Manches Mal spitzte dieser zarte Kern, ein zerbrechlicher Anflug von Liebenswürdigkeit, hervor und sie wusste nicht, ob Michael darin versagte, ihn rechtzeitig zurückzustoßen oder ob er sich mit seiner Duldung vor den Augen der Welt zeigte.
So war es vor nicht allzu vielen Tagen geschehen. Als es so plötzlich und unerwartet zu regnen begonnen hatte. Wobei Regen noch viel zu milde ausgedrückt schien für den Wolkenbruch, der sich aus eben noch strahlend blauem Himmel ergoss.
Er musste sie von seinem Fenster aus gesehen haben. Wie sie die plötzlich leer gefegte Straße entlang trabte. Auf dem Rücken ihre mal wieder viel zu schwere Schultasche und dafür ohne die Regenjacke, die sie natürlich just an diesem Tag zuhause gelassen hatte. Das kam von den Zusatzkursen, die sie sich selbstverständlich jedes Jahr wieder verpflichtet fühlte zu belegen. Jeder vernünftige Mensch war bereits seit Stunden zufrieden in sein Wochenende gegangen. Ebenso wie Michael, dem es selbstverständlich nicht einfiele, sich auch nur eine Sekunde länger als unbedingt vorgeschrieben im Schulgebäude herumzudrücken.
Umso erschrockener war Alina, als sie sich blind durch den Vorhang aus Wasser kämpfte, der kein Anfang und kein Ende zu finden schien, und plötzlich auf einen warmen Körper prallte, der wie aus dem Erdboden vor ihr in die Höhe schoss. Zu gleicher Zeit wölbte sich ein dunkles Dach über ihren Kopf und hielt den steten Wasserstrahl, der sie wie einen begossenen Pudel durch die Gassen laufen ließ, überraschend zurück.
Stattdessen vernahm sie nur das dumpfe Prasseln, das sich allzu schnell in einen regelmäßigen Rhythmus verwandelte. Und als sie das Haar, das ihr in der Stirn klebte zurückstrich und die nassen Wimpern endlich ihre Sicht freigaben, da blickte sie ein breites, geradezu selbstzufriedenes Lächeln.
Und konnte nicht anders, als zurückzulächeln. So hochtrabend und amüsiert Michael sich auch gab, Alina bemerkte doch durchaus, dass sein Haar beinahe wie ihres tropfend ins Gesicht hing, dass sein Pullover durchweicht war. Offenkundig hatte er es nicht für notwendig gehalten, nachzudenken, bevor er aus der Tür gestürmt und erst dann darum gekämpft hatte, den Schirm zu öffnen.
Doch Michael wäre nicht Michael, wenn ihn der Regen davon abhielte, sich unendlich dreist und überlegen aufzuspielen.
Alina hatte versucht, sich über ihn zu ärgern, seine Hilfe als unnötig und aufgesetzt herunterzuspielen, aber Tatsache blieb, dass sie ungeheuer froh darüber war, wenigstens dem schlimmsten Ansturm der Wassermassen entronnen zu sein. Wenn auch nicht vollkommen entronnen. Der feine Nebel, der von dem wilden Regen aufstieg, sie trotz des Schirmes an der feuchten Haut und der wie Pech klebenden Kleidung traf, sie im Zusammenspiel mit den unregelmäßigen Windstößen erschauern ließ, drang unvermindert auf sie ein. Und der nasse Stoff, der an ihr haftete, der Rucksack, der sich inzwischen anfühlte, als sammelte sich in ihm ein halber Ozean, trug nicht zu ihrem Wohlbefinden bei.
So fühlte Alina nichts anderes als ein gehöriges Maß an Erleichterung, als Michael ihren Arm nahm, den Schirm schräg genug hielt, dass der sie weitaus besser schützte als ihn selbst und mit raschen, wenn auch nicht zu hastigen Schritten den restlichen Weg nach Hause begleitete. Dass er wie selbstverständlich nach ihrer Schultasche gegriffen und diese geschultert hatte, bemerkte sie erst, als sie die Last wieder spürte. Und auch die Wucht des Regens kam Alina nur zu Bewusstsein, als er sie losließ, so dass sie die letzten Schritte alleine lief. Erst als sich ihre Tür öffnete und nicht ihre Mutter sondern auch Simon ihr erleichtert entgegen kamen, bemerkte sie auch das Auto ihres Freundes in der Einfahrt und fühlte, wie sie eine erneute Woge Dankbarkeit überrollte. Denn ganz sicher hätte sie in diesem Augenblick keinen Vorwürfen oder auch nur Fragen, nicht einmal einem strengen Blick mehr standgehalten.
Dennoch war der Vorfall schneller vergessen als er sich zugetragen hatte und als sie sich am Tag darauf begegneten, reagierten weder Alina noch Michael als könnten sie sich erinnern.
Was sicher auch besser war, da Simon darauf bestand mit ihr händchenhaltend das Sommerfest zu besuchen, während Michael das Mädchen, mit dem er zur Zeit herumhing, im Schlepptau hatte.
Ein weiterer Grund, weshalb Alina heilfroh sein konnte, dass sie in Simon einen guten und aufrichtigen Freund gefunden hatte. Jemanden, dem sie unter allen Umständen vertrauen konnte, der sie niemals hinterginge. Und der sie vor allem auch nie so behandelte, wie Michael mit seinen Freundinnen umsprang. Wenn man sie denn so nennen wollte, denn meistens folgten sie ihm lediglich in einigen Schritten Entfernung, starrten gelangweilt in die Gegend, wenn sie ihn nicht mit einer abfälligen Bemerkung herunterputzen, ihm ein Kommando entgegen schleuderten, auf das er nach Belieben mal mehr und mal weniger reagierte, oder ihn schlichtweg kommentarlos stehen ließen. Selbst das schien ihm jedoch nichts auszumachen und wenn Alina sich nicht ständig dafür genierte, dass sie zumindest in ihrem Kopf beständig Buch über Michaels Vorgehen und seine Reaktionen führte, dann gäbe sie wohl zu, dass Michael seine Freundinnen offensichtlich nicht schlechter behandelte als sie ihn.
Doch natürlich ließen ihr Gerechtigkeitssinn und ihre natürliche Solidarität dem weiblichen Geschlecht gegenüber keinerlei Gedanken in einer entsprechenden Richtung zu.
Nein, es blieb offensichtlich, dass sie mit Simon das große Los gezogen hatte. Dass nur ein Mädchen ohne jedes Selbstbewusstsein, ohne Stolz und Achtung vor sich selbst, mit einem Typ wie Michael herumhängen könnte.
Manchmal äußerte sie ihre Meinung Simon gegenüber, wenn sie ihr gerade zu unangenehm aufstieß. Nicht zuletzt, weil ihr eine kleine Stimme immer wieder einredete, dass Simon froh über jede Art ablehnender Haltung gegenüber Michael sei. Hatte er das nicht oft genug bestätigt. Und doch schien er selbst dann nicht glücklich über ihre Ausführungen, begann sogar unausweichlich wieder mit den haltlosen Vorwürfen, in die er sich so problemlos herein steigerte. Vorwürfe, die immer wieder nur ein Thema enthielten. Oder auch die eine Frage, welche Alina sich doch immer wieder selbst stellte. Warum nur sie ihre Gedanken nicht von Michael losreißen konnte. So weit sie ihn auch umkreisten, letztendlich blieben sie durch einen oder mehrere Drähte mit ihm verbunden.
Klara hieß Michaels derzeitige Bekanntschaft. Alina brache es nicht über sich, das Mädchen als mehr als das zu betrachten. Und als sie aneinander vorbeigingen ohne sich anzusehen, Michael und sie, Alina an der Hand Simons, Michael dicht gefolgt von Klara, da wünschte sie, dass Simon ihren stummen Wunsch verstand und ihre Hand fester drückte. Dass er sie an sich zog und in den Arm nahm. Dass er ihr demonstrierte und auch Michael, dass es keinen Grund dafür gab, unnötige Spekulationen anzustellen.
Und irgendwo wurmte es sie, dass Michael so gar nicht zu reagieren schien, dass er nicht das geringste Interesse an ihr aufwies, dass er so kühl, distanziert und neutral ihr gegenüber blieb, als hätte er ihr nie mit diesem Blick in die Augen gesehen. Mit diesem großen, verwundbaren Blick, der alles beinhaltete. Der von seinem Leid sprach, von seinem Leben, von seiner Vergangenheit. Von all den Gründen, aus denen er der geworden war, als der er nun auftrat. Warum er sich diese harte Schale zugelegt, den forschen Blick aufgesetzt und strikt das misstrauische und vorerst ablehnende Wesen beibehielt, von dem sie doch so gut wusste, dass es nur eine Täuschung war.
Alina schluckte trocken. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Es war lächerlich, sich diesen Ideen hinzugeben. Ebenso lächerlich wie zu glauben, dass sie jemals auf Simon verzichten wollte. Er war der Mann ihres Lebens, sie liebte ihn über alles und hatte nicht vor, daran jemals etwas zu ändern. Schon gar nicht, weil ihr ein dummer, unreifer und durch und durch verdorbener Charakter einfach nicht aus dem Sinn gehen wollte. Es war einfach eine Frage der Konzentration und der Selbstbeherrschung.
Hübsche Augen waren nicht alles. Nicht für sie. Auf keinen Fall.
Sonntag, 27. Juni 2010
Freitag, 18. Juni 2010
Der kontroverse Enthüllungsroman: Maja - Geschichte einer Slasherin
Nein, nicht so eine mit Messern, Blut und Gemetzel, sondern die 'anständige' Variante. Ab heute als ebook erhältlich und demnächst in Amazon und im Buchhandel. (Mein Verleger zwingt mich, das zu sagen.:))
Maja - Geschichte einer Slasherin

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand das Buch als Taschenbuch haben möchte, Probeexemplare werden vorabgedruckt und jemand mit Beziehungen, der sozusagen die Autorin kennt, könnte sie günstiger erhalten. ;) Und jetzt schreibe ich weiter an der bahnbrechenden Geschichte, in derem Verlauf ich Adrian Pasdar dazu zwinge, mich ewig zu lieben... oder Milo Ventimiglia ... immer diese Entscheidungen ...
Maja - Geschichte einer Slasherin
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand das Buch als Taschenbuch haben möchte, Probeexemplare werden vorabgedruckt und jemand mit Beziehungen, der sozusagen die Autorin kennt, könnte sie günstiger erhalten. ;) Und jetzt schreibe ich weiter an der bahnbrechenden Geschichte, in derem Verlauf ich Adrian Pasdar dazu zwinge, mich ewig zu lieben... oder Milo Ventimiglia ... immer diese Entscheidungen ...
Dienstag, 8. Juni 2010
MTV Movie Awards vs. Boston Legal
Die Ereignisse überschlagen sich fraglos. Und ich befinde mich ausnahmsweise direkt am Ball.
Im Klartext: Ich hab mir nicht nur die MTV Awards angesehen, sondern auch Boston Legal und die Hochzeit des Jahres.
Nein, Bella und Edward sind noch nicht vor den Altar getreten, zum Glück. Aber es wird nicht mehr lange dauern. Das Grauen kennt kein Erbarmen.
Aber eins nach dem anderen:
Ja, ich habe eine Entschuldigung. Ich darf mir die MTV Awards ansehen und es sogar zugeben. Immerhin muss man auf dem Laufenden bleiben.
Zwar führte ich immer wieder gerne meinen Sohnemann als Ausrede an, der sich zumindest im akzeptablen Alter befindet, aber das lässt er sich wohl nicht mehr gefallen. Zu meiner Schande gestehe ich, dass die Frucht meiner Lenden so gar nichts von meinem guten Geschmack geerbt hat. Interessiert sich weder für Vampire, noch für Werwölfe und schon gar nicht für Award Shows. Schon gar kein Verständnis bringt er für die zarten Bande auf, die so manche Brüderpaare oder Agentenkollegen verbinden. Aber keine Sorge – ich werde ihn schon noch traumatisieren.
Zum Glück hab ich eine kleine Nichte und sehe es als meine heilige Pflicht an, zu ihrem Wohl auf dem Laufenden zu bleiben und mir Namen wie Taylor Lautner halbwegs vertraut zu machen. Womit ich mich schon einmal für alle Namen entschuldige, die ich in Zukunft falsch schreibe. Ein großer Geist hat einfach keine Zeit, sich um korrekte Orthographie zu kümmern. Und Robert Patterson/Pattinson/Patterwas steht wahrscheinlich auch drüber.
Zurück zu meiner Nichte. Auch wenn sie noch in Windeln steckt, kann es sich doch nur noch um Jahrzehnte handeln bis ich mich der Verantwortung stellen und sie in die Welt der Teenager-Fantasien einführen werde. Unumgänglich, dass ich die aktuelle Szene beobachte und fachgerecht analysiere.
Es hat auch nichts damit zu tun, dass die MTV Awards wirklich komisch sind. Und dass reihenweise hübsche junge Männer als Sexobjekte degradiert werden. Nur eine Frage der Zeit, bis sich die Darstellerjugend freiwillig verslasht und der Frau von heute was fürs Auge bietet.
Nicht dass ich Sandra Bullock im Clinch mit der niedlichen Blonden nicht schätzte, im Gegenteil. Aber ich gebe Robert Pattinson und Taylor eigentlich nicht mehr viel Spielraum. Und vielleicht kommt ihnen Zac Efron zuvor. Oder der, auf den meine Nichte dann abfahren wird. Bestimmt kommt etwas viel Furchtbareres nach, ein Subjekt, das wir uns noch nicht einmal in unseren schlimmsten Albträumen vorzustellen vermögen.
Was waren das für Zeiten, als man sich noch über Harry Potter lustig machen konnte, und nicht wusste, dass um die Ecke betörende Vampire und blaue Aliens lauern. Wie gesagt, das Grauen kennt kein Ende. Und zu den blauen Aliens: WTF.
Zurück zum Thema:
Eröffnet von dem Typ, der in Scrubs von Dr. Cox gefeuert wurde – und das nur weil er seine Hausaufgaben nicht machen wollte - , und der eine treffende Zusammenfassung für Avatar und Twilight, sowie den 3D Schwachsinn pauschal ablieferte, setzte zumindest halbwegs rasch der Wiedererkennungswert ein. Auch wenn ich viele Leute nicht so direkt zuordnen konnte.
Betty White natürlich, niemand kommt an ihr vorbei. Dann tauchte dieser Journalist aus Alias auf, der offensichtlich Bradley Cooper heißt. Übrigens war dieser Journalist auch tatsächlich die einzige Figur in der Serie, die mir so richtig gut gefallen hat.
Einer Serie, die, wenn ich mich recht erinnere, auch eine Kreation Tim Krings sein könnte, was mich umgehend in den weltweiten Ausruf einstimmen lässt: #Fuck Tim Kring. Entschuldigt die Ausdrucksweise, aber der Mann hat mein seelisches Gleichgewicht und mehr auf dem Gewissen.
Ihr wisst schon: Das Heroes-Drama, Nathan … muss ich mehr sagen? Nein, will keiner hören, ich auch nicht.
Gut, dieser Alias-Typ dreht offenbar Filme. Zusammen mit anderen Leuten, die ich nicht kenne. Wenn ich mir das so überlege, dann kann sich meine Nichte offensichtlich nicht besonders auf mich verlassen. Es ist eindeutig an der Zeit, härter an mir zu arbeiten.
Auch wenn es nicht leicht ist, jemand muss sich diese Teenager Filme ja ansehen. Was mich zu der traurigen Tatsache führt, dass ich zwar immer noch keinen der Twilight Filme gesehen habe. Dennoch hält mich das nicht davon ab, zu bezeugen, dass laut der Ausschnitte, die gezeigt wurden, es sich vermutlich nicht unbedingt um filmische Kunstwerke handelt. Wenn ich das mal so sagen darf. Nichtsdestotrotz, ich bin ja auch nicht anspruchsvoll und die Werwölfe machen sowieso diverse kleine Unebenheiten wieder wett.
Allerdings erkannte ich umgehend ein gigantisches Problem.
Als Bella, Edward und Jacob auf die Bühne traten, um ihren Ausschnitt anzukündigen, was musste ich da feststellen:
Jacob ist kleiner als Edward!
Also bitte, was soll denn das? Ich meine, ich hab das Buch gelesen, in welchem Jacob als ungefähr dreimal so groß wie alle anderen beschrieben wird, zehnmal so groß wie Bella und überhaupt.
Und dann das? Wie machen die das? Trägt Jacob im Film hohe Absätze? Wird er ständig von unten gefilmt?
Aber vielleicht achtet auch der Rest der Welt nicht so auf Größe oder Haare.
Was hab ich mich darauf gefreut, Jacob mit langen Haaren zu sehen. Und dann diese Perücke!
Tja, das Leben ist hart. Dafür ist Edward weiß gepudert, was mich wieder von der Idee abbringt, als könne er theoretisch mit Jacob ein hübsches Paar abgeben. Im Ernst – der arme Werwolf, dauernd Puder und Schminke im Mund? Eher nicht.
Außerdem hab ich auch gelernt, dass die Welt sich in zwei Lager spaltet: Team Jacob und Team Edward. Und so benutze ich diese Gelegenheit öffentlich bekanntzugeben, dass ich absolut und hundertprozentig zum Team Jacob gehöre. Als ob es jemanden interessierte oder wunderte. Nichtsdestotrotz, Jacob hat sich wenigstens amüsiert. Auch wenn er zu klein ist. Und schmächtig. Und gar nicht der Jacob aus dem Buch. Allerdings nehme ich ihm eher ab, dass er sich mit einem Baby einlässt, prägt, ürgh.
Wie auch immer, zwei Typen, die ich nicht kenne, offenbarten mir diese Team-Geschichte und knutschten sich dann öffentlich ab. Was mir auch wieder gefiel. Ich hab ja sonst nicht so viel Freude und wie gesagt, bis Jacob und Edward sich abschminken und dann auf der Bühne miteinander fummeln, muss ich mich damit zufrieden geben, was das Publikum bietet.
Zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Zusammen mit den zahllosen Scherzen, die davon handeln, dass sich irgendjemand irgendetwas in eine bestimmte Körperöffnung schiebt. MTV hat eben Klasse und weist in die Zukunft.
Was mich zu jemandem bringt, den ich tatsächlich auch erkannt habe und immer wieder gerne sehe. Unvergessen, wie er dem verstörten Jim Caviezel vorschlug, über das Schwimmbecken zu wandeln.
Auf jeden Fall hing Will Ferrell an Strapsen über der Bühne, was ziemlich komisch war. Den Kerl neben ihm konnte ich nicht ganz einordnen. War das Mark Wahlberg? Sie gönnten mir keine Nahaufnahme und die Generation, die Marks Anfänge miterlebt hat, also selbstverständlich nicht die Meine, denn die ist viel jünger, sieht auf Entfernung nicht mehr so gut.
Samuel L. Jackson souverän, P.Diddy, Puff Daddy oder wie er momentan auch heißt hervorragend in seinem Unverständnis gegenüber den zwei Typen, die wirklich wussten, was Sache war. Womit ich schon wieder bei Team Jacob bin.
Vielfach bestätigt wurde zwar, dass es sich bei der Veranstaltung um eine Twilight – Show handelte, aber nichtsdestotrotz hatte mein Team arges Nachsehen.
Daran liegt es bestimmt auch, dass Bella und Edward ein wenig genervt wirkten. Und daran, dass sie vermutlich täglich zu irgendwelchen Veranstaltungen geschleppt werden, in deren Verlauf sie strahlen und danken müssen. Und dann neideten sie Jacob sicher, dass ihm die blöden Dankesreden erspart blieben, was wiederum sein breites Grinsen erklärte.
Hin und wieder tauchten auch Leute aus anderen Filmen auf. Der Kleine aus Harry Potter dankte seiner Mutter, was gleichzeitig niedlich und eigenartig ist. Noch eigenartiger allerdings, dass über ihm hängende Action-Helden ihn zusätzlich ärgern mussten. Jetzt kriegt er es nicht nur mit Voldemort zu tun, sondern auch mit der armen, öffentlich gedemütigten Mutter, von der jetzt alle Welt weiß, dass sie alleine am Computer sitzt und ihrem Sohn zusieht, wie er Popcorn-Becher empfängt.
Anderen Eltern erging es auch nicht besser, ihnen wurde für die Zeugung gedankt. Andererseits ist heutzutage nichts mehr selbstverständlich, insofern alles auch irgendwo bedankenswert.
Christine Aguilera beendete ihre Interpretation von Nichts mit einem Blick auf ein blinkendes Herz im Intimbereich.
Was will uns die Künstlerin damit sagen? Und dürfen wir froh sein, dass sie dafür sorgt, dass auch Frauen auf ihre natürliche Rolle als Sexobjekt reduziert werden? Ich denke schon, ansonsten fühlten wir uns wohl überfordert.
Da lob ich mir doch Erscheinungen wie den mir bislang auch unbekannten Rain, welcher den Preis für den besten, schlechten Hintern abräumte. Worauf er sich auf selbigen klopfte. Wofür ich vollstes Verständnis habe, den Preis kapier ich auch nicht. Aber der Typ ist hinreißend, wie eine verwandte Seele aus Little Britain in ähnlichen Fällen anzumerken pflegt. Absolut hinreißend. Extrem attraktiv.
Hey – ich darf das sagen. Als neutrale Beobachterin. Und überhaupt.
Soll nur mal jemand versuchen, mir vorzuwerfen, dass ich nach jüngeren Männern umsehe. Der soll bloß kommen.
Ich meine … das hab ich mir doch verdient, oder? Nachdem mich Jack, Nathan und Don schnöde verlassen haben. Und ich auch sonst kein Glück in der Liebe habe. Nicht einmal im Spiel. Obwohl ich als Kind mal eine Vase gewonnen habe. Vermutlich zählt das.
Und so muss eine Frau eben sehen wo sie bleibt. Sind nur noch hübsche, junge Männer zu sehen, dann heißt es eben, in den sauren Apfel beißen. Knallhart.
Und wenn die oben genannten Jacks und Dons so gemein zu mir sind, dann bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, als mich an Frischfleisch zu orientieren. Also … will sagen an jüngerem Blut … also an neuen Talenten.
Im Ernst, nachdem ich diese Show gesehen habe, fühle ich mich beinahe, als bräuchte ich mich gar nicht mehr für meine Milo-Ventimiglia-Anbetung zu genieren. Der hat wenigstens schon mal Erwachsene gespielt, da bin ich fast sicher.
Definitiv, diese Sendung macht einen alt. Wer zum Henker ist Justin Bieber? Was will er von mir? Und warum sind das alles Kinder?
Andererseits, die Erwachsenen von der Oskar—Golden Globe – Emmy - Bühne locken letztlich auch niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Zum einen werden dort praktisch nur die Frauen objektifiziert, zum anderen fehlt die ausreichende Dosis an anzüglichen Witzen, um einen wach zu halten.
Schließlich glaubte ich irgendwann zwischendurch einen Erwachsenen entdeckt zu haben.
Man kann sagen was man will, aber Tom Cruise hat sich verdammt gut gehalten. Im Ernst, man serviere ihn mir neben Taylor Lautner …
Und dann – was war der Mann für ein Vampir!
Da stimmte alles: die Kontaktlinsen, die Perücke, die Rüschenhemden. Kein Wunder, dass Edward Komplexe bekommt.
Sicher, Tom musste jeden verklagen, der ihn nach seiner Lestat-Interpretation für schwul hielt, aber irgendwas muss man ja für die Werbung tun.
Im Gegensatz zu ihm wirkten die Damen seines Alters … alt. Mag daran liegen, dass sie durchweg unter dem extremen Untergewicht leiden, das die Profession vorschreibt. Oder daran, dass Frauen insgesamt weniger Spaß und mehr Stress haben.
Außer Paris Hilton natürlich. Warum um alles in der Welt war die dauernd im Bild? Wahrscheinlich hat sie gut gezahlt dafür.
Christoph Waltz war da. In Vertretung Österreichs, der Schauspieler, die so alt sind, wie sie sich fühlen, von Darstellern, die Dankesreden halten können, ohne für ihre Empfängnis zu danken?
Wie dem auch sei. Ich habe wichtige Dinge gelernt: Dass Jacob tatsächlich erheblich besser aussieht als Edward. Aber dass ihre gemeinsame Verschlafenheit Bella mit Edward einigt.
Dass Award Shows Zeitverschwendung sind und dass ich 3D definitiv verabscheue. Kein Wunder, dass Johnny Depp sich nicht hingetraut hat. Warum konnten Tim Burton und er nicht beim guten alten Kino bleiben?
Gelernt habe ich auch, dass offenbar interessante Gruselfilme existieren, die ich vermutlich auch nie zu Gesicht bekommen werde, und die – und ich lehne mich da mal weit aus dem Fenster – vielleicht doch nicht so spannend sind, wie die Vorschau es vermuten lässt.
Und damit verlasse ich den Teil, von dem ich nichts verstehe und nähere mich dem Teil, von dem ich auch nichts verstehe.
Aus dem einfachen Grund, dass ich Boston Legal nicht einmal sporadisch gesehen habe. Erst während der letzten Staffel kam ich auf den Geschmack, eine dieser Heroes-bedingten Verzweiflungstaten, wie das Lesen von Büchern oder die Beschäftigung mit betörenden Vampiren.
Wir verlassen an diesem Punkt die Kindergruppe und bewegen uns auf ein Publikum zu, dem James Spader noch aus einer Zeit bekannt ist, als er mit Susan Sarandon Diner-Tische zweckentfremdete.
Diese Zeiten sind lange vorbei, aber mit Captain Kirk gibt er auch ein hübsches Paar ab.
Ganz zu schweigen von den anderen, vertrauten Gesichtern. Murphy Brown, John Larroquette. Bin ich die Einzige, die John Larroquette bereits mit schwarzer Mähne und in Harrys wundersamem Strafgericht genossen hat? Oder mit Kirstie Alley während des vergeblichen Versuchs, ein Haus zu erstehen und zu bewohnen?
Aber so ist das Leben.
Niemand weiß mehr, wovon ich spreche. Niemand versteht, warum ich Robert Petterson für un-betörend halte. Bis auf sein Haar. Ich gebe zu, das Haar hat was, vor allem seit ich weiß, dass er es mit Schmutz wäscht.
Zurück in die Vergangenheit. Alan und Danny heiraten und mir gefällt’s, obwohl sich beide sicher zu sein scheinen, dass sie eingeschworene Heteros sind und ihre Liebe einer anderen Ebene angehört.
Geben wir ihnen ein wenig Zeit. Was mich daran erinnert, dass eine Fortsetzung erwähnt wurde, was selbige zwar wohlweislich ausschließen dürfte, aber trotzdem ein hübscher Gedanke wäre.
Wer möchte nicht wissen, wie es mit Dannys Alzheimer weitergeht. Noch dazu, da ich dank umfangreicher Recherchen festgestellt habe, dass Alan Shore, bevor er in Boston Legal anheuerte, bereits erfolgreicher Anwalt war.
Na gut, ich schaltete zufällig mitten in der Nacht auf Kabel 1 und da lief eine Anwaltserie mit James Spader. In welcher er wirklich Alan Shore hieß. Ganz ehrlich, ich habe genau hingehört.
Was steht also einem weiteren Alan-Shore-Ableger im Wege? William Shatner macht’s sicher umsonst. Er sieht aus, als amüsiert er sich phänomenal, egal was er anpackt.
Auch völlig schnuppe. Denn eigentlich wollte ich nur darauf hinaus, dass Boston Legal komplett wiederholt wird. Ab kommende Woche. Und da die beiden Helden zum guten Ende sogar heiraten, und zwar sich gegenseitig – nicht wie gewisse Eppes-Brüder, die aus lauter Verzweiflung irgendwelche dahergelaufenen Frauenzimmer ehelichen müssen, nur damit die Serie harmonisch ausklingt – sollte die Tatsache nicht unerwähnt bleiben.
Selbstverständlich tröstet eine Anwaltsserie keineswegs darüber hinweg, dass gleichzeitig das Finale von Supernatural läuft. Und das gerade jetzt, mit meinem festen Entschluss, mir die Winchesters anzugewöhnen. Andererseits wäre mir das ohnehin kaum gelungen. Auch wenn beide wirklich ein hinreißend komisches Talent besitzen.
Unterm Strich bleibt alles traurig und aussichtslos. Drohungen von einer sogenannten Sommerpause schweben in der Luft. Sommerpause? Wie wollen die Köpfe des Geschehens denn noch mehr Wiederholungen unterbringen?
Ach so nein, keine Wiederholungen. Wir bekommen ja rund um die Uhr Fußball, Stephan Raab und dieses Mädchen serviert.
Ich glaube, das Grauen hatte ich schon erwähnt. Das muss es sein.
Im Klartext: Ich hab mir nicht nur die MTV Awards angesehen, sondern auch Boston Legal und die Hochzeit des Jahres.
Nein, Bella und Edward sind noch nicht vor den Altar getreten, zum Glück. Aber es wird nicht mehr lange dauern. Das Grauen kennt kein Erbarmen.
Aber eins nach dem anderen:
Ja, ich habe eine Entschuldigung. Ich darf mir die MTV Awards ansehen und es sogar zugeben. Immerhin muss man auf dem Laufenden bleiben.
Zwar führte ich immer wieder gerne meinen Sohnemann als Ausrede an, der sich zumindest im akzeptablen Alter befindet, aber das lässt er sich wohl nicht mehr gefallen. Zu meiner Schande gestehe ich, dass die Frucht meiner Lenden so gar nichts von meinem guten Geschmack geerbt hat. Interessiert sich weder für Vampire, noch für Werwölfe und schon gar nicht für Award Shows. Schon gar kein Verständnis bringt er für die zarten Bande auf, die so manche Brüderpaare oder Agentenkollegen verbinden. Aber keine Sorge – ich werde ihn schon noch traumatisieren.
Zum Glück hab ich eine kleine Nichte und sehe es als meine heilige Pflicht an, zu ihrem Wohl auf dem Laufenden zu bleiben und mir Namen wie Taylor Lautner halbwegs vertraut zu machen. Womit ich mich schon einmal für alle Namen entschuldige, die ich in Zukunft falsch schreibe. Ein großer Geist hat einfach keine Zeit, sich um korrekte Orthographie zu kümmern. Und Robert Patterson/Pattinson/Patterwas steht wahrscheinlich auch drüber.
Zurück zu meiner Nichte. Auch wenn sie noch in Windeln steckt, kann es sich doch nur noch um Jahrzehnte handeln bis ich mich der Verantwortung stellen und sie in die Welt der Teenager-Fantasien einführen werde. Unumgänglich, dass ich die aktuelle Szene beobachte und fachgerecht analysiere.
Es hat auch nichts damit zu tun, dass die MTV Awards wirklich komisch sind. Und dass reihenweise hübsche junge Männer als Sexobjekte degradiert werden. Nur eine Frage der Zeit, bis sich die Darstellerjugend freiwillig verslasht und der Frau von heute was fürs Auge bietet.
Nicht dass ich Sandra Bullock im Clinch mit der niedlichen Blonden nicht schätzte, im Gegenteil. Aber ich gebe Robert Pattinson und Taylor eigentlich nicht mehr viel Spielraum. Und vielleicht kommt ihnen Zac Efron zuvor. Oder der, auf den meine Nichte dann abfahren wird. Bestimmt kommt etwas viel Furchtbareres nach, ein Subjekt, das wir uns noch nicht einmal in unseren schlimmsten Albträumen vorzustellen vermögen.
Was waren das für Zeiten, als man sich noch über Harry Potter lustig machen konnte, und nicht wusste, dass um die Ecke betörende Vampire und blaue Aliens lauern. Wie gesagt, das Grauen kennt kein Ende. Und zu den blauen Aliens: WTF.
Zurück zum Thema:
Eröffnet von dem Typ, der in Scrubs von Dr. Cox gefeuert wurde – und das nur weil er seine Hausaufgaben nicht machen wollte - , und der eine treffende Zusammenfassung für Avatar und Twilight, sowie den 3D Schwachsinn pauschal ablieferte, setzte zumindest halbwegs rasch der Wiedererkennungswert ein. Auch wenn ich viele Leute nicht so direkt zuordnen konnte.
Betty White natürlich, niemand kommt an ihr vorbei. Dann tauchte dieser Journalist aus Alias auf, der offensichtlich Bradley Cooper heißt. Übrigens war dieser Journalist auch tatsächlich die einzige Figur in der Serie, die mir so richtig gut gefallen hat.
Einer Serie, die, wenn ich mich recht erinnere, auch eine Kreation Tim Krings sein könnte, was mich umgehend in den weltweiten Ausruf einstimmen lässt: #Fuck Tim Kring. Entschuldigt die Ausdrucksweise, aber der Mann hat mein seelisches Gleichgewicht und mehr auf dem Gewissen.
Ihr wisst schon: Das Heroes-Drama, Nathan … muss ich mehr sagen? Nein, will keiner hören, ich auch nicht.
Gut, dieser Alias-Typ dreht offenbar Filme. Zusammen mit anderen Leuten, die ich nicht kenne. Wenn ich mir das so überlege, dann kann sich meine Nichte offensichtlich nicht besonders auf mich verlassen. Es ist eindeutig an der Zeit, härter an mir zu arbeiten.
Auch wenn es nicht leicht ist, jemand muss sich diese Teenager Filme ja ansehen. Was mich zu der traurigen Tatsache führt, dass ich zwar immer noch keinen der Twilight Filme gesehen habe. Dennoch hält mich das nicht davon ab, zu bezeugen, dass laut der Ausschnitte, die gezeigt wurden, es sich vermutlich nicht unbedingt um filmische Kunstwerke handelt. Wenn ich das mal so sagen darf. Nichtsdestotrotz, ich bin ja auch nicht anspruchsvoll und die Werwölfe machen sowieso diverse kleine Unebenheiten wieder wett.
Allerdings erkannte ich umgehend ein gigantisches Problem.
Als Bella, Edward und Jacob auf die Bühne traten, um ihren Ausschnitt anzukündigen, was musste ich da feststellen:
Jacob ist kleiner als Edward!
Also bitte, was soll denn das? Ich meine, ich hab das Buch gelesen, in welchem Jacob als ungefähr dreimal so groß wie alle anderen beschrieben wird, zehnmal so groß wie Bella und überhaupt.
Und dann das? Wie machen die das? Trägt Jacob im Film hohe Absätze? Wird er ständig von unten gefilmt?
Aber vielleicht achtet auch der Rest der Welt nicht so auf Größe oder Haare.
Was hab ich mich darauf gefreut, Jacob mit langen Haaren zu sehen. Und dann diese Perücke!
Tja, das Leben ist hart. Dafür ist Edward weiß gepudert, was mich wieder von der Idee abbringt, als könne er theoretisch mit Jacob ein hübsches Paar abgeben. Im Ernst – der arme Werwolf, dauernd Puder und Schminke im Mund? Eher nicht.
Außerdem hab ich auch gelernt, dass die Welt sich in zwei Lager spaltet: Team Jacob und Team Edward. Und so benutze ich diese Gelegenheit öffentlich bekanntzugeben, dass ich absolut und hundertprozentig zum Team Jacob gehöre. Als ob es jemanden interessierte oder wunderte. Nichtsdestotrotz, Jacob hat sich wenigstens amüsiert. Auch wenn er zu klein ist. Und schmächtig. Und gar nicht der Jacob aus dem Buch. Allerdings nehme ich ihm eher ab, dass er sich mit einem Baby einlässt, prägt, ürgh.
Wie auch immer, zwei Typen, die ich nicht kenne, offenbarten mir diese Team-Geschichte und knutschten sich dann öffentlich ab. Was mir auch wieder gefiel. Ich hab ja sonst nicht so viel Freude und wie gesagt, bis Jacob und Edward sich abschminken und dann auf der Bühne miteinander fummeln, muss ich mich damit zufrieden geben, was das Publikum bietet.
Zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Zusammen mit den zahllosen Scherzen, die davon handeln, dass sich irgendjemand irgendetwas in eine bestimmte Körperöffnung schiebt. MTV hat eben Klasse und weist in die Zukunft.
Was mich zu jemandem bringt, den ich tatsächlich auch erkannt habe und immer wieder gerne sehe. Unvergessen, wie er dem verstörten Jim Caviezel vorschlug, über das Schwimmbecken zu wandeln.
Auf jeden Fall hing Will Ferrell an Strapsen über der Bühne, was ziemlich komisch war. Den Kerl neben ihm konnte ich nicht ganz einordnen. War das Mark Wahlberg? Sie gönnten mir keine Nahaufnahme und die Generation, die Marks Anfänge miterlebt hat, also selbstverständlich nicht die Meine, denn die ist viel jünger, sieht auf Entfernung nicht mehr so gut.
Samuel L. Jackson souverän, P.Diddy, Puff Daddy oder wie er momentan auch heißt hervorragend in seinem Unverständnis gegenüber den zwei Typen, die wirklich wussten, was Sache war. Womit ich schon wieder bei Team Jacob bin.
Vielfach bestätigt wurde zwar, dass es sich bei der Veranstaltung um eine Twilight – Show handelte, aber nichtsdestotrotz hatte mein Team arges Nachsehen.
Daran liegt es bestimmt auch, dass Bella und Edward ein wenig genervt wirkten. Und daran, dass sie vermutlich täglich zu irgendwelchen Veranstaltungen geschleppt werden, in deren Verlauf sie strahlen und danken müssen. Und dann neideten sie Jacob sicher, dass ihm die blöden Dankesreden erspart blieben, was wiederum sein breites Grinsen erklärte.
Hin und wieder tauchten auch Leute aus anderen Filmen auf. Der Kleine aus Harry Potter dankte seiner Mutter, was gleichzeitig niedlich und eigenartig ist. Noch eigenartiger allerdings, dass über ihm hängende Action-Helden ihn zusätzlich ärgern mussten. Jetzt kriegt er es nicht nur mit Voldemort zu tun, sondern auch mit der armen, öffentlich gedemütigten Mutter, von der jetzt alle Welt weiß, dass sie alleine am Computer sitzt und ihrem Sohn zusieht, wie er Popcorn-Becher empfängt.
Anderen Eltern erging es auch nicht besser, ihnen wurde für die Zeugung gedankt. Andererseits ist heutzutage nichts mehr selbstverständlich, insofern alles auch irgendwo bedankenswert.
Christine Aguilera beendete ihre Interpretation von Nichts mit einem Blick auf ein blinkendes Herz im Intimbereich.
Was will uns die Künstlerin damit sagen? Und dürfen wir froh sein, dass sie dafür sorgt, dass auch Frauen auf ihre natürliche Rolle als Sexobjekt reduziert werden? Ich denke schon, ansonsten fühlten wir uns wohl überfordert.
Da lob ich mir doch Erscheinungen wie den mir bislang auch unbekannten Rain, welcher den Preis für den besten, schlechten Hintern abräumte. Worauf er sich auf selbigen klopfte. Wofür ich vollstes Verständnis habe, den Preis kapier ich auch nicht. Aber der Typ ist hinreißend, wie eine verwandte Seele aus Little Britain in ähnlichen Fällen anzumerken pflegt. Absolut hinreißend. Extrem attraktiv.
Hey – ich darf das sagen. Als neutrale Beobachterin. Und überhaupt.
Soll nur mal jemand versuchen, mir vorzuwerfen, dass ich nach jüngeren Männern umsehe. Der soll bloß kommen.
Ich meine … das hab ich mir doch verdient, oder? Nachdem mich Jack, Nathan und Don schnöde verlassen haben. Und ich auch sonst kein Glück in der Liebe habe. Nicht einmal im Spiel. Obwohl ich als Kind mal eine Vase gewonnen habe. Vermutlich zählt das.
Und so muss eine Frau eben sehen wo sie bleibt. Sind nur noch hübsche, junge Männer zu sehen, dann heißt es eben, in den sauren Apfel beißen. Knallhart.
Und wenn die oben genannten Jacks und Dons so gemein zu mir sind, dann bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, als mich an Frischfleisch zu orientieren. Also … will sagen an jüngerem Blut … also an neuen Talenten.
Im Ernst, nachdem ich diese Show gesehen habe, fühle ich mich beinahe, als bräuchte ich mich gar nicht mehr für meine Milo-Ventimiglia-Anbetung zu genieren. Der hat wenigstens schon mal Erwachsene gespielt, da bin ich fast sicher.
Definitiv, diese Sendung macht einen alt. Wer zum Henker ist Justin Bieber? Was will er von mir? Und warum sind das alles Kinder?
Andererseits, die Erwachsenen von der Oskar—Golden Globe – Emmy - Bühne locken letztlich auch niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Zum einen werden dort praktisch nur die Frauen objektifiziert, zum anderen fehlt die ausreichende Dosis an anzüglichen Witzen, um einen wach zu halten.
Schließlich glaubte ich irgendwann zwischendurch einen Erwachsenen entdeckt zu haben.
Man kann sagen was man will, aber Tom Cruise hat sich verdammt gut gehalten. Im Ernst, man serviere ihn mir neben Taylor Lautner …
Und dann – was war der Mann für ein Vampir!
Da stimmte alles: die Kontaktlinsen, die Perücke, die Rüschenhemden. Kein Wunder, dass Edward Komplexe bekommt.
Sicher, Tom musste jeden verklagen, der ihn nach seiner Lestat-Interpretation für schwul hielt, aber irgendwas muss man ja für die Werbung tun.
Im Gegensatz zu ihm wirkten die Damen seines Alters … alt. Mag daran liegen, dass sie durchweg unter dem extremen Untergewicht leiden, das die Profession vorschreibt. Oder daran, dass Frauen insgesamt weniger Spaß und mehr Stress haben.
Außer Paris Hilton natürlich. Warum um alles in der Welt war die dauernd im Bild? Wahrscheinlich hat sie gut gezahlt dafür.
Christoph Waltz war da. In Vertretung Österreichs, der Schauspieler, die so alt sind, wie sie sich fühlen, von Darstellern, die Dankesreden halten können, ohne für ihre Empfängnis zu danken?
Wie dem auch sei. Ich habe wichtige Dinge gelernt: Dass Jacob tatsächlich erheblich besser aussieht als Edward. Aber dass ihre gemeinsame Verschlafenheit Bella mit Edward einigt.
Dass Award Shows Zeitverschwendung sind und dass ich 3D definitiv verabscheue. Kein Wunder, dass Johnny Depp sich nicht hingetraut hat. Warum konnten Tim Burton und er nicht beim guten alten Kino bleiben?
Gelernt habe ich auch, dass offenbar interessante Gruselfilme existieren, die ich vermutlich auch nie zu Gesicht bekommen werde, und die – und ich lehne mich da mal weit aus dem Fenster – vielleicht doch nicht so spannend sind, wie die Vorschau es vermuten lässt.
Und damit verlasse ich den Teil, von dem ich nichts verstehe und nähere mich dem Teil, von dem ich auch nichts verstehe.
Aus dem einfachen Grund, dass ich Boston Legal nicht einmal sporadisch gesehen habe. Erst während der letzten Staffel kam ich auf den Geschmack, eine dieser Heroes-bedingten Verzweiflungstaten, wie das Lesen von Büchern oder die Beschäftigung mit betörenden Vampiren.
Wir verlassen an diesem Punkt die Kindergruppe und bewegen uns auf ein Publikum zu, dem James Spader noch aus einer Zeit bekannt ist, als er mit Susan Sarandon Diner-Tische zweckentfremdete.
Diese Zeiten sind lange vorbei, aber mit Captain Kirk gibt er auch ein hübsches Paar ab.
Ganz zu schweigen von den anderen, vertrauten Gesichtern. Murphy Brown, John Larroquette. Bin ich die Einzige, die John Larroquette bereits mit schwarzer Mähne und in Harrys wundersamem Strafgericht genossen hat? Oder mit Kirstie Alley während des vergeblichen Versuchs, ein Haus zu erstehen und zu bewohnen?
Aber so ist das Leben.
Niemand weiß mehr, wovon ich spreche. Niemand versteht, warum ich Robert Petterson für un-betörend halte. Bis auf sein Haar. Ich gebe zu, das Haar hat was, vor allem seit ich weiß, dass er es mit Schmutz wäscht.
Zurück in die Vergangenheit. Alan und Danny heiraten und mir gefällt’s, obwohl sich beide sicher zu sein scheinen, dass sie eingeschworene Heteros sind und ihre Liebe einer anderen Ebene angehört.
Geben wir ihnen ein wenig Zeit. Was mich daran erinnert, dass eine Fortsetzung erwähnt wurde, was selbige zwar wohlweislich ausschließen dürfte, aber trotzdem ein hübscher Gedanke wäre.
Wer möchte nicht wissen, wie es mit Dannys Alzheimer weitergeht. Noch dazu, da ich dank umfangreicher Recherchen festgestellt habe, dass Alan Shore, bevor er in Boston Legal anheuerte, bereits erfolgreicher Anwalt war.
Na gut, ich schaltete zufällig mitten in der Nacht auf Kabel 1 und da lief eine Anwaltserie mit James Spader. In welcher er wirklich Alan Shore hieß. Ganz ehrlich, ich habe genau hingehört.
Was steht also einem weiteren Alan-Shore-Ableger im Wege? William Shatner macht’s sicher umsonst. Er sieht aus, als amüsiert er sich phänomenal, egal was er anpackt.
Auch völlig schnuppe. Denn eigentlich wollte ich nur darauf hinaus, dass Boston Legal komplett wiederholt wird. Ab kommende Woche. Und da die beiden Helden zum guten Ende sogar heiraten, und zwar sich gegenseitig – nicht wie gewisse Eppes-Brüder, die aus lauter Verzweiflung irgendwelche dahergelaufenen Frauenzimmer ehelichen müssen, nur damit die Serie harmonisch ausklingt – sollte die Tatsache nicht unerwähnt bleiben.
Selbstverständlich tröstet eine Anwaltsserie keineswegs darüber hinweg, dass gleichzeitig das Finale von Supernatural läuft. Und das gerade jetzt, mit meinem festen Entschluss, mir die Winchesters anzugewöhnen. Andererseits wäre mir das ohnehin kaum gelungen. Auch wenn beide wirklich ein hinreißend komisches Talent besitzen.
Unterm Strich bleibt alles traurig und aussichtslos. Drohungen von einer sogenannten Sommerpause schweben in der Luft. Sommerpause? Wie wollen die Köpfe des Geschehens denn noch mehr Wiederholungen unterbringen?
Ach so nein, keine Wiederholungen. Wir bekommen ja rund um die Uhr Fußball, Stephan Raab und dieses Mädchen serviert.
Ich glaube, das Grauen hatte ich schon erwähnt. Das muss es sein.
Samstag, 5. Juni 2010
Eine Webseite
Eine Webseite.
Falls Ihr jemals einen brillianten, einfühlsamen, geduldigen Webdesigner benötigt, dann wendet Euch an den einen und einzigen
SRMD.
Selbst wenn er dem Versuch mich anzulernen einige weiße Strähnen und ein verdächtiges Zucken um die Mundwinkel zu verdanken haben sollte, so hält das einen Profi nie davon ab, charmant, brillant und effizient zu bleiben.
Keine Scheu, klickt ihn an.
Natürlich darf Chiara Varus auf gar keinen Fall unerwähnt bleiben. Design, Art und Schöpferin der fantastischsten Cover, welche je das Licht der Welt erblickten.
Ich danke euch beiden von ganzem Herzen für die phantastische Arbeit! :)
Sonntag, 30. Mai 2010
Sonntag, 23. Mai 2010
Bann
Titel: Weihnachten - Bann
Autor: callisto24
* * *
Weihnachten - Bann
Sie liebte Weihnachten. Sie hatte Weihnachten schon immer von ganzem Herzen geliebt. Daran änderte sich auch nichts, als sie älter wurde, der Kindheit entwuchs und mit einer Welt konfrontiert wurde, die von ihr verlangte erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen.
Weihnachten behielt sie dennoch in seinem Bann. Und dieser hatte nicht vor, sie aus seinem festen Griff zu entlassen.
Für Inga bedeutete Weihnachten mehr als die drei Feiertage, mehr als der Dezember mit seinen Vorweihnachtsaktionen, mehr als die offizielle oder inoffizielle Weihnachtszeit, die mit den ersten Lebkuchen im Supermarkt begann und sich bis Maria Lichtmess hinzog.
Seit ihre Eltern Inga in einen Betrieb mitgenommen hatten, in dem das ganze Jahr Weihnachten herrschte, und sei es nur, damit die Mitarbeiter während ihrer unermüdlichen Herstellung und Produktion von Weihnachtsschmuck in Stimmung blieben, wusste sie im Grunde ihres Herzens, wo ihre Bestimmung lag.
Sie traute sich allerdings nie getraut, diese Bestimmung auch nur irgendjemandem gegenüber zu offenbaren. Die meisten Menschen, die sie kannte, hatten hauptsächlich verächtliche Blicke und Bemerkungen auf Lager, wenn es um das Drumherum ging, das die Weihnachtszeit mit sich brachte. Von Konsumterror und Geldverschwendung war die Rede. Von erzwungener Fröhlichkeit und gespieltem Familienglück. Von falscher Idylle und verlogener Festtagsstimmung. Ganz zu schweigen von ungesunden Kalorien und Zucker-Bomben, die sich noch Wochen nach den Festtagen negativ auf Körper und Geist auswirkten.
Und so fühlte Inga sich verpflichtet, ihre Vorliebe für sich zu behalten, aus ihrer übermäßigen Liebe zum Weihnachtsfest ein Geheimnis zu machen.
Sie wartete ab, durch litt mehr oder weniger den Rest des Jahres, bis sich die frohen Tage näherten, bis es ihr erlaubt war, ohne schiefe Blicke zu ernten, von Weihnachten zu sprechen, in Vorbereitungen zu schwelgen und schamlos die leuchtenden Dekorationen an Wänden und Fenstern zu bewundern.
Denn soviel gönnte sie sich. Auch wenn in ihrer Umgebung und Familie, das Weihnachtsbrimborium als solches weitgehend abgelehnt wurde. Auch wenn ihre Eltern sich noch heute über das seltsame Geschäft kaputtlachten, in dem merkwürdige, als Elfen verkleidete und mit grünen Filzmützen bewaffnete Menschen auch im Hochsommer so taten, als ließen Festtagsstimmung und Vorfreude ihre Herzen höher schlagen, nahm Inga sich heraus, ihre Freude an dem Fest, wenn es dann wirklich bevorstand, zu zeigen. Selbst wenn sie schiefe Blicke erntete. Selbst wenn sie mit ernsten Worten zur Vernunft gebracht werden sollte.
Es half alles nichts. Inga begann bereits kurz nach Sylvester, sich Gedanken über das nächste Fest zu machen. Gerade, wenn die Erinnerung noch frisch war, schien es ihr umso wichtiger, die gerade stattgefundenen Vorgänge zu analysieren und mögliche Scharten ein für allemal auszubügeln.
Sie führte Listen darüber, inwiefern ihre Gaben Anklang gefunden hatten. Sie beobachtete genau und deutete aufgrund von Kenntnis und Wissen um die beschenkten Personen. Ob jemand überhaupt imstande war, seine Freude zu zeigen, ob er zu schüchtern oder zu zurückhaltend war, wurde ebenso einkalkuliert, wie die Möglichkeit, dass Inga in der Wahl der Geschenke tatsächlich danebengegriffen hatte.
Natürlich spielte auch die Dekoration eine große Rolle. Und Inga sorgte stets dafür, dass nicht nur sie, sondern auch die anderen Mitglieder ihrer Familie oder ihres begrenzten Freundeskreises sich der Jahreszeit gemäß verhielten. Wenn sich jemand von ihnen nicht der Mühe unterzog, eine Lichterkette ins Fenster zu hängen, dann bastelte Inga großzügig einen Stern aus Goldpapier, wenn sie nicht selbst und höchstpersönlich für die Unterbringung der notwendigen Lichterkette sorgte. Weihnachten war schließlich die Zeit des Gebens und es kam nicht von ungefähr, dass Inga das neue Jahr stets ohne einen übriggebliebenen Cent begann.
Auch wenn sie sich noch so sehr vornahm, es in diesem Jahr nicht zu übertreiben, so konnte sie sich doch, wenn die Zeit gekommen war, nicht mehr zurückhalten. Aber die Möglichkeiten waren einfach zu verlockend, und die Dürreperiode zu lang gewesen. Wie schwer fiel es ihr, sich über die nicht geschmückte Zeit hinwegzutrösten, über die Tage, die ohne Kerzenschein, ohne Zimt- und Nelkenduft qualvoll langsam vergingen.
Sonnenschein, grüne Wiesen, blauer Himmel bedeuteten Inga nichts. Sie sehnte sich nach Kälte, nach Schnee, grauen Wolken und ungemütlichem Nieselregen. Nach kühlem Wind, der es notwendig machte, den Kragen hochzuschlagen, der danach schrie, sich an einem Stand auf dem Weihnachtsmarkt zusammenzudrängen und ein dampfendes, duftendes Getränk zu sich zu nehmen. Untermalt von immer wieder denselben Weisen, den altbekannten und vertrauten Melodien, denen es immer wieder gelang, Inges Herz höher schlagen zu lassen, ihre Gedanken mit Freude und Glück zu erfüllen.
Doch noch verlockender als Lebkuchen und Punsch war jeder Funke Goldes, der aufglänzte, der seinen milden Schein in Inges Gemüt warf und es aufstrahlen ließ, bis sie ein automatisches Lächeln fühlte, das sich ohne ihr Zutun auf ihrem Gesicht ausbreitete.
Ob es sich um Glitter, Flimmer, Lametta oder Goldlack handelte, spielte keine Rolle. Ja, sie akzeptierte sogar Silber oder Kupfertöne, denn wichtig waren ihr der Glanz und der Glimmer. Eine spiegelglatte Oberfläche, die Kerzenlicht zurückwarf, vervielfachte und durch den Raum schickte, bis jede Wand mit verhaltenem Zauber erglühte.
Duftendes Tannengrün spielte perfekt in die Mischung, unterstrich und ergänzte den edlen Schimmer des falschen Metalls. Denn es spielte für Inge beileibe keine Rolle, ob der Glanz echt oder getürkt war, woher er stammte oder wie viel er wert war. Ganz im Gegenteil, für Inge war es nichts als der schöne Schein, der zählte. Nichts als der Eindruck, der Gesamteindruck, der mit dem Anblick einer Kombination aus Licht und Schatten, aus Glanz und Dunkelheit entstand. Vanille und Zimt, feine Düfte im Hintergrund spielten ebenso eine Rolle wie leise Musik, knisternde Wärme, die ein Kamin oder auch nur eine einzige brennende Kerze hervorriefen.
Die Stimmung war alles. Die Stimmung bedeutete Weihnachten. Und wenn Weihnachtsstimmung vorherrschte, so war die Welt in Ordnung, ihre Welt. Inge verstand nicht, wie Menschen sich inmitten der schönsten Zeit des Jahres nach Frühling oder gar Sommer sehnen konnten, nach Hitze und Insekten, nach ausgetrocknetem Asphalt und dem Geruch geschmolzenen Gummis auf den Straßen. Der Winter war sauberer, reiner, ehrlicher. Und die Krönung des Winters lag im Lichterfest verborgen, das Glück und Wärme in jedes Herz brachte.
Wenn jemand, ob er aus Inges Familie oder aus ihrem Freundeskreis stammte, nicht so empfand, so legte Inge alles daran, dessen Meinung zu ändern. Und sie bewies ein außerordentliches Durchhaltevermögen in diesen Bemühungen. Ein weitaus größeres, als sie es in jedem anderen Bereich ihres Lebens aufwies. Vielleicht weil es ihr so große Freude bereitete, weitaus mehr Freude als jede andere Tätigkeit oder Bemühung. Vielleicht, weil sie es für die einzige Tätigkeit hielt, die einen wahren Sinn enthielt. Vielleicht weil Inga glaubte, dass die Bewahrung des Weihnachtsfestes der Bewahrung der Liebe gleichkam. Und dass diese gerade in der aktuellen Zeit weitaus nötiger und wichtiger war, als alles andere. Sie war es wert sich für sie einzusetzen, wert sich ein Bein nach dem anderen auszureißen. Denn das tat Inge bereitwillig. Und nicht weniger als das. Manche mochten es Besessenheit nennen, doch Inge hatte im Laufe der Zeit gelernt die allzu deutlichen Spuren des wahren Ausmaßes ihrer Leidenschaft zu verbergen.
Sie wollte beileibe niemanden erschrecken oder irritieren. Schon gar nicht jemanden, den sie insgeheim plante auf ihre Seite zu ziehen und an ihrer haltlosen Begeisterung teilhaben zu lassen.
So wie sie es mit jedem plante, der nicht schon längst von dem Weihnachts-Virus befallen war oder wenigstens so tat, als wäre er befallen.
Denn was ihre Freunde und Verwandten anging – sie alle hatten einen Weg entdeckt, sich vor Inges Nachstellungen in Sicherheit zu bringen.
Kurz gesagt, bemühten sie sich, solange Inge in der Nähe war, ihr zu Willen zu sein, nach jedweder Möglichkeit zumindest. Sie spielten ihr also etwas vor, taten so, als fühlten sie eine ähnlich starke Liebe und Begeisterung für das Weihnachtsfest, wie Inge sie in ihrem Herzen trug und sich bemühte, zu verbreiten.
So konnten sie zumindest halbwegs sicher sein, dass Inge ihre Aufgabe für erfolgreich beendet ansah und sich anderen Ufern zuwandte. Sprich anderen Personen, die sie verfolgte, um deren Vorlieben und Charakterzüge zu erforschen. Natürlich ausschließlich zu dem Sinn und Zweck, um mögliche Schwächen oder auch Zwänge zu ihren Zwecken zu nutzen. Sprich, um den Verfolgten das Weihnachtsfest in ähnlicher Pracht und Verzückung nahezubringen, wie sie selbst es Jahr für Jahr erlebte.
Nichts glich dem Rausch dieses Festes, die Sinne wurden ausnahmslos und von allen Seiten bombardiert, angeheizt und in eine Ekstase geführt, die der nächsten folgte.
Ein endloses Hochgefühl war die Folge und Inge zeigte keinerlei Verständnis dafür, dass sich jemand diesem Hochgefühl entziehen wollte. Der Zweck heiligte die Mittel und wenn sich jemand gegen sein Glück sträubte, so lag es an ihr, diesem auf die Sprünge zu helfen. Sei es mit unlauteren oder vielleicht sogar moralisch nicht vollkommen einwandfreien Mitteln, es spielte keine Rolle.
Und zudem war Inge sich durchaus bewusst, dass sie sich selbst einen engeren Moralkodex auferlegte, als ihn andere Menschen zu befolgen pflegten. Wenn sie Zeit für Zeit gezwungen war, von ihrem rechten Pfad zur Glückseligkeit abzuweichen, so zählte im Endeffekt doch nur der Erfolg, und in diesem speziellen Fall, die Umkehr einer verlorenen Seele. Einen Menschen zum Zauber des Weihnachtsfestes zu führen, sollte jedes Opfer und jede zugegeben geringe Verfehlung wert sein. Davon war Inge stets überzeugt und danach handelte sie. Inge genierte sich nicht, zu Mitteln zu greifen, die auch einmal unterhalb der sprichwörtlichen Gürtellinie lagen.
Und ihr Erfolgsquotient lag bei 100 Prozent.
Sicher, Inge besaß das Gespür und den richtigen Riecher. Neben der allumfassenden Liebe und der dazugehörigen Kenntnis betreffend jeder Kleinigkeit des Weihnachtsfestes und all seiner Verwandten.
Meistens fühlte sie instinktiv und ziemlich rasch, wo der Hebel angesetzt werden konnte.
Beispielsweise im Hinblick auf alleinstehende Frauen, mit denen sie vertrauter wurde und an denen sie eine undefinierte Abscheu gegenüber den Festtagen bemerkte. Es war nicht schwer, die Leere, die sich in deren Leben ausdehnte, und die nur durch Arbeit und trendige Aktivitäten verdeckt wurde, zu erkennen und mit den richtigen Werten zu füllen.
Manches Mal gehörte das Durchbrechen einer mühsamen, über Jahre hinweg praktizierten Diät hinzu. Doch auch diese Herausforderung meisterte Inge mit Leichtigkeit. Unabhängig davon, in welche exotischen Länder die besagten Damen ihre Prestige-Reisen unternahmen, die sie dem veralteten und unangenehm proletenhaften Weihnachtsfest vorzogen, sprich, über die sie besonders gerne im Angesicht eines altmodischen Adventskranzes oder eines Tannengestecks herzogen, Inge schaffte es beeindruckend rasch ein Rezept und somit auch ein Beispielexemplar des passenden, regionalen Gerichtes aus dem Ärmel zu zaubern, das im verhärmten und frustrierten Gesicht der jeweiligen modernen Frau von Heute, zuerst ein Erstaunen und dann ein Aufflackern der Wärme aufwies, die zu lange unterdrückt gewesen war.
Das Weihnachtswunder fand weltweit statt. In jeder Hütte und in jedem Palast ließen sich die Anzeichen entdecken. Und Inge ging gerne auf Entdeckungstour.
Und ebenso gerne beobachtete sie, wie die Fassade eines mit beiden Beinen fest in der Realität verankerten Menschen bröckelte, wenn er zu erkennen begann, dass es mehr gab, als das Offensichtliche. Dass alles zusammenhing, jedes Lebewesen mit dem anderen verbunden war. Auch wenn sich das erst zeigte, sobald ein Weihnachtsrezept seinen Weg über Ozeane zurückgelegt hatte und jemanden daran erinnerte, dass Weihnachten mehr war als Konsum.
Wurde dann erst ein Bissen genossen, stellten sich positive Gefühle ein, so war der Sieg bereits errungen. Es reichte oft aus, nur einen einzigen der Sinne zu erreichen, zu betäuben, um das gesamte Ziel offensichtlich zu machen.
Männer stellten im Großen und Ganzen eine geringere Herausforderung dar. Selbst die überzeugten Weihnachtshasser trugen ihre Schwächen vor sich her. Ob diese in der richtigen Menge eingeflößtem Alkohol bestanden oder in einem Blick auf ein neuartig blitzendes, hochentwickeltes, technologisch vollkommen unnötiges Spielzeug, spielte den Erfolg betreffend keine Rolle.
Manche benötigten nur ein winziges Stupsen, um sich daran zu erinnern, was ihrem Leben fehlte. Ob es denn die Zusammengehörigkeit in der Familie, reine Mutterliebe, die notwendige Achtung einer Vaterfigur war, all diese Punkte ließen sich am Weihnachtsabend in einer harmonischen Atmosphäre wiedererwecken oder zum ersten Mal entdecken und fühlen. Um demjenigen Tränen der Rührung in die Augen zu treiben, musste es nicht einmal heiliger Abend sein. Inge hatte ihre Kunst soweit verfeinert, dass sie in der Lage war, die gesamte Vorweihnachtszeit mit Momenten, Augenblicken und Stunden zu füllen, die der Harmonie und dem Frieden untereinander gewidmet waren und auf jeden, der daran teilhatte, unvergesslich magisch wirkte.
Sie konnte die Hektik des Alltags vergessen lassen. Sie konnte eine Insel schaffen in der Zeit, die notwendige Ruhe, die andere Menschen gerade in der Weihnachtszeit außer Acht ließen.
Was bedeutete eine unterbrochene Diät, ein exzessiv genossenes Festmahl oder das rapide Einschmelzen des Betrags, der auf dem Konto ruhte, im Hinblick auf diesen Erfolg?
Nichts, jedenfalls nichts für Inge.
Sie trug die Fackel weiter, verkündete die Botschaft, die verkündet werden musste.
Und das ohne Rücksicht auf Verluste.
Wie froh war sie schließlich, als sich all ihre Mühe bezahlt machte. Wie froh war sie, als sich einige der besonders schwarzen Schafe, die zu überzeugen sie ganz besondere Mühe gekostet hatte, zusammenrotteten und sie aus überschäumender Dankbarkeit heraus zu einem weihnachtlichen Festmahl einluden.
Inge hatte Tränen in den Augen. Es sollte die Krönung ihrer Bemühungen werden. Wie oft hatte Inge davon geträumt, dass es ihr gelänge, nicht nur einzelne Abtrünnige zu bekehren, sondern dass diese Bekehrten sich auch noch zusammenschlossen und die Botschaft weiter in die Welt trugen.
Mitglieder ihrer Familie waren ebenso anwesend, wie erst kürzlich, in den letzten Jahren überzeugte Freunde und Bekannte. Und sie alle versprachen, diesen Heiligabend ihr zu Ehren auszurichten. Noch nie zuvor war Inge so glücklich gewesen.
Sie schwelgte in Träumen und Vorstellungen, wohnte den Vorbereitungen bei, wann immer sie durfte, beobachtete das Entzünden von Kerzen, das Ausrollen von Teig und das Aufstellen feiner Porzellanengel. Sie half beim Tragen duftender Tannenzweigen und dem Herbeischaffen genau aufeinander abgestimmten Geschirrs.
Lachende Gesichter, wohin sie auch sah. Augen und Münder strahlten in reinster Vorfreude und als das Glöckchen ertönte, das sie in das Wohnzimmer rief, glaubte Inge vor Glück zu platzen.
Der Baum war kostbar geschmückt, die Weihnachtsmusik erklang sanft im Hintergrund und der feine Duft nach Braten und Kartoffeln drang aus der Küche und umschmeichelte die Nase.
Ein Sektkorken knallte und Inge konnte nicht anders, als begeistert in die Hände zu klatschen, als die sorgfältig auf einem Tablett aufgereihten Gläser Stück für Stück gefüllt wurden.
Feierlich reichte man ihr eines davon. Feierlich wurde angestoßen und gute Wünsche geäußert. Alle warteten darauf, dass Inge als Erste einen Schluck nahm, sollte es doch ihr Ehrentag sein.
Sie nahm dankbar einen tiefen Zug, fühlte das perlende Getränk auf ihrer Zunge, schluckte hastig und wartete auf das angenehme Kribbeln, den leichten Schwindel, der diesem Abend den allerletzten Schliff verleihen sollte.
Nur dass dieser sich nicht einstellte. Obwohl sie wusste, welch großen Teil an den im ersten Augenblick durch den Genuss von Alkohol ausgelösten Emotionen die eigene Fantasie behielt, irritierte Inge doch vor allem der leicht bittere und ihr unbekannt erscheinende Nachgeschmack.
Sicher, sie trank Alkohol wirklich nur zu besonderen Gelegenheiten und nur zu Festtagen. Und doch war sie sich fast sicher, einen Beigeschmack wie diesen noch nie zuvor erfahren zu haben.
Inge zog die Nase kraus und sah sich um. Überall lachten ihr erwartungsvolle Gesichter entgegen. Breit grinsende Münder und leuchtende Augen bedeuteten ihr, das Glas zu leeren und obwohl Inge auffiel, dass sie die Einzige war, die an ihrem Sekt wirklich nippte, erfüllte sie den Wunsch gehorsam.
Die anderen sahen sie fröhlich an und nickten erst ihr und dann sich untereinander zu, bevor sie ihre Gläser fast auf ein Kommando hin, abstellten und sich Inge zuwandten. Die stellte zu ihrem Erschrecken fest, dass ihr eigenes Glas unendlich langsam aus ihrer Hand rutschte. Sie wollte den Mund öffnen, wollte einen warnenden Laut ausstoßen, doch auf einmal wich die Welt von ihr. Es war, als senkte sich ein Schleier zwischen sie und die anderen im Raum. Und dann fühlte sie wie aus großer Entfernung, dass sie stürzte. Inge stürzte und fiel. Die Welt begann sich um sie herum zu drehen, lachende Gesichter umkreisten ihren fallenden Körper. Hände streckten sich aus, jedoch nicht um sie zu halten, sondern um sie tiefer herab zu zerren in ein Dunkel, das sie instinktiv fürchtete.
Doch als sie aufschlug war das Dunkel alles andere als bedrückend. Das Dunkel beinhaltete in sich ein Licht. Und als Inge wieder zu sich kam, als sie blinzelte und versuchte aus dem, was sie umgab einen Sinn zu erschaffen, da vermehrten sich die Lichter. Da begann es um sie herum zu glitzern und zu funkeln. Und wohin sie auch sah, sie erkannte Gold und Silber, Schmuck und Leuchten, eingebettet in dunkles Rot und in sanftes Grün. Sie erkannte einen Weihnachtstraum. Eine Welt, in der sich glänzende Kugeln stapelten, in der Lametta flirrte und tausend Funken versprühte. Eine Welt, in der kristallene Schneeflocken wirbelten und in der, nachdem Inga wieder zu Atem kam, kleine Menschen mit grünen Filzmützen geschäftig an ihr vorbeihuschten.
„Was ist hier los?“, flüsterte sie und versuchte sich aufzurichten, als eines der Wesen stehen blieb und sie freundlich anlächelte. „Du bist angekommen“, sagte es. „Wir arbeiten das ganze Jahr auf das Fest hin. Und sei dir gewiss, dass wir eine helfende Hand besser als alles andere brauchen können.“
„Das Weihnachtsgeschäft“, seufzte Inge glücklich. „Habe ich es endlich gefunden? Und das nach all den Jahren.“
Der grünbemützte Elf lächelte.
„Und bei euch ist auch im Sommer Weihnachten?“
„Immer“, bestätigte der Elf ihr. „Keine Sorge. Von jetzt an musst du nie wieder ohne die Dinge sein, die dir so viel bedeuten.“
Und so war es auch. Inge hatte ihre Bestimmung gefunden. Ob in dieser oder einer anderen Welt, darüber mochte sie nicht nachdenken. Darüber musste sie auch nicht nachdenken. Es war vollbracht.
Autor: callisto24
* * *
Weihnachten - Bann
Sie liebte Weihnachten. Sie hatte Weihnachten schon immer von ganzem Herzen geliebt. Daran änderte sich auch nichts, als sie älter wurde, der Kindheit entwuchs und mit einer Welt konfrontiert wurde, die von ihr verlangte erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen.
Weihnachten behielt sie dennoch in seinem Bann. Und dieser hatte nicht vor, sie aus seinem festen Griff zu entlassen.
Für Inga bedeutete Weihnachten mehr als die drei Feiertage, mehr als der Dezember mit seinen Vorweihnachtsaktionen, mehr als die offizielle oder inoffizielle Weihnachtszeit, die mit den ersten Lebkuchen im Supermarkt begann und sich bis Maria Lichtmess hinzog.
Seit ihre Eltern Inga in einen Betrieb mitgenommen hatten, in dem das ganze Jahr Weihnachten herrschte, und sei es nur, damit die Mitarbeiter während ihrer unermüdlichen Herstellung und Produktion von Weihnachtsschmuck in Stimmung blieben, wusste sie im Grunde ihres Herzens, wo ihre Bestimmung lag.
Sie traute sich allerdings nie getraut, diese Bestimmung auch nur irgendjemandem gegenüber zu offenbaren. Die meisten Menschen, die sie kannte, hatten hauptsächlich verächtliche Blicke und Bemerkungen auf Lager, wenn es um das Drumherum ging, das die Weihnachtszeit mit sich brachte. Von Konsumterror und Geldverschwendung war die Rede. Von erzwungener Fröhlichkeit und gespieltem Familienglück. Von falscher Idylle und verlogener Festtagsstimmung. Ganz zu schweigen von ungesunden Kalorien und Zucker-Bomben, die sich noch Wochen nach den Festtagen negativ auf Körper und Geist auswirkten.
Und so fühlte Inga sich verpflichtet, ihre Vorliebe für sich zu behalten, aus ihrer übermäßigen Liebe zum Weihnachtsfest ein Geheimnis zu machen.
Sie wartete ab, durch litt mehr oder weniger den Rest des Jahres, bis sich die frohen Tage näherten, bis es ihr erlaubt war, ohne schiefe Blicke zu ernten, von Weihnachten zu sprechen, in Vorbereitungen zu schwelgen und schamlos die leuchtenden Dekorationen an Wänden und Fenstern zu bewundern.
Denn soviel gönnte sie sich. Auch wenn in ihrer Umgebung und Familie, das Weihnachtsbrimborium als solches weitgehend abgelehnt wurde. Auch wenn ihre Eltern sich noch heute über das seltsame Geschäft kaputtlachten, in dem merkwürdige, als Elfen verkleidete und mit grünen Filzmützen bewaffnete Menschen auch im Hochsommer so taten, als ließen Festtagsstimmung und Vorfreude ihre Herzen höher schlagen, nahm Inga sich heraus, ihre Freude an dem Fest, wenn es dann wirklich bevorstand, zu zeigen. Selbst wenn sie schiefe Blicke erntete. Selbst wenn sie mit ernsten Worten zur Vernunft gebracht werden sollte.
Es half alles nichts. Inga begann bereits kurz nach Sylvester, sich Gedanken über das nächste Fest zu machen. Gerade, wenn die Erinnerung noch frisch war, schien es ihr umso wichtiger, die gerade stattgefundenen Vorgänge zu analysieren und mögliche Scharten ein für allemal auszubügeln.
Sie führte Listen darüber, inwiefern ihre Gaben Anklang gefunden hatten. Sie beobachtete genau und deutete aufgrund von Kenntnis und Wissen um die beschenkten Personen. Ob jemand überhaupt imstande war, seine Freude zu zeigen, ob er zu schüchtern oder zu zurückhaltend war, wurde ebenso einkalkuliert, wie die Möglichkeit, dass Inga in der Wahl der Geschenke tatsächlich danebengegriffen hatte.
Natürlich spielte auch die Dekoration eine große Rolle. Und Inga sorgte stets dafür, dass nicht nur sie, sondern auch die anderen Mitglieder ihrer Familie oder ihres begrenzten Freundeskreises sich der Jahreszeit gemäß verhielten. Wenn sich jemand von ihnen nicht der Mühe unterzog, eine Lichterkette ins Fenster zu hängen, dann bastelte Inga großzügig einen Stern aus Goldpapier, wenn sie nicht selbst und höchstpersönlich für die Unterbringung der notwendigen Lichterkette sorgte. Weihnachten war schließlich die Zeit des Gebens und es kam nicht von ungefähr, dass Inga das neue Jahr stets ohne einen übriggebliebenen Cent begann.
Auch wenn sie sich noch so sehr vornahm, es in diesem Jahr nicht zu übertreiben, so konnte sie sich doch, wenn die Zeit gekommen war, nicht mehr zurückhalten. Aber die Möglichkeiten waren einfach zu verlockend, und die Dürreperiode zu lang gewesen. Wie schwer fiel es ihr, sich über die nicht geschmückte Zeit hinwegzutrösten, über die Tage, die ohne Kerzenschein, ohne Zimt- und Nelkenduft qualvoll langsam vergingen.
Sonnenschein, grüne Wiesen, blauer Himmel bedeuteten Inga nichts. Sie sehnte sich nach Kälte, nach Schnee, grauen Wolken und ungemütlichem Nieselregen. Nach kühlem Wind, der es notwendig machte, den Kragen hochzuschlagen, der danach schrie, sich an einem Stand auf dem Weihnachtsmarkt zusammenzudrängen und ein dampfendes, duftendes Getränk zu sich zu nehmen. Untermalt von immer wieder denselben Weisen, den altbekannten und vertrauten Melodien, denen es immer wieder gelang, Inges Herz höher schlagen zu lassen, ihre Gedanken mit Freude und Glück zu erfüllen.
Doch noch verlockender als Lebkuchen und Punsch war jeder Funke Goldes, der aufglänzte, der seinen milden Schein in Inges Gemüt warf und es aufstrahlen ließ, bis sie ein automatisches Lächeln fühlte, das sich ohne ihr Zutun auf ihrem Gesicht ausbreitete.
Ob es sich um Glitter, Flimmer, Lametta oder Goldlack handelte, spielte keine Rolle. Ja, sie akzeptierte sogar Silber oder Kupfertöne, denn wichtig waren ihr der Glanz und der Glimmer. Eine spiegelglatte Oberfläche, die Kerzenlicht zurückwarf, vervielfachte und durch den Raum schickte, bis jede Wand mit verhaltenem Zauber erglühte.
Duftendes Tannengrün spielte perfekt in die Mischung, unterstrich und ergänzte den edlen Schimmer des falschen Metalls. Denn es spielte für Inge beileibe keine Rolle, ob der Glanz echt oder getürkt war, woher er stammte oder wie viel er wert war. Ganz im Gegenteil, für Inge war es nichts als der schöne Schein, der zählte. Nichts als der Eindruck, der Gesamteindruck, der mit dem Anblick einer Kombination aus Licht und Schatten, aus Glanz und Dunkelheit entstand. Vanille und Zimt, feine Düfte im Hintergrund spielten ebenso eine Rolle wie leise Musik, knisternde Wärme, die ein Kamin oder auch nur eine einzige brennende Kerze hervorriefen.
Die Stimmung war alles. Die Stimmung bedeutete Weihnachten. Und wenn Weihnachtsstimmung vorherrschte, so war die Welt in Ordnung, ihre Welt. Inge verstand nicht, wie Menschen sich inmitten der schönsten Zeit des Jahres nach Frühling oder gar Sommer sehnen konnten, nach Hitze und Insekten, nach ausgetrocknetem Asphalt und dem Geruch geschmolzenen Gummis auf den Straßen. Der Winter war sauberer, reiner, ehrlicher. Und die Krönung des Winters lag im Lichterfest verborgen, das Glück und Wärme in jedes Herz brachte.
Wenn jemand, ob er aus Inges Familie oder aus ihrem Freundeskreis stammte, nicht so empfand, so legte Inge alles daran, dessen Meinung zu ändern. Und sie bewies ein außerordentliches Durchhaltevermögen in diesen Bemühungen. Ein weitaus größeres, als sie es in jedem anderen Bereich ihres Lebens aufwies. Vielleicht weil es ihr so große Freude bereitete, weitaus mehr Freude als jede andere Tätigkeit oder Bemühung. Vielleicht, weil sie es für die einzige Tätigkeit hielt, die einen wahren Sinn enthielt. Vielleicht weil Inga glaubte, dass die Bewahrung des Weihnachtsfestes der Bewahrung der Liebe gleichkam. Und dass diese gerade in der aktuellen Zeit weitaus nötiger und wichtiger war, als alles andere. Sie war es wert sich für sie einzusetzen, wert sich ein Bein nach dem anderen auszureißen. Denn das tat Inge bereitwillig. Und nicht weniger als das. Manche mochten es Besessenheit nennen, doch Inge hatte im Laufe der Zeit gelernt die allzu deutlichen Spuren des wahren Ausmaßes ihrer Leidenschaft zu verbergen.
Sie wollte beileibe niemanden erschrecken oder irritieren. Schon gar nicht jemanden, den sie insgeheim plante auf ihre Seite zu ziehen und an ihrer haltlosen Begeisterung teilhaben zu lassen.
So wie sie es mit jedem plante, der nicht schon längst von dem Weihnachts-Virus befallen war oder wenigstens so tat, als wäre er befallen.
Denn was ihre Freunde und Verwandten anging – sie alle hatten einen Weg entdeckt, sich vor Inges Nachstellungen in Sicherheit zu bringen.
Kurz gesagt, bemühten sie sich, solange Inge in der Nähe war, ihr zu Willen zu sein, nach jedweder Möglichkeit zumindest. Sie spielten ihr also etwas vor, taten so, als fühlten sie eine ähnlich starke Liebe und Begeisterung für das Weihnachtsfest, wie Inge sie in ihrem Herzen trug und sich bemühte, zu verbreiten.
So konnten sie zumindest halbwegs sicher sein, dass Inge ihre Aufgabe für erfolgreich beendet ansah und sich anderen Ufern zuwandte. Sprich anderen Personen, die sie verfolgte, um deren Vorlieben und Charakterzüge zu erforschen. Natürlich ausschließlich zu dem Sinn und Zweck, um mögliche Schwächen oder auch Zwänge zu ihren Zwecken zu nutzen. Sprich, um den Verfolgten das Weihnachtsfest in ähnlicher Pracht und Verzückung nahezubringen, wie sie selbst es Jahr für Jahr erlebte.
Nichts glich dem Rausch dieses Festes, die Sinne wurden ausnahmslos und von allen Seiten bombardiert, angeheizt und in eine Ekstase geführt, die der nächsten folgte.
Ein endloses Hochgefühl war die Folge und Inge zeigte keinerlei Verständnis dafür, dass sich jemand diesem Hochgefühl entziehen wollte. Der Zweck heiligte die Mittel und wenn sich jemand gegen sein Glück sträubte, so lag es an ihr, diesem auf die Sprünge zu helfen. Sei es mit unlauteren oder vielleicht sogar moralisch nicht vollkommen einwandfreien Mitteln, es spielte keine Rolle.
Und zudem war Inge sich durchaus bewusst, dass sie sich selbst einen engeren Moralkodex auferlegte, als ihn andere Menschen zu befolgen pflegten. Wenn sie Zeit für Zeit gezwungen war, von ihrem rechten Pfad zur Glückseligkeit abzuweichen, so zählte im Endeffekt doch nur der Erfolg, und in diesem speziellen Fall, die Umkehr einer verlorenen Seele. Einen Menschen zum Zauber des Weihnachtsfestes zu führen, sollte jedes Opfer und jede zugegeben geringe Verfehlung wert sein. Davon war Inge stets überzeugt und danach handelte sie. Inge genierte sich nicht, zu Mitteln zu greifen, die auch einmal unterhalb der sprichwörtlichen Gürtellinie lagen.
Und ihr Erfolgsquotient lag bei 100 Prozent.
Sicher, Inge besaß das Gespür und den richtigen Riecher. Neben der allumfassenden Liebe und der dazugehörigen Kenntnis betreffend jeder Kleinigkeit des Weihnachtsfestes und all seiner Verwandten.
Meistens fühlte sie instinktiv und ziemlich rasch, wo der Hebel angesetzt werden konnte.
Beispielsweise im Hinblick auf alleinstehende Frauen, mit denen sie vertrauter wurde und an denen sie eine undefinierte Abscheu gegenüber den Festtagen bemerkte. Es war nicht schwer, die Leere, die sich in deren Leben ausdehnte, und die nur durch Arbeit und trendige Aktivitäten verdeckt wurde, zu erkennen und mit den richtigen Werten zu füllen.
Manches Mal gehörte das Durchbrechen einer mühsamen, über Jahre hinweg praktizierten Diät hinzu. Doch auch diese Herausforderung meisterte Inge mit Leichtigkeit. Unabhängig davon, in welche exotischen Länder die besagten Damen ihre Prestige-Reisen unternahmen, die sie dem veralteten und unangenehm proletenhaften Weihnachtsfest vorzogen, sprich, über die sie besonders gerne im Angesicht eines altmodischen Adventskranzes oder eines Tannengestecks herzogen, Inge schaffte es beeindruckend rasch ein Rezept und somit auch ein Beispielexemplar des passenden, regionalen Gerichtes aus dem Ärmel zu zaubern, das im verhärmten und frustrierten Gesicht der jeweiligen modernen Frau von Heute, zuerst ein Erstaunen und dann ein Aufflackern der Wärme aufwies, die zu lange unterdrückt gewesen war.
Das Weihnachtswunder fand weltweit statt. In jeder Hütte und in jedem Palast ließen sich die Anzeichen entdecken. Und Inge ging gerne auf Entdeckungstour.
Und ebenso gerne beobachtete sie, wie die Fassade eines mit beiden Beinen fest in der Realität verankerten Menschen bröckelte, wenn er zu erkennen begann, dass es mehr gab, als das Offensichtliche. Dass alles zusammenhing, jedes Lebewesen mit dem anderen verbunden war. Auch wenn sich das erst zeigte, sobald ein Weihnachtsrezept seinen Weg über Ozeane zurückgelegt hatte und jemanden daran erinnerte, dass Weihnachten mehr war als Konsum.
Wurde dann erst ein Bissen genossen, stellten sich positive Gefühle ein, so war der Sieg bereits errungen. Es reichte oft aus, nur einen einzigen der Sinne zu erreichen, zu betäuben, um das gesamte Ziel offensichtlich zu machen.
Männer stellten im Großen und Ganzen eine geringere Herausforderung dar. Selbst die überzeugten Weihnachtshasser trugen ihre Schwächen vor sich her. Ob diese in der richtigen Menge eingeflößtem Alkohol bestanden oder in einem Blick auf ein neuartig blitzendes, hochentwickeltes, technologisch vollkommen unnötiges Spielzeug, spielte den Erfolg betreffend keine Rolle.
Manche benötigten nur ein winziges Stupsen, um sich daran zu erinnern, was ihrem Leben fehlte. Ob es denn die Zusammengehörigkeit in der Familie, reine Mutterliebe, die notwendige Achtung einer Vaterfigur war, all diese Punkte ließen sich am Weihnachtsabend in einer harmonischen Atmosphäre wiedererwecken oder zum ersten Mal entdecken und fühlen. Um demjenigen Tränen der Rührung in die Augen zu treiben, musste es nicht einmal heiliger Abend sein. Inge hatte ihre Kunst soweit verfeinert, dass sie in der Lage war, die gesamte Vorweihnachtszeit mit Momenten, Augenblicken und Stunden zu füllen, die der Harmonie und dem Frieden untereinander gewidmet waren und auf jeden, der daran teilhatte, unvergesslich magisch wirkte.
Sie konnte die Hektik des Alltags vergessen lassen. Sie konnte eine Insel schaffen in der Zeit, die notwendige Ruhe, die andere Menschen gerade in der Weihnachtszeit außer Acht ließen.
Was bedeutete eine unterbrochene Diät, ein exzessiv genossenes Festmahl oder das rapide Einschmelzen des Betrags, der auf dem Konto ruhte, im Hinblick auf diesen Erfolg?
Nichts, jedenfalls nichts für Inge.
Sie trug die Fackel weiter, verkündete die Botschaft, die verkündet werden musste.
Und das ohne Rücksicht auf Verluste.
Wie froh war sie schließlich, als sich all ihre Mühe bezahlt machte. Wie froh war sie, als sich einige der besonders schwarzen Schafe, die zu überzeugen sie ganz besondere Mühe gekostet hatte, zusammenrotteten und sie aus überschäumender Dankbarkeit heraus zu einem weihnachtlichen Festmahl einluden.
Inge hatte Tränen in den Augen. Es sollte die Krönung ihrer Bemühungen werden. Wie oft hatte Inge davon geträumt, dass es ihr gelänge, nicht nur einzelne Abtrünnige zu bekehren, sondern dass diese Bekehrten sich auch noch zusammenschlossen und die Botschaft weiter in die Welt trugen.
Mitglieder ihrer Familie waren ebenso anwesend, wie erst kürzlich, in den letzten Jahren überzeugte Freunde und Bekannte. Und sie alle versprachen, diesen Heiligabend ihr zu Ehren auszurichten. Noch nie zuvor war Inge so glücklich gewesen.
Sie schwelgte in Träumen und Vorstellungen, wohnte den Vorbereitungen bei, wann immer sie durfte, beobachtete das Entzünden von Kerzen, das Ausrollen von Teig und das Aufstellen feiner Porzellanengel. Sie half beim Tragen duftender Tannenzweigen und dem Herbeischaffen genau aufeinander abgestimmten Geschirrs.
Lachende Gesichter, wohin sie auch sah. Augen und Münder strahlten in reinster Vorfreude und als das Glöckchen ertönte, das sie in das Wohnzimmer rief, glaubte Inge vor Glück zu platzen.
Der Baum war kostbar geschmückt, die Weihnachtsmusik erklang sanft im Hintergrund und der feine Duft nach Braten und Kartoffeln drang aus der Küche und umschmeichelte die Nase.
Ein Sektkorken knallte und Inge konnte nicht anders, als begeistert in die Hände zu klatschen, als die sorgfältig auf einem Tablett aufgereihten Gläser Stück für Stück gefüllt wurden.
Feierlich reichte man ihr eines davon. Feierlich wurde angestoßen und gute Wünsche geäußert. Alle warteten darauf, dass Inge als Erste einen Schluck nahm, sollte es doch ihr Ehrentag sein.
Sie nahm dankbar einen tiefen Zug, fühlte das perlende Getränk auf ihrer Zunge, schluckte hastig und wartete auf das angenehme Kribbeln, den leichten Schwindel, der diesem Abend den allerletzten Schliff verleihen sollte.
Nur dass dieser sich nicht einstellte. Obwohl sie wusste, welch großen Teil an den im ersten Augenblick durch den Genuss von Alkohol ausgelösten Emotionen die eigene Fantasie behielt, irritierte Inge doch vor allem der leicht bittere und ihr unbekannt erscheinende Nachgeschmack.
Sicher, sie trank Alkohol wirklich nur zu besonderen Gelegenheiten und nur zu Festtagen. Und doch war sie sich fast sicher, einen Beigeschmack wie diesen noch nie zuvor erfahren zu haben.
Inge zog die Nase kraus und sah sich um. Überall lachten ihr erwartungsvolle Gesichter entgegen. Breit grinsende Münder und leuchtende Augen bedeuteten ihr, das Glas zu leeren und obwohl Inge auffiel, dass sie die Einzige war, die an ihrem Sekt wirklich nippte, erfüllte sie den Wunsch gehorsam.
Die anderen sahen sie fröhlich an und nickten erst ihr und dann sich untereinander zu, bevor sie ihre Gläser fast auf ein Kommando hin, abstellten und sich Inge zuwandten. Die stellte zu ihrem Erschrecken fest, dass ihr eigenes Glas unendlich langsam aus ihrer Hand rutschte. Sie wollte den Mund öffnen, wollte einen warnenden Laut ausstoßen, doch auf einmal wich die Welt von ihr. Es war, als senkte sich ein Schleier zwischen sie und die anderen im Raum. Und dann fühlte sie wie aus großer Entfernung, dass sie stürzte. Inge stürzte und fiel. Die Welt begann sich um sie herum zu drehen, lachende Gesichter umkreisten ihren fallenden Körper. Hände streckten sich aus, jedoch nicht um sie zu halten, sondern um sie tiefer herab zu zerren in ein Dunkel, das sie instinktiv fürchtete.
Doch als sie aufschlug war das Dunkel alles andere als bedrückend. Das Dunkel beinhaltete in sich ein Licht. Und als Inge wieder zu sich kam, als sie blinzelte und versuchte aus dem, was sie umgab einen Sinn zu erschaffen, da vermehrten sich die Lichter. Da begann es um sie herum zu glitzern und zu funkeln. Und wohin sie auch sah, sie erkannte Gold und Silber, Schmuck und Leuchten, eingebettet in dunkles Rot und in sanftes Grün. Sie erkannte einen Weihnachtstraum. Eine Welt, in der sich glänzende Kugeln stapelten, in der Lametta flirrte und tausend Funken versprühte. Eine Welt, in der kristallene Schneeflocken wirbelten und in der, nachdem Inga wieder zu Atem kam, kleine Menschen mit grünen Filzmützen geschäftig an ihr vorbeihuschten.
„Was ist hier los?“, flüsterte sie und versuchte sich aufzurichten, als eines der Wesen stehen blieb und sie freundlich anlächelte. „Du bist angekommen“, sagte es. „Wir arbeiten das ganze Jahr auf das Fest hin. Und sei dir gewiss, dass wir eine helfende Hand besser als alles andere brauchen können.“
„Das Weihnachtsgeschäft“, seufzte Inge glücklich. „Habe ich es endlich gefunden? Und das nach all den Jahren.“
Der grünbemützte Elf lächelte.
„Und bei euch ist auch im Sommer Weihnachten?“
„Immer“, bestätigte der Elf ihr. „Keine Sorge. Von jetzt an musst du nie wieder ohne die Dinge sein, die dir so viel bedeuten.“
Und so war es auch. Inge hatte ihre Bestimmung gefunden. Ob in dieser oder einer anderen Welt, darüber mochte sie nicht nachdenken. Darüber musste sie auch nicht nachdenken. Es war vollbracht.
Was Sie noch niemals über Slasherinnen wissen wollten ...
Was Sie noch niemals über Slasherinnen wissen wollten und auch jetzt nicht zu fragen wagen
Aus dem schonungslosen Offenbarungsbericht 'Maja - Geschichte einer Slasherin' die erste und absolut authentische Leseprobe:
Achtung - unsterbliches Werk - ich hab doch deutlich gewarnt - copyright: aavaa verlag (aber ich bin mir ziemlich sicher, Auszüge posten zu dürfen ... und wenn nicht - verklagt mich doch ...)
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Diese Beleidigung meiner Lieblings-TV-Serie konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen und holte bereits Luft zum Gegenschlag, als sich Xavers Stirn auf einmal in Falten verzog. Sein Gesicht nahm den Ausdruck an, den ich nur aus Momenten kannte, in denen er über seinen Textaufgaben brütete.
„Also“, sagte er langsam und betont. „Du hast nicht nur Menschen aus fremden Ländern gesehen, sondern auch noch geheimnisvolle Sicherheitskräfte. Und du fürchtest, sie könnten etwas mit dir zu tun haben.“
„Es tut mir leid“, murmelte ich kleinlaut.
„Das sollte es auch. „Sein strafender Blick traf mich erbarmungslos. “Entweder dreht deine Phantasie völlig mit dir durch und du siehst Gespenster…“ Er stockte. „Mehr Gespenster als gewöhnlich.“ Eine seiner Augenbrauen wanderte in die Höhe. „Oder finstere Mächte suchen dich heim, um Rache zu nehmen für deine Internet-Untaten.“
Ich schluckte, doch wehrte ich mich. „Das sind keine Untaten. Das ist Befreiung und… und Befreiung eben…“
„Wehe, wenn sie losgelassen…“, stöhnte Xaver wieder. „Ehrlich. Ich hab keine Ahnung, was du meinst, aber offensichtlich musst du schleunigst damit aufhören.“ Hoffnung flackerte in seinem Blick. „Und etwas Vernünftiges tun. Etwas Sinnvolles. Etwas, das ich auch in der Schule erzählen kann.“ Er schob die Unterlippe vor, und ein hysterisches Kichern brach sich aus mir Bahn.
„Es tut mir leid“, wiederholte ich und knuffte ihn in die Seite. „Ich reiß mich zusammen.“ Ich überlegte. „Das bedeutet, ich werde erst einmal darüber schreiben.“ Erleichtert atmete ich auf, froh eine momentane Lösung entdeckt zu haben.
„Na doll“, grummelte der Junge in sich hinein und wühlte in seiner Schultasche. Doch kaum hatte er seinen Gameboy in den Fingern, ließ ihn ein Aufschrei seiner Mutter zusammenzucken.
„Verdammt.“ Der Bildschirm flackerte, doch das war nicht die Ursache meines Unmutes. Obwohl mein Sorgenkind, der Computer sich wie üblich mühsam und lautstark aus seinem Schönheitsschlaf aufrappelte, sich stotternd einige Momente weigerte und zierte, so ließ er sich doch eigentlich rasch und problemlos hochfahren und ermöglichte mir den Zugang zu der Welt, die mein ein und alles war. Doch mein Fluch hatte einen Grund und der lag nicht nur in der überquellenden Mailbox.
Ein schlechtes Zeichen, fürwahr. Ließ ich doch die zahlreichen Kommentare zu meinen Werken nicht mehr direkt in meinen Briefkasten senden, sondern bemühte mich, die Korrespondenzen auf ein Mindestmaß zu beschränken. Ein Zugeständnis, das dem kreativen Genius erlaubt werden sollte. Ein Zugeständnis, das vielleicht mein Ego weniger streichelte, da ich weniger Feedback, weniger Lob und Ermunterung seitens abhängiger Leser erhielt. Aber das Opfer war eine Notwendigkeit, hemmte doch jede Zeitverschwendung den Fluss des Schaffens. Ergo war es kein Wunder, dass ich beim ungewohnten Anblick der Anzahl von Nachrichten erschrak. Noch weniger verwunderlich war es, dass ich in regelrechte Panik geriet, als sich mir die Absender jener Nachrichten offenbarten. Das Unheil ließ sich zwar nicht auf eine Person zurückführen, jedoch auf die Bewegung, deren Wort- und Rädelsführer diese Person war. Wie um alles in der Welt war sie an meine E-Mail Adresse geraten? Womit in aller Welt hatte ich das verdient.
Schon seit geraumer Zeit machte sie mir das Leben schwer, verwässerten ihre penibel ausgedrückten, vernichtend konservativen Kommentare meinen Lesern den Kunstgenuss. Schon seit geraumer Zeit kämpften meine Online Anhänger auf virtuellem Grunde gegen die giftigen Säuren, die sich den Weg durch ihren Netzanschluss in die unschuldige Gemeinschaft der Freunde romantischer Literatur bahnten.
Natürlich war es eben diese Romantik, die dieser Dame ein Dorn im Auge war. Diese Romantik, die ihrem verknöcherten Gemüt den Brechreiz entlockte, dem sie verbalen Ausdruck verlieh.
Doris van Karnten, extremistisches Fangirl der Jahrtausendserie ‚Agents on Fire‘. Sie leitete nicht nur einen Fanclub, sondern gleich mehrere. Sie organisierte Foren, Conventions, Petitionen und Aktionen verschiedenster Färbungen und Ziele. Sie betrieb einen Fanshop, produzierte Briefpapier, Ansichtskarten, Wallpaper und Banner mit den Helden des kleinen Bildschirms.
Mit meinem Helden, dem blonden Star der Serie: Finn Cackleford. Ich will nicht behaupten, dass ich ihn mehr liebte, als sie es tat. Ich will auch nicht behaupten, dass ich das einzig wahre Recht auf die Auffassung des Charakters besaß, den er so gekonnt und genial verkörperte. Ich behaupte allerdings, dass mir das Recht zusteht, meine Auffassung der Dinge zu veröffentlichen, gleichgesinnten Seelen so die Möglichkeit zu verschaffen, ein Forum für ihre einsamen Fantasien zu entdecken, sich nicht alleine zu fühlen mit dem, was sich im tiefsten Inneren ihrer Seele, in den verbotenen, verschlossenen Kerkern versteckte.
War es denn falsch zu träumen? War es falsch von Romantik zu träumen in einer Welt, die so vollkommen frei von Romantik ist? Und diese Welt war frei von Romantik. Es war die harte Welt der Geheimdienste. Eine knallharte Welt, dominiert von Gewalt und Hass. War es nicht umso entzückender, ausgerechnet in dieser Welt die zarte Pflanze der Liebe erblühen zu lassen, zwei Seelen zu vereinen, die so verschieden, so weit voneinander entfernt und doch so nah waren.
Natürlich, sie waren beide Kollegen, meine Agenten. Ein Job, eine Berufung, ein Ideal. Und sie beide waren Männer. Zwei Männer, die sich liebten.
Natürlich nicht in der Serie. Nicht auszudenken in einer amerikanischen Mainstream Produktion. Nicht auszudenken, eine Idee wie diese der texanischen Landbevölkerung zuzumuten.
Aber hier, im freien Europa, in einem freien Land, in der freien Phantasiewelt einer Frau? Nein, nicht einer Frau alleine. Tausende teilten meine Vision. Tausende sahen in dem wöchentlichen Geplänkel, den Macho-artigen Streitereien unter tapferen Kriegern gegen das Böse, nur ein Vorspiel für etwas Größeres, etwas Wahrhaftiges, für die echte Liebe, wie sie es nur zwischen zwei gleichgestellten Kerlen geben kann. Kämpfend um Dominanz, kämpfend um die Macht, kämpfend für ein abstraktes Ziel, das sensible Gemüter kaum interessierte. Der Kampf dagegen, erschwert durch persönliche Schicksalsschläge, Dramen und Seelenqualen – er konnte nur zu einer Lösung, zu einem Höhepunkt führen. Zu der absoluten Hingabe an den einzigen Menschen, der Halt und Stütze gewährleisten konnte. Und in Finn Cacklefords Welt, besser gesagt, in der seines Charakters, konnte es das Ersehnte nur in einem Menschen geben. In dem großen, dunkel gelockten Angelo Multobene, seinen Partner, seinen Mitstreiter, seiner Deckung.
Und in den Gefilden der Slash-Literatur, seines Geliebten.
Heimlich lasen sie es; heimliche Leidenschaften flammten auf bei der Vorstellung der beiden ach so männlichen Figuren, im immerwährenden Clinch. Ungebrochen seelisch und körperlich verstrickt in immerwährender Umschlingung der heißen Leiber, vereint in dem ewigen Tanz, suchend nach Ekstase, verlangend nach Erfüllung, wissend um die Unmöglichkeit ihres Begehrens.
Slash macht frei. Der Slash verschönert den grauen Alltag, Slash hält Existenzen wie die meine am Leben. Slash vertreibt die Langeweile und die Enttäuschung. Er öffnet Pforten, enthüllt Geheimnisse, erlaubt Entdeckungen. Der Slash ist die Krone der Fanliteratur.
Doch dann gab es sie. Menschen, anonyme Gesichter, die es nicht ertragen konnten, wenn ihre Helden anders handelten, anders liebten, als es in ihrer verklemmten Gemütswelt möglich sein durfte. Selbst wenn es nur in der Phantasie einer einzelnen Person geschah. Und all diese gesichtslosen Menschen kumulierten in einer Figur, Doris van Karnten. Doris, weizenblond gefärbt, hager von Gestalt, besessen von der Reinheit des heldenhaften Agenten. Besessen von der selbstgewählten Aufgabe, die Beschmutzer jener Reinheit bloßzustellen, sich an ihnen zu rächen, sie zu vernichten.
Und vor allen anderen, die die Welt anders sahen als sie selbst, hatte sie mich auf ihrem Kieker. Vielleicht, weil ich deutsch schrieb und sie daher wohl eher zufällig auf meine beleidigenden Geschichten gestoßen war. Vielleicht, weil ich die Einzige war, die es wagte, auch in unserer so kalten, harten Muttersprache die Charaktere der Serie auszuleihen, um sie unmenschlichen Torturen zu unterziehen. Vielleicht auch nur, weil ich es war, weil ich für sie erreichbar war, weil sie mich gefunden hatte. Weil sie mich jetzt gefunden hatte. Es musste etwas zu tun haben mit dieser ID, IP Nummer, die hin und wieder und vollkommen unverständlich für technisch und logisch unbegabte Geister wie mich erwähnt wird. Ich wusste, dass ich mehr Vorsicht hätte walten lassen sollen, dass eine erfundene Identität, ein abgedrehter Künstlername einfach nicht ausreichte. Grob fahrlässig, so hatte ich gehandelt, anders ließ es sich nicht erklären.
Ich starrte auf die Absender. Sie war es. Unverkennbar ihre Mailadresse. Unverkennbar der Account ihrer Fangemeinschaft. Es war… all diese Hasstiraden trugen ihre Handschrift. Es reichte aus, die Betreffzeilen zu lesen, um sich dessen klar zu werden. Es reichte, sich ein wenig in den Gebieten, in den Räumen der Fangemeinschaften herumgetrieben zu haben. Und ihre Anhänger hatten es ihr gleichgetan. Mein Briefkasten quoll über. Mein Geheimnis war gelüftet.
Trotz des Pseudonyms, unter dem ich schrieb, trotz der Vorsichtsmaßnahmen, die ich so gewissenhaft getroffen hatte, war meine Anschrift durchgesickert.
Ein beängstigender Verdacht breitete sich in mir aus. Mein Kopf fuhr herum, und ich starrte Xaver erschrocken an. Er blickte zurück, mindestens ebenso verwirrt, doch glücklicherweise noch ohne den Ernst der Lage zu erkennen. Glückliches Kind.
Ich stürmte an ihm vorbei. Ich riss die Tür auf. Zu spät kam mir die Unvorsichtigkeit dieser Handlung zu Bewusstsein. Doch noch spielte diese keine Rolle. Niemand bedrohte mich. Noch nicht. Niemand mit Ausnahme der Papiere, der Massen von Papieren, die aus dem Briefkasten neben der Tür quollen. Niemand außer den zahllosen Briefen, die verziert mit Totenköpfen und gestempelt mit Galgenmännchen und abstrakten Zeichnungen von tödlichen Waffen, eine eindeutige Botschaft des Inhalts lieferten, den anzusehen, ich nicht mehr den Nerv hatte.
Automatisch, als könnte ich mich nicht zurückhalten, als wollte ich mich selbst quälen, griff ich mit beiden Händen in die weiße Flut, packte, wessen ich habhaft werden konnte, und zog mich mit dem letzten Aufflackern der einstigen Selbstkontrolle wieder zurück in den Schutz der Wohnung.
Xaver starrte mich mit großen Augen an, und ich konnte es ihm nicht verdenken.
„Was… was ist denn los?“, stammelte er, auf einmal nicht mehr der junge Mann, der er so gerne wäre, sondern das unsichere Kind, das dem in mir verborgenen so ähnlich war.
Erst jetzt merkte ich, dass ich zitterte. „N… nichts…“, stotterte ich und versteckte die Briefe hinter meinem Rücken.
Doch Xaver war nicht umsonst in diversen für mich unverständlichen Ballsportarten zuhause. Obwohl ich alles getan hatte, um ihm beizubringen, dass Sport Mord sei und jede Bewegung unweigerlich zum Ende aller Lebenskraft führte, war es ihm doch gelungen, sich die Tricks der Sportler zu eigen zu machen, die ihren Ball aus der Hand des Gegners zaubern konnten, ohne, dass es besondere Anstrengung kostete. Natürlich konnte ich mich selbst auch nicht als ernsthaften Gegner bezeichnen. Demnach war es eigentlich kein Wunder, dass er mir die Handvoll Papiere entwinden konnte, bevor ich überhaupt etwas davon bemerkte. Jedoch seinen Gesichtsausdruck bemerkte ich sehr wohl.
„Was zum Teufel…?“
Er sah mich an. „Stirb du Schlampe!“
„Wie bitte?“ Ich merkte, wie ich rot anlief.
„Na… steht da.“ Er wies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen Umschlag, dessen rote Flecken bei genauerem Hinsehen, als kunstvoll verschnörkelte Blutstropfen zu erkennen waren.
Die Farbe wich wieder aus meinem Gesicht und ich spürte, wie meine Knie schwach wurden.
„Das… das ist bestimmt nur ein Scherz.“
„Ach ja?“ Xaver hielt mir einen grimmigen Totenkopf entgegen.
„Der hier auch?“ Er schüttelte den Kopf.
„Mensch, Mama. Diesmal hast du dir aber wirklich Feinde gemacht.“
„Ich weiß doch auch nicht, wie die an meine Adresse gekommen sind… ich… ich kann nichts dafür.“
Der kühl wissende Gesichtsausdruck Xavers belehrte mich eines Besseren.
„Und mir sagen, ich solle die Verantwortung für meine Fehler übernehmen. Pah!“
„Das… ich hab keine Fehler gemacht“, versuchte ich meine angekratzte Autorität wieder aufzurichten.
Xander lachte blechern. „Nein, nur Millionen anständiger, harmloser Krimifans so gekonnt vor den Kopf gestoßen, dass ihnen nichts Besseres einfällt, als dein Leben zu bedrohen.“
„Die… die bedrohen mich doch nicht… das können die doch nicht.“
„Also ich bezweifle das.“ Xaver ließ die Umschläge zu Boden flattern und durchquerte rasch den Raum, um sich über den Monitor zu beugen.
Ein Klick. „Und was ist das?“, schnappte er und begann zu buchstabieren, stoppte jedoch abrupt, als ihm die Bedeutung des Wortes aufging. Er lief rot an und das sollte wahrhaftig etwas bedeuten. War mein Söhnchen doch kein unbeschriebenes Blatt, wenn es darum ging, die Tiefen des Wortschatzes auszuloten. Ich selbst zog es vor, meinen Blick vom Monitor abzulenken und geflissentlich auf das Finn Cackleford Poster zu starren, das ich über dem Fernseher befestigt hatte. Es war das, auf dem er in lässig cooler Pose gegen einen Pferdezaun lehnte, im Einklang mit Natur und Weite der Landschaft. Ein Bild, das ich als gute Mutter also auch meinem Sohn zumuten konnte, ohne ihn fürs Leben zu schädigen.
Die Promo-Poster, auf denen Finn mit gezogener Pistole über Häuserdächer sprang, oder in schusssichere Weste gekleidet mit einem Messer zwischen den Zähnen und einer blutenden Wunde auf der Stirn, sich heldenhaft vor seinen bedrohten Partner warf, hatte ich wohlweislich in den Schrankinnentüren angebracht. Kam ja gar nicht in Frage, dass meine Begeisterung irgendwelche seltsam erscheinenden Züge annahm. Davon, einen Altar aus Zeitungsschnipseln zu basteln, war ich noch weit entfernt. So hoffte ich zumindest.
„Mama… hey!“ Xavers Finger schnippten knapp vor meinem Gesicht und weckten mich aus meiner Trance.
„Was… was ist denn los?“
„Was los ist?“ Xaver raufte sich die ohnehin schon struppigen Haare. „Was los ist?“, wiederholte er schrill. „Los ist, dass Wahnsinnige aus der Anstalt ausgebrochen sind und dir nun auflauern. Du hast nicht nur Indianer beleidigt, sondern auch noch ‚Agents on Fire‘–Fans.“
Ich verzieh ihm die aus einem momentanen Schock heraus geborene politische Unkorrektheit. „Was für eine Anstalt?“ Immerhin fand ich mich langsam wieder zurecht und verschränkte die Arme vor der Brust. „Hier gilt immer noch die Meinungsfreiheit… gerade im Internet.“
„Das denkst du vielleicht“, protestierte Xaver. „Aber du bist auch die Einzige, die es wagt, die Grenzen des guten Geschmackes wieder und wieder zu überschreiten und die Empfindsamkeit fremder Kulturen mit Füßen zu treten.“
„Amerikanische Ureinwohner hatten keine Angst vor Homosexualität“, warf ich ein und bereute mal wieder, dass ich meinem Sohn von Anfang an beigebracht hatte, auch rhetorisch seinen Mann zu stehen. Eigentlich hatte ich ihn schon in der Wiege ohne Punkt und Komma zugetextet. Er hatte keine andere Wahl, als sich so schnell wie möglich mit den Waffen, die ich ihm in die Hand gegeben hatte, zur Wehr zu setzen.
„Ganz im Gegenteil.“ Ich setzte zu einem Vortrag an. „Krieger zogen Stärke daraus, in der Nacht vor der Schlacht bei einem Mann zu liegen, der…“
Xaver hielt sich verzweifelt die Ohren zu. „Ich weiß, ich weiß. Und ich will es gar nicht wissen“, jammerte er gequält.
„Aber das ist doch das Schlimme“, fuhr ich enthusiastisch fort. Was sonst sollte ich auch tun, als mich auf vertrautem Gelände von der aktuellen Bedrohung fortzubewegen. „Das Schlimme, wenn sogar ihr jungen Leute eine solche Angst und Scham empfindet, wenn ihr nur das Wort schwul…“
„Lalalala…“ Xaver presste seine Hände nur noch fester gegen seinen Kopf und verdrehte die Augen. „Hab doch Erbarmen, Mama. Nicht jeder will von morgens bis abends nur über Das Eine sprechen.“
„Aber…“
Ein flehender Blick brachte meine Überzeugung ins Wanken, und ich beschloss, den Aufklärungsunterricht auf einen anderen Tag zu verschieben. Am Besten auf einen Tag, an dem ich nicht das Gefühl haben musste, eingekesselt von meinen Feinden im Inneren einer abgeschotteten Schlucht auf den Einmarsch der Armee zu warten. Einer Armee, die ausgezogen war, meine Person und alle Spuren ihrer Existenz von der Bildfläche zu wischen.
„Ist ja gut.“ Ich tätschelte ungelenk sein wirres Haar. „Ich bin schon still.“
Xaver ließ die Hände herabsinken und grinste schief. „Noch mal davon gekommen“, murmelte er und machte eine ungenaue Handbewegung, die sowohl die Briefe, als auch den Computer, sowie alles, was sich vor der Wohnungstür befand, einschloss. „Und was machen mir damit?“
Ich presste die Lippen zusammen und senkte den Kopf.
Rational denken, das war jetzt wichtig. Gut, Doris war eine Verrückte, doch wie weit würde sie wirklich gehen. Und wie viel von all dem ging letztendlich auf ihr Konto? Schließlich waren da noch die Indianer, die amerikanischen Ureinwohner, verbesserte ich mich im Stillen. Es war einfach traurig, dass sich alte Gewohnheiten und Ausdrücke so schwer abgewöhnen ließen.
Wie groß war die Gefahr wirklich? Und inwieweit war Xaver betroffen? Der Gedanke bohrte sich heiß in meine Eingeweide. Dass ich daran nicht früher gedacht hatte. Egal welchen Gefahren ich mich für meine Ideale aussetzen würde, es war alles andere als fair, meinen Jungen mit hinein zu ziehen.
Xavers Augenbrauen hatten sich prüfend zusammengezogen. Seine braunen Augen musterten mich aufmerksam.
„Mama? Was brütest du jetzt schon wieder aus“, fragte er argwöhnisch.
„Nichts, nichts“, beeilte ich mich zu versichern. „Ich brüte nichts aus, das würde ich nie.“
„Natürlich.“ Xaver rieb sich die Stirn. „Also was… von nun an immer auf der Flucht?“ Er sah sich um. „Ich meine, wir können nicht leugnen, dass das Ganze etwas unschön Bedrohliches annimmt.“
„Auf der Flucht? Wie meinst du das?“, erkundigte ich mich, das Schlimmste befürchtend.
„Na der Film“, stöhnte Xaver auf. „Immer auf der Flucht vor der Fangemeinde deiner Serie?“
„Ha!“ Ich versuchte spöttisch zu klingen, doch heraus kam lediglich ein erbärmlich weinerlicher Laut, der zudem noch halb in meinem Halse stecken blieb. Es würde doch nicht das erforderlich sein, wovor ich mich am meisten fürchtete? Es würde doch nicht…
*
Aus dem schonungslosen Offenbarungsbericht 'Maja - Geschichte einer Slasherin' die erste und absolut authentische Leseprobe:
Achtung - unsterbliches Werk - ich hab doch deutlich gewarnt - copyright: aavaa verlag (aber ich bin mir ziemlich sicher, Auszüge posten zu dürfen ... und wenn nicht - verklagt mich doch ...)
*
Diese Beleidigung meiner Lieblings-TV-Serie konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen und holte bereits Luft zum Gegenschlag, als sich Xavers Stirn auf einmal in Falten verzog. Sein Gesicht nahm den Ausdruck an, den ich nur aus Momenten kannte, in denen er über seinen Textaufgaben brütete.
„Also“, sagte er langsam und betont. „Du hast nicht nur Menschen aus fremden Ländern gesehen, sondern auch noch geheimnisvolle Sicherheitskräfte. Und du fürchtest, sie könnten etwas mit dir zu tun haben.“
„Es tut mir leid“, murmelte ich kleinlaut.
„Das sollte es auch. „Sein strafender Blick traf mich erbarmungslos. “Entweder dreht deine Phantasie völlig mit dir durch und du siehst Gespenster…“ Er stockte. „Mehr Gespenster als gewöhnlich.“ Eine seiner Augenbrauen wanderte in die Höhe. „Oder finstere Mächte suchen dich heim, um Rache zu nehmen für deine Internet-Untaten.“
Ich schluckte, doch wehrte ich mich. „Das sind keine Untaten. Das ist Befreiung und… und Befreiung eben…“
„Wehe, wenn sie losgelassen…“, stöhnte Xaver wieder. „Ehrlich. Ich hab keine Ahnung, was du meinst, aber offensichtlich musst du schleunigst damit aufhören.“ Hoffnung flackerte in seinem Blick. „Und etwas Vernünftiges tun. Etwas Sinnvolles. Etwas, das ich auch in der Schule erzählen kann.“ Er schob die Unterlippe vor, und ein hysterisches Kichern brach sich aus mir Bahn.
„Es tut mir leid“, wiederholte ich und knuffte ihn in die Seite. „Ich reiß mich zusammen.“ Ich überlegte. „Das bedeutet, ich werde erst einmal darüber schreiben.“ Erleichtert atmete ich auf, froh eine momentane Lösung entdeckt zu haben.
„Na doll“, grummelte der Junge in sich hinein und wühlte in seiner Schultasche. Doch kaum hatte er seinen Gameboy in den Fingern, ließ ihn ein Aufschrei seiner Mutter zusammenzucken.
„Verdammt.“ Der Bildschirm flackerte, doch das war nicht die Ursache meines Unmutes. Obwohl mein Sorgenkind, der Computer sich wie üblich mühsam und lautstark aus seinem Schönheitsschlaf aufrappelte, sich stotternd einige Momente weigerte und zierte, so ließ er sich doch eigentlich rasch und problemlos hochfahren und ermöglichte mir den Zugang zu der Welt, die mein ein und alles war. Doch mein Fluch hatte einen Grund und der lag nicht nur in der überquellenden Mailbox.
Ein schlechtes Zeichen, fürwahr. Ließ ich doch die zahlreichen Kommentare zu meinen Werken nicht mehr direkt in meinen Briefkasten senden, sondern bemühte mich, die Korrespondenzen auf ein Mindestmaß zu beschränken. Ein Zugeständnis, das dem kreativen Genius erlaubt werden sollte. Ein Zugeständnis, das vielleicht mein Ego weniger streichelte, da ich weniger Feedback, weniger Lob und Ermunterung seitens abhängiger Leser erhielt. Aber das Opfer war eine Notwendigkeit, hemmte doch jede Zeitverschwendung den Fluss des Schaffens. Ergo war es kein Wunder, dass ich beim ungewohnten Anblick der Anzahl von Nachrichten erschrak. Noch weniger verwunderlich war es, dass ich in regelrechte Panik geriet, als sich mir die Absender jener Nachrichten offenbarten. Das Unheil ließ sich zwar nicht auf eine Person zurückführen, jedoch auf die Bewegung, deren Wort- und Rädelsführer diese Person war. Wie um alles in der Welt war sie an meine E-Mail Adresse geraten? Womit in aller Welt hatte ich das verdient.
Schon seit geraumer Zeit machte sie mir das Leben schwer, verwässerten ihre penibel ausgedrückten, vernichtend konservativen Kommentare meinen Lesern den Kunstgenuss. Schon seit geraumer Zeit kämpften meine Online Anhänger auf virtuellem Grunde gegen die giftigen Säuren, die sich den Weg durch ihren Netzanschluss in die unschuldige Gemeinschaft der Freunde romantischer Literatur bahnten.
Natürlich war es eben diese Romantik, die dieser Dame ein Dorn im Auge war. Diese Romantik, die ihrem verknöcherten Gemüt den Brechreiz entlockte, dem sie verbalen Ausdruck verlieh.
Doris van Karnten, extremistisches Fangirl der Jahrtausendserie ‚Agents on Fire‘. Sie leitete nicht nur einen Fanclub, sondern gleich mehrere. Sie organisierte Foren, Conventions, Petitionen und Aktionen verschiedenster Färbungen und Ziele. Sie betrieb einen Fanshop, produzierte Briefpapier, Ansichtskarten, Wallpaper und Banner mit den Helden des kleinen Bildschirms.
Mit meinem Helden, dem blonden Star der Serie: Finn Cackleford. Ich will nicht behaupten, dass ich ihn mehr liebte, als sie es tat. Ich will auch nicht behaupten, dass ich das einzig wahre Recht auf die Auffassung des Charakters besaß, den er so gekonnt und genial verkörperte. Ich behaupte allerdings, dass mir das Recht zusteht, meine Auffassung der Dinge zu veröffentlichen, gleichgesinnten Seelen so die Möglichkeit zu verschaffen, ein Forum für ihre einsamen Fantasien zu entdecken, sich nicht alleine zu fühlen mit dem, was sich im tiefsten Inneren ihrer Seele, in den verbotenen, verschlossenen Kerkern versteckte.
War es denn falsch zu träumen? War es falsch von Romantik zu träumen in einer Welt, die so vollkommen frei von Romantik ist? Und diese Welt war frei von Romantik. Es war die harte Welt der Geheimdienste. Eine knallharte Welt, dominiert von Gewalt und Hass. War es nicht umso entzückender, ausgerechnet in dieser Welt die zarte Pflanze der Liebe erblühen zu lassen, zwei Seelen zu vereinen, die so verschieden, so weit voneinander entfernt und doch so nah waren.
Natürlich, sie waren beide Kollegen, meine Agenten. Ein Job, eine Berufung, ein Ideal. Und sie beide waren Männer. Zwei Männer, die sich liebten.
Natürlich nicht in der Serie. Nicht auszudenken in einer amerikanischen Mainstream Produktion. Nicht auszudenken, eine Idee wie diese der texanischen Landbevölkerung zuzumuten.
Aber hier, im freien Europa, in einem freien Land, in der freien Phantasiewelt einer Frau? Nein, nicht einer Frau alleine. Tausende teilten meine Vision. Tausende sahen in dem wöchentlichen Geplänkel, den Macho-artigen Streitereien unter tapferen Kriegern gegen das Böse, nur ein Vorspiel für etwas Größeres, etwas Wahrhaftiges, für die echte Liebe, wie sie es nur zwischen zwei gleichgestellten Kerlen geben kann. Kämpfend um Dominanz, kämpfend um die Macht, kämpfend für ein abstraktes Ziel, das sensible Gemüter kaum interessierte. Der Kampf dagegen, erschwert durch persönliche Schicksalsschläge, Dramen und Seelenqualen – er konnte nur zu einer Lösung, zu einem Höhepunkt führen. Zu der absoluten Hingabe an den einzigen Menschen, der Halt und Stütze gewährleisten konnte. Und in Finn Cacklefords Welt, besser gesagt, in der seines Charakters, konnte es das Ersehnte nur in einem Menschen geben. In dem großen, dunkel gelockten Angelo Multobene, seinen Partner, seinen Mitstreiter, seiner Deckung.
Und in den Gefilden der Slash-Literatur, seines Geliebten.
Heimlich lasen sie es; heimliche Leidenschaften flammten auf bei der Vorstellung der beiden ach so männlichen Figuren, im immerwährenden Clinch. Ungebrochen seelisch und körperlich verstrickt in immerwährender Umschlingung der heißen Leiber, vereint in dem ewigen Tanz, suchend nach Ekstase, verlangend nach Erfüllung, wissend um die Unmöglichkeit ihres Begehrens.
Slash macht frei. Der Slash verschönert den grauen Alltag, Slash hält Existenzen wie die meine am Leben. Slash vertreibt die Langeweile und die Enttäuschung. Er öffnet Pforten, enthüllt Geheimnisse, erlaubt Entdeckungen. Der Slash ist die Krone der Fanliteratur.
Doch dann gab es sie. Menschen, anonyme Gesichter, die es nicht ertragen konnten, wenn ihre Helden anders handelten, anders liebten, als es in ihrer verklemmten Gemütswelt möglich sein durfte. Selbst wenn es nur in der Phantasie einer einzelnen Person geschah. Und all diese gesichtslosen Menschen kumulierten in einer Figur, Doris van Karnten. Doris, weizenblond gefärbt, hager von Gestalt, besessen von der Reinheit des heldenhaften Agenten. Besessen von der selbstgewählten Aufgabe, die Beschmutzer jener Reinheit bloßzustellen, sich an ihnen zu rächen, sie zu vernichten.
Und vor allen anderen, die die Welt anders sahen als sie selbst, hatte sie mich auf ihrem Kieker. Vielleicht, weil ich deutsch schrieb und sie daher wohl eher zufällig auf meine beleidigenden Geschichten gestoßen war. Vielleicht, weil ich die Einzige war, die es wagte, auch in unserer so kalten, harten Muttersprache die Charaktere der Serie auszuleihen, um sie unmenschlichen Torturen zu unterziehen. Vielleicht auch nur, weil ich es war, weil ich für sie erreichbar war, weil sie mich gefunden hatte. Weil sie mich jetzt gefunden hatte. Es musste etwas zu tun haben mit dieser ID, IP Nummer, die hin und wieder und vollkommen unverständlich für technisch und logisch unbegabte Geister wie mich erwähnt wird. Ich wusste, dass ich mehr Vorsicht hätte walten lassen sollen, dass eine erfundene Identität, ein abgedrehter Künstlername einfach nicht ausreichte. Grob fahrlässig, so hatte ich gehandelt, anders ließ es sich nicht erklären.
Ich starrte auf die Absender. Sie war es. Unverkennbar ihre Mailadresse. Unverkennbar der Account ihrer Fangemeinschaft. Es war… all diese Hasstiraden trugen ihre Handschrift. Es reichte aus, die Betreffzeilen zu lesen, um sich dessen klar zu werden. Es reichte, sich ein wenig in den Gebieten, in den Räumen der Fangemeinschaften herumgetrieben zu haben. Und ihre Anhänger hatten es ihr gleichgetan. Mein Briefkasten quoll über. Mein Geheimnis war gelüftet.
Trotz des Pseudonyms, unter dem ich schrieb, trotz der Vorsichtsmaßnahmen, die ich so gewissenhaft getroffen hatte, war meine Anschrift durchgesickert.
Ein beängstigender Verdacht breitete sich in mir aus. Mein Kopf fuhr herum, und ich starrte Xaver erschrocken an. Er blickte zurück, mindestens ebenso verwirrt, doch glücklicherweise noch ohne den Ernst der Lage zu erkennen. Glückliches Kind.
Ich stürmte an ihm vorbei. Ich riss die Tür auf. Zu spät kam mir die Unvorsichtigkeit dieser Handlung zu Bewusstsein. Doch noch spielte diese keine Rolle. Niemand bedrohte mich. Noch nicht. Niemand mit Ausnahme der Papiere, der Massen von Papieren, die aus dem Briefkasten neben der Tür quollen. Niemand außer den zahllosen Briefen, die verziert mit Totenköpfen und gestempelt mit Galgenmännchen und abstrakten Zeichnungen von tödlichen Waffen, eine eindeutige Botschaft des Inhalts lieferten, den anzusehen, ich nicht mehr den Nerv hatte.
Automatisch, als könnte ich mich nicht zurückhalten, als wollte ich mich selbst quälen, griff ich mit beiden Händen in die weiße Flut, packte, wessen ich habhaft werden konnte, und zog mich mit dem letzten Aufflackern der einstigen Selbstkontrolle wieder zurück in den Schutz der Wohnung.
Xaver starrte mich mit großen Augen an, und ich konnte es ihm nicht verdenken.
„Was… was ist denn los?“, stammelte er, auf einmal nicht mehr der junge Mann, der er so gerne wäre, sondern das unsichere Kind, das dem in mir verborgenen so ähnlich war.
Erst jetzt merkte ich, dass ich zitterte. „N… nichts…“, stotterte ich und versteckte die Briefe hinter meinem Rücken.
Doch Xaver war nicht umsonst in diversen für mich unverständlichen Ballsportarten zuhause. Obwohl ich alles getan hatte, um ihm beizubringen, dass Sport Mord sei und jede Bewegung unweigerlich zum Ende aller Lebenskraft führte, war es ihm doch gelungen, sich die Tricks der Sportler zu eigen zu machen, die ihren Ball aus der Hand des Gegners zaubern konnten, ohne, dass es besondere Anstrengung kostete. Natürlich konnte ich mich selbst auch nicht als ernsthaften Gegner bezeichnen. Demnach war es eigentlich kein Wunder, dass er mir die Handvoll Papiere entwinden konnte, bevor ich überhaupt etwas davon bemerkte. Jedoch seinen Gesichtsausdruck bemerkte ich sehr wohl.
„Was zum Teufel…?“
Er sah mich an. „Stirb du Schlampe!“
„Wie bitte?“ Ich merkte, wie ich rot anlief.
„Na… steht da.“ Er wies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen Umschlag, dessen rote Flecken bei genauerem Hinsehen, als kunstvoll verschnörkelte Blutstropfen zu erkennen waren.
Die Farbe wich wieder aus meinem Gesicht und ich spürte, wie meine Knie schwach wurden.
„Das… das ist bestimmt nur ein Scherz.“
„Ach ja?“ Xaver hielt mir einen grimmigen Totenkopf entgegen.
„Der hier auch?“ Er schüttelte den Kopf.
„Mensch, Mama. Diesmal hast du dir aber wirklich Feinde gemacht.“
„Ich weiß doch auch nicht, wie die an meine Adresse gekommen sind… ich… ich kann nichts dafür.“
Der kühl wissende Gesichtsausdruck Xavers belehrte mich eines Besseren.
„Und mir sagen, ich solle die Verantwortung für meine Fehler übernehmen. Pah!“
„Das… ich hab keine Fehler gemacht“, versuchte ich meine angekratzte Autorität wieder aufzurichten.
Xander lachte blechern. „Nein, nur Millionen anständiger, harmloser Krimifans so gekonnt vor den Kopf gestoßen, dass ihnen nichts Besseres einfällt, als dein Leben zu bedrohen.“
„Die… die bedrohen mich doch nicht… das können die doch nicht.“
„Also ich bezweifle das.“ Xaver ließ die Umschläge zu Boden flattern und durchquerte rasch den Raum, um sich über den Monitor zu beugen.
Ein Klick. „Und was ist das?“, schnappte er und begann zu buchstabieren, stoppte jedoch abrupt, als ihm die Bedeutung des Wortes aufging. Er lief rot an und das sollte wahrhaftig etwas bedeuten. War mein Söhnchen doch kein unbeschriebenes Blatt, wenn es darum ging, die Tiefen des Wortschatzes auszuloten. Ich selbst zog es vor, meinen Blick vom Monitor abzulenken und geflissentlich auf das Finn Cackleford Poster zu starren, das ich über dem Fernseher befestigt hatte. Es war das, auf dem er in lässig cooler Pose gegen einen Pferdezaun lehnte, im Einklang mit Natur und Weite der Landschaft. Ein Bild, das ich als gute Mutter also auch meinem Sohn zumuten konnte, ohne ihn fürs Leben zu schädigen.
Die Promo-Poster, auf denen Finn mit gezogener Pistole über Häuserdächer sprang, oder in schusssichere Weste gekleidet mit einem Messer zwischen den Zähnen und einer blutenden Wunde auf der Stirn, sich heldenhaft vor seinen bedrohten Partner warf, hatte ich wohlweislich in den Schrankinnentüren angebracht. Kam ja gar nicht in Frage, dass meine Begeisterung irgendwelche seltsam erscheinenden Züge annahm. Davon, einen Altar aus Zeitungsschnipseln zu basteln, war ich noch weit entfernt. So hoffte ich zumindest.
„Mama… hey!“ Xavers Finger schnippten knapp vor meinem Gesicht und weckten mich aus meiner Trance.
„Was… was ist denn los?“
„Was los ist?“ Xaver raufte sich die ohnehin schon struppigen Haare. „Was los ist?“, wiederholte er schrill. „Los ist, dass Wahnsinnige aus der Anstalt ausgebrochen sind und dir nun auflauern. Du hast nicht nur Indianer beleidigt, sondern auch noch ‚Agents on Fire‘–Fans.“
Ich verzieh ihm die aus einem momentanen Schock heraus geborene politische Unkorrektheit. „Was für eine Anstalt?“ Immerhin fand ich mich langsam wieder zurecht und verschränkte die Arme vor der Brust. „Hier gilt immer noch die Meinungsfreiheit… gerade im Internet.“
„Das denkst du vielleicht“, protestierte Xaver. „Aber du bist auch die Einzige, die es wagt, die Grenzen des guten Geschmackes wieder und wieder zu überschreiten und die Empfindsamkeit fremder Kulturen mit Füßen zu treten.“
„Amerikanische Ureinwohner hatten keine Angst vor Homosexualität“, warf ich ein und bereute mal wieder, dass ich meinem Sohn von Anfang an beigebracht hatte, auch rhetorisch seinen Mann zu stehen. Eigentlich hatte ich ihn schon in der Wiege ohne Punkt und Komma zugetextet. Er hatte keine andere Wahl, als sich so schnell wie möglich mit den Waffen, die ich ihm in die Hand gegeben hatte, zur Wehr zu setzen.
„Ganz im Gegenteil.“ Ich setzte zu einem Vortrag an. „Krieger zogen Stärke daraus, in der Nacht vor der Schlacht bei einem Mann zu liegen, der…“
Xaver hielt sich verzweifelt die Ohren zu. „Ich weiß, ich weiß. Und ich will es gar nicht wissen“, jammerte er gequält.
„Aber das ist doch das Schlimme“, fuhr ich enthusiastisch fort. Was sonst sollte ich auch tun, als mich auf vertrautem Gelände von der aktuellen Bedrohung fortzubewegen. „Das Schlimme, wenn sogar ihr jungen Leute eine solche Angst und Scham empfindet, wenn ihr nur das Wort schwul…“
„Lalalala…“ Xaver presste seine Hände nur noch fester gegen seinen Kopf und verdrehte die Augen. „Hab doch Erbarmen, Mama. Nicht jeder will von morgens bis abends nur über Das Eine sprechen.“
„Aber…“
Ein flehender Blick brachte meine Überzeugung ins Wanken, und ich beschloss, den Aufklärungsunterricht auf einen anderen Tag zu verschieben. Am Besten auf einen Tag, an dem ich nicht das Gefühl haben musste, eingekesselt von meinen Feinden im Inneren einer abgeschotteten Schlucht auf den Einmarsch der Armee zu warten. Einer Armee, die ausgezogen war, meine Person und alle Spuren ihrer Existenz von der Bildfläche zu wischen.
„Ist ja gut.“ Ich tätschelte ungelenk sein wirres Haar. „Ich bin schon still.“
Xaver ließ die Hände herabsinken und grinste schief. „Noch mal davon gekommen“, murmelte er und machte eine ungenaue Handbewegung, die sowohl die Briefe, als auch den Computer, sowie alles, was sich vor der Wohnungstür befand, einschloss. „Und was machen mir damit?“
Ich presste die Lippen zusammen und senkte den Kopf.
Rational denken, das war jetzt wichtig. Gut, Doris war eine Verrückte, doch wie weit würde sie wirklich gehen. Und wie viel von all dem ging letztendlich auf ihr Konto? Schließlich waren da noch die Indianer, die amerikanischen Ureinwohner, verbesserte ich mich im Stillen. Es war einfach traurig, dass sich alte Gewohnheiten und Ausdrücke so schwer abgewöhnen ließen.
Wie groß war die Gefahr wirklich? Und inwieweit war Xaver betroffen? Der Gedanke bohrte sich heiß in meine Eingeweide. Dass ich daran nicht früher gedacht hatte. Egal welchen Gefahren ich mich für meine Ideale aussetzen würde, es war alles andere als fair, meinen Jungen mit hinein zu ziehen.
Xavers Augenbrauen hatten sich prüfend zusammengezogen. Seine braunen Augen musterten mich aufmerksam.
„Mama? Was brütest du jetzt schon wieder aus“, fragte er argwöhnisch.
„Nichts, nichts“, beeilte ich mich zu versichern. „Ich brüte nichts aus, das würde ich nie.“
„Natürlich.“ Xaver rieb sich die Stirn. „Also was… von nun an immer auf der Flucht?“ Er sah sich um. „Ich meine, wir können nicht leugnen, dass das Ganze etwas unschön Bedrohliches annimmt.“
„Auf der Flucht? Wie meinst du das?“, erkundigte ich mich, das Schlimmste befürchtend.
„Na der Film“, stöhnte Xaver auf. „Immer auf der Flucht vor der Fangemeinde deiner Serie?“
„Ha!“ Ich versuchte spöttisch zu klingen, doch heraus kam lediglich ein erbärmlich weinerlicher Laut, der zudem noch halb in meinem Halse stecken blieb. Es würde doch nicht das erforderlich sein, wovor ich mich am meisten fürchtete? Es würde doch nicht…
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