Samstag, 15. August 2009

Prinzip Gesichtsblindheit

Prinzip Gesichtsblindheit
Autor: callisto24

* * *

Corinna hatte nie vermutet, irgendwelche wie auch immer gearteten Probleme betreffend ihrer Wahrnehmung mit sich herumzutragen. Sie war immer in der Lage gewesen, sich auf ihrem Lebensweg zu recht zu finden. Ohne Auffälligkeiten und Probleme, sowohl was ihr Privatleben als auch ihren beruflichen Werdegang anging, gelang es ihr gerade aus durch die Welt zu marschieren.
Natürlich mussten Abstriche gemacht werden. Natürlich war sie gezwungen ihre Grenzen zu erkennen und sich auf diese einzustellen.
Doch blieb sie Zeit ihres Lebens davon überzeugt, dass sie sich diese Grenzen selbsttätig erschuf, dass ihre gelegentlichen Ausfälle, ihre regelmäßig auftretende Verwirrtheit doch nur an ihrer Zerstreutheit lag, an ihrer Neigung durch die Welt zu spazieren, während sie mit ihrem Kopf in den Wolken schwebte.
Eine Träumerin, das war sie immer gewesen. Und existierte überhaupt ein Zweifel daran, dass die Traumwelt jederzeit der Realität vorzuziehen sei?
Corinna glaubte nicht daran.
Die Realität trug zu viel Schwere, zu viel Trauer und zu viel Trockenheit in sich, als dass es ihr erstrebenswert erschien, sich von morgens bis abends mit dieser abzufinden. Sie wählte ihre Ausflüge in die Leichtigkeit der Phantasie freiwillig, und im besten Wissen ihrer Kosten.
Denn blieb sie abgelenkt, nur mit den Füßen locker dem Boden der Wirklichkeit verhaftet, so entgingen ihr zwangsläufig Einzelheiten, und gelegentlich gar bedeutende Einzelheiten, deren Abwesenheit in ihrem Bewusstsein zu Corinnas Verwirrung beitrugen, und so manches Mal zu durchaus bedenklichen Folgen führten.
Doch handelte es sich niemals um Folgen, die in ihrer Tragweite das kurzfristige Chaos in Corinnas Verstand auf irreparable Art manifestierten. Corinna war stets in der Lage, nach einer kurzen Phase der Verwirrung ihren Halt in der Realität erneut zu verankern, Schlüsse zu ziehen und Hinweise zu verknüpfen, bis sie ihren Anschluss an die ablaufenden Vorgänge fand und sich wieder in das Geschehen einklinkte.
Corinna war intelligent, daran hatte es nie einen Zweifel gegeben. Und somit gelang es ihr auch jedesmal von neuem, ihren unauffälligen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten, unabhängig davon, für wie unnötig und sinnlos sie diese an sich hielt.
Daher war es ihr auch ein leichtes die Erwähnung des Phänomens flink beiseite zu schieben, als eine der Merkwürdigkeiten der Welt zu betrachten, die nicht das Geringste mit ihr oder mit ihrem Leben zu tun hatten.
Dazu gesellte sich die Überzeugung, die Corinna ihr Leben lang begleitete, die unumstößliche Gewissheit, dass sie es besser konnte, wenn sie es denn nur wollte. Und mit ‚es‘ meinte sie die oft unterschätzte, selten anerkannte, weil stets als selbstverständlich angenommene Fähigkeit der Differenzierung zwischen den Menschen, die ihre Welt bevölkerten.
Und wenn ihre Tante darüber klagte, dass sie die Gesichter ihrer Mitmenschen nicht voneinander unterschied, so reagierte Corinna lediglich mit einem abfälligen Schmunzeln. Wenn Tantchen darauf bestand, dass sie in Filmen und Theaterstücken regelmäßig gezwungen war, sich ihren eigenen Reim auf Namen und Ereignisse zu machen, da sie die auftretenden Personen unmöglich unterscheiden konnte, so schob Corinna dies auf die Sehschwäche, die ihre Tante zwang stets eine dicke Brille zu tragen.
Denn sie selbst, Corinna, kannte Probleme dieser Gestalt nicht. Corinna war eine aufmerksame Betrachterin jeglicher Ereignisse auf dem Bildschirm, verfolgte Personen und Handlungsabläufe entsprechend der ihr gebührenden Bedeutung.
Denn schließlich lieferten ihr Filme und vor ihr ausgebreitete Geschichten, Entwicklungen und Charakterzeichnungen die ultimative Vorlage für die Traumwelten, die sie als Ausgleich zu der Ödnis ihres Lebens benötigte. Soweit war sie in ihrer Erkenntnis der Tatsachen bereits gelangt.
Sie studierte die Gesichtszüge der Protagonisten, die sie interessierten, deren Geschichten sie für sich weiterspann, und die sich ihr unauslöschlich einprägten, ob sie nun wollte, oder nicht.
Es bestand keine Möglichkeit, dass sie diese Züge je verwechselte, jemals einen Zweifel daran hegte, zu wem sie gehörten, um welchen Charakter, um welchen Menschen es in welcher Situation ging.
Nicht in der Welt der Träume.
Und somit lag der Schluss klar auf der Hand. Auch im wirklichen Leben existierte kein Zweifel. Das einzige, was existierte, war ihr eigener Mangel an Interesse, an Aufmerksamkeit.
Gesichter, die in ihrem Leben eine Rolle spielten, waren schlichtweg nicht interessant genug, als dass sie sich diese merkte.
Zudem verbot ihr die anerzogene Höflichkeit einem Menschen allzu lange und allzu gerade ins Gesicht zu starren, bis sich seine Züge ihr einprägten.
Ein Problem, auf das sie während der Betrachtung des Bildschirms keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Ganz im Gegenteil. Es gehörte in Situationen wie diesen gewissermaßen zu ihren Aufgaben, sich so gut als möglich auf die Person zu konzentrieren, deren Bemühungen doch auch nur dieses Ergebnis bezweckten. Angesehen zu werden, beobachtet, bis sich das Gesicht und im besten Falle zugleich auch der Name für immer in das Gedächtnis der Zuschauer einprägten.

Und Corinna war zufrieden damit. Ihr Leben brauchte nicht mehr. Es gab wenige Menschen auf die es ihr ankam, und diese hatte sie um sich.
Warum den Mann von Gegenüber, warum die Frau im benachbarten Büro grüßen in einer wertlosen, atemverbrauchenden Geste, die doch keinen von ihnen auf nur irgendeine Weise glücklicher zurückließ.
Gesichtsblindheit – was für ein Unsinn.

Corinna küsste ihren Mann zum Abschied. Sie stand mit ihrem Töchterchen am Hauseingang und sah zu, wie er ihnen zuwinkte, bevor er den Motor startete.
Diese Geschäftsreise sollte länger währen als es üblich war, aber Corinna hatte alles im Griff. Sie war stets gut im Organisieren. Sie handelte klug und umsichtig, beinahe vorsichtig. Und darauf war sie stolz, verminderte ihre Vorsicht doch die Risiken, denen sich weniger umsichtige Menschen nur allzu häufig gegenüber sahen.

Es war einer dieser Tage. Corinna holte ihr Kind vom Hort und gab vor, nur schweren Herzens der Bitte der Kleinen nachzugeben, die den Rest des Nachmittags bei einer ihrer kleinen Freundinnen verbringen wollte. Innerlich jubilierte sie jedoch, froh über die wenigen Stunden der Freiheit, die ihr bevorstanden, konnte sie das Kind bei einer anderen Mutter gut aufgehoben wissen.
Mit einem Seufzer schloss sie die Tür hinter sich, sperrte die schwüle Hitze aus, und genoss die ersten Atemzüge in der Kühle des Hauses.
Fast zwei Wochen war ihr Mann bereits fort, und sie musste ehrlich gestehen, dass sie ihn nicht einmal vermisste. Noch nicht, dachte sie im Stillen. Zur Gewohnheit sollte er sich diese langen Reisen jedoch nicht machen. Es war schon so schwierig, gleichzeitig Mutter und Bürokraft zu spielen. Jede ihrer freien Minuten den Launen der Kleinen zu widmen, trug nicht zu ihrem Wohlbefinden bei.

Doch nun sah sie einem Moment des Friedens entgegen, inmitten der Abgeschiedenheit ihrer vier Wände, angenehm kühler Luft und der kargen Inneneinrichtung, die es ihr erlaubte, die Gedanken schweifen zu lassen, ohne dass sie an einer unnötigen Spielerei hängen blieben.

Corinna sank in die Polster ihrer Couch, und seufzte genüsslich auf. Vor sich hielt sie ein Glas sprudelnden Proseccos, der beinahe ein wenig zu warm war, um perfekt zu sein, doch den kühl zu stellen, ihr die Geduld fehlte.

Sie nippte leicht daran, legte den Kopf zurück und beschloss ihr Strohwitwendasein so angenehm als möglich zu gestalten.
Corinna merkte nicht, wie sie einschlief. Eigentlich döste sie nur, und doch fühlte sie sich im Moment des Erwachens leicht desorientiert.
Sie schrak hoch, verschüttete unbemerkt den Prosecco, der locker auf der Lehne des Sofas ruhte, fing im letzten Augenblick das Glas auf und stellte es zurück auf den hellen Tisch.
Corinna rieb sich die Augen, blinzelte dann, und blickte zur Uhr.
Viel Zeit war nicht vergangen. Was konnte es also sein, das sie geweckt hatte? Keines der Geräusche, die von draußen, aus der Straße, den Gärten oder den sich zusammenballenden Wolken in die scheinbare Sicherheit ihres Hauses drangen, hielten normalerweise die Macht, Corinna aufzuschrecken.
Sie setzte sich auf, und blickte um sich. Nichts hatte sich verändert. Nichts wirkte anderes, als sie es gewohnt war. Und doch stimmte etwas nicht, befand sich etwas in diesem Haus, das ihr Schauer über den Rücken jagte. Etwas Unbekanntes und Bedrohliches, das sie von Sekunde zu Sekunde stärker aufrüttelte.
Und dann hörte sie es, hörte ihn.
Denn es musste sich um einen Mann handeln. Die schweren Schritte, die unter ihr auf dem harten Zement des Kellerbodens klangen, ließen keinen Zweifel.
‚Ein Einbrecher‘, dachte sie und der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Schlimmer noch, ein Mörder, der ihr Haus beobachtet hatte, die Möglichkeit erkannt.
Eine Frau alleine, ohne Schutz in einem großen Haus, verpflichtet alles zu tun, um ihr kleines Mädchen zu beschützen.
Welch ein leichteres Opfer konnte es geben. Ob es sich nun um einen Wahnsinnigen, getrieben von seinem Durst nach Blut handelte, um einen Vergewaltiger, Kinderschänder oder Verbrecher einer Spezies, an deren Existenz Corinna sich zu denken weigerte – für sie lief es auf dasselbe Ergebnis hinaus.

Corinna kämpfte ihren Schrecken nieder. Sie rutschte vorsichtig bis an den Rand der Sitzfläche, bemühte sich kein Geräusch zu verursachen, als sie sich erhob, als sie in wenigen Schritten den Raum durchquerte.
Wie gut, dass Vorsicht stets ihre oberste Priorität gewesen war. Wie gut, dass sie für alle Eventualitäten vorgesorgt hatte.
Die Geräusche unter ihr waren verstummt, und Corinna stellte sich vor, wie der Mann ein Versteck aufsuchte, sich auf die Lauer legte, sich darauf einrichtete, geduldig abzuwarten, bis seine Zeit gekommen war. Bis die Nacht sich über das Haus gesenkt hatte, und seine Bewohner in tiefem Schlafe lagen, so dass er aus der Tiefe emporsteigen konnte, und sein schmutziges, blutiges Werk beginnen.
Corinna erschauerte. Vorsichtig, langsam und mit zusammengepressten Lippen, sorgsam darauf bedacht, keinen einzigen Laut zu erzeugen, öffnete sie die glücklicherweise perfekt geölte Schranktür.
Sie erhob sich auf ihre Zehenspitzen und griff in die Höhe. In der obersten rechten Ecke, gut versteckt, sicher vor den Händen von Kindern oder unbefugter Personen, dort hatte ihr Mann sie verstaut. Die Waffe, von der Corinna niemals angenommen hatte, dass er sie außerhalb des Schützenvereines gebrauchen konnte, geschweige denn, dass sie selbst jemals das Verlangen verspüren sollte, diese in ihren Händen zu halten.
Nur zur Vorsicht hatte er ihr beigebracht, wie man die Waffe hielt, und wie man sie bediente, und Corinna hatte gelacht, und ihn mit seiner Vorliebe für Wild-West-Geschichten aufgezogen.
Doch jetzt sah alles anders aus. Jetzt war sie die Einzige, der es oblag ihren eigenen Grund und Boden zu verteidigen. Und den Besitz ihres Gatten, sowie das Leben und die Sicherheit des Kindes. In einem Augenblick wie diesem durfte nicht gezweifelt werden. Entscheidungen mussten getroffen, Konsequenzen akzeptiert werden.
Corinna entsicherte die Waffe, und hielt sie im Anschlag. Immer noch hörte sie nichts. Immer noch regte sich niemand unter ihr.
Und doch hatte sie sich nicht getäuscht. Einen Streich wie diesen konnte ihre Phantasie ihr nicht gespielt haben.
So bewegte sie sich langsam, aber entschlossen vorwärts, lautlos, denn das Überraschungsmoment wollte sie auf ihrer Seite wissen.
Corinna näherte sich der Kellertreppe, spähte aufmerksam hinunter, bevor sie aus ihren Schuhen schlüpfte, um barfuß den Weg in die Tiefe anzutreten.
Gerade gewöhnte sie sich an das Gefühl der rauen Stufen unter ihren empfindlichen Sohlen, gerade erwog sie doch heimlich die Möglichkeit einer Überreaktion ihrerseits, die Möglichkeit, dass die Gefahr, die sie fühlte doch nur in ihrem Kopf existierte, und sie es aufgeben sollte, sich den Auswüchsen ihrer eigenen Phantasie zu unterwerfen, da flammte das kalte Licht der Glühbirne auf.
Corinna zuckte zusammen, stieß ein Keuchen aus und hob unwillkürlich die Waffe, bevor sie in die ungewohnte Grelle blinzelte.
Und da stand er, genau vor ihr. Ein hässliches Grinsen auf dem Gesicht, die Hände erhoben in einer drohenden Gebärde.
Selbst auf der Straße hätte sie ihn als einen Mann erkannt, der nichts als Böses im Sinn trug. Sein Haar stand ungebärdig vom Kopf ab, unter den Augen lagen tiefe Schatten und ein ungepflegter Drei-Tage-Bart ließ keinen Zweifel an seinen finsteren Absichten.
Die Augen des Mannes blitzten und er öffnete seine Lippen, um etwas zu sagen, als Corinna schoss.
Der Rückstoß nahm ihr den Atem, doch mehr noch tat es der verblüffte Ausdruck im Gesicht des Fremden, der langsam rückwärts wankte, zitternde Hände zu der Wunde hob, aus der das Blut hellrot sprudelte.
In seiner Kehle gurgelte etwas, und dann stürzte er mit einem Krach zu Boden.
Corinna keuchte, als sie ein weiteres Geräusch vernahm. Sie wirbelte herum und schoss, schoss sich ihren Weg frei.
Sie erklomm die Treppe mit letzter Kraft, trat in die Lache Blutes, das aus dem Leib der Komplizin des Einbrechers austrat. Mit einem großen Schritt stieg sie über das Kind, das an der Seite der Frau gewesen war und nun leblos auf dem Boden lag.
Dann rannte Corinna hinaus, hetzte vorwärts, in das pralle Sonnenlicht. Die Waffe entglitt ihren Händen als grelle Sirenen ihr Trommelfell durchschnitten. Sie presste ihre Hände gegen die Ohren, presste immer noch, als Uniformierte aus den Autos stürzten, sie zu Boden warfen und schließlich gewaltsam ihre Arme auf dem Rücken fesselten.
„Mörder“, keuchte sie. „Einbrecher – dort drinnen.“

Sie wurde in die Höhe gerissen und auf den Rücksitz eines Wagens geworfen, als ein Mann im Anzug mit blassem Gesicht auf sie zukam.
„Sie haben ihren Mann erschossen“, sagte dieser leise und trotz des Lärms und der Aufregung, die sie umgab, vernahm sie seine Worte. „Ihren Mann, der für sie aus dem Keller einen Hobbyraum machen wollte.“ Er schüttelte den Kopf. „Und ihr Kind. Können Sie mir sagen, wieso Sie geschossen haben? Was hat er ihnen angetan? Was hat das Kind ihnen angetan, oder die Frau?“

Corinna rang nach Luft. „Es war nicht mein Mann“, stieß sie schließlich hervor. „Ich hätte ihn erkannt. Ich bin nicht gesichtsblind.“

Sonntag, 9. August 2009

Krieger

Titel: Krieger
Autor: callisto24
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Es gärte im Herrmann-Haushalt. Wie immer vor den Weihnachtstagen. Die Anspannung ließ sich mit Händen greifen, und Sascha wünschte sich ein weiteres Mal, seine Eltern hätten ihm erlaubt mit seinen Freunden zum Ski-Fahren zu gehen. Nur heraus aus diesem dunklen Haus, weg von der gedrückten Stimmung, die ihm jedesmal wieder zu schaffen machte.

Und wenn da nicht Kalle gewesen wäre, dann hätte er zumindest härter gekämpft, schwerere Geschütze aufgefahren und sich einen Vorsprung verschafft, einen respektablen Grund, warum er während der Feiertage sein tägliches Schmollgesicht aufsetzte.

Doch seine Mutter brachte, noch bevor er die vorsichtig hervorgebrachte Bitte mit langen und sorgfältig zurechtgelegten Argumenten unterstützen konnte, Kalle ins Spiel. Wohl wissend, dass Sascha nun nicht anders konnte, als zuzusehen, wie sich jeder weitere Gedankengang seinerseits in Luft auflöste, verdrängt wurde durch die bloße Vorstellung von Kalles Rückkehr, davon Kalle wiederzusehen, ihm nach so langer Zeit endlich über den Weg zu laufen.
Und diesmal konnte Kalle ihm nicht entkommen.

Kalle, der es offensichtlich für witzig hielt, Jahr für Jahr, Woche für Woche, Tag für Tag von Neuem sein Leben aufs Spiel zu setzen für die leeren Ideale, die ihm ihr Vater, seine unangenehmen Kollegen und das Militär mit seinen abstrakten Prinzipien seit seiner Geburt eintrichterten.

Sascha verstand es nicht, hatte es nie verstanden. Ob es daran lag, dass ihr Vater seinen jüngeren Sohn nie genug wahrgenommen hatte, oder ob sein erster Blick auf diesen, ihm verriet, dass Sascha nicht das Potential in sich trug, welches er in Kalle sah und von einem Herrmann erwartete – Sascha glaubte nicht, es jemals zu erfahren.

Nicht dass er eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit war, die der Vater seinem Bruder schenkte. Ganz im Gegenteil. Die meiste Zeit war er sich durchaus bewusst, welch ein Glück er hatte, nicht in das Schema gepresst zu werden, in das der andere sich zwingen musste.

Ein Kopfschütteln und ein skeptischer Blick auf Saschas schlaksige Gestalt und die ungebärdige Frisur hatten ausgereicht, um jeden Gedanken an Internat oder gar eine Karriere als Soldat und Offizier aufzugeben. Und Sascha war sich trotz aller Erfolge und des Lobes, das Kalle einfuhr, doch sicher, dass der andere ihn im Stillen um die Freiheit beneidete, die er genoss.

Auch wenn er es nicht zugeben konnte, so las Sascha doch in dem Bruder wie in einem offenen Buch. Und seine gelegentlichen Blicke oder unangebracht spitzen Bemerkungen was Saschas Schullaufbahn anging, erzählten ihm mehr als deutlich von Kalles Gefühlen.
Und das war nur eines der Dinge, die Sascha mit dem Bruder klären wollte, nur eines.

Hauptsächlich vermisste er Kalle schmerzlich. Er war nun alt genug, um sich einzugestehen, was er fühlte, alt genug, um zu erkennen, dass die Liebe und die Bewunderung, die er für Kalle empfand nicht verschwinden würde. Nicht von selbst.

So wenig er auch verstand, dass Kalle sich verpflichtet fühlte, an Kriegseinsätzen teilzunehmen, so sehr er seine martialische Haltung auch verabscheute, so groß war auch seine Angst.

Jedesmal wenn dieser aufbrach, und Sascha durch Zufall, weil er gelauscht, oder Kalle sich verplappert hatte, ein Fehler, den er jedesmal versuchte vergeblich zurückzunehmen, doch Sascha verstand sehr gut was Begriffe wie Krisengebiet oder Sondereinsatz bedeuteten – jedesmal verbrachte Sascha seine Nächte mit grauenvollen Träumen, aus denen er regelmäßig schweißgebadet aufwachte, und die ihm alle nur ein Bild zeigten.

Kalle im Kampf. Kalle, wie er verletzt wurde, blutete, wie er sein Leben aushauchte. Und jedesmal verfolgte ihn Kalles sterbender Blick über weite Stunden des Tages, mindestens so lange bis er sich vergewissern konnte, dass der Bruder heil und am Leben war, dass seine Sorgen unbegründet und seine Ängste grundlos waren.

Deshalb würde er Kalle dieses Mal festhalten. Er würde sich an ihn klammern und ihn nicht mehr loslassen, bis dieser ihm versprach, mit dem Unsinn aufzuhören.
Soviel schuldete er ihm. Sascha sagte sich diese Worte immer wieder vor. All die Geburtstage, die der Bruder versäumt hatte, all die Briefe, die er unbeantwortet ließ, all die Anrufe, die er abgewürgt hatte mit dünnen Entschuldigungen, für die er sich im Nachhinein mit Sicherheit selbst schämte. Zumindest glaubte Sascha fest daran, dass in Kalle Schuldgefühle sitzen mussten, die er für seine Zwecke anzapfen konnte. Zum einen, um ihn von der sinnlosen und nicht weniger zerstörerischen als selbstzerstörerischen Tätigkeit abzuhalten. Zum anderen, um den Bruder einfach zu retten, vor sich selbst und seinen Zielen und vor der Gewalt, der er sich täglich aussetzte.

Es war allerhöchste Zeit. Sascha war sich sicher, nicht noch so ein Jahr ertragen zu können. Ein Jahr voller ständiger Ungewissheit und Albträume, die ihn dazu trieben, sich in Friedensbewegungen zu engagieren, gegen die militärische Einmischung seines Landes zu protestieren, unabhängig davon, wie sehr dieses Verhalten den Vater gegen ihn aufbrachte.
Und Kalle selbst?
Er war intelligent. Sascha war sich sicher, dass auch Kalle irgendwo den Denkfehler erkannte, der ihn dazu trieb, so beherrscht seine Pflicht zu erfüllen.
Sascha konnte sich nicht vorstellen, dass Kalle dies freiwillig tat, dass er die hohlen Gründe glaubte, welche die Riege patriotischer Führungspersönlichkeiten ihm vorbeteten.

Nein, Kalle tat es für ihren Vater, weil dieser es wünschte. Und Sascha hoffte inständig, dass er ausreichend Einfluss auf seinen Bruder ausüben konnte, um ihn von diesem Wunsch abzubringen.
Denn dass der Ältere ihn liebte, stand außer Frage.

Kalle versuchte es zu verbergen, als handelte es sich um eine Schwäche, die er nicht zugeben wollte oder durfte. Und doch bemerkte Sascha bei jedem ihrer Wiedersehen, wie Kalles Augen aufleuchteten, wenn er ihn erblickte, wie ein Strahlen von ihm auszugehen schien, das weder seine Mutter noch sein Vater noch irgendjemand anderes in ihm erwecken konnte.

Und wenn Kalle ihn an sich zog, und Sascha sich gegen den Größeren schmiegte, dann hörte er den leisen Seufzer der Erleichterung. Fast als hätte Kalle sich ebenfalls Sorgen um ihn gemacht, um Saschas Wohlergehen und als sei er froh, ihn gesund und im Ganzen wiederzusehen.

Auch dafür machte Sascha die Gewalttätigkeiten verantwortlich, denen Kalle ausgesetzt war. Kein Wunder, dass er ständige Gefahr erkannte, sah er doch ständig junge Männer, die nicht mehr dorthin zurückkehrten, wohin sie gehörten.

Sascha seufzte. Eigentlich hätte er Kalle schon längst erwartet, und im Grunde fragte er sich auch, wo ihre Eltern blieben. Nicht dass er sie wirklich vermisste, aber zum Zeitpunkt von Kalles Ankunft, dachte er doch, dass sie sich zumindest im Haus aufhalten sollten.
Doch auch ohne ihre Anwesenheit ließ die Spannung sich geradezu mit Händen greifen. Sascha fühlte sie, wurde er der geduckten Haltung der Angestellten ansichtig, die durch die Flure eilten, hastig noch einen letzten Schliff an die Dekoration anlegten, ein weihnachtliches Bukett geschmackvoll in der Ecke platzierten oder mit Staubtuch und Pinsel zum wiederholten Mal einen bereits glänzenden Bilderrahmen abstaubten.

Sascha wusste sehr gut, dass gerade während der Feiertage die Nerven seiner Eltern nur allzu leicht blank lagen, und ihre Explosionen, wenn sie nicht gerade ihn selbst trafen, doch meistens mit der Entlassung eines oder mehrerer Angestellten endeten.
Im Grunde sollte er also eigentlich froh sein, dass sie ihm noch einen Augenblick der Ruhe vor dem Sturm gönnten, bevor sie wieder alles durcheinanderwirbelten, ihre Forderungen stellten und vor allem Kalle in Beschlag nahmen. Dann hielten sie ihn von Sascha fern, bis dieser die Sehnsucht nicht mehr ertrug, und den anderen in sein Schlafzimmer verfolgte, ins Bad oder nur irgendwohin, wo er ihn einen Moment für sich alleine haben konnte.

Sascha hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich dafür zu genieren.
Doch etwas war an diesem Tage anders. Etwas stimmte ganz und gar nicht. Und Sascha konnte nicht greifen, was es war.
Nicht nur die Stille im Haus lastete schwer auf seiner Seele, auch die frühe Dunkelheit, die sich über die Welt senkte, erschien ihm als Vorbote eines größeren Unheils, an das zu denken er sich weigerte.

Lieber gedachte er des Wiedersehens mit seinem Bruder. Wie immer wartete er an seinem Fenster, beobachtete die Auffahrt und fühlte sein Herz klopfen in Erwartung des ersten Aufblitzens der hochgewachsenen Erscheinung, die mit eleganten Bewegungen aus der Limousine stieg, und deren erster Blick wie ferngesteuert als erstes in die Höhe ging, zu Saschas Fenster.

Kalle wusste, dass er ihn dort oben erwarten konnte, und wusste ebenso wie sehnsüchtig Sascha auf das erste Lächeln wartete, das der Bruder ihm schenkte.
Sascha lehnte seine Stirn gegen die Glasscheibe. Die kühle Oberfläche fühlte sich angenehm an gegen seine erhitzte Haut.

Irgendetwas stimmte nicht. Trotz der Wärme, die Nervosität in ihm hochsteigen ließ, spürte Sascha einen Schauer, der seine Wirbelsäule herab rieselte.

Irgendetwas stimmte mit Sicherheit nicht. Sie alle sollten bereits hier sein. Kalle ebenso wie seine Eltern. Und er konnte und wollte sich nicht ausmalen, was ihnen dazwischen gekommen sein konnte. Sascha schluckte, und dann fuhr er mit einem erschrockenen Aufschrei zusammen, als das Telefon klingelte, schrill und unangenehm in der Stille.

Er lauschte der Stimme des Mädchens, hörte ihre aufgeregte Antwort, auch wenn er die Worte nicht verstehen konnte. Sascha blieb wie festgewachsen an der Scheibe stehen, und schloss die Augen. Er wollte es nicht wissen.

Ihre Schritte näherten sich seiner Tür und Sascha rührte sich nicht, als sie klopfte. Vielleicht ging sie wieder, wenn er sich nur still genug verhielt.
Doch sie ging nicht. Sie klopfte wieder. Und dann hörte er ihre Worte, und obwohl er versuchte, seinen Ohren vor diesen zu verschließen, drang ihr Sinn doch unerbittlich in sein Bewusstsein.

„Es ist ihr Bruder“, sagte die Stimme wie von Ferne, als wäre sie unwirklich, so wie Sascha hoffte, dass sie es sei.
„Er… er wurde im Einsatz verletzt.“ Ihre Stimme zitterte. Natürlich zitterte diese, dachte Sascha zusammenhanglos. Sie liebte Kalle. Jeder liebte Kalle.

„Er lebt“, fuhr sie fort. „Aber es ist ernst. Ihre Eltern warten bereits im Krankenhaus. Sie lassen ihn einfliegen und… und werden Ihnen dann weiteres mitteilen, sobald er eingetroffen ist.“
Sascha drehte sich um mit geschlossenen Augen. Er fühlte sich, als befände er sich in Trance. Seine Lippen waren taub. Er konnte sie nicht bewegen, um zu antworten. Und dann hörte er, wie ihre Schritte sich wieder entfernten, fraglos um die Neuigkeit im Haushalt zu verbreiten.
Es fühlte sich an, als verließe Sascha jede Kraft, jede Spannung des Körpers, als er in sich zusammensank, bis er hart auf dem Boden aufkam. Er lehnte mit dem Rücken gegen die Wand, zog die Beine an und umschlang sie mit seinen Armen, als könnte er die Wahrheit abhalten. Kalle lebte. Er lebte doch, und dennoch gelang es Sascha nicht den namenlosen Schrecken in sich niederzukämpfen, der ihn erfasst hatte. „Er lebt“, flüsterte er wieder und wieder, als könnten ihm die Worte helfen. „Er lebt.“

Und als er seinen Kopf auf die Arme legte, und die Tränen zu fließen begannen, da tauchte Kalles Bild vor ihm auf, so wie er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Gesund und lächelnd, schön und stark, so perfekt wie Sascha es niemals hoffen durfte zu werden.

Und seine Tränen flossen weiter, schüttelten seinen Körper in lautlosem Schluchzen. Doch dann verblasste das Bild und Saschas Tränen versiegten. Sein Gesicht brannte, als er es in seinen Händen barg, und Kalle wieder vor ihm Gestalt annahm.
Er lächelte immer noch, doch um seine Augen bildeten sich Fältchen. Seine Schläfen durchzogen silberne Haare und auf seiner Wange entdeckte Sascha eine auffallend hervortretende Narbe. Ausgeheilt, alt, Zeichen eines längst vergessenen Vorfalles aus seiner Jugend, eines Absturzes im Einsatz. Und Kalle zwinkerte ihm zu, als sähe er Sascha, als wüsste er, dass dieser ihn beobachtete. Dann strich er sich mit der Hand über die Wange und Sascha bemerkte das Fehlen des kleinen Fingers.
„Ist das alles?“, flüsterte er und zuckte beinahe zusammen, als die Gestalt nickte und in Kalles Stimme antwortete: „Das ist alles, kleiner Bruder.“

„Du hättest tot sein können“, flüsterte Sascha.
Kalle sah ihn ernst an. „Dieses Risiko gehen wir mit jedem Atemzug ein.“ Er blinzelte. „Wir tragen unsere Narben als Erinnerung an die Lektionen, die wir gelernt haben.“
„Dann gehst du nicht zurück?“, fragte Sascha leise und ließ es zu, dass ein Hauch von Hoffnung sich in seine Stimme verirrte.
Um Kalles Lippen zuckte ein Lächeln, verschwand jedoch ebenso schnell wieder, wie es aufgetaucht war.

„Ich gehe zurück ins Leben“, sagte Kalle. „Genau wie du. Wir beide wissen nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt, niemand weiß das. Aber das Geschenk, das uns gegeben ist, trägt die Verantwortung in sich, es zu nutzen, so gut es in unseren Kräften steht.“
„Ein Weihnachtsgeschenk.“ Sascha hob seinen Kopf und öffnete die Augen. Verschwommen, durch den Schleier aus Tränen, erkannte er Kalle, der grüßend seine Hand gegen die Stirn hob in einem flapsigen Gruß.
„Frohe Weihnachten“, sagte Kalle leise, bevor seine Gestalt sich auflöste.
„Frohe Weihnachten“, flüsterte Sascha und lächelte mit tränennassem Gesicht.

Sonntag, 2. August 2009

Sonntag

Sonntag

Wie allseits bekannt handelt es sich beim Sonntag um den Tag des Herrn. Traditionell gesehen bietet es sich demzufolge an, diesen Tag der Freiheit und Freizeit sinnvoll zu nutzen, indem man ihn Besinnung, Besinnlichkeit, Entspannung oder gar der Rückkehr zu den wirklich bedeutenden Aspekten des Lebens widmet, die ansonsten nur allzu leicht und allzu schnell im Trubel des Alltags untergehen.
Kurz gesagt, man könnte in die Kirche gehen. Angenommen zumindest, man hält sich selbst für den Typ, der in der Lage ist, aus dem Besuch einer religiösen Einrichtung persönlichen Nutzen zu ziehen.
Wie ein jeder weiß ist der Kirchgang aus der Mode geraten. Selbst kurzzeitiges Wiederaufflackern der Tendenz, herrührend aus drohenden Krisenzeiten, Gefahr für Frieden und Wohlstand, erlischt im Allgemeinen recht schnell wieder, sobald entweder der Reiz des Neuen verflogen ist, oder man sich an die wackelige Lage in welcher der Mensch sich nun einmal zwangsläufig befindet, gewöhnt hat. Gelingt es uns doch immer wieder gern, die schwankenden, tönernen Füße, auf denen unser Lebensgebilde balanciert, in unserer Vorstellung durch den festen Grund zu ersetzen, der sich aus unserer Einbildung, der Überzeugung von den eigenen Fähigkeiten und dem vagen Vertrauen, über dessen Ursachen länger nachzudenken, uns bereits das Bedürfnis nach Selbsterhaltung, verbietet.
Ausgenommen, der Mensch verfügt weder über das eine noch über das andere. Sind weder Selbstvertrauen noch Urvertrauen in die Wiege gelegt, so gestaltet sich die Entwicklung einer Persönlichkeit als ausgesprochen schwierig, vor allem, wenn sie mit der Endlichkeit des eigenen Lebens in Berührung gebracht wird.
Früher oder später stellt sich dann die Suche nach dem Sinn des Lebens als unbedingte Notwendigkeit heraus. Nicht nur, um die Frage der Fragen beantworten zu können, sondern auch um der lähmenden Angst Herr zu werden, die jeden, und wirklich jeden Menschen im Angesicht des Todes ergreift. Ausgenommen vielleicht es handelt sich um einen ausgesprochen dummen Menschen. Und ganz ehrlich beneide ich ausgesprochen dumme Menschen von ganzem Herzen um dieses Talent. Allein die Gebirge von Gedankengängen, die sie nicht gezwungen sind, täglich mit sich herum zu tragen. Es wäre schön, könnte man seine Gehirnzellen ausknipsen, seine Vorstellungskraft und damit die dunklen Drachenschwänze abschneiden, die den Verstand immer wieder und gerade während der schwächsten Stunden peitschen.
Nun – es funktioniert nicht. Und glaubt mir – ich habe es versucht. Dummerweise führen diverse selbstzerstörerisch anmutende Gewohnheiten durchaus zur Vernichtung von Gehirnzellen, jedoch zur Vernichtung der falschen.
Übrig bleiben immer noch jene, die zuständig sind für die unlösbaren Fragen des Daseins, und jene, die dafür sorgen, dass die Depression an sich zum ständigen Begleiter mutiert.
Es hilft demnach nichts. Früher oder später muss der Mensch sich damit auseinandersetzen, dass auf dieser Welt Dinge existieren, für die er keine Erklärung finden kann. Nicht in diesem Leben.
Was automatisch zu der Frage führt, wie es denn dann um das nächste Leben bestellt ist. Und von diesem Moment an scheiden sich Geister, Gemüter, Theorien, entstehen Streitigkeiten, Konflikte, Kriege.
Gut – selbst sogenannte Religionskriege entstehen niemals um der Religion willen. Unterm Strich, und wie bereits Karl Marx als einer von vielen feststellen durfte, geht es doch immer nur um Macht und Geld, also ums Kapital an sich. Aber die Religion lässt sich so wunderbar vorschieben, packt sie den Menschen doch an seiner emotionalen Ader.
Und wo Gefühle hochkochen, wo Ängste nicht mehr beruhigt werden können, wendet sich der Mensch nach außen, und verwandelt diese Ängste in Aggressionen.
Aber da wollte ich eigentlich gar nicht hin. Die Gefahren der Religion sind allgemein bekannt. Von den positiven Seiten hört man weniger. Und zu recht, denn sie sind nicht so leicht zu entdecken. Nicht für jemanden wie mich.
Nicht für jemanden, der viel zu viel denkt, der ungerne unter Menschen geht, und der sich schon immer schwer damit tat, Orgelmusik zu ertragen, um nur eine der merkwürdig aufstoßenden Elemente im Gottesdienst zu erwähnen.
Nichts gegen Orgelmusik – wenn jemand sie gerne hat. Natürlich versteht jeder Bach-Liebhaber mehr von Musik im Allgemeinen als ich. Aber trotzdem muss ich den Orgelklang doch nicht lieben. Und schon gar nicht muss ich Verständnis dafür aufbringen, dass jahrelang Unsummen an Geldern gesammelt werden für eine neue Orgel, die in meinen ungeschulten Ohren höchstvermutlich nicht anders klingen wird, als das aktuelle Instrument.
Aus dem Stegreif fallen mir mehr als fünfzig Möglichkeiten ein, Geld sinnvoller einzusetzen, als für eine Orgel in einer Kirche, die pro Sonntag von vielleicht zwanzig, höchstens dreißig Besuchern heimgesucht wird, und die nur Weihnachten und Ostern ein volles Haus aufweist.
Gründe, der Kirche fernzubleiben existieren somit ebenfalls unzählige, und um mit den oberflächlichsten zu beginnen, erwähne ich die Orgelmusik zuerst. Punkt zwei wären die Psalmen. Um Himmels Willen! Gott kann nicht wollen, dass wir so etwas singen.
Aber wieder muss ich einräumen, dass ich von Musik nichts verstehe, und von den Feinheiten liturgischer Gesänge noch viel weniger.
Schon zu meiner Zeit als Konfirmandin wurde mir versichert, dass diese Art eintönig hypnotischer, allzu gerne mit Latein gespickter und in getragenem Tonfall vorgetragener Zeilen, dem einen oder anderen, viel zu viel bedeuteten, als dass man es in Erwägung ziehen könnte, diesen Kunstgenuss auch nur hin und wieder zu streichen.
Da muss der gemeine Kirchgänger einfach durch. Und inzwischen frage ich mich, ob nicht nur die geplagten Konfirmanden darunter leiden, sondern vielleicht auch die Besucher, von denen angenommen wird, dass sie ohne dieses aufgeblasene Geschwafel nicht besinnlich werden können.
Ich hege ja schon sehr lange keine Hoffnungen mehr, dass sich an der Musikauswahl Grundlegendes ändern ließe. Und anscheinend mit Recht.
Sollte doch nun eigentlich eine Generation am Ruder sein, die unter Umständen einen Hauch von Modernität in die verstaubten Hallen einziehen ließe.
Offenbar ist sie es nicht. Und es erschüttert mich geradezu, wenn ich junge Leute sehe, die sich freiwillig den vorgeschriebenen traurig-trockenen Gesängen aussetzen. In der Jugend lag doch mal die Hoffnung.
Und schließlich gibt es sie – sie existieren. Lieder, die sich singen lassen. Auch von Menschen wie du und ich, von Menschen, die ihre Stimmen nicht in höchste Höhen oder tiefste Tiefen katapultieren können. Menschen, die, wenn sie eine Note sehen, hauptsächlich raten, wo ungefähr diese gesungen werden sollte, und dann doch immer an der einen und einzigen Stelle beginnen, die sie kennen oder können.
Es gibt Lieder, die mitreißen, und die sich singen lassen. Musik ist eine Macht. Musik baut auf, Singen schüttet Endorphine aus, und ich bin sicher, dass Gott dies gefiele, sollte er existieren.
Ob Gott wollte, dass wir uns durch sonntägliche Lieder quälen, die unendlich deprimieren – das bezweifle ich.
Ich will ja gar nicht mit Gospel anfangen. Mag sein, dass das nicht jedermanns Sache ist. Aber die Richtung stimmt. Wollen wir Gott loben, dann tun wir es nicht für ihn, sondern für uns. Weil wir uns besser fühlen.
Ganz im Ernst – Gott braucht unser Lob wahrscheinlich nicht. Und wenn er es bräuchte, wäre er nicht Gott.
Aber vergessen wir die ganze Musik-Sache. Wie gesagt, ich verstehe davon nichts. Dummerweise foltert mich alleine der Gedanke an Kirchengesänge genug, dass ich Verständnis für jedermann aufbringe, der es vorzieht, sich dieser sonntäglichen Tortur nicht auszusetzen.
Doch lässt sich über einiges hinwegsehen. Und jeder, der seine Schulzeit einigermaßen unbeschadet überstanden hat, besitzt auch die in langen, mühevollen Stunden erworbene Fähigkeit, qualvolle Momente, ob sie jetzt untermalt sind durch Orgelmusik oder durch binomische Formeln, einfach auszusitzen.
Natürlich funktioniert das mit dem Aussitzen nicht mehr, wird man gezwungen, sich zum Gebet zu erheben. Oder zum Glaubensbekenntnis. Oder zur Verlesung des Evangeliums.
Gegen das Verlesen von Bibelstellen habe ich in der Regel nichts, ausgenommen es handelt sich um die schrägen Ansichten des Apostels Paulus, um nur einen zu nennen.
Aber die Bibel ist und bleibt immer noch Literatur, ein Stück Kulturgeschichte. Und sich dorthinein zu vertiefen, kann doch immer wieder lehrreich sein.
Sollte dies nicht der Fall sein, so erinnern wir uns an die Schulzeit und schalten für einen Moment ab. Ich denke in diesen Augenblicken sehr gerne an meine Lieblingsserie, den vor mir liegenden Tagesplan oder stelle mir die immer wieder aktuelle Frage, warum man eigentlich am Sonntag nicht kehren oder Wäsche aufhängen soll, um es zu vermeiden die Nachbarn zu beleidigen, jedoch niemand dagegen protestiert, dass in Café, Restaurant und Eisdiele, die Dienstleistenden für den König Gast springen. Von Krankenhauspersonal, Busfahrern oder Polizisten will ich gar nicht anfangen.
Wie dem auch sei – der Augenblick der gedanklichen Auszeit neigt sich dem Ende zu, und wir nähern uns den erheblich stärker fordernden Aufgaben. Stehen bleiben und zugleich das Glaubensbekenntnis vor sich hin murmeln. Wahlweise das Vaterunser oder andere vorgeformte Satzgebilde.
Mit dem Vaterunser kann ich leben. Immerhin bin ich ein Fan von Jesus – irgendwie.
Aber das Glaubensbekenntnis stellt doch immer wieder von Neuem eine Gewissensprüfung dar. Eine schwere Prüfung.
Am besten ist man noch damit bedient, es einfach vor sich herzusagen, und den Verstand dabei zu deaktivieren. Denn hin und wieder schleicht sich die eine oder andere Zeile ein, die, wenn man so will, ein wenig schwieriger zu verdauen ist.
Immerhin gesteht man doch in aller Öffentlichkeit intimes, persönliches Gedankengut.
Oder man verdreht die Wahrheit. Oder man lügt einfach frech vor sich hin. ‚Ich glaube an Gott, den Vater‘ mag ja noch angehen. Vielleicht glaube ich auch an Jesus Christus. Doch glaube ich wirklich an die ‚Jungfrau‘ Maria? Und das, obwohl mir in Schule, Konfirmandenunterricht und während zahlreicher Dokumentationen zu diesem Thema der Gedanke an die Jungfräulichkeit der Mutter Gottes doch einigermaßen suspekt wurde, sollte er denn überhaupt jemals existiert haben.
Warum verkündige ich also, dass ich daran glaube. Oder an die Gemeinschaft der Heiligen. Wer sind denn eigentlich diese Heiligen?
Und ist es nicht einer der wenigen Vorteile der evangelischen Kirche anzugehören, dass ich mich eben nicht mit diesen Heiligen herumschlagen muss?
Denn im Grunde schätze ich doch die Einfachheit. Eine Religion kann ohne weiteres mehr als einen Gott aufweisen – umso besser, dann lässt sich nach Geschmack wählen. Aber die Dreieinigkeit? Nicht einmal die Erfinder dieser Konstruktion wussten eigentlich, was sie damit meinten.
Aber belassen wir die theologischen Feinheiten bei den Menschen, die sich dafür interessieren. Bleibt für mich nur die Frage, ob ich direkt zur Hölle fahre, weil ich ein Glaubensbekenntnis ausspreche, von dem ich – sagen wir es vorsichtig – nicht hundertprozentig überzeugt bin.
Und wieder komme ich zu dem Schluss, dass Gott Besseres zu tun hat, als mich zur Hölle zur schicken. Sofern er existiert. Oder sie.
Denn fragen wir uns doch, was der Gott oder die Göttin davon hat, dass wir ein auswendig gelerntes Bekenntnis vor uns hin beten. Natürlich nichts. Wäre er darauf angewiesen, hielte ich das doch für ein wenig traurig.
Wieder geht es also nur um uns – um das Gemeinschaftsgefühl. Ich brabble gemeinsam mit einer Gruppe halbwegs Gleichgesinnter etwas vor mich hin, bin froh, wenn die ganze Prozedur überstanden ist, ich meiner Pflicht genügt habe und mich wieder meinem Leben widmen kann.
Natürlich ist es nicht ganz so einfach. Nicht im Evangelischen. Wir kennen keine Beichte und somit keine wirkliche Vergebung. Was wir glauben oder nicht glauben, findet zwischen uns und dem Herrn statt. Ihm – denn in der evangelischen Religion handelt es sich doch um eine weitgehend männlich dominierte Angelegenheit. Wir haben Gott den Vater und den Sohn. Eine Menge Schuldgefühle, ein paar schlichte Kerzen und sparsame Dekoration.
Keine Engelchen, keine Putten, kein Glitzer, Glimmer, Gemälde-Pomp. Was durchaus seine Vorteile hat, aber auch ein wenig öde wirken kann. Manchmal.
Nun mag sich vielleicht der eine oder andere fragen, warum um Himmels willen, ich oder meinesgleichen überhaupt in die Kirche gehen, wenn wir doch nur schimpfen können. Niemandem täte es weh, würde einer mehr weg bleiben. Im Gegenteil – die Sache sähe ungleich überschaubarer aus, und Personal könnte abgebaut werden.
Zum einen schimpfe ich nicht. Normalerweise nicht. Das tue ich nur hier – und vor allem, weil es niemand liest. Und zum anderen ist da die Predigt, die es herausreißen könnte, und manchmal sogar auch tut.
Natürlich könnte ich auch Weisheiten aus einem guten Buch ziehen. Aber hin und wieder hört man gerne die Meinung eines Menschen, der vielleicht sogar etwas zu sagen hat. Das kommt vor.
Vorausgesetzt natürlich man hört zu, und verfällt nicht der Schul-Schlaf-Krankheit. Denn auch das kommt vor. Vor allem am Sonntag-Morgen.
Die Kirche bietet also die Chance auf den einen oder anderen positiven Gedanken. Denn darum geht es doch – um Optimismus. All dem Übel in der Welt doch und wider besseren Wissens etwas Gutes abzugewinnen. Oder wenigstens sich die Möglichkeit einzureden, dass vielleicht doch hinter all dem noch etwas anderes steckt. Etwas, das erklärt, Sinn verleiht, tröstet. Das Strauchelnde stützt und Gefallenen aufhilft.
Und selbst wenn sich trotz detaillierter Suche nichts dergleichen entdecken lässt, so erfahren wir doch auf diese Weise, dass wir in dieser Suche nicht alleine sind. Selbst wenn wir zu keinem Ergebnis kommen, so können wir Menschen erblicken, die vielleicht und wenn vielleicht auch nur zwischenzeitlich zu einer Erkenntnis gekommen sind. Menschen mit Verständnis für die Fragen, auf die es keine Antwort geben kann.
Und nicht zuletzt wird zum guten Schluss noch etwas besonders Nettes serviert: der Segen. Mag man davon halten, was man will, aber der Segen wird verschenkt. Er lässt sich mitnehmen und im Herzen bewahren.
Er tröstet, auch wenn man nicht an ihn glaubt. Denn was anderes ist er als ein gut gemeinter Wunsch – ein Segenswunsch. Und gebrauchen können wir ihn alle.
Es gibt also Gründe, die Kirche aufzusuchen, ebenso wie es Gründe gibt, darauf zu verzichten.
Und wenn ich ganz und gar ehrlich bin, so gehöre ich zu denen, die eigentlich eher darauf verzichten, denen es zu anstrengend ist, sich all dem auszusetzen. Den Blicken fremder Menschen, den Begrüßungen, dem Aufstehen und Hinsetzen, dem vergeblichen Versuch so etwas ähnliches wie Töne aus der Kehle zu pressen oder dem immer wieder aufsteigenden Gewissenskonflikt während des Aussprechens oder auch nur des Zuhörens manch eines Satzes, der eben unglücklicherweise gegen den Strich geht.
Ich gehe trotzdem – einmal im Monat. Und ich habe sogar eine Entschuldigung. Denn da gibt es noch eine Sache, für die Kirche gut zu gebrauchen ist. In manchen Bereichen des Lebens sind es interessanterweise immer wieder die Religionen, die sich langfristig und unermüdlich einem Engagement verschreiben. Irgendeinem Engagement. Und es steht jedermann frei, zu wählen, was ihm zusagt. Denn die Palette ist groß, und sie wird sicher nicht schrumpfen.
Um nur eines zu nennen, stolperte ich über den Fairen Handel und blieb dort hängen. Solange der Hunger in der Welt einen der zahllosen Schandflecke auf ihrem Angesicht darstellt, solange bleibt es eine Notwendigkeit, darauf hinzuweisen, wie viel Macht der einzelne Einkäufer auf die Entwicklung der Wirtschaft ausüben kann.
Dumm, dass meine gelegentlichen Aufklärungsversuche sich auf nichtsahnende und unschuldige Kirchenbesucher erstrecken. Denn allein schon die Tatsache, dass diese es für notwendig halten, den göttlichen Beistand zu suchen, zeigt auf, dass sie unter Umständen ihren Blick ein wenig über die Grenzen der eigenen Existenz hinaus erweitern, und demzufolge bereits von den katastrophalen Ungerechtigkeiten im Handel erfahren haben.
Dafür spricht auch, dass ich gelegentlich sogar etwas verkaufe. Und dass ich wertvolle Tipps erhalte von Gleichgesinnten. Wir bleiben also unter uns, eine Gruppe suchender Individuen.
Nur weiß keiner von ihnen, in welche Höhen meine Probleme mit diesem regelmäßigen Kirchgang von Zeit zu Zeit anwachsen.
Und eigentlich kann ich nur beten, dass sie es auch nie erfahren werden.

Freitag, 31. Juli 2009

Bauer

Titel: Bauer
Autor: callisto24

* * *

Martin langweilte sich. Er langweilte sich furchtbar. Seine Freunde mit ihren allzu vollen Terminkalendern waren an den seltensten Nachmittagen in der Lage, ihm auch nur für ein Stündchen Gesellschaft zu leisten.
Auch wenn Martin sich nach der Schule frei wie ein Vogel fühlte, sein eigener Herr sein durfte, und die volle Bandbreite des seligen Nichtstuns auskosten konnte, so ging ihm die erzwungene Einsamkeit hin und wieder doch gewaltig auf die Nerven. Das ging soweit, dass er manchmal sogar freiwillig seine Hausaufgaben bereits am frühen Nachmittag erledigte. Allerdings ging es auch nicht weiter. Vom freiwilligen Lernen hielt er schon gar nichts, und da seine Mutter eine recht lässige Arbeitsmoral vertrat, blieben ihm unnötige Quälereien wie diese in der Regel erspart.
Alle seine Freunde beneideten ihn um die Freiheit, der er sich erfreute. Doch natürlich sahen sie nicht die Schattenseiten seines Lebens.
Martin hatte niemanden, der ihn abfragte, der ihn ermutigte, oder ermunterte mehr zu tun. Seine Mutter war kaum interessiert daran, dass er die Aufgaben erledigte, sie durchzusehen, zu kontrollieren, oder gar mit ihm zu lernen, kam ihr gar nicht erst in den Sinn.
„Du hast echt so ein Glück“, sagte Stephan manchmal mit einem Seufzer und blickte neiderfüllt Martins hübscher Mutter hinterher, wie sie ihren Friseurkoffer zusammenpackte, und sich auf den Weg machte, die Mütter anderer Söhne in deren eigenem Heim zu verschönern. Natürlich fand diese Arbeit meistens dann stand, wenn die diversen Mütter aus den Klauen von Arbeit oder Schulpflichten befreit sich ihrer Schönheit auch widmen konnten.
Also zu Zeiten, an denen Martin eigentlich nichts zu tun hatte, und ein wenig Gesellschaft, oder jemanden, der für ihn kochte, durchaus zu schätzen wüsste.
Er hatte allerdings schon vor langer Zeit gelernt, dass er sich derartigen Hoffnungen besser gar nicht erst hingab.
Damals fand sich noch hie und da Gesellschaft – in der Siedlung – auf dem Spielplatz oder auf dem Fußballfeld.
Doch jetzt, wo sie alle bereits so groß, so zielstrebig, so orientiert sein sollten, gingen seine Freunde ihren eigenen, sorgsam für sie ausgewählten Hobbies nach.

Und neben Tennis, Klavier, Jiu-Jitsu, Basketball, Englisch oder Französisch, beziehungsweise der bereits in der Grundschule eifrig frequentierten Nachhilfestunden, blieb letztlich nicht genug Zeit, für lange Erkundungen der Welt, für Entdeckungsreisen, die weder einen offensichtlichen Sinn, noch ein spontan auftretendes Ergebnis aufwiesen.
Natürlich wurde ungern über Themen wie Nachhilfe gesprochen, ebenso wie der Begriff Ergotherapie nur von den Lippen übereifriger Mütter purzelten, die sich trotz ihrer vor Scham in den Boden zu versinken drohenden Kinder öffentlich und freimütig über die Möglichkeiten austauschten, aus dem Potential ihrer Sprösslinge das Beste herauszuholen.
Dabei handelte es sich definitiv wieder um Momente, während derer Martin froh war, dass seine Mutter sich aus Dialogen wie diesen geflissentlich heraushielt.
So konnte er sich doch sicher sein, dass sie seine Schmerzgrenze in Bezug auf die Erduldung von Peinlichkeiten nicht allzu sehr strapazierte.
Jedoch in Momenten wie diesem half ihm diese Überzeugung nicht. In Momenten der Einsamkeit und Langeweile war er fast bereit auch eine Herde schwatzender und nervender Mütter zu akzeptieren. Hauptsache sie ließen ihn nicht alleine. Hauptsache, sie versorgten ihn mit der Ablenkung, die er nach einem quälend langen Schultag und in Aussicht auf einen einsamen, öden Abend vor dem Fernseher benötigte.

Aber auch an diesem Nachmittag blieben seine Hoffnungen unerfüllt. Und so schlenderte er weiter als an anderen Tagen, über die Straßen, die er gewohnt war mit seiner Anwesenheit zu beehren, hinaus, bis er an den Rand des Ortes kam, an den Feldweg, der zwischen zwei Feldern direkt zu der großen und dicht befahrenen Straße führten, von der sich fernzuhalten ihm bereits im Kindergarten eingebläut worden war.
Eigentlich sollte er auch den Feldweg nicht betreten, aber Martin beschloss, dass er mittlerweile alt genug war, um Entscheidungen wie diese selbst treffen zu können. Und auf einem Feldweg konnte einem nichts Gefährliches begegnen. Mit Ausnahme eines Hundes vielleicht, der beschloss sich als Beschützer von Land und Leuten aufzuspielen und deshalb Entgegenkommende nach Leibeskräften verbellte.
Martin zuckte mit den Schultern. Selbst wenn. Ein Hund war niemals alleine unterwegs, und außerdem blieb er selbst immer noch größer, als das Größte dieser Exemplare.
Und was wäre das Leben ohne ein wenig Aufregung, ein hin und wieder eingegangenes Risiko?
Nichts, so beschloss Martin, und kickte aufmüpfig einen der lose liegenden Steine vom Wegrand.
Aufmerksam spähte er nach allen Seiten. Zu dumm, dass die meisten Felder schon abgeerntet waren oder sich gerade im Begriff befanden, abgeerntet zu werden. Noch dümmer, weil ihn diese Tatsache daran erinnerte, dass der Herbst eine Unvermeidlichkeit darstellte, und damit miserables Wetter, das ihn zwänge innerhalb der langweiligen vier Wände auszuharren, die er sein Zuhause nannte.

Zu seiner Linken erstreckte sich der kahle braune Boden hässlich bis hinaus zu den Zuggleisen, über die in regelmäßigen Abständen ein Schnellzug donnerte.
Zerfurcht wirkte die dunkle Erde, gleichmäßig durchpflügt, als habe die Erntemaschine gerade erst ihre Arbeit vollendet.
Vermutlich am Vormittag, dachte Martin, und blinzelte über das Feld hinweg. In einigem Abstand glaubte er Gestalten auszumachen, die über die Furchen kletterten, sich hin und wieder bückten, um eine liegengelassene Kartoffel aufzuheben.
Martin wunderte sich jedesmal wieder darüber. Warum sollte sich jemand durch Feld und Matsch kämpfen, wenn er die Kartoffeln doch viel einfacher und sogar bereits praktisch abgepackt aus dem Supermarkt holen konnte.

Ein ähnliches Phänomen wie es im Frühsommer die Erdbeerplantagen darstellten. Martins Mutter hatte ihm mehr als einmal deutlich erklärt, dass sie es nicht einsähe sich in brütender Hitze einer solchen Arbeit auszusetzen. Keine noch so schöne Erdbeere auf der Welt könnte es wert sein, sich den Rücken zu verrenken, indem man selbst pflückte.
Dennoch fragte sich Martin jedes Jahr wieder, wenn er Mütter seiner Freunde und manchmal vereinzelt sogar diese selbst erblickte, wie sie große, prall gefüllte Plastikeimer nach Hause schleppten, und aufgeregt erzählten vom Marmelade-Einkochen oder Biskuitböden-Belegen, ob seine eigene Mutter nicht vielleicht zumindest in diesem speziellen Fall unrecht habe.
Natürlich gab Martin sich lässig. Weder er noch seine Mutter hatten es eben nötig sich mit dem Pflücken von Lebensmitteln oder gar mit der komplizierten Zubereitung derselben auseinanderzusetzen.
Er war sehr zufrieden damit, dass es ihm inzwischen bereits selbst erlaubt war, eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben, oder ein Stück Kuchen vom Bäcker zu holen. Mehr Selbstständigkeit brauchte ein Mann dieser Tage nicht, oder eine Frau, wenn man seine Mutter mitzählen wollte.

Nichtsdestotrotz wog an diesem Tag die Langeweile schwerer als sein natürliches Unbehagen beim Anblick der freiwilligen Erntearbeiten.
Martin verzog sein Gesicht zu einer zugleich entschlossenen und doch leicht angewiderten Grimasse, als er mit den neuen Turnschuhen breitbeinig in das Feld sprang.
Der Boden erwies sich als unnachgiebiger als Martin geglaubt hatte, und beinahe tat es ihm leid, dass er nicht mit dem erwarteten, schmatzenden Geräusch einsank und einen mittelschweren Kampf anstrengen musste, um die am Boden klebenden Füße von ihrer Haftung zu befreien.
Außerdem war es immer wieder ein lustiger Anblick, wenn der Blick seiner Mutter auf verkrustete Schmutzränder an Schuhen und Hosen fiel, sie ihre Augen verdrehte, und mit spitzen Finger und zusammengepressten Lippen versuchte zu retten, was zu retten war.

Doch an diesem Tage sollte es nicht sein. Erstaunlich leichtfüßig kletterte Martin über die aufgeworfene Erde. Von Zeit zu Zeit bückte er sich, wenn auch nur um festzustellen, ob zu seinen Füßen ein besonders hübscher Stein oder gar eine übrig gebliebene Kartoffel lag.
Nicht dass er diese aufhob, oder gar den Stein, aber sie entdeckt zu haben verlieh ihm doch ein wenig Befriedigung, selbst wenn er sich nicht erklären konnte, woher diese rührte.
Martin lief weiter, genoss es mit der Zeit sogar, sich über das unebene Gelände vorwärts zu kämpfen. Es besaß etwas Abenteuerliches, fast Verbotenes, und verbotene Aktionen sorgten doch immer wieder für einen angenehmen Nervenkitzel.

Er sprang über einen Erdhaufen, jedoch nicht hoch genug. Sein Fuß verfing sich in ungewohnt breit aufgetürmter Erde und Martin stolperte, landete unsanft auf den Knien.
Er blinzelte, rappelte sich wieder auf. Nachdem er sich den Schmutz von den Knien gewischt hatte, kniff er die Augen zusammen und sah nach vorne.
Komisch, von diesem Punkt aus konnte er die Eisenbahnlinie gar nicht mehr erkennen.
Martin verzog die Lippen. Auch egal. Spätestens wenn der nächste Zug über die Schienen rappelte würde er wissen, wo diese sich befanden.
Doch als er sich weiter umsah, stieß ihm noch etwas anderes merkwürdig auf.
Nicht nur, dass die vereinzelten Gestalten mit ihren Plastiktüten, die soeben noch so ernsthaft damit beschäftigt gewesen waren zurückgelassene Erdäpfel einzusammeln auf geheimnisvolle Art verschwunden waren, er fand sich auch mit einem Mal Auge in Auge mit einem seltsamen Mann, der ihn unverblümt anstarrte.
Martin starrte zurück, obwohl im zugleich all die Warnungen durch den Kopf rasten, die man ihm eingebläut hatte. Ratschläge darüber, wie man sich möglichst weit entfernt halten sollte von merkwürdig aussehenden Männern mit undefinierten Absichten.
Und doch schien ihm der Mann ebenso entgeistert zu sein, wie er selbst es war. Nein, eigentlich noch entgeisterter.
Martin bemerkte auch, dass sich diese Ecke des Feldes offenbar verändert hatte. Von den gleichmäßigen Furchen war nichts zu sehen. Stattdessen ragten trockene Blätter in die Höhe und wie Martin jetzt erst auffiel, lehnte sich der Fremde gegen einen großen Spaten, als sei er gerade dabei, ein Loch in die Erde zu graben und lege nur eine kurze Pause ein.
Schließlich ergriff der Mann das Wort.
„He, Junge.“ Er musterte Martin von oben bis unten. „Was tust du hier und dann in dieser ausgefallenen Kleidung?“
Erst jetzt fiel Martin auf, dass diesmal nicht er selbst, sondern in Wahrheit der fremde Mann es war, der einer ausgesprochen seltsamen Mode zu folgen schien.
Ein brauner Schlapphut hing ihm weit ins Gesicht und sowohl Hemd als auch Hosen wirkten mehr oder weniger notdürftig zusammengebunden.
Auch der Stoff erschien Martin gröber und von einer Machart, die ihm gänzlich unbekannt blieb, so genau er auch hinsah.
Und doch sah der Fremde ihn an, als sei er es, der sich merkwürdig, oder besser gesagt, vollkommen unangemessen kleidete.
Martin streckte seinen Rücken und verschränkte die Arme vor der Brust. Der Typ konnte ihm gar nichts.
„Ich geh spazieren“, antwortete er frech.
Der Mann runzelte die Stirn. „Spazieren“, wiederholte er skeptisch. „Du.“
Martin nickte leicht verunsichert.
Doch der Fremde beachtete ihn nicht. Stattdessen hob er seinen Blick und starrte in den Himmel.
„Das Wetter hält nicht mehr lange“, murmelte er dann. „Ich muss noch soviel ernten wie ich kann.“
Martin räusperte sich. „Sie dürfen hier nicht einfach so graben“, stellte er fest. Irgendjemand musste diese komische Figur schließlich in ihre Schranken weisen.
„Das Feld gehört dem Bauern.“
Der Fremde neigte seinen Kopf wieder zu ihm, biss sich kurz auf die Unterlippe, bevor er antwortete.
„Aber ich bin der Bauer.“
Martin kniff die Augen zusammen. „Wirklich?“, erkundigte er sich zweifelnd.
„Aber wo ist Ihr Traktor? Und diese Maschine zum Kartoffeln-Auflesen und Boden-Umgraben?“
Der Bauer räusperte sich, und sah Martin dann an, als habe er seinen Verstand verloren.
„Wovon redest du, Junge?“, fragte er dann und schüttelte gleichzeitig seinen Kopf, als erwarte er keine vernünftige Antwort auf diese Frage.
Martin zog seine Augenbrauen zusammen und schickte dem Mann einen bösen Blick, bevor er sich umdrehte, um nach landwirtschaftlichen Fahrzeugen Ausschau zu halten, die ihn früher einmal brennend interessiert hatten, aber mittlerweile nur noch langweilten.
Aber nicht nur, dass er nichts dergleichen sehen konnte; das soeben noch kahle, abgeerntete Feld sah aus wie ein wildes Gestrüpp, in dem zwischen Unkraut hin und wieder eine Kartoffelpflanze hervor sah.
„Was…?“ Martin starrte verblüfft in das Grün, und wandte sich dann wieder zu dem Bauern um. „Was ist passiert?“, fragte er entgeistert.
Dieser schüttelte nur ebenso ratlos den Kopf.
Dann streckte er seinen Arm aus, und wies auf den Jungen. „Du“, sagte er. „Du gehörst nicht hierher.“
Martin schluckte. „Wieso… ich meine, ich wohne hier.“
Der Mann schüttelte erneut seinen Kopf. „Sieh dich um“, empfahl er dann. „Du wohnst nicht hier. Ich kenne jeden und dich habe ich noch nie gesehen. Du trägst fremdartige Kleidung und redest seltsam. Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass du nicht zu uns gehörst.“
Martin presste die Lippen zusammen. Er atmete ein paar Mal durch die Nase ein und aus, bevor er sein Kinn in die Höhe reckte.
„Ich gehöre genauso hierher, wie Sie.“
Der Bauer räusperte sich und unterdrückte ein Grinsen. „In diesem Fall solltest du gleich mit anpacken, unpassende Kleidung hin oder her.“
Er sah prüfend an dem Jungen hinunter. „Groß genug bist du. Stark scheinst du auch zu sein. Ich wette du kannst wenigstens dafür sorgen, dass in den nächsten Tagen die Suppe auf den Tisch kommt.“
„Die Suppe?“
Martin klappte der Mund auf.
„Sicher“, nickte der Mann. „Fällt die Ernte zu mager aus, gibt es nichts auf dem Tisch. Vor allem im Winter ist das nicht zu empfehlen.“
„Und da soll ich was?“ Martin starrte ihn immer noch verblüfft an.
„Ernten? Was denn?“
Der Mann grinste. „Alles, was essbar ist. Viel Zeit bleibt uns nicht. Fang an mit den Kartoffeln. Und wenn du fertig bist, denk an das Wurzelgemüse.“
Martin verzog das Gesicht. „Und was krieg ich dafür?“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Du verhungerst nicht, Junge. Das sollte dir reichen.“
„Ich… äh…“ Martin hustete, sah sich erneut um. Doch nichts an seiner Umgebung hatte sich geändert. Er musste sich wohl ganz ordentlich verlaufen haben, und Martin verwünschte seine mangelnde Vorsicht.
„Ich verhungere schon nicht“, behauptete er, als er sich wieder an den Mann wand. „Ich… gehe was kaufen“, fügte er unsicher hinzu und beobachtete wie sich der erstaunte Ausdruck im Gesicht des Mannes in ein breites Grinsen verwandelte, nur einen Augenblick bevor dieser in Lachen ausbrach.
In ein tiefes, dunkles und lautes Lachen. Der Bauer lachte ihn aus. Einfach so. Inmitten dieser Wildnis lachte ihn ein Mann in seltsamer bis peinlicher Kleidung, der mit einem Stock im Boden herumstocherte, einfach so aus.
Martin drehte sich um und rannte los. Er sah nicht vor sich und blickte nicht zurück. Er rannte einfach weiter, schlug Blätter und Zweige beiseite, die sich ihm in den Weg stellten, sprang über Hügel und plötzlich auftauchende, quer vor ihm liegende Baumstämme. Er schrammte sich seine Arme auf und sogar die Beine, als seine Jeans zerrissen.
Und trotzdem rannte er immer schneller, floh in steigender Panik vor dieser seltsamen Welt, die sich hinter ihm auftat.
Er floh solange, bis er stürzte, bis er kopfüber in eine Furche stürzte, in der er keuchend liegen blieb.
Sein Mund war voller Erde, seine Hände aufgerissen während des vergeblichen Versuches sich abzustützen, und seine Füße schienen fest zu stecken.
Martin strampelte sich frei, die Panik übermannte ihn, als er für einen Moment glaubte festgehalten zu werden. Mit einem Schrei kam er auf die Knie, spuckte Sand, Erde und Steine, bevor er wild um sich blickte.
Doch nur um auf entgeisterte Augen zu treffen, die ihn aus einiger Entfernung fragend ansahen.
Taumelnd erhob Martin sich, schwankte einen Moment, wartete bis sein Herzschlag sich beruhigte, der Schrecken nachließ.
Und als er nun um sich blickte, so befand er sich wieder auf dem braunen Feld, umgeben von kahler Erde. Gleichmäßige Furchen zogen sich über den Boden und in der Ferne ratterte ein Zug über die Gleise.
„Gottseidank“, stöhnte Martin auf. Und als er vor sich die Autos bemerkte, die unermüdlich über die Schnellstraße rasten, da lachte er beinahe auf, drehte sich um, sprang über die Gräben, hetzte in Richtung des Feldweges, zurück durch die Siedlung, entlang der Straßen, bis er vor seinem Haus die Mutter sah, die vielleicht etwas vergessen hatte, oder früher als sonst ihre Arbeit beenden konnte. Es spielte keine Rolle, denn als er auf sie zu rannte, da breitete sie ihre Arme aus, fing ihn auf und umarmte ihn.
Martin wischte sein Gesicht an ihrer Jacke ab, und seufzte erleichtert auf. „Das war schräg“, murmelte er, leise genug, dass sie ihn nicht hören konnte. ‚Sehr schräg‘, dachte er noch bei sich, bevor er die Erinnerung beiseite schob, und den Kopf hob, um seine Mutter verschmitzt anzusehen.
„Was gibt’s zu essen?“, fragte er und zwinkerte ihr zu. Ob sie ihn verstand oder nicht, spielte keine Rolle, sie nickte, lachte und hielt ihn fest. So wie es sich gehörte. So wie es sein sollte.

Donnerstag, 30. Juli 2009

König

Titel: König
Autor: callisto24
Genre: Märchen
* * *


Der Thronsaal quoll über vor reich geschmückten Gästen. Sie alle hatten weder Kosten noch Mühen gescheut, um sich in ihrem besten Lichte zu präsentieren.
Schließlich handelte es sich um eines der wichtigsten Ereignisse ihrer Zeit: um die Krönung ihres neuen Königs.

Das Land trug an einem schweren Erbe. Kriege und Krankheiten hatten an seinen Kräften gezehrt, die letzten Reserven aufgebraucht.
Auch der alte König, ein weiser und gütiger Herrscher, war der Seuche zum Opfer gefallen.
Und doch hatte es den Göttern gefallen, mit seinem Tode einen Wandel einzuleiten. Als könnten sie von diesem Augenblick an Schlimmeres nicht mehr vollbringen, als hätten sie mit diesem letzten Verlust auch jeden Trumpf ausgespielt, jede Strafe verhängt, jede Rache ausgekostet.

Als wüssten sie, dass ein Land wie dieses nicht noch mehr ertragen könne, unabhängig davon, wie sehr die Bewohner diesen Schrecken verdient, das Unheil herbeigerufen hatten.
Doch wollen wir hier nicht von Sünden und Verfehlungen allzu menschlicher Natur sprechen, von der Gier nach mehr, von den Prioritäten, die jedermann sich zu setzen bequemt, sobald die Zeiten schlecht werden. Auch nicht von jenen gerade in diesen vergangenen Jahren gesetzten Prioritäten, die allesamt lediglich dem Zwecke des Eigennutzes huldigten.

Nein, dieses Kapitel war abgeschlossen.

Richten wir unsere Augen auf die Zukunft, auf den Hoffnungsträger dieser Tage, auf den jungen König, dem es bestimmt war, ein neues, ein besseres Zeitalter einzuläuten.

Dass ihm dieses gelingen sollte, stand außer Frage. Davon sprachen allein sein königlicher Wuchs, die aufrechte Haltung und der Blick, der stets nach vorne gerichtet, eine bessere Welt bereits zu sehen schien. Es galt nun nur noch, eine solche aufzubauen, und Jeremias war bereit und willens sich einer Aufgabe wie dieser zu stellen.

Fanfaren ertönten. In reichhaltigen Samt und in aufwendige Seide gekleidete Damen adeliger Herkunft sanken in die Knie. Würdenträger, Hofangestellte und weit gereiste Vertreter der unterschiedlichen Gefilde, die das Land innerhalb seiner Grenzen vereinte, neigten respektvoll ihre Köpfe, als er eintrat.

Ein verhaltenes Lächeln auf den Lippen, sich seiner Verantwortung ebenso bewusst wie der Feierlichkeit des Augenblicks, schritt Jeremias an den Reihen der Menschen vorüber, hob niemanden durch einen Blick hervor, schloss zugleich niemanden aus.

Ein Teil seines Zaubers, seiner Beliebtheit im Volk, bestand in der Ausschließlichkeit, mit der er sich jedem Gegenüber, unabhängig davon welchem Stande dieses angehörte und welcher Grund seinem Auftauchen zugrunde lag, widmete.
Obwohl noch nicht in Amt und Würden hatten ihm sein Charme und seine Freundlichkeit bereits die Herzen aller gewonnen.

Schwarze Locken fielen ihm in die Stirn und Jeremias strich sie in einer unbedachten Bewegung und ungemäß des strengen Protokolls aus den Augen, eine Geste, die ob ihrer Unschuld dem einen oder anderen der Gäste je nach seiner Natur ein leichtes Augenrollen oder einen entzückten Seufzer entlockten.

Es sollte hier nicht unerwähnt bleiben, dass Jeremias sich aufgrund seiner angenehmen Erscheinung, der schlanken, hochgewachsenen Gestalt und der Eleganz mit der er sich zu bewegen wusste, der Aufmerksamkeit der Damenwelt erfreute, insbesondere derjenigen ihrer Vertreterinnen, die sich im heiratsfähigen Alter befanden, und denen der Gedanke an ein Leben als Königen ansprechend, um nicht zu sagen erstrebenswert erschien.

Bislang allerdings war nicht bekannt, ob überhaupt und wenn ja zu welcher der reizenden und kostbar geschmückten jungen Damen, die an seinen Lippen hingen, obwohl diese noch kein Wort gesprochen hatten, Jeremias sich hingezogen fühlte.

Und die meisten der Menschen, die ihn umgaben, die ihn begleiteten, erachteten ihn als zu jung, zu unbedarft, als dass er sich bereits fest zu binden gedenken sollte.
Obwohl die Stimmen lauter wurden, die ihn drängten. Und obwohl Jeremias bislang Verständnis und Einsicht in Bezug auf jede einzelne der Forderungen, die sein Stand und seine Verantwortung ihm auferlegten, gezeigt hatte, gab er sich in dieser einen Hinsicht bedeckt, zog sich auf Fragen hin ausweichend zurück oder verwies auf Prioritäten, die geklärt werden mussten, lange bevor die Diskussion über sein Privatleben eröffnet werden konnte.

Jeremias war beileibe nicht der erste oder einzige, dessen Krönung einer Familiengründung und der Frage der Erhaltung des Stammbaumes vorausging. Seine Blutlinie prägten Vernunftehen, die aus politischen und praktikablen Gründen vollzogen wurden.
Und die Zeichen standen gut, dass Jeremias gedachte, diese Tradition fortzusetzen.

Der junge Thronanwärter hatte seinen Weg vollendet. Er drehte sich um, so dass der halblange königliche Umhang in eine Schwingung versetzt wurde, die seinen Oberkörper umschmeichelte, als er innehielt, und wandte sich an seine zukünftigen Untertanen.

In wenigen, schlichten Worten dankte er ihnen für ihr Erscheinen und für die Ehre, die sie ihm erwiesen und verlieh zugleich der Hoffnung Ausdruck, dass die Sünden der Vergangenheit gesühnt worden und das Land endlich bereit sei, besseren Zeiten entgegenzusehen.

Der Sänger stimmte die uralte Weise an, welche die Zeremonie einleiten sollte, und Jeremias sank auf seine Knie, während die Erzbischöfe auf ihn zu schritten, Krone und Zepter auf samtenen Kissen vor sich trugen.

Die Musik schwoll hinauf zu den funkelnden Leuchtern, und die Menge hielt ihren Atem an, als das Oberhaupt der Weisen die Krone in seine Hände nahm und sie hoch über den Kopf des jungen, zukünftigen Königs hielt.

Doch noch bevor er sprechen konnte, unterbrach den Weisen ein Windstoß, der die Kleider der Anwesenden aufwirbelte, Sand und Staub in den Thronsaal trug.
Die Menschen husteten und wandten sich ab. Sie bedeckten Augen, Münder und Gesichter, suchten sich zu schützen, als der Sturm nicht nachließ, als er im Gegenteil, an Intensität nur zunahm.

„Was geht hier vor?“, rief Jeremias. „Was ist so wichtig, dass es diese Zeremonie unterbrechen dürfte, die doch den Beginn einer neuen Zeit markiert.“

„Du weiß, was so wichtig ist.“ Eine heisere Stimme, dennoch laut genug, um in den entferntesten Winkel des Thronsaales vorzudringen, erklang, als sich der Wirbel beruhigte und aus seiner Mitte eine Gestalt hervorging.

Die weiße Maske glänzte im Licht der Kronleuchter, und die Menge zuckte zusammen, als sie erkannte, wer es war, der sich ihnen hier offenbarte.

Torrensoling der Zauberer, letzter seiner Zunft, und somit der mächtigste Magier im Land. Böse Stimmen behaupteten, dass Torrensoling nicht unbeträchtlich an der Strafe beteiligt war, die sie eingeholt hatte.
Und fürwahr umgab diesen Mann etwas Furchteinflößendes, eine Aura der Gefahr, die jeden erschreckte, der sich in seiner Gegenwart aufhielt. Was vielleicht erklärte, wieso Torrensoling die Einsiedelei vorzog. Dies, oder seine tief sitzende Abneigung gegenüber Menschen.

Und auch jetzt blitzten die Augen unter seiner weißen Maske nicht nur ungeduldig, sondern verärgert. Schlicht verärgert aufgrund der Tatsache, dass er gezwungen war, sein Leben der Meditation und spirituellen Erfüllung aufzugeben, um der Welt, die ihn umgab, seine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, obgleich sie diese nicht verdiente.

„Die Zeichen sind deutlich“, sprach er und richtete seinen finsteren Blick auf den jungen Thronanwärter, der sich langsam aufrichtete.

„Runen und Innereien sprechen eine deutliche Sprache.“
Torrensoling drehte sich zu der Gästeschar. „Dieser Mann…“ Er wies auf den Prinzen. „Dieser Mann wird nie euer König sein.“
Ein Raunen ging durch die Menge, und Torrensoling nickte, als wollte er sich selbst bestätigen.

„Die Zukunft zeigt mir keine Frau an seiner Seite.“ Er neigte den Kopf. „Und wir alle wissen, dass ein Herrscher nicht allein bleiben darf. Die Gefahr des Machthungers, der Diktatur, der Schreckensherrschaft steigt mit jedem Moment, den er ohne Unterstützung, ohne Widerpart, ohne Entsprechung seiner Seele auf dem Thron verbringt.
Wir dürfen dies nicht zulassen, dürfen die Gefahr nicht akzeptieren.“

Der Hofmarschall trat vor den Prinzen. „Aber was schlägst Du vor? Was sagen die Runen über die Thronfolge? Jeremias ist der einzige Sohn. Er muss König werden. Und er wird seinen Pflichten nachkommen, heiraten und Nachkommenschaft zeugen. Weil es sich dabei um seine Aufgabe handelt. Ist es nicht so, mein Prinz?“
Er drehte sich zu dem jungen Mann um, wiederholte die Frage. „Ist es nicht so?“

Der Prinz schluckte trocken. Sein Blick schweifte über die Menge, von der unterschwelliges Murmeln hinauf an sein Ohr klang. Erwartungsvoll ruhten aller Augen auf ihm, und Jeremias konnte sie nicht mehr ertragen, nicht ertragen wie sie sich in seinen Körper bohrten mit der Frage, die er selbst sich stets geweigert hatte zu stellen.

Langsam schüttelte er den Kopf. „Ich weiß es nicht“, sagte er ehrlich und blickte zu Boden. „Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage sein werde.“
Er sah wieder auf, über die vielen Gesichter, die sich ihm zuwandten, erstaunt, erschüttert oder verwirrt, und dann wanderte sein Blick zur Seite, über die Köpfe seiner engsten Vertrauten hinweg bis er den Heikos traf, den seines besten Freundes, seines Begleiters von Kindesbeinen an.
Torrensoling folgte dem Blick, bevor er mit seinem Stab auf den glänzenden Marmor stieß, bis ein helles, penetrantes Geräusch die Menge aufschreckte.

„Davon spreche ich“, sagte er und drehte sich zu den Gästen um. „Wir brauchen eine Lösung, und wir brauchen sie schnell.“

„Ich werde ihn heiraten.“ Eine junge Frau trat vor. Langsam sank sie in die Knie, blickte dann auf zu Torrensoling. „Es wäre mir eine Ehre.“

Torrensoling schüttelte den Kopf. „Ach liebes Kind“, murmelte er. „Ich weiß Dein Angebot zu schätzen, aber ebenso sicher bin ich, dass es nicht von großer Hilfe sein wird.“
„Dann melde ich mich.“ Eine weitere Dame trat hervor, gefolgt von einem jungen Mädchen, das ihrerseits beinahe gewaltsam zur Seite gedrängt wurde. Mit einem Mal schoben und stießen sich die Frauen gegenseitig aus dem Weg, jede nur noch von dem Gedanken beseelt, soweit sie es konnte, nach vorne zu gelangen, sich dem Prinzen anzupreisen.

Der junge Mann trat zurück, seine Augen weiteten sich mit jedem Schritt.
Heiko streckte die Hand nach ihm aus, doch als Jeremias beinahe nahe genug war, um diese zu ergreifen, fuhr Torrensoling dazwischen.
„Ich bin bereit, diese Zeremonie mit all meinen Kräften zu verhindern, solange das Schicksal des Landes ungewiss bleibt.“
Er wirbelte seinen Stab und ein Nebel stieg auf, verhüllte ihn ebenso wie Jeremias. Und als der Nebel verflog, blieb dort, wo sie gestanden hatten, nichts anderes übrig als leerer Raum.

„Wo ist er hin?“, fragte der Hofmarschall, noch bevor die Verwirrung die Menge erreichte. „Was ist passiert?“

„Unser König… wir brauchen ihn doch“, weinten die ersten, und einige der heiratswilligen Kandidatinnen warfen sich schluchzend zu Boden.
„Wo ist er?“

„Torrensoling hat ihn mitgenommen.“
Heiko, blass geworden, ging nach vorne. Er starrte einen Augenblick auf die Stelle, an der Jeremias eben noch gestanden hatte.
Er blinzelte, sah dann hilfesuchend zum Hofmarschall. „Wir brauchen ihn wieder“, stellte er fest. Keine Frage war es, sondern eine Feststellung und der Hofmarschall nickte.

Er richtete sich auf, gebot den Gästen mit einer Handbewegung zu schweigen.
„Gibt es Stimmen, die sich auf Torrensolings Seite schlagen? Die dagegen sind, dass Jeremias, der rechtmäßige Erbe, Sohn eines guten Königs, dessen Nachfolge antritt?“

Die Menschen schüttelten ihre Köpfe, erst vereinzelt und langsam, doch dann mit steigender Heftigkeit.
„Nein“, riefen einige. „Wir haben Verfehlungen begannen, gelogen, betrogen und gesündigt. Unser eigenes Wohl über das unserer Nächsten gestellt. Doch Jeremias gab uns Hoffnung, er sprach aus, was wir alle dachten. Wenn er uns führt, wird alles besser.“

Der Hofmarschall nickte, und sah zu Heiko. „Ich werde ihn zurückholen“, sagte dieser, und ein brausender Jubel erhob sich im Thronsaal.
Und als er an den Reihen der Gäste vorüber eilte, verbeugten sich der eine oder andere, obwohl Heiko weder einen Rang bekleidete, noch einen bekannten Namen trug.
Wie im Rausch eilte der junge Mann in Richtung des Stalles, wo sein Pferd bereit stand, wo die Stallknechte ihm aufmunternd auf die Schulter klopften und ihm Glück wünschten auf seinem Weg.

Jedermann kannte die Einöde, in der Torrensoling hauste. Und jedermann kannte die Gefahren des Weges, die es zurückzulegen galt.
Wo Torrensoling sich mit Hilfe seiner Zauberkraft durch die Luft teleportieren konnte, benötigten normal Sterbliche Tage bis sie das Ziel erreichten, sofern das Glück auf ihrer Seite stand.

Heiko durchquerte Wüsten und Dschungelgebiete. Er kämpfte mit Drachen und Schlangen, die Torrensoling ausgesandt hatte, ihm den Weg zu erschweren.
Langsam aber stetig bewegte er sich vorwärts, durchdrungen von der Hoffnung, getrieben von der Sehnsucht nach dem Freund, der ihm Zeit seines Lebens zur Seite gestanden hatte.

Und je weiter Heiko reiste, desto klarer wurde er sich über die Gefühle, die er für den Prinzen hegte, über das Band, das sie seit ihrer Kindheit verknüpfte.
Während Heikos Weg ihn immer weiter vom Palast fortführte, so wanderten seine Gedanken zurück in der Zeit.

Jeremias und er waren gemeinsam aufgewachsen. Als des Prinzen Adjutant war es stets seine Pflicht gewesen, diesen zu begleiten, zu unterstützen, seine Gedanken zu teilen. Er lieh ihm die notwendige Schulter, wenn diese vonnöten war, schob ihn an, wenn er in seinem Ehrgeiz nachließ, forderte ihn, wenn immer es darum ging, das Beste aus sich herauszuholen.


Wenn Jeremias zu dem König geworden wäre, der er sich angeschickt hatte zu sein, so war dies nicht zuletzt Heikos Verdienst.
Doch lag in diesem Wissen nicht der Grund für Heikos Eile, die ihn vorwärts trieb. Weder Staatsraison noch der Gedanke an das Wohl des Volkes, das einen König wie Jeremias brauchte, zwang Heiko dazu, seine Kräfte bis zur letzten Grenze zu erschöpfen.

Nein – etwas anderes bewog ihn weiterzugehen, so schwer und anstrengend, manches Mal unmöglich es ihm erschien, auch nur einen einzigen Schritt weiter zu tun.
Es war die Unruhe, die Furcht, die Heiko tief in sich spürte.
Furcht vor dem, was mit dem Prinzen geschah, was mit ihm geschähe, wenn Heiko ihm nicht zur Hilfe käme.

Denn er wusste sehr wohl, dass außer ihm selbst niemand es wagte, Torrensoling die Stirn zu bieten. Nicht auf dessen Gebiet. Nicht in einem Fall wie diesem, in dem es um das Wohl des Landes ging, um das Wohl der Bevölkerung. Und das zu einer Zeit, während der ausgerechnet dieses Wohl auf wackeligen Füßen stand, während der niemand erwarten konnte, dass ein Risiko eingegangen wurde.

Und so ritt Heiko weiter, unermüdlich und voller Hoffnung, und doch getrieben von der Unruhe, der Frage, was es war, worauf er zuritt.

Jeremias befand sich in einer Blase. Zumindest kam es ihm so vor. Er konnte nicht über die Ränder des Ballons in dem er gefangen war, hinaussehen. Und hinter diesen lag nichts außer Dunkelheit.
Er war allein in dieser Blase, allein mit Torrensoling und mit einer blauen Flamme, die vor ihm loderte.

Wie hypnotisiert starrte Jeremias in die Flamme hinein, beobachtete deren vage, zuckende Bewegungen, folgte mit dem Augen ihren seltsamen Sprüngen oder den Funken, die sie ausstieß, als sei sie ein lebendiges Wesen, das unter gelegentlichen Hustenanfällen litt.

In Torrensolings glänzender Maske spiegelten sich ihre Bewegungen. Zu hören war kein Laut, mit Ausnahme eines gelegentlichen Knisterns, das Jeremias jedesmal zusammenzucken ließ.

Er hob den Kopf und bemerkte erst in diesem Augenblick, dass er auf dem Boden kauerte, auf der nachgiebigen und doch glatten Substanz, die er für den Boden hielt, die jedoch nichts anderes, als einen der Wände der Blase darstellten.
Die Augen Torrensolings bohrten sich aus den Höhlen der Maske in Jeremias‘ eigene, der den Blick nicht lange aushielt, sondern seine Lider niederschlug.

„Was willst du von mir?“, brachte er schließlich mühsam hervor. „Hat es dir nicht gereicht, den Krönungstag zu zerstören?“
Jeremias ahnte Torrensolings Grinsen unter der Maske, doch dieser antwortete nicht.

„Zeige mir wenigstens dein Gesicht“, forderte Jeremias. „Solltest du mich töten wollen, so habe ich zumindest den Respekt verdient, der mir gebührt.“

Der Zauberer schüttelte langsam den Kopf. „Du warst schon immer ein verwöhnter Knabe. Bereits damals, als ich dich in den heiligen Künsten unterrichtete. Du wolltest den Traditionen nie die Ehrfurcht erweisen, die sie verdienten. Du wolltest nie anerkennen, dass unbedingter Gehorsam eine Tugend ist, der es um jeden Preis zu folgen gilt.“

„Und ich glaube immer noch nicht daran.“
Jeremias hob sein Kinn, sah Torrensoling direkt an. „Es gibt Regeln, die es wert sind, gebrochen zu werden. Ja, die gebrochen werden müssen, damit aus dieser Welt ein besserer Ort werden kann. Wir alle befinden uns nur zu dem einen Zweck auf Erden – um zu lernen uns zu entwickeln, neue Lösungen zu finden für unlösbar erscheinende Aufgaben.“

Torrensoling schnaubte. „Gesprochen wie ein Rebell, ein Freigeist, der bereit ist alles zu opfern, was unser Land, unser Leben und unsere Werte ausmacht.“
Jeremias schüttelte seinen Kopf. „Wenn wir erkennen, dass ein Weg nicht funktioniert, so ist es unsere Pflicht einen besseren zu suchen. Denkst du nicht auch so, Torrensoling?“

Der Magier prustete. „Ganz gewiss nicht. Ideale existieren, die älter sind als wir, die bereits vor uns bestanden und auch nach unserem Dahinscheiden noch Bestand haben werden.“
Jeremias räusperte sich. „Doch nicht alles, was du als ein Ideal ansiehst, gehört auch wirklich zu den Werten, welche die Ewigkeiten überdauern sollten.“

Torrensoling streckte sich. Seine Augen sandten Blitze aus. „Du wagst es, meine Macht anzuzweifeln.“
Nun richtete sich auch Jeremias auf. Jedoch stand er still und bescheiden vor dem Zauberer, neigte den Kopf, als er ruhig weitersprach. „Ich wage es, deine Überzeugung anzuzweifeln“, sagte er leise. „Wir alle sind letztendlich nur Menschen, die sich damit abfinden müssen, dass sie hin und wieder irren können.“

Torrensoling lachte blechern. „Auch du, junger König?“
Torrensoling nickte. „Auch ich – und ich noch viel mehr als jeder andere. Die Verantwortung, die ich tragen soll, macht mich nicht unfehlbar. Meine Pflicht ist es, ständig darauf zu achten, dass meine Fehler entlarvt werden, meine Irrtümer aufgedeckt und ein falscher Kurs korrigiert wird.“

Torrensoling stieß seinen Stock in die Höhe, und die blaue Flamme folgte der Richtung, indem sie nach oben züngelte.
„Warum verweigerst du dich dann der ersten aller Verneigungen vor der Schönheit des Lebenszirkels? Warum hast du dir in deinem Alter noch keine Braut gesucht, keine Nachkommen gezeugt, keinerlei Anstrengungen unternommen, dein Geschlecht zu erhalten? Du bist der letzte Nachkomme. Es wäre deine Pflicht.“

Jeremias schluckte, senkte dann seinen Kopf. „Ich weiß“, antwortete er, und fügte dann leise hinzu. „Ich konnte es nicht… konnte es mir niemals überhaupt vorstellen.“
Torrensoling schnalzte mit der Zunge. „Und wie glaubst du dann, die Bedürfnisse deines Volkes über deine eigenen stellen zu können, wenn du noch nicht einmal zur Erfüllung der geringsten aller Aufgaben imstande bist?“

Jeremias holte tief Luft und hob seinen Kopf wieder. „Ich weiß, dass ich dazu imstande bin“, sagte er fest. „Ich weiß, dass ich trotzdem ein guter König sein kann. Und ich weiß, dass es für einen König keine Rolle spielt, ob oder wie viele Kinder er zeugt. Seine Taten sind es, die zählen, auf die dereinst die Geschichtsschreiber zurückblicken werden.“

Torrensoling schüttelte den Kopf. „Aber du lässt dein Land ohne Thronfolger, ohne Regierung zurück, ohne legale Ansprüche. Chaos und Anarchie werden ausbrechen, sollte die Blutlinie unterbrochen werden.“

Jeremias räusperte sich. „Es kann nicht nur um das Blut gehen. Wenn es auf dieser Welt gerecht zu gehen soll, dann zählen ein starker Charakter und die Fähigkeit zu regieren. Denke nicht, dass ich mir nicht bereits gründlich Gedanken über eine neue, eine verbesserte Form zur Ermittlung eines Herrschers gemacht habe. Nur die Besten, nur die Weisesten und die Begabtesten, sowie die, deren Herz am rechten Fleck sitzt, sollen eine Chance erhalten. Und das unabhängig von ihrer Geburt oder ihrem Stand. In einem Müllerburschen kann ein besserer König stecken, als in jedem Adeligen von einer Grenze bis zur anderen.“

Torrensoling keuchte. „Das ist aufrührerisches Gedankengut. Es ist verboten, dieses auszusprechen.“
Jeremias schüttelte den Kopf. „Mein Vater verbot es genau so wenig, wie ich es verboten hätte. Eine neue Zeit ist angebrochen, Torrensoling. Und du hast es nicht bemerkt.“

Er schluckte, ging dann einen Schritt auf die Flamme zu, fröstelte als er deren Kälte spürte. „Über kurz oder lang werden deine Spielereien, deine leeren Rituale niemanden mehr beeindrucken. Ob du mich tötest oder nicht, es wird ein anderer kommen und meinen Platz einnehmen. Irgendwann – und du wirst es nicht verhindern können.“

„Schweig still.“ Torrensoling hob den Stab über seinen Kopf und dieser sandte violette Blitze aus, die an den Wänden der Blase abprallten, bevor sie zurückgeschickt wurden, Jeremias wie Nadeln aus Eis durchfuhren, bis dieser zu Boden fiel und sich in Schmerzen wand.

Torrensoling lachte blechern. „So ist es, mein Prinz. Letztendlich sind wir alle nur Körper, Opfer unserer fleischlichen Begierde und unserer Gebrechen. Eine kleine Verletzung verwandelt dich von einem angeberischen Heuchler der große Worte schwingt, in ein jammerndes Häufchen Elend. Es ist an der Zeit, dass du das einsiehst, und dich meinem Willen fügst.“

Jeremias stieß einen Schmerzenslaut aus. „Und welches wäre dein Wille?“, flüsterte er erschöpft.
„Befolge die Regeln“, forderte Torrensoling. „Lehne dich nicht auf gegen die Bestimmungen der Natur, die Tatsachen, die in Stein gemeißelt wurden, noch ehe auch nur einer von uns begann zu existieren.“

„Ich befolge die Regeln“, wisperte Jeremias entkräftet. „Ich befolge jene, die ich für wert erachte, befolgt zu werden.“
Ein weiterer eisiger Blitz traf ihn, und Jeremias erzitterte, krümmte sich zusammen, bevor er das Bewusstsein verlor.
Torrensoling lachte, ein dunkles grausames Lachen, das seinen Weg durch die Einöde suchte.

Heiko hielt sein Pferd an und lauschte. Als das Lachen an sein Ohr drang, erschauerte er und begann zu frösteln.
„Jeremias“, flüsterte er. Heiko fühlte, nein, er wusste mit absoluter Sicherheit, dass es um den Freund ging, dass es sein Leiden war, das er miterlebte. Und er verwünschte sich selbst, verwünschte die erzwungene Langsamkeit seiner Reise, als er das Tier antrieb und vorwärts preschte in Richtung des Prinzen, von dessen Aufenthaltsort er nun eine sichere Ahnung erhalten hatte.

„Niemals werde ich aufgeben“, seufzte Jeremias entkräftet. „Niemals. Du wirst nicht erhalten, was du von mir forderst.“

„Das werden wir sehen“, lachte Torrensoling boshaft und richtete einen weiteren Blitz auf den jungen Mann.
Der Hall des Donners erschütterte die Blase, und Torrensoling warf den Kopf in den Nacken in einem jubilierenden Schrei.
„Dann werde ich dich töten“, rief er voller Enthusiasmus. „Du wirst wie eine Fliege vor mir im Staub kriechen und um Gnade winseln, wenn ich es will. Und ich werde die Befriedigung erhalten, einen König zu entthronen, der niemals auch nur in die Nähe einer Königskrone hätte gelangen dürfen.“

„Das wirst du nicht.“

Torrensoling fuhr herum. Die durchsichtigen Wände der Blase gaben den Blick frei auf eine Gestalt, die sich durch die Dunkelheit vorwärts kämpfte, durch das Nichts ihren Weg fand.
„Heiko“, keuchte Jeremias, und versuchte sich zu erheben. Doch eine Bewegung von Torrensolings Stab drängte ihn erneut zu Boden, presste ihn wie eine Druckwelle herab.

„Wer ist dieser Wicht?“, lachte Torrensoling. „Wer wagte es in mein Gebiet einzudringen, die Unberührtheit meiner Einsamkeit zu beschmutzen?“
Seine Stimme wurde schriller mit jedem Wort. Verärgerung und zugleich unverhohlenes Erstaunen schwangen in den Lauten mit, die Jeremias‘ Trommelfell unangenehm durchdrangen bis er mit schmerzverzehrtem Gesicht seine Hände gegen die Ohren presste.

Heiko näherte sich unaufhaltsam. Weder Torrensolings Schrei noch seine Drohgebärden hielten ihn davon ab, sich Jeremias zu nähern.
Er sah nur ihn, war einzig beseelt von dem Wunsch, den anderen aus diesem Gefängnis zu holen, ihn zurückzubekommen und wieder bei sich zu haben, für sich zu haben.

Heiko zog sein Schwert. Doch als er begann mit diesem gegen die gläsernen Wände der Hülle einzuschlagen, die ihn von Jeremias trennten, vibrierten die Schläge in seinen Armen und Beinen, rieselten schmerzhaft durch seinen ganzen Körper, zeigten jedoch keine Wirkung.
Lediglich ein scharfes Klirren ertönte, fuhr über die Außenwände der Blase und erleuchtete diese in einem violetten Schimmer, doch ohne das Gebilde auch nur im Geringsten zu erschüttern.
Kein Spalt, kein Riss zeigte sich, obwohl die Klinge des Schwertes scharf genug war, dass sie ohne Schwierigkeiten Stein durchtrennen konnte.

Doch der Schutz, der Torrensoling und Jeremias umhüllte, gab nicht nach; Torrensolings Zauber hielt ihn unabhängig von jeder Erschütterung, jeder nur möglichen Gewalteinwirkung in seinem Platz.

Jeremias öffnete die Augen und sah hinaus zu dem Freund, der unablässig auf die Wände einhob, diese von allen Seiten bearbeitete, während Torrensoling zu kichern begann, schließlich die Arme in die Seiten stemmte, seinen Kopf in den Nacken warf und laut hinaus lachte.
„Mein armer Junge“, brachte der Zauberer schließlich mühsam und unter Glucksen und Hicksen hervor. „Deine Anstrengungen werden dir nicht helfen. Mein Zauber ist zu mächtig, meine Macht zu groß, als dass du schwaches Menschlein sie nur ankratzen könntest.“

Jeremias stützte sich auf seinen Arm, sah Torrensoling an. „Du bist auch nur ein Mensch“, sagte er ruhig. „All deine Macht wird einst verblassen, so wie die Kräfte eines jeden Menschen, ob klein oder groß, dereinst ins Nichts übergehen werden.“

Torrensoling lachte immer noch. „In ein Nichts, das eine neue Welt gebärt“, sagte er leutselig. „Meine Macht wird übergehen in etwas Größeres, verschmelzen mit der Unendlichkeit des Seins.“

„Lass mich gehen“, sagte Jeremias. „Wenn dein Einfluss so groß ist, was willst du dann von mir? Was kann ich ausrichten, das wichtig genug ist, als dass du dich darum kümmern müsstest?“
Torrensolings Kopf fuhr herum. Die unablässig flackernde Flamme inmitten der Blase zeichnete furchterregende Muster auf seine Maske.

„Unterschätze mich nicht“, grollte er. „Unterschätze mich niemals, Prinz. Ich weiß, wer du bist. Und ich weiß von dem Einfluss, den du auf die Menschen ausübst, die deine Untertanen sind. Ich weiß von den Fehllehren, die du imstande bist, ihnen zu verkünden, von den falschen Wegen, die du sie führen wirst.“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst?“, keuchte Jeremias, und kämpfte um auf seine Füße zu kommen. Er strauchelte, stürzte wieder und kniete. Sein Blick wich von Torrensolings furchteinflößender Gestalt ab und wanderte zu Heiko, der seine letzten Kräfte mobilisierte, um die fruchtlosen Bemühungen fortzusetzen.
Doch dessen Hiebe richteten immer noch nichts aus, weder schwankten die Wände, noch bebten sie, noch zeigten sie auch nur die geringsten Anzeichen einer Verletzung oder Erschütterung.

Mit einem verzweifelten Stöhnen hob Heiko das Schwert ein letztes Mal an und ließ es krachend gegen die Hülle fallen, die standfest und hart blieb wie bei jedem seiner vorigen Versuche.
Heiko keuchte, und das Schwert glitt aus seinen Händen, während er auf die Knie sank. Er blickte auf und befand sich in Augenhöhe mit Jeremias, der ihn schmerzerfüllt ansah.

„Du bist gekommen“, flüsterte der Prinz. „Ich danke dir.“
„Ich musste es tun“, antwortete Heiko. „Ohne dich kann ich nicht sein.“
Jeremias hob eine seiner Hände, legte sie gegen das Glas, das sich überraschend kühl und glatt anfühlte.
„Und ich nicht ohne dich“, sagte er schlicht. „Jetzt weiß ich es.“

Er blinzelte. „Wieso haben wir es nicht früher gesehen?“, wisperte er leise, und doch laut genug, dass Heiko ihn über alle Hindernisse, über das Rauschen in seinen Ohren hinweg hören konnte.
„Wir sehen es jetzt“, antwortete er, und legte seine eigene Hand auf die andere Seite der Glashülle, gerade gegenüber der von Jeremias, so dass nur noch die kühle Substanz sie trennte.

Sie sahen sich an, ihre Augen trafen sich. Blicke tauchten ineinander und Lippen öffneten sich in gegenseitigem Verstehen.
Der violette Schimmer, der von Zeit zu Zeit über das hauchzarte Glas gewandert war, wurde dunkler, intensivierte sein Leuchten. Jeremias und Heiko sahen sich unverwandt an, ihre Hände gegen das Glas gepresst, das sich unter ihnen verformte, bog, während ihre Gesichter sich unmerklich der Scheibe näherten.
Das Glas, das sie voneinander trennte, erwärmte sich, sei es durch die Hitze ihres Blickes oder durch die Wärme, die durch ihre Finger strömte, sie durch die Scheibe hindurch miteinander verband.

Ihre Augen tranken den Anblick des anderen, ihre Körper kribbelten im Bewusstsein der Nähe, die bereits zu greifen war, und doch unmöglich zu erreichen schien.
Zu lange waren sie getrennt, länger als jemals zuvor in ihrer beider Leben. Weiter voneinander entfernt, als sie es jemals gewesen waren.

Das Glas erwärmte sich, die Hitze drang aus ihren Augen, aus ihren Händen in die Hülle, durchströmte diese, ließ sie sich erweichen.
Das Glas verformte sich unter ihren Fingern. Die Blase wackelte, die Hülle schmolz mit einem Seufzer.

„Neiiiin“, kreischte Torrensoling. „Das darf nicht sein, es geht nicht. Es ist unmöglich.“
Doch er besaß keine Macht mehr über die Hülle, über die gläsernen Wände. Sie schmolzen, sie sanken in sich zusammen, zerflossen in glasige Fäden, die emporstiegen und in der Dunkelheit verdampften.
Die Barriere zwischen ihnen bröckelte, brach zusammen, noch ehe sie sich dessen bewusst werden konnten.
Doch was sowohl Heiko als auch Jeremias spürten lag in dem Zauber der körperlichen Anziehung, die beide erzittern ließ.

Hände streckten sich aus, Arme fanden sich und Körper schmiegten sich aneinander. Heiko zog den jungen König näher, und dieser fiel mit einem Seufzer gegen ihn, schlang seine Arme um des Größeren Schultern, legte seine Wange gegen die seines Freundes.

„Was soll das?“, schrie Torrensoling. „Was geht hier vor? Das kann nicht sein.“
Er versuchte dazwischen zu gehen, doch sein Stab schmolz ebenso wie die Hülle, in die er Jeremias und sich vermeintlich endgültig eingeschlossen hatte, geschmolzen war.

Heiko stütze Jeremias, als dieser sich erhob. Sie ließen nicht voneinander, blieben umschlungen, glücklich, zufrieden in der Wärme des anderen.
„Was geht hier vor?“, keuchte Torrensoling, und wich einen Schritt zurück. „Was tut ihr?“

Endlich drehte sich Jeremias zu ihm. „Siehst du das nicht?“, flüsterte er, bewegt von den starken Gefühlen, die ihn durchdrangen. „Kannst du es nicht sehen?“
Er erschauerte.
„Ich weiß es auch nicht“, flüsterte Heiko und küsste Jeremias‘ Hals über dem königlichen Kragen. „Was ist geschehen. Sag es mir.“

Und Jeremias lächelte. „Es ist die Liebe“, antwortete er. „Sie ist stärker als alles andere, stärker und wahrhaftiger als jede Zauberkraft, die doch nur ein schwacher Abglanz dessen sein kann, was in diesem Universum von Bedeutung ist.“

„Liebe?“, wisperte Heiko und Jeremias lächelte.
„Du fühlst sie doch auch“, sagte er leise. „Nur die Liebe ist stark genug um Mauern niederzureißen, um Entfernungen zu überwinden, die unüberwindbar scheinen, um Festungen zu stürmen, die von jeher uneinnehmbar wirkten.“

Heiko nickte und presste sein Gesicht in die Kurve zwischen Jeremias‘ Hals und Schulter. Seine Stimme klang erstickt, als er weitersprach.
„Dann ist es also wahr, wirklich wahr?“
„Das ist es.“ Jeremias küsste Heikos Haar.

„Das ist es nicht“, schrie Torrensoling erbost. „Das ist keine Liebe. Das ist schwarze Magie, verbotene Hexerei. Es ist unmöglich, gefährlich und falsch. Falsch in jeder Hinsicht.“

„Aber wieso?“ Jeremias drehte sich zu Torrensoling um, behielt jedoch seinen Arm um Heiko gelegt, so wie jener seine Arme um Jeremias‘ Körper schlang.
Jeremias‘ Stimme klang leise, jedoch fest, bestimmt und entschlossen.

„Ist es nicht das, was du gefordert hast? Einen Menschen an der Seite des Königs, der ihm genug bedeutet, dass dieser seine Entscheidungen in der Gemeinschaft abwägt. Der ihn erdet, seinem Leben ein Fundament gibt, seine Welt ordnet, ihm Halt und Sicherheit verleiht und gleichzeitig davon abhält, den Boden unter seinen Füßen zu verlieren, sich in Wirren zu verstricken, die für seine Untertanen die fatalsten Folgen hätten.“

„Aber…“ Torrensolings Stimme überschlug sich. „Es muss eine Frau sein. Zu einem König gehört eine Königin, zu jeder Königin der König. So ist es bestimmt, so lautet die uralte Regel.“

„Wer hat das bestimmt?“, fragte Jeremias ruhig. „Von Menschen erschaffene Gesetze unterliegen Irrtümern. Und solange wir leben, lernen wir. Auch du, Torrensoling. Auch du lernst dazu.“

„Niemals“, bellte der Zauberer. „Das ist nicht richtig, nicht wahr.“
Heiko hob seinen Kopf. Er ließ seinen Blick über die Ödnis schweifen, die er so mühsam durchquert hatte, richtete ihn auf die Dunkelheit, die sie umgab. Und in diesem Augenblick falteten sich die letzten Überreste der gläsernen Hülle wie eine sich öffnende Blüte auseinander.

Durchsichtige Blätter sanken hinab, suchten Kontakt mit dem Grund, und in dem Moment, in dem sie diesen gefunden hatten, breiteten sie sich aus, flossen auseinander, dehnten sich in die Ferne.
Und mit ihnen glitt ein mattes Licht über den Boden, das Wärme und Leben mit sich brachte, dessen Quelle inmitten der verschlungenen Gestalten Jeremias‘ und Heikos entsprang.

„Siehst du?“, flüsterte Jeremias, ohne zu wissen, ob er zu Heiko oder zu Torrensoling sprach.
„Ja.“ Heikos Augen wanderten zu dem Zauberer, der mit geöffnetem Mund beobachtete, wie das schimmernde Licht die Dunkelheit vertrieb, wie die Ödnis erfüllt wurde von Bewegung, von Geräuschen, Gesängen und Musik.

Duftende Wiesen streckten sich in die Ferne aus. Helles Grün sprach von einem neuen Anfang.
„Ich sehe es.“ Heiko lächelte und legte seine Hände auf Jeremias‘ Wangen, bevor er dessen Lippen zu den seinen zog. „Ist das der Beweis?“

Jeremias küsste ihn. „Es ist der Beweis, dass wir richtig liegen. Dass wir das Richtige tun.“

Torrensoling schüttelte wild seinen Kopf. „Das kann nicht sein“, krächzte er. „Ich glaube das einfach nicht. Ich will es nicht glauben.“

„Aber warum denn nicht?“, fragte Jeremias, und sein Gesicht leuchtete im Schein der aufsteigenden Sonne.

„Weil… weil…“ Torrensoling hustete, beugte sich vorwärts, zuckte in heillosen Krämpfen. „Weil es eine Frau sein muss… eine… weil wir sonst nichts haben… nichts außer…“

Er erschauerte. „Ihr begeht einen unverzeihlichen Fehler. Die Blutlinie wird aussterben, die rechtmäßige Nachkommenschaft angezweifelt. Krieg und Chaos unvermeidbar.“

„Das ist nicht wahr“, sagte Jeremias sanft. „Wir werden rechtzeitig und sorgfältig auswählen, welcher Mensch, welches Kind zur Herrschaft bestimmt sein wird.
Durch seine Adern muss nicht unser Blut fließen. Unser Geist, unsere Erziehung, unsere Lehren sind es, auf die es ankommt.“

„Nein…nein.“ Torrensoling schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

Dann stürzte er zu Boden, und die Maske rutschte von seinem Gesicht.
Jeremias sog erstaunt die Luft ein und Heiko blinzelte verdattert.

„Torrensoling?“, fragte Jeremias unsicher.
Graues Haar ringelte sich lang über Torrensolings Kragen. In langen Wimpern hingen Tränen. „Ihr seht richtig“, krächzte die Frau. „Ich bin kein Zauberer. Ich bin eine Hexe. Und ich bin die letzte Bastion, das letzte Wesen auf Erden, das für die Rechte des schwachen Geschlechtes eintritt. Ohne mich sind die Frauen verloren, armselige, abhängige, bedeutungslose Wesen…“

Sie schüttelte sich. „Ohne mich wird die Menschheit aussterben, wird niemand mehr wissen, was der Kreislauf des Lebens bedeutet.“
„Wir werden es wissen“, versprach Jeremias sanft.

„Ich werde dies nicht zulassen“, kreischte Torrensoling und sprang auf. Sie richtete beide Hände auf die blaue Flamme, die immer noch unverändert vor ihnen brannte. „Töte sie“, kreischte die Hexe. „Du bist mein Geschöpf. Entferne sie vom Angesicht dieser Erde.“

Die Flamme zischte. Sie erhob sich und fuhr in Richtung der Liebenden.
Sie griff Jeremias an, der zurückwich. Und in diesem Moment warf Heiko sich vor ihn, breitete die Arme aus und beschützte den Prinzen mit seinem Körper.
Blaues Licht leuchtete grell, doch es verharrte, zögerte.
Die Flamme tanzte langsam von links nach rechts, als versuche sie an Heiko vorbeizukommen. Doch als hielte sie eine Kraft, die stärker war, als der Grundstoff, der die Flamme entzündete und am Leben ließ, zurück.

„Was ist los“, kreischte Torrensoling erbost. „Worauf wartest du?“
Die Flamme zischte, flackerte in die Höhe, ballte sich zusammen zu einem blitzenden Feuerball, der auf einmal ohne Vorwarnung explodierte. Die Druckwelle presste Heiko gegen Jeremias und warf beide zurück, weiter zurück, bis sie zu Boden stürzten.

Auch Torrensoling stürzte, schrie. Ihre Schreie stiegen hinauf, bevor sie verblassten, zerbröckelten, ebenso wie ihre Gestalt verblasste.
„Was geschieht hier?“ Jeremias rappelte sich auf. Heiko reichte ihm seine Hand, half ihm sich zu erheben.
„Wir sind stärker“, sagte der Größere schlicht. „Unsere Liebe ist stärker als der Hass und als die Vorurteile, die sich durch die Jahrhunderte erhalten haben.“

„Das ist nicht wahr“, kreischte Torrensoling, noch während ihre Gestalt durchsichtig wurde und dann zerfiel, auseinander staubte, und schließlich von einem Windstoß in winzige Flusen geteilt und so in alle Richtungen getragen wurde.

Heiko hielt Jeremias fest, als der Sturm aufkam. Er beschützte ihn wieder, erdete ihn auf dem Grund, wartete bis der Wirbel, der sie umgab, sich verzogen hatte, aufgelöste ins Nichts.

Und immer noch hielt er Jeremias fest, wiederholte: „Unsere Liebe ist stärker.“
Und Jeremias nickte in seine Umarmung. „Ja“, flüsterte er, richtete sich auf, sah um sich. Seine Blicke glitten über die Streifen Licht, die das saftige Gras zum Dampfen brachten, über die Wärme, die vom Erdboden aufstieg, der einst eine Ödnis gewesen war, hinaus in die Ferne, zum Horizont, an dem alle Farben des Regenbogens miteinander tanzten.
„Ja“, wiederholte er, und sah zu Heiko hinauf. „Lass uns nach Hause gehen.“

Er löste sich von dem Größeren, und genau in diesem Moment tauchte Heikos Pferd auf, wieherte froh, als es seinen Herrn erblickte, beugte dann seinen Kopf vor dem jungen König.

Sie bestiegen das Tier und durchquerten das Land in einem Rausch der Geschwindigkeit, erreichten ihr Ziel weitaus schneller, als sie es erwarten konnten.

Im Thronsaal drängten sich immer noch die Menschen, die ihres Königs harrten, die eine Antwort erwarteten, wo es keine Antwort geben konnte.
Und als Jeremias und Heiko Hand in Hand den Saal betraten und durch das Spalier der Menschen ihren Weg zum Thron antraten, da brandete der Applaus auf.

„Es lebe unser König“, riefen die Menschen. „Ein Hoch auf das neue Zeitalter.“
Und Jeremias blieb stehen, noch ehe er sein Ziel erreicht hatte, und sah Heiko tief in die Augen.
„Ich danke dir“, sagte er schlicht.
Und Heiko lächelte. „Nein“, antwortete er leise. „Ich danke dir. Für alles.“