Freitag, 29. Januar 2010

Marktsonntag

Titel: Marktsonntag
Autor: callisto24
* * *


Es ist einer der ersten wirklich warmen Frühlingstage, Anfang Mai. Der Himmel erstrahlt in einem königlichen Blau. Kein noch so winziges Wölkchen wagt sich hervor, als Moritz und ich aufbrechen, den örtlichen Marktsonntag zu erkunden.
Nur zweimal im Jahr findet dieses wichtige Ereignis statt und auf wundersame Weise ist Petrus den zahlreichen Schaulustigen immer wieder gnädig. Niemand kann sich an einen verregneten Festtag erinnern; die Sonne lacht mit fröhlichen Besuchern, die sich in Scharen der geschmückten Hauptstraße nähern.
Noch bevor wir etwas erblicken können, klingt Musik an unsere Ohren.
Der kleine Moritz setzt sich bereits erwartungsvoll in seinem Buggy auf. „Das kenne ich doch irgendwoher“, sagen seine aufgeregt leuchtenden Augen, als wir endlich um die Ecke biegen und sich uns der gesamte Eindruck mit überwältigender Pracht darbietet.
Die Hauptstraße hat sich seit Freitag von der gewohnten, grauen Einkaufspassage in eine geschmückte Gasse verwandelt. Die für Fahrzeuge gesperrte Straße ist flankiert von dichtgedrängten Schaubuden und Verkaufsständen. Fahrende Händler wechseln sich ab mit einheimischen Geschäftsbesitzern, die mit großem Elan die Werbetrommel für ihr Unternehmen rühren.
Einen knallroten Luftballon mit der Aufschrift ‚Optik-Haus Kurz‘ nennt Moritz bereits stolz sein Eigen.
Sorgsam binde ich diesen an seinem Gefährt fest, denn wie die Erfahrung lehrte, sind die meisten Ballons entweder sehr kurzlebig oder sie entschwinden in einem unbewachten und windigen Augenblick himmelwärts.
Mühsam bahnen wir uns einen Weg, denn noch sind wir nicht im Zentrum des Geschehens angelangt.
Die Musik klingt ohrenbetäubend. Dabei ist es noch nicht einmal eine einheitliche Klangrichtung sondern ein wildes Gemisch der unterschiedlichsten Stilrichtungen, gepaart mit den unaufhörlichen Lobpreisungen der Marktschreier, die sich gegenseitig zu übertönen suchen.
Vorbei geht es an einem Stand mit Alpenmode.
Aus dem bis zum Pegel aufgedrehten Kassettenrekorder des Verkäufers erklingt die volkstümliche Hitparade, während sich nebenan der Besitzer eines modernen CD Ladens mit Schwerpunkt auf Rap und Techno beinahe vergeblich Gehör zu verschaffen sucht. Italienische Schlager werden beim Pizza- und Getränkestand der ortsansässigen Pizzeria zum Besten gegeben. Kleine Tische und Stühle laden zum Verweilen ein.
Aber wir können nicht rasten. Schließlich hat Moritz ein Ziel vor Augen.
Nur dieses vor Augen kämpfe ich mich mit dem Buggy zwischen anderen Kinderwägen hindurch.
Aber die schwierigsten Hindernisse sind die mindestens zwanzig Zentimeter dicken Elektrokabel, die es immer wieder zu umschiffen gilt.
An den riesigen Lautsprecherboxen, die sich neben der kleinen Bühne im Ortszentrum türmen, sind wir schon vorbeigezogen. Glücklicherweise legt die Band, bestehend aus vier bärtigen Typen, die allesamt T-Shirts mit der Aufschrift: „Cypress Hill“ tragen, gerade eine künstlerische Pause ein, so dass unser Trommelfell noch ein wenig verschont bleibt.
„Das hier, das hier will ich“, ruft Moritz, der unvermittelt aus seiner Sprachlosigkeit erwacht. Natürlich, der Stand mit Süßigkeiten und allerlei Naschwerk taucht auf einmal verlockend vor uns auf. Eine beträchtliche Schlange Kinder bewundert respektvoll den Künstler, der es fertigbringt, riesige, rosa Berge Zuckerwatte aus dem sich pausenlos drehenden Kessel zu zaubern. Daneben duften verführerisch gebrannte Mandeln und Haselnüsse. Aber als Krönung des Ganzen glitzert im Sonnenlicht die frisch geputzte Glasvitrine. Darin verborgen warten herrliche, glasierte Früchte, glänzend in allen Farben des Regenbogens.
Nur einen Moment später und zufrieden mit unserer Beute, zwei rot leuchtenden Äpfeln, ziehen wir weiter.
Von allen Enden strömen nun die Düfte der unterschiedlichsten Leckereien auf uns ein. Die Bäckerei verlockt mit frisch gebackenem Kuchen. Vor der Metzgerei drängeln sich die Menschen am Würstchenstand und der Friseur der Stadt verkauft wie immer seinen Steckerlfisch in der zweiten Identität als Angler-Hansi.
Doch wir ziehen weiter. Und endlich ist es soweit. Der Höhepunkt des Tages ist erreicht, das Ziel dem alle, zumindest alle Kinder, voller Spannung zuströmen:
Die Eisenbahn.
Dichtgedrängt zwischen winkenden Eltern und Großeltern stehen die aufgeregten Kleinen. Ihre goldenen Tickets fest umklammernd bewundern sie die rot und grün bemalte Bimmel-Bahn, die unermüdlich Runde um Runde dreht.
Von Moritz vorwärtsgedrängt, erwerbe ich unter Einsatz meines Lebens fünf Fahrkarten als Sammelticket zum Sonderpreis.
Nun stehen wir bereit, uns in den Kampf um den heiß begehrten Platz in der Lokomotive zu stürzen.
Natürlich sind es erfahrende Eisenbahn-Rowdies von mindestens vier Jahren, denen es zuerst gelingt, den Posten des Lokomotivführers zu ergattern.
Und schon wird aus Leibeskräften mit der Glocke geläutet. Aber auch Moritz sitzt glücklich auf seinem Platz im ersten Wagen und die Fahrt kann beginnen.
Immer wieder umkreist der kleine Zug eine sorgfältig arrangierte Märchenlandschaft. Ein Schneewittchen, das dem Walt-Disney-Film entsprungen sein könnte, lacht fröhlich inmitten einer Schar von Gartenzwergen. Mit einer todernsten Miene begutachtet Moritz die Plastikfiguren, bis die Bahn unter großem Hallo der kleinen Mitreisenden wieder stoppt.
Fachmännisch zieht er seinen zweiten Fahrschein aus der Hosentasche und reicht ihn mit der Ernsthaftigkeit eines großen Geschäftsmannes dem Kontrolleur.
Ebenso ernsthaft nimmt er das Gummibärchen, das die treuen Fahrgäste erhalten, in Empfang.
Bei der dritten Runde schließlich entscheidet er sich von seiner winkenden Mama Notiz zu nehmen. Ein lässiges Heben des Händchens und ein wohlwollendes Lächeln, mehr Zeit haben vielbeschäftigte Eisenbahnfahrer nicht.
Eines ist klar: Schöner kann dieser Tag für ihn nicht mehr werden. Und so transportiere ich einen selig schlummernden kleinen Mann vorbei an all den wunderbaren Sensationen, die der Marktsonntag für uns bereitgehalten hat und nach Hause.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Nieselregen

Titel: Nieselregen
Autor: callisto24
* * *

Er stand auf dem Dach und hielt sein Gesicht dem Regen entgegen, als fühle er ihn zum ersten Mal. Sein Haar klebte an der Stirn und seine Kleider waren bereits durchtränkt, obwohl es sich um nicht mehr als einen leichten Nieselregen handelte. Doch er befand sich inzwischen lange genug an dieser Stelle, um die kalte Flüssigkeit wie eine nasse Folie auf seiner Haut zu spüren. Es war ein gutes Gefühl. Der Regen kühlte die Hitze, die in ihm aufstieg. Hitze, die einzuordnen ein Problem darstellte, über das Sebastian sich noch weigerte nachzudenken.
Und wenn er es tat, dann versuchte er sich davon zu überzeugen, dass es Scham war, die sein Gesicht glühen ließ, Scham, die ihn dazu trieb, sich vor den Blicken anderer zu verstecken, indem er über die Nottreppe den Weg auf das flache Dach des Gebäudes wählte.
Doch glich die Scham, die er fühlte, gefährlich der Erregung, die er zu leugnen suchte.
Sebastians Augen blieben geschlossen, als er den Mund öffnete, spürte, wie die feinen Tropfen Lippen und Zunge benetzten. Es war einfach zu lächerlich. Wie ein kleiner Junge stand er dort in der Dunkelheit und versuchte vergeblich den tobenden Herzschlag zu besänftigen, das Rauschen des Blutes in seinen Ohren zu ignorieren. Und das nur, weil er sich endlich überwunden hatte, die Wahrheit zu sagen.
Sebastian öffnete mit einem Ruck die Augen, presste zugleich seine Lippen zusammen. Bis jetzt war es ihm gelungen, die Konsequenzen seines Tuns zu verdrängen. Doch nun überfielen sie ihn mit wilder Macht, legten sich schwer auf seine Brust und lähmten seine Atmung, bis er plötzlich zu Ersticken glaubte. Sebastian nahm einen tiefen Atemzug und starrte in die Nacht. Er konnte nichts erkennen mit Ausnahme der dünnen Fäden des Regens, in denen sich das Licht der Straßenlaternen spiegelte, eine ständige Bewegung erzeugte, die zu seiner Nervosität beitrug.
Was, wenn Adam ihn nun hasste. Er hatte keinen Grund zu glauben, dass der Mann seine Gefühle erwiderte. Und nur weil er in einem weinseligen Moment seinen Kopf verloren hatte, nicht anders konnte, als ihn in den Lagerraum des Büros zu ziehen, und ihm mit gesenktem Blick zu offenbaren, dass er, seit er unter ihm arbeitete, sich auch wünschte unter ihm zu liegen, hieß das lange nicht, dass Adam diese Meinung teilte, geschweige denn dass er sie tolerierte.
Sebastian schloss seine Augen. Diese verdammten Betriebsfeiern. Er schüttelte den Kopf, dass sein nasses, ein wenig zu langes Haar zusätzliche Tropfen versprühte. Oder dieser verdammte Alkohol, wenn er schon ehrlich zu sich war. Es war schließlich nichts Neues, dass er nichts vertrug, was sich auch nur geringfügig auf seine Gehirnchemie auswirkte. Jeder einzelne Schluck führte unweigerlich in eine Peinlichkeit oder Katastrophe. Oder wie in diesem Fall in beides.
Sebastian wischte sich mit beiden Händen durch sein Gesicht. Die Hitze verflog und seine Finger berührten klamme Haut. Eine Rasur konnte er auch schon wieder vertragen. Sebastians Gedanken sprangen im Quadrat, als er seine Finger wieder senkte und die bleichen Handrücken betrachtete. Wie käme er auch darauf, dass Adam sich nur im Geringsten von einem Anfänger wie ihm angezogen fühlte. Von jemandem, der zu tief ins Glas sah, und sich dann zu viel herausnahm.
Wieder biss er sich auf die Lippen. Das hatte er wieder großartig hingekriegt. Sein Mantel klebte inzwischen an seinem Körper und Sebastian erschauerte. Was für ein Dilemma.
Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Sebastian blinzelte. Eine dunkle Gestalt stand neben der Tür, die ihn auf das Dach geführt hatte. Sebastian blinzelte erneut, doch mehr als einen Umriss konnte er nicht erkennen. Er senkte den Kopf und strich sich nervös das nasse Haar aus der Stirn.
Die Gestalt kam näher und Sebastians Herz stockte. Das konnte nicht sein. Es war nicht möglich. Doch mit jedem Schritt schwand ein Stück seines Zweifels, bis er sich sicher war. Sebastian drehte sich verlegen zur Seite. Und obwohl er nur unter dem Vorhang seiner nassen Haare und aus seinen Augenwinkeln hervor blinzelte erkannte er mit jeder Faser seines Körpers den Mann, der letztendlich vor ihm stehen blieb. Sebastian fühlte Adams Lächeln auf seinem Gesicht und neigte sein Gesicht tiefer, wohl wissend dass sein Haar nun dazu dienen musste, die aufsteigende Röte zu verbergen.
„Du wirst ja ganz nass“, sagte die sanfte Stimme tadelnd. Wie oft hatte Sebastian sich gewünscht aus diesem Mund Worte zu hören, die nicht mit der Arbeit zu tun hatten, Worte die persönlicher waren als „Guten Morgen“ oder „Auf Wiedersehen.“
Er wollte sich räuspern, wollte etwas erwidern, doch die Laute blieben in seinem Hals stecken. Und plötzlich fühlte Sebastian wie eine Hand sein gesenktes Kinn berührte, wie dieses behutsam angehoben wurde. Und anstatt zurückzuzucken gab Sebastian der Bewegung willig nach, hob sein Gesicht und blinzelte unter den Regentropfen, die in seinen Wimpern hingen, hervor.
„Ich …“, versuchte er zu sagen, doch in diesem Moment sah er es. Adam lächelte. Trotz der Dunkelheit erkannte Sebastian den warmen Schein in den Augen des Älteren. Adam neigte sich näher zu ihm. „Hast du gedacht, du könntest davonlaufen?“
„Ich wollte nicht …“ Sebastians Stimme klang heiser, brach, als Adam sich noch ihm noch ein weiteres Stück näherte, als sein Mund sich Sebastians Ohr näherte. „Was wolltest du nicht?“, flüsterte er. „Mich dazu bringen, dir zu folgen? Dich zu suchen?“ Adam schüttelte den Kopf und lachte leise, eine Vibration, die Sebastian zittern ließ, sich in Hitze verwandelte, die direkt in seinen Schoß wanderte.
„Ich bin fast verrückt geworden, als ich dich nicht sofort gefunden habe“, wisperte Adam. „Nach dem, was du mir gesagt hast?“ Er legte seine Hand auf Sebastians klammen Ärmel und dieser seufzte leise. „Und dann einfach wegzulaufen.“ Adam schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ich glaube, du möchtest, dass dir jemand Manieren beibringt?“
Sebastian schluckte, wandte den Kopf, so dass er direkt in Adams Augen sah. Kleine Fältchen bildeten sich in den Augenwinkeln und Sebastian sehnte sich nach nichts mehr als danach diese küssen zu dürfen.
„Ja“, flüsterte er. „Bitte.“
Und Adam lächelte.

Freitag, 1. Januar 2010

Warum ich mit Heroes Schluss machen sollte ...

Die Männer und ich oder warum ich mit Heroes Schluss machen sollte.
Spoilerwarnung für Heroes, Staffel 4!
Blödsinnwarnung für sensible Gemüter!

Ehemänner

Vor nicht allzu langer Zeit stolperte ich über den treffenden Vergleich zwischen einer Fernsehserie und einer komplizierten Beziehung. Soweit, eine solche Partnerschaft zu nennen, würde ich noch nicht gehen, aber andererseits sind schon merkwürdigere Dinge besprochen worden.

Das Prinzip ist einfach: Man ersetze den Partner, wenn man so will, mit der betreffenden Serie und ist dann verwundert, welch eine Unmenge an Parallelen sich dabei auftun.
Kurz und gut, der Gedanke blieb mir hängen, ließ mich nicht mehr los. Und das während der turbulenten Achterbahnfahrt, durch die mich meine letzte große Liebe führte.
Glücklicherweise habe ich diese Liebe nicht geheiratet, was aber wohl hauptsächlich daran liegt, dass man eine Fernsehserie nicht heiraten kann - noch nicht.

Vergleichsweise handelte es sich um eine kurze Beziehung, nichtsdestotrotz allerdings um eine besonders intensive und komplikationsreiche.
Man kann sogar behaupten, dass einige Kinder aus ihr hervorgingen. Und ich spreche nicht nur von Fanfiction, sondern von der Inspiration zu längeren, tragischen Werken, allesamt kaum vorzeigbar und vor allem nicht jugendfrei.
Vergessen wir aber auch nicht die Affäre, die sich anbahnte, sobald erste Klippen in unserer heilen Welt auftauchten.

Ich spreche natürlich von „Heroes“, einer großen Liebe, einer großen Enttäuschung und starken Gefühlen, die immer noch einer Klärung bedürfen.
Der Abschied schmerzt, und das muss er wohl auch, zumal es kein Abschied für immer sein kann.

Denn natürlich werde ich die Serie bis zum bitteren Ende sehen, einerseits da die eine Hälfte meines anbetungswürdigen Bruderpärchens noch am Leben ist, und ich nun sein tragisches Ableben erwarte – vermutlich vergeblich. Aber ich hatte ja schon erwähnt, dass es sich um eine komplizierte, schwierige Beziehung handelt.
Und andererseits, weil es in meiner Natur liegt, die Dinge zu einem Ende zu bringen, koste es was es wolle.

Dem Abschied hilft auch nicht, dass unsere Beziehung in allererster Linie auf Äußerlichkeiten basiert, dass, kurz und deutlich gesagt, die feste Grundlage fehlt. Ganz zu schweigen von Vertrauen oder beiderseitigem Verstehen.
Letztlich bleibt auslösender Faktor die Attraktivität der Hauptdarsteller, bei weitem kein ausreichender Grund, jedoch auch einer, der nicht verschwindet. Und obwohl Attraktivität nicht direkt stört, erwarte ich doch in der Regel mehr, unersättlich wie ich bin.

Zudem sollte gesagt werden, dass ich noch nie eine oberflächliche Beziehung unterhalten konnte, demnach auch keine Erfahrung in der Beendigung derselben besitze.
Vielleicht klammere ich mich deshalb an die hübschen Schlafzimmeraugen bestimmter Protagonisten. Eine Art letztes Aufbäumen kindlicher Unbekümmertheit, bevor ich den ernsthaften, den verantwortungsbewussten, den vernünftigen Weg wähle.

Und dann gehört Attraktivität in der Riege der TV-Serien Beziehungen schlichtweg dazu. Schließlich handelt es sich um reine Fantasie. Und warum sollte man sich seine Fantasie nicht so hübsch wie möglich gestalten?

Schönheit liegt natürlich im Auge des Betrachters. Wäre ja auch traurig, denn sonst wollte letztendlich noch jede Frau und jeder Mann „Heroes“ ehelichen.
Und die Serie gehört mir.
Ich meine natürlich, sie gehörte mir.
Vergangenheit. Man muss loslassen können, Abschied nehmen, so sehr es auch schmerzt.

Vielleicht liegt das ganze Drama nur darin, dass ich für derart erschöpfende Beziehungen, für solch wirre Konstruktionen zwischenmenschlicher Interaktion zu alt bin, zu müde, zu ausgelaugt.
Und dabei sollte „Heroes“ mir doch eigentlich nur dabei helfen, über die sich lang und breit anbahnende Trennung von meinem getreuen und mehr oder weniger pflichtbewussten Gemahl „24“ hinwegzukommen.
Alle guten Dinge haben ein Ende, und Jack Bauer begleitete mich nun mal über viele, lange Jahre hinweg. Treu und zuverlässig, ein Fels in der Brandung. Es war eine große Liebe, eine fruchtreiche, aber Serienlieben unterliegen nun einmal einem Verfallsdatum.
Vielleicht liegt es daran, dass sich der menschliche Körper alle 5-7 Jahre erneuert, vielleicht wird die Geschichte auch nur einfach langweilig. Vielleicht habe ich so viele Geschichten über Jack gelesen und geschrieben, dass sich beim besten Willen keine Facette der Figur mehr entdecken lässt, die nicht schon gründlich durchgekaut und zufrieden wieder ausgespuckt wurde.
Wie gesagt, alle guten Dinge haben ein Ende, und Erfahrung im Bereich des Lebens in Symbiose mit einer Fernsehserie lehrte mich bereits in jungen Jahren, dass dieses Ende früher oder später eintrifft.

Natürlich fällt der Serienabschied immer schwer, stürzt der Zurückgelassene, also ich, in ein dunkles Loch, ohne Begeisterungsstürme, ohne die vibrierende Spannung, die der Gedanke an Kommendes auslöst.
Es bleiben wehmütige Erinnerungen, und das Gefühl der Endlichkeit. Lektionen fürs Leben.

Aber wer gibt sich der Wehmut schon freiwillig hin. Man sucht nach Ablenkung. Und ganz ehrlich – so schwer ist es nicht, diese zu entdecken. Nicht mit Hilfe der Verfügbarkeit heutiger Medien.

Sicher, auch Jack war kein einfacher Lebensgefährte. Wir hatten unsere Auseinandersetzungen, gerade in politischen Dingen. In Fragen der Moral und einer gewissen menschlichen Ethik.
Im Rausch der Gefühle sieht man darüber hinweg, wenn der Geliebte unhaltbare Dinge tut. Man sucht Entschuldigungen, Erklärungen. Man diskutiert und verzeiht, heißt Annäherungen seinerseits durchaus willkommen.
Und Jack war ja bemüht, sich zu ändern. Er versuchte wenigstens bis zu einem gewissen Grad, sein innerstes, reaktionäres, gewalttätiges Ich im Zaum zu halten, und dem Menschlichen in sich Raum zu gewähren. Ein innerer Kampf, der seine eigene Faszination besitzt.

Aber auch er reichte nicht aus.
Also tat ich, was nur allzu verständlich ist. Ich verfiel dem ersten, besten, gutaussehenden Mann, der mir das bot, was ich von jeher bevorzugte.
Genau, dunkle Haare und dunkle Augen. Gaben, die nicht zu unterschätzen sind, vor allem, wenn man sich jahrelang mit blond und blauäugig beschäftigte.

Ich bemühte mich ernsthaft um die Ablösung. Zuvor bemühte ich mich ernsthaft bei Jack zu bleiben.
Weil man für eine Beziehung kämpfen muss.
Und weil er mir gut tat. Jack stellte genau die Art von aggressivem, durchsetzungsfreudigen Charakter dar, der mir selbst vollkommen fremd ist, wenngleich vielleicht auch nur aus Gründen der gesellschaftlich propagierten Unterdrückung von Gefühlen, Ambitionen, Wut oder Kraft.

Wie dem auch sei. Ich wanderte über das kleine, gemütliche Fandom, „Kieferlou“, welches den Jack, den ich kannte und liebte, mit dem exotisch-erotischen, gutaussehenden Lou Diamond Phillips oder besser gesagt mit verschiedenen Charakteren, die diesem auf den Leib geschrieben waren, verknüpft. Filme, Serien, Stoffe, die ein Leben lang reichen sollten.
Aber es nicht taten, da meine Partnerin im Verbrechen, die Person, die mich von den Qualitäten eines kleinen, exotischen Fandoms überzeugen konnte, verstarb.
Ja, man darf auch in einem Bericht wie diesem, der vor Unsinn und Irrsinn überquillt, vom Tod sprechen. Dieser gehört zum Leben, ebenso wie eine Begeisterung, die Berge bewegen kann, oder wie in diesem Fall, ihren Weg über die Ozeane dieser Erde sucht.
Wie auch immer, eine gewisse Trauer trieb mich dann von diesem ergiebigen und facettenreichen Fandom fort. Ich behalf mir mit dem auf halbem Wege entdeckten „Numb3rs“, immerhin schon ein Schritt in die richtige Richtung. Was die Sache mit den dunklen Haaren und dunklen Augen angeht.
Zudem wurde mir der Bruderslash zu einem Begriff. Und seien wir ehrlich, Numb3rs ist ein niedliches Fandom. Im Grunde ist es derart niedlich, gibt es derart wenig daran auszusetzen, dass es in unserer Beziehung an den notwendigen Stolpersteinen und Hürden mangelte, die das Interesse erst so richtig und zu glühender Hitze entfachen.

Ich mag Numb3rs, sehr sogar. Ein netter Begleiter, und ein vertrauenswürdiger Lieferant schöner Geschichten. Familie, Freude, Eierkuchen. Jedoch nicht mehr.

Ehrlich gesagt, kann ich nicht sagen, was mich in die Arme von Heroes trieb, denn ich verstehe es immer noch nicht. Aber das haben Freunde, die den so oft zitierten schlechten Einfluss ausüben, wohl allesamt gemein. Man kann ihnen nicht widerstehen, und das, obwohl man es eigentlich besser wissen sollte.

Kurz gesagt, es waren seine Augen, also Nathan Petrellis Augen. Gepaart wohl mit der Langeweile in der auslaufenden Beziehung mit Jack.
Zudem hatte ich Nachholbedarf, mein Interesse war geweckt.
Es galt sich in ein Fandom einzufinden, Neues zu entdecken, inspiriert und angeregt durch eben diese hübschen, dunklen Augen, umrahmt von köstlich langen Wimpern inmitten eines fabelhaft gut geschnittenen und vertrauten Gesichts. Ich verliebe mich nun mal gerne in Männer, die mir schon lange bekannt sind. War Jack ehemals Goldlöckchen im Cowboy-Outfit, so kannte ich Nathan bereits gut in seiner Aufgabe als Augenweide in verschiedenen Gastrollen, bevor mich das Herzflattern packte.
Alles passte, der Körper, die Erscheinung, der schwungvolle Gang, das seidige Haar. Also die Dinge, auf die es in einer Beziehung ankommt.

Nun gut, der Charakter war etwas fragwürdig, ein zwielichtiger Politiker, der hin und wieder wie eine Rakete in die Luft schießt? Nicht dass ich etwas von Spezialeffekten verstünde, aber das besaß durchaus einen eigenartigen Beigeschmack.

Doch nicht umsonst lehrte mich Jack Bauer, Held der Superlative, über Kleinigkeiten hinwegzusehen und mich auf das Große und Ganze zu konzentrieren. Und zwar auf die Möglichkeit wie wunderbar, wie fabelhaft sich dieser Charakter in Geschichten verarbeiten lässt und wie exzellent sich ein Adonis wie dieser zu Zwecken der Verslashung eignet.
Es waren demnach wohl mehr die Fanfictions, gepaart mit dem unwiderstehlichen Äußeren des einzigartigen Nathans, die mich in Abhängigkeit und damit in Schwierigkeiten stießen.
Denn was nur als kleiner Flirt nebenbei, als willkommene Abwechslung, während meine eheähnliche Gemeinschaft mit Jack in Frieden endete und eine neue Liebe am Horizont erschiene, geplant war, wuchs sich zu einer handfesten Obsession aus.

Wie gesagt, ich plante klein. Auch weil ich mir bereits ausmalen konnte, dass Heroes letztendlich kaum ein Fandom für mich war.
Cheerleader und Kinder, die Comichelden spielen reichen für gewöhnlich nicht aus, um mich zu fangen. Und nach wie vor schenke ich den meisten Handlungssträngen der Serie nicht die geringste Aufmerksamkeit.
Nathan, Noah, Angela, das war meine Welt. Oh ja, ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, in denen ich klar feststellte, dass Nathans kleiner Bruder mir nichts sagte, sei er doch viel zu jung für mich.

Welch ein Trugschluss. Denn unglücklicherweise kommt der aufmerksame Zuschauer nicht an Nathan vorbei, ohne sein Brüderchen zu bemerken. Und schon gar nicht, wenn man in Bezug auf den großen Petrelli ernsthafte Bindungsabsichten verfolgt.

Und dann ist da das Fandom, die Menschen, die sich auskennen, die Interviews, Bilder und Auftritte dokumentieren und dem Neuzugang, also mir, zugänglich machen.
Und schon hing ich an der Angel. Denn nicht nur, dass Nathan, beziehungsweise sein reales Ich, ein lustiger Typ ist, er spielt auch gerne mit seinem Serienbruder eine Unterhaltungsshow für geneigte Fans.

Ich war verloren. Die beiden, ob Serie oder Auftritt sind schlichtweg unwiderstehlich und verwandelten meine junge Liebe zu Heroes in eine aufregende Erlebnisreise. Während derer ich nicht anders konnte, als auch Peter zuzugestehen, dass er seine Vorzüge besitzt, trotz der fehlenden Reife, die ein richtiger Mann nun mal vorweisen sollte.
Also, ein Mann, der alt genug ist, dass ich guten Gewissens von ihm schwärmen kann.
Solange man so etwas guten Gewissens tut.

Wie gesagt, Männer unter vierzig laufen eigentlich unsichtbar nebenher, für mich zumindest, und bis zum Auftreten Peters jedenfalls.
Aber selbstverständlich gebe ich gerne wieder Heroes die Schuld, und der Art und Weise wie die Serie meine Liebe zu Nathan zermürbt hat. Diese Charakterwandlungen, das ständige Ableben und die viel zu kurze Sendezeit, reichten schon aus, um meine Nerven zum Zerreißen zu spannen. Dann die Gerüchte und die sorgsam ausgestreuten Hinweise – die Hoffnungen und Wünsche – die Träume von einer glücklichen Zukunft – mit Nathan in der Hauptrolle – zerstört, ruiniert, missachtet.
Die stärkste Ehe hält so etwas nicht aus.

Von Jack war ich inzwischen vollkommen abgekommen, hatte ihn schnöde verlassen, was diesen, erstaunlich genug, kaum getroffen hat. Aber der Mann ist eben hart im Nehmen.
Ganz im Gegensatz zu anderen Leuten, solchen wie Nathan und Peter.
Ich liebe Emotionen, viele, viele, ausgelebte Emotionen, dafür lebe ich – in Serien, Filmen und Büchern zumindest.
Aber wie soll ich es ausdrücken: Die Jungs kriegen sich nicht in den Griff. Und in diesem Fall – also da könnte ich auch einen Blick auf mein eigenes Leben werfen. Das ist zu nah an der Realität. Auf die Reihe bekomme ich auch nichts, mit der Materie kenne ich mich aus, und es hilft mir auch nicht weiter, Leuten zuzusehen, die sich wieder und wieder zugrunde richten, es nicht einmal merken, und dann noch tiefer sinken.

Nicht Nathans Schuld, nicht Peters Schuld – oh ja, ich verzeihe den Liebhabern, die mich schlecht behandeln, welch ein Klischee – ganz davon abgesehen, dass es sich bei beiden um erfundene Charaktere handelt, die in Wirklichkeit gar nicht existieren. Man sollte sich dies vielleicht hin und wieder ins Gedächtnis rufen.
Nein – es ist wohl die Schuld des Serienkonzeptes, das darauf beruht, mengenweise Darsteller zu verheizen, während es sich auf blonde Teenager, diverse angedeutete und reichlich vage Nebenhandlungen, die nichts, aber auch gar nichts mit den Petrellis zu tun haben, konzentriert.

Ergo kann ich niemandem ernsthaft einen Vorwurf machen. Niemandem außer mir, die ich mich wissentlich und willentlich auf diese unglückselige Affäre eingelassen habe. Oh ja, ich liebe Adrian – also Nathan – also Adrian – und ich habe immer alles gesehen, was er spielte, und was wir in Hinter-Unter-Tupfingen zu sehen bekamen. Und ich werde auch in Zukunft alles sehen, aber ich bin mir nicht sicher, ob uns mit Ausnahme dieser starken, äußerlichen Anziehungskraft noch viel verbindet. Wenigstens nicht genug für ein dauerhaftes Glück.

Und nicht anders ist es auch wohl zu erklären, dass ich schon nach den ersten Enttäuschungen, den ersten Abweichungen Nathans vom rechten Pfade, damit begann, mich nach etwas Jüngerem umzusehen.
Ich – die ich so etwas zutiefst Anstößiges niemals mit meinem Gewissen vereinbaren könnte.

Aber ganz ehrlich – Peter ist eben niedlich. Knuddelig, sensibel, ein bisschen dämlich. Einfach süß. Nicht zu vergessen, er besitzt ein riesiges Plus: er lässt sich die Haare wachsen.
Und seien wir ehrlich: was gibt es Hübscheres, als einen Mann mit langen, dunklen Haaren?
Natürlich gibt es das – einen Mann mit langen, dunklen Haaren und ausdrucksstarken Augen. Und Milo Ventimiglia weiß diese einzusetzen. Diese Augen besitzen extremes Dahinschmelz-Potential. Ein Glück für Milo, dass ich ihm nie im wirklichen Leben begegnen werde. Wer wischte wohl freiwillig die Pfütze auf?

Aber das wusste ich alles noch nicht, weigerte mich darüber nachzudenken, in meinem verzweifelten Klammern an Nathan.
Doch Klammern treibt den Geliebten nur weiter in die Ferne. Also fand ich mich einsam, alleine und frustriert mit der Serienpause und der Frage um Leben und fragwürdiges Überleben des Charakters wieder.

Nicht dass es sich um etwas Neues handelte. Es wurde nur von Mal zu Mal anstrengender.

Ja, es ging um Nathans Existenz. Und ist es ein Wunder, dass man sich gerade im Umgang mit existentiellen Fragen nach etwas Leichtigkeit sehnt?

Es begann ganz unschuldig. Ich wollte doch nur einen Blick riskieren, mich umfassend darüber informieren, welche Rollen meine Lieblinge bislang innehielten.
Verweilte ich also zuerst bei Adrians Auftritt in „Für alle Fälle Amy“, so sah ich schließlich noch nach, wie sich Milo als Jess Mariano machte.
Ein ganz dunkles Kapitel meiner Geschichte. Denn eigentlich mag ich „Gilmore girls“ nicht. Es ist noch viel weniger mein Fall als Heroes – dachte ich.
Mit Ausnahme der vielen Lichterketten und einer Reihe kleiner, süßer Ideen, interpretiert mit viel Wortwitz, lässt sich über die Serie diskutieren, ernsthaft, lautstark diskutieren.
Gerade was den Umgang mit so manchem Charakter angeht. Fangen wir gar nicht erst mit Logik oder Fragen der Erziehung an, sondern einfach mit gesundem Menschenverstand, oder der Unvereinbarkeit lediglich angedeuteter komplexer Themen mit einer märchenhaften Seifenoper.

Egal, es blieb düster. Genauer gesagt, ich fiel, oder stürzte mich freiwillig in den Abgrund. Einfach weil Jess Mariano ein so fabelhafter Charakter ist. Material für eine unendliche Anzahl unterschiedlichster Geschichten, Romane, Epen, Filme, Serien und deren Fortsetzungen.
„Gilmore girls“ – eine seltsame, ungeklärte Abhängigkeit. Ehrlich gesagt habe ich mich permanent darüber aufgeregt, über die komische, wundersame Welt, die dort zusammengebastelt wird. Und die dennoch auf eine schräge, kranke Art funktioniert.

Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einer längst verlorenen, letztendlich niemals existierten Romantik, die dort verweilen lässt. Vielleicht ist Lorelei einfach berückend schön, so daneben sie auch liegen mag.
Vielleicht funktionieren die Gilmores einfach so perfekt mangelhaft, dass man ihnen nicht fernbleiben kann.

Denn an Jess kann es nicht liegen. Der Kleine ist so unwiderstehlich, dass man ihn zu gerne ein wenig knuddeln möchte, ihm versprechen, dass alles gut wird. Und wenn er nicht zuhört, weil er so niedlich widerspenstig ist, dann wünscht man sich, ihn zu adoptieren, und ihm mit Hilfe alles mühsam erworbenen pädagogischen Wissens all die Flausen auszutreiben, die ihm von den kaputten Leuten aus Stars Hollow in den Kopf gesetzt wurden.

Wie auch immer – mit „Gilmore girls“ verband mich eine Hass-Liebe, und natürlich die wachsende Überzeugung, dass Milo Ventimiglia zu Großem imstande ist, wenn man ihn lässt.

Sagen wir es so: viele Auftritte hatte er nun nicht, aber er richtete bleibenden Schaden an. Bei mir wenigstens.

„Gilmore Girls“ tröstete mich ein wenig über den Wahnsinn hinweg, durch den Nathan Petrelli mich katapultierte. Aber sei es, dass Nathan es nicht akzeptierte, dass ich nebenbei mit einer anderen Serie etwas am Laufen hatte. Oder dass mich die ständige Aufregung, das Bangen und Leiden unter ungerechter Behandlung – ob sie nun Nathan oder Jess widerfuhr – an den Rand eines Nervenzusammenbruchs führte – die Wahrheit ist, dass ich beim diesmal wider aller Erwartungen endgültigen Dahinscheidens Nathans schlichtweg nicht mehr konnte.

Ich habe es versucht, aber der Schmerz sitzt zu tief. Weder Fanfiction noch Bilder noch Wiederholungen helfen. Ich bin am Ende, kann nicht mehr, muss dem Leid ein Ende machen.

Einmal sollte ich mir ein Herz fassen, und einen Schlussstrich ziehen. Ich sollte wahrhaftig, sowohl den „Heroes“, als auch den „Gilmores“ verkünden, dass das Ende gekommen ist, dass ich sie nicht mehr sehen will oder kann. Ich sollte Icons, Avatare, Wallpaper und Screensaver löschen, Videos überspielen und DVDs löschen – also wenn ich so etwas könnte.

Aber ich bin schwach, viel zu schwach, ein schwaches Frauenzimmer.
Und natürlich konnte ich noch nie eine Beziehung beenden. Normalerweise warte ich einfach gemütlich ab, bis sie sich ausläuft.
Nur – dass bislang noch keine Beziehung so schmerzhaft war, sich das Ende so überaus qualvoll dahinzog.

Gut, da bleibt immer ein wenig Frust, das besagte schwarze Loch. Aber letztendlich hangelt man sich doch über die Durststrecken, findet einen neuen Sinn im Leben.
Und ist das nicht der Vorteil in dem Beziehungsgeflecht, das sich mit Serien unterhalten lässt? Kein Streit, keine Auseinandersetzung mit irritierenden Ex-Partnern. Die Liebe schläft stattdessen einfach ein.
Es sind nicht viele Worte nötig, noch Gesten oder Abschiede. Irgendwann ist es soweit, man nimmt die Poster von den Wänden, wirft die Zeitungsausschnitte in den Papierkorb und räumt die Videos in die unterste Schublade.

Zumindest sollte es so sein.
So war es bislang. Nicht, dass ich über meine verkrachten Ehen Buch führte, aber so war es.
Da gab es langjährige Beziehungen, gefolgt von Trennungen im gegenseitigen Einvernehmen. Beziehungen wie die mit „Dynastie“, der Faszination von Luxus und Reichtum, „21 Jump Street“, der Aufarbeitung nicht gelebter Jugendträume. Abgelöst von kurzzeitigen aufregenden Affären mit Vampir-Büchern oder Mystery-Serien, „AkteX“ oder „The Legacy“. Schnelllebig, aber ihren Zweck erfüllend.

Ein festes Band verschnürte mich über viele Jahre mit „Buffy“, und auch dieser Abschied fiel nicht allzu schmerzhaft aus, lebte „Buffy“ doch in „Angel“ weiter. Und trotzdem war ich nicht traurig, als sich auch Angels und meine Wege trennten.

Denn – ja, ich bin eine untreue Tomate – ich sah mich bereits nach Neuem um. Und wurde fündig.
Ganz recht, Jack eroberte mein Herz im Sturm. Achtlos ließ ich den guten Spike im Staub liegen und zog mit Jack von dannen.

Vielleicht ist der Schmerz um Nathan nichts als Jacks Rache. Vielleicht verkraftet er meine Untreue, meine mangelnde Verlässlichkeit doch nicht so gut, wie ich dachte, dass er sollte. Ein Kerl wie er.

Nun gut, Jack ist tief innen auch ein Sensibelchen, wir wussten es alle. Lässt man das Geschrei und die Ballerei beiseite, erhalten wir ein emotionales Weichei.

Aber dass er sich mit Nathan verbündet, und die beiden Rachepläne schmieden? Nur weil ich ein Auge auf den kleinen Jess werfe. Also – auf den großen Jess – den, der ein erfolgreiches Geschäft führt, und den Rory trotzdem links liegen lässt.
Das ist ungerecht.
Und außerdem verstehen Jack und Nathan das völlig falsch. Zwischen Milo und mir könnte es nie etwas werden. Mal abgesehen von den Augen. Aber der Junge ist viel zu brav: er ist Vegetarier, trinkt nicht und benimmt sich auch sonst wie ein Kindskopf. Ich meine: das könnte ich sein. Niemals über die Anfänge der Pubertät hinausgekommen.

Mit Jack dagegen verbinden mich die seelischen Abgründe, das latente Drogenproblem. Und mit Nathan der galoppierende Wahnsinn.
Aber der kleine Peter mit dem Heldenkomplex? Da ist nichts. Außer der niedlichen Unterlippe. Und hab ich schon die Augen erwähnt?

Also gut, ich gebe es zu. Ich hab’s verdient.
Jack und Nathan haben recht.
So behandelt man seine Männer nicht.
Erst zerpflücke ich sie ständig in aller Öffentlichkeit – vom Verslashen wollen wir gar nicht sprechen. Und dann lasse ich sie fallen, wie heiße Kartoffeln. Gehört sich nicht. Ist nicht in Ordnung.

Und wenn ich nur eine Spur paranoider wäre, dann ginge ich davon aus, dass auch Peter seine Hände im Spiel hat. Vermutlich unternimmt er deshalb diese eigenwilligen Anstrengungen wie die Belustigung der Truppen, das Nähen von Kleidchen oder andere neckische Zeitvertreibe, zu denen ich keinen Zugang finde. Alles nur um mich zu ärgern.

Das waren noch Zeiten, als ich harmlos Jack hinterherlief, der wenigstens seine Jugend zurückholte, indem er mit Rockbands durch die Gegend tourte.

Aber die Welt bleibt nicht stehen.
Und so heißt es auch für mich nach vorne sehen.

Was habe ich also gelernt: Ein klarer Schnitt, was Nathan, Peter, Jess und sämtliche Gilmores betrifft, wäre wünschenswert.
Doch um dazu die Kraft aufzubringen benötigte ich ernsthafte Unterstützung. Unterstützung, wie sie Jack bieten könnte, Mal sehen, ob er sich überreden lässt, zu mir zurückzukommen. Und ob ich ihn zurück will?

Ist ja nicht so, als bestünden keine Alternativen. Zumindest in der Theorie. Andere Mütter haben auch hübsche Töchter, beziehungsweise, andere Produktionsfirmen haben auch hübsche Serien.

Wie kommt es nur, dass ihnen allen das gewisse Etwas fehlt? Der Funke, die Schmetterlinge im Bauch, der Reiz des Neuen, Unbekannten.

Vielleicht ziehe ich mir einfach noch mal „Numb3rs“ rein.
Vielleicht wird es Zeit sesshaft zu werden, sich zur Ruhe zu setzen.
Und mit der dunkelhaarigen, dunkeläugigen Eppes-Familie ließe sich wirklich leben.
Denke ich.

P.S. Ich bin nicht verrückt.
Nicht sehr.

P.S.P.S. Ich kann Realität vom TV-Alltag unterscheiden. Glaub ich.

P.S.P.S.P.S. Vielleicht hilft es wirklich, wenn ich meinen Desktop-Hintergrund ändere. Letztendlich kann ich keine Krawatten zerschneiden, Koffer auf die Straße werfen oder Briefe verbrennen.
Obwohl ich das nur zu gern täte.

Samstag, 19. Dezember 2009

Stein

Titel: Stein
Autor: callisto24

* * *

Konstanze und ihr Traum


Die Landschaft wirkte schön. Obwohl man sie eigentlich kaum eine Landschaft nennen konnte. Zu künstlich, zu verbaut war die Gegend, eine gigantische Fläche voller Gebäude, gestutzter Bäume, Hecken und Zierpflanzen. Gerade Straßen wechselten mit gepflegten Gehwegen. Breite Pfade, perfekt gemähte Wiesen, Mauern, Häuser, die einen Begriff schrien: Universitätsgelände. Und zwar eines der Gelände, die sich in den besseren Teilen der Stadt befanden, vielleicht des gesamten Landes. Kein Wunder also, fühlte sie sich ein wenig fehl am Platze. Doch so war es nicht. Ob es daran lag, dass sich bei genauerer Betrachtung insbesondere des Inneren der Gebäude, zunehmend Fehler im Gesamteindruck einschlichen? Vielleicht wirkten die Häuserfronten von außen teuer und elegant, doch im Inneren der Mauern erkannte man nur allzu schnell das historische Erbe, das seinen Tribut forderte. Übertünchte Risse in den Wänden blieben die deutlichsten Anzeichen. Die unmodern hohen Decken, die altmodisch ausgetretenen Steintreppen mit ihren kunstvoll verzierten, wenn auch deutlich abgenutzten Geländern, erzählten von vergangenen Jahrzehnten, von der Geschichte, die in dem altehrwürdigen Fundament mitschwang.
Beim Eintritt atmeten wir weniger Komfort denn Wissen. Das Wissen, das in diesen Mauern wohnte, was gelehrt wurde, und um welches aufzunehmen, wir uns hier befanden. Welches aufzunehmen wir unsere Quartiere bezogen. Wie in der guten, alten Zeit, wie es sein sollte, wenn die Notwendigkeit bestand, das Elternhaus, das alte, vergangene Leben hinter sich zu lassen, um Neues zu suchen und zu finden. Und so lebten wir in den Räumen des einen Gebäudes, während wir täglich aufbrachen, um die weiten Wege zu beschreiten, die zwischen hohen Mauern hindurch zu stets unterschiedlichen Zielen führten.
Eigentlich wusste Konstanze nicht, warum sie sich hier befand. Sie konnte sich nicht erinnern, eine Entscheidung getroffen haben, schon gar keine, die sie zu diesen Konsequenzen führte. Obwohl sie nicht unbedingt unzufrieden war, und dies zu ihrem eigenen Erstaunen. Denn war ihr doch lange Zeit zumindest klar gewesen, dass sie mit dem Prinzip der Weiterbildung, ja des Lernens als solches, nichts mehr anzufangen wusste. Doch offenbar hatte sich dieser Zustand buchstäblich über Nacht geändert und sie stand der Bildung und insbesondere ihrer persönlichen Weiterbildung nicht mehr so negativ gegenüber, wie sie es gewohnt gewesen war.
Die Regeln lagen klar auf der Hand. Das gesamte Szenario wirkte nicht viel anders als Schule, als der trockene Ablauf schematischer und längst in Stein geschlagener Stunden- und Tagespläne. Und doch fühlte sie sich nicht vollkommen unwohl. Das zunehmende Alter schenkt den Umständen eine gewisse Lässigkeit, der man sich nicht entziehen, die zur Freude gereichen, oder wenigstens das Leben erleichtern kann, räumt man ihr nicht zu viel Macht ein. Was sie nicht tat, niemals getan hatte. Sie war immer äußerst pflichtbewusst zu Werke gegangen, hatte sich nicht irritieren lassen von Kleinigkeiten oder Ablenkungen. Ihrer Wirkung auf andere war sie sich immerzu gerade schmerzhaft bewusst gewesen. Dies folgt automatisch der Gewohnheit, sich permanent in fremde Köpfe hineinzudenken, so unangenehm, schmerzhaft und erniedrigend eine Erfahrung wie diese auch sein mochte.
Und so wunderte es Konstanze auch nicht, in dieser speziellen Situation dem Gefühl nicht entgehen zu können, als eine Musterschülerin und ein braves Mädchen in die Annalen der Ausbildungsstätte einzugehen.
Bis zu diesem besonderen Vorfall. Und dieser stellt sich in mehr als einer Hinsicht als merkwürdig heraus. Hatte Konstanze doch, nach bestem Wissen und Gewissen, in ihrem ganzen Leben noch niemals einen dieser Träume durchlebt. Nie zuvor träumte sie eine derart bekannte, klischeebeladene Situation, die vermutlich Therapeuten und Analytiker über die Welt verteilt, erfreut.
Nein, ihre Träume blieben immer hart am Rahmen der Realität. Meist verlor sie etwas, suchte, und fand es nicht. Niemals träumte sie sich in die klassische Situation des Fliegens oder vergleichbarer elementarer Freiheitserlebnisse. Und niemals träumte sie, dass sie gar nackt vor einer Klasse stünde. Wieso sollte sie auch? Eine Situation wie diese war nicht einmal denkbar, bei aller Fantasie, die sie sich zuschrieb, nicht vorstellbar. Nicht in diesem Leben. Konstanze verschwendete ihre Zeit nicht mit Gedanken über Nacktheit. Es läge ihr fern, ihren Körper auch nur annähernd unbekleidet zu präsentieren. Ganz im Gegenteil. Sogar beim Schwimmen, trug sie mehrere Schichten an schützenden Stoffen. Von Bademänteln über alles verhüllenden T-Shirts war ihr nichts zu unangenehm oder zu unbequem um eine vielleicht unangebrachte Blöße zu verdecken.
Umso erstaunlicher, dass sie sich mit einem Mal nackt unter Menschen befand. Wenngleich diese Nacktheit einen Sinn in sich trug. Denn alles in allem war sie ein rationaler Mensch. Sie tat nichts, ohne einen vernünftigen und nachvollziehbaren Grund anführen zu können. Und schon gar nicht käme sie auf die Idee, etwas derart Verrücktes zu unternehmen.
Warum tat sie es also? Ganz einfach, weil es eben nicht verrückt war. Es war sogar ganz logisch. Und woran lag das wohl? Genau: am Stundenplan. Besser gesagt am Fach des Schwimmens, das eingeflochten und als sinnvoll bewertet wurde. Und es lag ja auch nahe. Auf einem riesigen Gelände, wie diesem, durfte es selbstverständlich weder an Schwimmlehrer noch an Schwimmbädern fehlen. Und obwohl Sport niemals zu Konstanzes Lieblingsfächern oder zu einer Betätigung gehörte, die sie freiwillig ausübte, so war sie doch bereit und willens, den ausgeschriebenen Pflichten Folge zu leisten.
Ebenso wie Konstanze den Plänen eifrig nachkam, die für uns notiert und vorgeschrieben wurden. Ebenso wie sie den anderen folgte, ihren Kolleginnen und Kollegen, die stets besser wussten als sie, wo die entfernt liegenden Vorlesungsräume und Säle zu finden waren. Die den Zahlen und Nummern Aufmerksamkeit schenkten, die verzwickten Wege durch Gänge, hinauf und hinab der breiten Treppen, entlang der Streifen frischen Grüns am Rande der Wege, bereits kannten und ihrem Verlauf auch Sinn und Unsinn abgewinnen konnten. Konstanze dagegen tat sich nie leicht damit, den Weg zu finden, die richtige Strecke einzuschlagen, auf dem Pfad zu wandeln, der sie dorthin führte, wo sie sich tatsächlich aufhalten sollte. Also folgte sie stets jenen, die es besser wussten. Dennoch behielt sie ihren Kopf bei sich. Sie zog Schlussfolgerungen und handelte selbstständig. Und ganz im Ernst: es entbehrte doch wohl nicht einer gewissen Logik, wenn man darauf Rücksicht nahm, die persönliche Garderobe den Gegebenheiten anzupassen. Und so passte sie an. Konstanze registrierte und analysierte Sachlage und Stundenplan, und empfand es als günstig, die Stunde des Schwimmens in die Planung des Tages einzubeziehen.
Warum also sich der Mühe unterziehen, unter phänomenaler Anstrengung und Aufbietung von Geschmack und Stilbewusstsein Kleidung auszuwählen, die doch nur allzu schnell den Weg des Vergänglichen beschritte, sprich in einem unangenehmen Spind eingeschlossen werde. Klang es da nicht mehr als logisch, sich sofort und von Anfang an unbekleidet zu geben?
Natürlich blieb ein Rest-Geheimnis, und zwar entbehrte dem Fehlen jeglicher Bekleidung doch die eine oder andere Grundlage, und damit spreche ich auch von der spärlichsten und geringsten aller Bekleidungsmöglichkeiten, die dem Zwecke der Verhüllung des Allerprivatesten dienen und daher ihre beinahe ausschließliche Verwendung im Sinne der Ausübung des Schwimmsports fanden.
Wie dem auch sei, erschloss sich Konstanze anscheinend nicht umgehend, warum vollkommene Nacktheit sich nicht als angemessene Form der Erscheinung anbot. Und offensichtlich ging es ihren Leidensgenossen und Genossinnen nicht anders. Musste sie doch beobachten, dass jene durchaus der Kunst des Bekleidens mächtig waren, und sich ebenso wie an jedem anderen Tag angezogen hatten, ohne ein auffälliges Gebaren zur Schau zu stellen. Zu deren Verteidigung musste Konstanze jedoch anführen, dass sie ihrer doch ein wenig auffallenden Nacktheit keinerlei Beachtung schenkten, sie sich also weder unangenehmen Bemerkungen noch peinlich berührten Blicken ausgesetzt sah.
Letztendlich erwies sich das Irren von Gebäude zu Gebäude, treppauf, treppab, und die Hetze aus der Not geboren mit anderen Schritt zu halten, die sich leichter darin taten, die vorgeschriebenen Orte zu entdecken, als weitaus unangenehmer, als die bloße Tatsache ihrer Nacktheit.
Und ebenfalls als unangenehm bezeichnen konnte man die Tatsache, dass weder von einem Schwimmbad, noch von einem Schwimmlehrer und schon gar nicht von dem in Aussicht gestellten Schwimmunterricht im eigentlichen Sinne die Rede war.
Was tat Konstanze also in diesem Kreise elitärer Wissbegieriger, und wollte sie überhaupt unter ihnen sein?
Eine Frage, die sich nicht ohne weiteres und sicherlich auch nicht auf die Schnelle beantworten ließ. Und immer noch steckte sie fest in dieser Situation. Konstanze erinnerte sich an die Auswahl von Unterwäsche und dann doch das letztendliche Ablehnen derselben aus vielerlei und vor allem praktischen Gründen.
Davon abgesehen, dass ihre Unterwäsche nicht gerade zu den elegantesten gehörte, so erschien es ihr doch erneut als erheblich unpraktisch, sich der Mühe des An- und Ausziehens schlichtweg für nichts und wieder nichts zu unterziehen. Zudem glaubte sie immer noch fest daran, sich kurz vor dem Abstiege ins Bade zu befinden, der die Nacktheit letztlich notwendig machte. Doch stattdessen irrte sie Gänge entlang, lief von Zimmer zu Zimmer, fühlte Blicke auf sich, die doch langsam aber sicher den Wunsch in ihr weckten, sie hätte sich doch für die eigentlich nicht vorzeigbare Wäsche als minimalem Schutz entschieden. Doch es sollte nicht sein, und so tappte Konstanze barfuß von Gebäude zu Gebäude. Sie erklomm Höhen, fand sich wieder auf Emporen, die mir Aussicht gewährten auf eine Vielzahl fleißiger Schüler und Studenten, die – und ihre Verwunderung darüber bestand eisern, es vorzogen, ihren Unterricht bekleidet aufzusuchen.
Was war zu tun? Selbst in ihrem verwirrten und vielleicht doch noch am ehesten als traumwandlerisch zu bezeichnenden Zustand, sprang ihr langsam aber sicher das Unangenehme ihrer Lage ins Auge. Nicht nur, dass es sich ausgesprochen unvorteilhaft anfühlt, den verschiedenen Sitzreihen sozusagen mit blanker Haut begegnen zu müssen, es ließ sich auch nicht mehr leugnen, dass ihr Gefühl für Scham, das, vermutlich begründet auf reinem Selbstschutz, bislang nicht vorhanden gewesen war, aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins hervorkroch und schließlich Beachtung forderte. Wirkliche Beachtung. Ausreichende Beachtung, die Konstanze doch zwang, den Ernst der Lage zu erkennen. Und was ist zu tun, erkennt man erst den Ernst einer Lage? Man ist dazu verpflichtet, diese zu verändern, oder ihrer zu fliehen. Konstanze ihrerseits tat beides. Sie flüchtete. Und dies zu dem Zwecke ihre Blößen zu bedecken, zumal der Fall des Schwimmunterrichts sich nun doch ein für allemal erledigt hatte.
Selbstverständlich wollte sie nicht auffallen. Und so benahm sie sich nach besten Kräften so unauffällig wie nur möglich. Sie wanderte in einiger und im Laufe der Zeit zunehmender Entfernung hinter ihren Leidensgenossen her. Sie beobachtete diese, und die anderen beobachteten sie. Und sie erkannte ihre Chance.
Gut, der eine oder andere mochte sie entdeckt haben, als sie die breite Eingangstreppe in unüblicher Hast und so wie Gott sie schuf, hinab lief. Und doch war Konstanze längst darüber hinaus, sich Gedanken über einzelne Personen und deren Meinungen zu machen. Soweit hatte sie sich schon entwickelt. Und tatsächlich gelang es ihr, sicher wie im Schlaf, geleitet von unsichtbaren Engeln, ihren Weg wieder zu finden. Den Weg, der sie in ihren Schlafraum führte und zu der glücksverheißenden Möglichkeit, sich selbst mit Stoffen zu umhüllen. Niemand ahnt, wie angenehm dies sein kann, ging einem dieses Gefühl nicht irgendwann abhanden. So wie es Konstanze geschehen war. Und so wie ich sie von Ferne beobachten durfte.

Bühne

Titel: Bühne
Autor: callisto24
* * *




Schauspiel



Wie auch immer, Konstanze fand sich wieder auf eben dem Gelände, über das sie zuvor noch nackt gelaufen war. Und doch in einer vollkommen anderen Situation und mit einem vollkommen und erstaunlich anderen Ziel vor Augen. Schule, Universität, die Ausbildung hatten ihre Bedeutung verloren. Wenn auch nicht vollkommen. Oh nein, an dem Haken der Kultur hing sie immer noch. Oder von Neuem. Vielleicht zum buchstäblich ersten Mal, zogen Konstanze doch bislang unerkannte Bänder in die Richtung eines Schauspiels, dem zu begegnen ihr wohl ansonsten niemals eingefallen wäre.
Wie bereits vordem erwähnt, zählte Konstanze zu den pflichtbewussten Charakteren. Und demzufolge sah sie es auch nicht ein, warum sie bereits gekaufte Karten verfallen lassen, bereits gefasste Pläne in den Wind schießen sollte. Noch dazu, wo es ihr aus Gründen der Unerklärlichkeit, doch vielleicht des ersten wirklichen Glücksfalles an diesem Tag, und erstaunlicherweise gelungen war, ganz recht, genau die Pause abzupassen, um ihr Umzugsgeschäft zu erledigen. Wie sie es allerdings schaffte, auch noch die Theateraufführung, auf die sie sich vorbereitet hatte, doch derer sie keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken bedacht gewesen war, in eben jene Pause hinein zu quetschen, blieb eine beachtliche Leistung, sollte sie denn gelingen. Und Konstanze hatte ernsthaft vor, sie gelingen zu lassen.
Und so durchquerte sie das bereits beschriebene und wunderschöne Gelände, was an sich nicht einfach war, sahen doch vielerlei Gebäude, Straßen und Plätze sich einfach zu ähnlich. Doch es gelang, und nach dem Überschreiten einer breiten und wohlbefahrenen Straße, entdeckte Konstanze das kleine Straßencafé, in welchem am Vormittag und zwischen Tür und Angel, ein viel beworbenes Stück aufgeführt wurde.
Zu ihrer eigenen Schande gestand Konstanze mir, dass sie sich an das Stück als solches nicht mehr erinnerte. Verschwamm doch der Rest der Ereignisse insgesamt in einem undurchsichtigen Nebel, vermutlich ausgelöst durch die Erschöpfung als Folge der anstrengenden und nervenzerreißenden ersten Stunden des Tages, wie geschildert – die der vollkommenen Nacktheit.
Zumindest war sie nun angezogen. Warum sie hin und wieder auch hier den Platz wechselte, warum sie sich den Kopf darüber zerbrach, ob sie die Darsteller kannte, warum sie in der Pause der Pause, beziehungsweise in der Pause zwischen den Akten, nicht die Gelegenheit ergriff wie angeboten mit den Darstellern zu kommunizieren, blieb ein Rätsel. Ebenso wie die Frage, warum sie mit einem gesichtslosen Mann stattdessen eine uninteressante Unterhaltung auf einer Parkbank führte, wohl nie geklärt werden dürfte.
Fakt war, dass sie die zweite Hälfte des Stücks mindestens ebenso genoss, wie sie die erste Hälfte genossen hatte. Fakt war, dass ihre Kleiderauswahl sich als erstaunlich gelungen entpuppte. Und das für sie, die es gewohnt war, kaputte Jeans und T-Shirts zu tragen. Doch der schwingende Rock und die gestylten Haare, taten ihrem Selbstvertrauen gut, so gut, dass sie gehobener Stimmung und angeregt durch die soeben verabreichte Dosis an Kulturgut, den Rückweg anzutreten gedachte. Nur, dass dieses Vorhaben nicht so leicht in die Tat umzusetzen war, wie Konstanze es sich vorgestellt hatte. Denn die vielen Straßen, Wege und Grünflächen, die Gebäude, Denkmäler und befahrenen Autobahnen begannen ihr unbekannt zu erscheinen, je weiter sie lief. Sie verwirrten Konstanze zusehends, bis sie erkannte, dass sie einem Irrweg zu Opfer gefallen, die falsche Richtung eingeschlagen hatte.
Sie war gezwungen, den Weg zurückzugehen, sich zu beeilen, zu hetzen, die gefährliche Straße diesmal in ungewohnter Hast zu überqueren. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Gedanken an Risiken. Alles sah gleich aus. Alles wirkte entsprechend licht, fröhlich und geordnet. Ein elegantes, vornehmes Ambiente. Eine gute Gegend, zu gut. Denn auch dieser Weg stimmte nicht.
Konstanze steuerte an dem offen dargelegten Luxus vorbei, bis sich die Bilder der Gebäude, die errichtet worden waren, um Wissen zu erlangen und zu verbreiten, aus ihrem Kopf mit denen vermischten, die ihre Augen vor sich erkennen konnten. Erleichterte Seufzer entströmten ihren Lippen. Froh war sie, den Pfad zurück entdeckt zu haben. Nicht froh allerdings, dass es spät war, zu spät. Ihr Plan war nicht aufgegangen. Die Pause, die hätte ausreichen sollen, die sie benutzen wollte, um ohne weitere Auffälligkeiten wieder in den Trott des Systems einzufallen, erwies sich als zu kurz. Als bei weitem zu kurz.
Konstanze verharrte vor verschlossenen Türen. Sie fühlte mich wieder wie ein Kind, ein Kind, das ausgesperrt ist, das nirgends zugehörig nicht weiß, wohin oder an wen es sich wenden kann. Konstanze war dieses Kind. Und doch war sie es nicht. Denn die Jahre hatten sich nicht spurlos über sie gedrängt, Konstanze langsam aber sicher in die Knie gezwungen. Sie wusste, dass Lösungen existierten und wusste, dass sie diese nur suchen musste.
Es gab Möglichkeiten, wie jene freche, mutige Idee, die Türen zu öffnen und den Raum zu betreten. Vielleicht eine Entschuldigung auf den Lippen, vielleicht ein Lächeln. Die Reaktionen auf das Zuspätkommen zu ertragen. Auch wenn es tatsächlich spät war, viel zu spät, wie sie dann letztendlich beschloss. Zu spät, eine zu starke Präsentation peinlicher Vorfälle, als dass sie diesen ins Gesicht sehen könnte. Konstanze war nicht in der Lage zu erklären, zu deuten, zu entschuldigen und vielleicht auch nicht in der Lage, die Meinung, das Urteil anderer zu ertragen. Der anderen, die sich in höheren Positionen befanden, als sie selbst. In weitaus Höheren.
Konstanze tat, was sie immer tat. Sie zog sich zurück. Die Lösung, die übrig blieb, erschien ebenso logisch, wie fragwürdig. Und doch, mit etwas Glück konnte sie klappen. Und mit größerem Glück merkte niemand welche Ausrutscher sie sich geleistet hatte. Vielleicht erkannten sie Konstanze nicht. Vielleicht waren sie ausreichend von sich selbst eingenommen, genug mit ihrem eigenen, erbärmlichen oder wahlweise hellauf strahlenden Leben beschäftigt, als dass sie ihr Beachtung schenkten. Einer traurigen, nutzlosen Figur wie ihr, die letztendlich nicht sicher war, was sie in einer Welt wie dieser zu suchen hatte. Und doch befand sie sich in dieser. Und es handelte sich nicht um die Schlechteste aller Welten.
Vielleicht war es möglich, die unangenehmen Folgen, den Beigeschmack der stetig von neuem begangenen Fehler herunterzuschlucken, und sich auf das zu konzentrieren, was hinter dem oberflächlichen Eindruck einer schmucken Hülle steckte. Vielleicht konnte man über den Verdacht hinwegsehen, dass jene Hülle doch nur eine künstliche Schale darstellte, die nichts bedeutete, keinen Einfluss ausübte, weder Schutz noch Wirkung bot, sondern lediglich die Leere überdeckte, die ihr innewohnte. Vielleicht gab es doch mehr. Und vielleicht war dieses Mehr es wert, sich darum zu bemühen. Vielleicht führten viele Wege zum Ziel, verspätet oder pünktlich. Vielleicht mussten peinliche Augenblicke durchlebt und erlitten werden. Vielleicht verlieh es uns Kraft, der eigenen Unzulänglichkeit ins Auge zu sehen, den Perfektionsanspruch fahren zu lassen, und nach der Wahrheit hinter all dem Schein zu suchen. Wie auch immer diese Wahrheit aussehen mochte.
Möglich, dass es sich lohnte, dass sie einfach versuchen sollte, sich während der Zwischenstunde, der kleinen Lücke zwischen den Zeiten, einen Weg zu bahnen. Sie konnte hineinschlüpfen, sich in das Innere drängen, vorgeben, sie wäre niemals fort gewesen. Und auf ihr Glück hoffen, auf die Dummheit der Menschen vertrauen. Auf deren Desinteresse bauen, dass es ihr vielleicht ermöglichte, einen Weg weiterzugehen, der ihr eigentlich bereits verbaut war. Ein Risiko? Ja.
Und bis zu einem gewissen Grade sogar unehrlich, verschlagen, nicht von der Reinheit und Ehrlichkeit geprägt, die zu erlangen, sie sich stets erhofft hatte.
Doch war das Leben nicht auch so? Eine unehrliche, schmutzige Angelegenheit? Eine Zeitspanne, während derer man strebte, versuchte, sich Blößen gab, blamierte und nicht zuletzt in Grund und Boden schämte. Eine Zeitspanne, die Momente beinhaltete, während derer man das Mauseloch suchte, in dem es sich für immer verstecken ließ, die Decke unter der zu verschwinden sich so verlockend anbot.
Doch diesmal fiele sie nicht darauf hinein. Sie sah den Konsequenzen ins Auge, die sich aus ihrem Verhalten ergaben. Selbst wenn es ein erträumtes Verhalten, eine wirre Aneinanderreihung unwahrer Zustände und ein weit von der Realität entfernter Irrsinn war, in dem sie steckte, gefangen und verschluckt. Doch nicht ohne die Gelegenheit, sich zu befreien. Nicht ohne die Kraft, sich frei zu strampeln. Und genau das tat sie.
Sie strampelte sich frei.
Und ich achtete sie dafür.

Chronisch

Titel: Chronisch
Autor: callisto24
* * *


Schuld daran war definitiv die rechte Gehirnhälfte, genauer gesagt, die Auswucherungen derselben. Nicht unbedingt in physischer Hinsicht – oh nein. Rein anatomisch betrachtet fiele wohl auch dem genauesten Diagnosegerät keine Anomalität derselben auf. Und doch existierte diese.
Ob es die Nervenverbindungen waren, die an Überspannungen ihrer Kontakte litten oder die ausufernde Elektrizität, die sich in diesem Teil des Gehirns konzentriert, konnte lediglich ein Neurologe feststellen. Toni blieb die Spekulation und damit gab sie sich zufrieden. Sie war lediglich froh darüber, einen, wenn auch wenig greifbaren Grund für ihren Zustand, für ihre Zustände, gefunden zu haben.
Die Überaktivität einer Gehirnhälfte bot genau diesen, galt es doch mittlerweile als erwiesen, dass mit der besagten, wuchernden, galoppierend explodierenden Hälfte des Organs nicht nur die Wurzel für Kreativität und die Fähigkeit zum Überblick gewährt wurde, sondern auch die Anlage zur Depression sich verstärkte. Wobei Toni sich manchmal fragte, ob nicht vielleicht ein Zusammenhang zwischen beiden Aspekten bestand. Denn wer – der sich die Mühe machte, einen Blick auf die Welt im Allgemeinen zu werfen, sich einen umfassenden Überblick verschaffte, sollte nicht umgehend von einem Hang zur Schwermut erfasst werden. Nur wer in seinem kleinen Rahmen blieb besaß die Chance, sich auch innerhalb dieser Grenzen eine zufriedene, wenn nicht gar glückliche Existenz aufzubauen.
Toni war dazu nie in der Lage gewesen. Und sie hatte es gewusst. Nicht, dass sie es nicht versucht hätte, so wie es wohl jeder versuchte, der sich zumindest einen Hauch von Hoffnung bewahrte. Aber jeder einzelne Versuch war gescheitert. Nicht unbedingt zu ihrem Erstaunen. Schon gar nicht zu ihrer Freude, aber es ließ sich nicht leugnen, dass langsam aber sicher ein Schema hervortrat.
Aus verschiedenen Gründen kam ihr die Überzeugung auch überhaupt nicht ungelegen. Konnte sie die Schuld abstrakten Fehlschaltungen in den undurchsichtigen Windungen ihres Verstandes zuschieben, so existierte zumindest kein Grund mehr, sich mit Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen zu quälen. Dann war es eine höhere Macht, eine biologische Unpässlichkeit, die für ihr Unglück verantwortlich zeigte und Toni fühlte sich eher in der Lage mit einer Situation wie dieser umzugehen, als mit der ständigen Überzeugung, dass sie und nur sie allein und ihr eigenes Unvermögen, ihre Fehlbarkeit für die Dramen verantwortlich waren aus denen ihr Leben bestand.
Auf jeden Fall bot ihr die freimütig akzeptierte, wenn auch nur im Ansatz begriffene Erklärung eine visuelle Vorstellung der innerkörperlichen Vorgänge, eine Tatsache für die alleine sie sich bereits dankbar fühlte. Ebenso wie für die Konsequenzen der wissenschaftlichen Diagnose, die ihr so wissenschaftlich auch wieder nicht vorkam. Doch der Effekt sprach für sich. Und Toni konnte keineswegs leugnen, dass die verschriebenen Tabletten in ihrer Wirkung wie gewünscht einschlugen. Nicht dass sie es geglaubt hatte – in einem Alter wie dem ihren und nach all den Experimenten, die sie durchgeführt hatte, nur um ihr Leben ein klein wenig zu verbessern.
Umso erstaunter registrierte sie die körperlichen Reaktionen ihres Körpers auf ein an sich doch harmloses Medikament.
Nun hätte sie sich nicht dazu bereit erklärt, wenn die Lage nicht schier aussichtslos gewesen wäre. Wenn sie nicht mit absoluter Sicherheit jeden Eid beschworen hätte, dass sie sich an einem Endpunkt befand. Nichts und niemand konnte sie aus dem Sumpf, in dem sie versank, befreien. Der letzte Strohhalm, an den sie sich klammerte, er musste den notwendigen Halt bieten. Andernfalls wäre ihr Leben gelebt, die Wahl nur noch zwischen den Gleisen der S-Bahn oder dem Sturz aus dem Fenster möglich.
Sie schluckte die bitteren Pillen nach Anweisung und wartete. Nichts geschah. Es wurde nicht besser, im Gegenteil – schlimmer. Die enttäuschte Erwartung verstärkte die Verzweiflung, der Abgrund schloss sich um sie.
Bis – an diesem einen Tag, nach nur drei Wochen, etwas Merkwürdiges geschah. Eine Offenbarung, eine Erkenntnis, das winzige Gespür, die Ahnung davon, wie das Leben sein könnte, aus den Augen eines anderen Menschen gesehen.
Toni fühlte sich nicht besser, sie war nicht glücklicher, nicht beruhigter, nicht entspannter. Sie spürte nur, dass sie mit einem Mal fähig war, nur dazusitzen, letztendlich nur zu sein.
Und dass sie lächelte. Sie lächelte ohne Grund. Einfach so. Einfach vor sich hin. Das Leben war vielleicht doch nicht gar so schlecht. Das Leben konnte vielleicht gelebt werden, wie es jeder andere Mensch auch lebte. Ohne die Schmerzen, verursacht von den unzähligen Narben, die ihre Seele trug. Ohne die Ängste, die Qualen, mit denen sie sich täglich, stündlich herumschlug. Eine Pause von all diesem Leid. Ferien von der Selbstzerfleischung, der Existenzangst, der Todesfurcht.
Oder auch nicht Ferien. Vielleicht der Weg, auf dem sie weiterlaufen konnte. Vielleicht die Lösung, die Hoffnung, eine Chance darauf, noch für eine Weile den unverfälschten Geschmack des Lebens kosten zu können.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Ein Numb3rs Weihnachtsfest

Titel: Eine Eppes-Weihnacht
Autor: callisto24
Fandom: Numb3rs
Rating: PG
Genre: Comedy
Warnungen: Geschmacklos und anstößig
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit kein Geld.
* * *


„Du bist so still“, sagte Alan Eppes zu seinem Sohn, der gedankenverloren in seiner Tasse Kaffee rührte.

Mathematikprofessor Charlie Eppes nickte und rollte mit den Augen. „Das liegt daran, dass die Autorin, die diese Geschichte verfasst, in der Schule nicht richtig aufgepasst hat.“ Er seufzte auf und legte den Löffel ab. „Deshalb versteht sie auch nie, wovon ich eigentlich spreche, wenn ich damit beginne, meine abstrakten Theorien und komplizierten Berechnungen zu erläutern.“

Alan runzelte die Stirn. „Aber weshalb sollte sie dann die Serie ansehen, geschweige denn darüber schreiben?“
Charlie zuckte mit den Schultern. „Sobald ich anfange zu reden, schaltet sie ihr Gehirn ab und beginnt damit, meine dunklen Locken zu bewundern. Oder ihre Gedanken wandern zu Dons muskulösem Körper, beziehungsweise der Art, wie er seine Jeans trägt – eng und knackig.“

Don sah auf. „Was ist mit mir?“
Charlie schüttelte den Kopf. „Das willst du nicht wissen, glaube mir.“

Don wandte sich wieder seiner Akte zu. „Also, wie weit sind wir nun?“

Sein Vater kratzte sich am Kopf.
„Nicht sehr weit. Bis jetzt haben wir vier Leute, die Hanukkah feiern.
Drei, die beim besten Willen kein Fest in ihrer Religion finden konnten, das auch nur annähernd in die Nähe des Dezembers fällt,
fünf, die unsere Idee ablehnen
und drei, die grundsätzlich bereit wären, ein nicht-konfessionelles Winterfest zu begehen.
Außerdem fünf Christen, von denen vier behaupten, dass ihnen Weihnachten herzlich egal ist, sie aber unterm Strich lieber in einem lebensgefährlichen Einsatz steckten, als mit ihrer Familie den Abend zu verbringen.“

Don überlegte kurz, schlug dann Kommandoton an. „In diesem Fall würde ich mich doch gegen die Idee einer Weihnachtsfolge entscheiden.“

Alan schob die Unterlippe vor. „Die Leute lieben Weihnachtsfolgen“, bemerkte er. „Und auch wenn ich persönlich nicht verstehe warum - Hanukkah macht erheblich mehr Spaß und bietet wenigstens eine aufregende Hintergrundgeschichte - so bin ich doch in einem Alter, in dem es sich auszahlt auf die Zuschauerwünsche einzugehen. Ganz im Ernst – die erfolgreichen Serien wachsen nicht auf Bäumen, das muss ich euch beiden doch wohl nicht sagen.“

Charlie nickte. „Statistisch gesehen…“
Don hob warnend den Zeigefinger. „Nicht jetzt, Charlie. Wir haben kein Geld übrig für die aufwendigen Computeranimationen, die dein Mathematik-Geschwafel untermalen.“ Er räusperte sich. „Und außerdem bin ich aus der Übung was den konzentrierten, zugleich gelangweilten und unterschwellig genervten Gesichtsausdruck angeht, mit dem ich darauf reagieren muss.“

„Das ist aber jetzt unfair“, meldete Amita sich zu Wort. „Als Inderin und praktizierende Hindu liegt mir der Weihnachtsgedanke zwar fern, aber diese Animationen, zumal wenn sie um mich kreisen, sind doch jedesmal wieder eine Augenweide.“
Charlie legte seine Hand auf ihre und blickte ihr tief in die Augen. „Da stimme ich dir vollkommen zu, mein Liebling.“

„Und was ist mit mir?“ warf Larry Fleinhardt ein. „Hatte ich nicht vorgeschlagen das Ganze von einer astronomischen Warte aus zu betrachten? Rotierende Planeten, Sternenhimmel und vielleicht hier und da ein vorbeizischender Komet, während ich das Prinzip von Licht im Dunkel erläutere, passen in fast jede Religion oder Weltanschauung und bieten außerdem noch was fürs Auge. Ich könnte eine Anspielung auf den Stern von Betlehem fallen lassen, womit wir das Christentum gleich erledigt hätten.“

„Nicht schlecht.“ Don hob die Augenbrauen. „Auch das Mythologische ließe sich so elegant abhaken.“
Charlie nickte eifrig. „Wir enden mit einem geselligen Beisammensein, wahlweise inklusive des Entzündens der Menora oder des Aufbruchs in die Synagoge. David und Colby küssen sich unter dem Mistelzweig, Nikki lädt Liz in die Moschee ein und irgendwo brennt ein Feuer zur Wintersonnenwende.“

Alan rieb sich die Hände. „Das hört sich doch gut an. So dürften wir ausreichend Vielfalt einbringen und niemanden vor den Kopf stoßen.“

„Mit Ausnahme der Autorin“, gab Larry zu bedenken.
Charlie sah ihn erstaunt an. „Wieso denn das?“
Larry grinste. „Na, die hat von den empfindlichen religiösen Gefühlen der Leser noch weniger Ahnung als von Mathematik.“
„Gibt’s nicht“, staunte Charlie.

„Oh doch“, seufzte Amita. „Ich konnte ihr das Einmaleins beibringen, aber das Wirken Shivas hielt sie für ein ostafrikanisches Märchen.“

„Das kann schwierig werden“, stellte Alan fest. „Nebenbei benötigen wir ja auch noch den Weihnachts-Klassiker: einen wahnsinnigen Serienkiller, der es auf Mitarbeiter des FBIs abgesehen hat.“
Er kratzte sich am Kinn.
„Da existiert ein weiteres Problem. Wer erklärt ihr diesmal die Mechanik von Schusswaffen, oder anatomische Grundsätze, wenn es um das Spritzen von Blut oder das Ausweiden der Organe geht? Das gibt doch wieder ein Desaster, wenn wir versuchen, die Sache der Gerichtsmedizin zu präsentieren.“

Don klappte seine Akte zusammen und stand auf. „Ich übernehme das“, erklärte er resolut.
Charlie hob eine Augenbraue. „Sei vorsichtig“, warnte er. „Wenn es in ihrem Büro nach Glühwein liegt und irgendwo ein paar Dessous herumliegen, dann nimm lieber Robin zur Selbstverteidigung mit.“
„Das hilft nichts“, seufzte Don. „Beim letzten Mal schlug sie einen flotten Dreier vor.“
Alans Mund klappte auf. „Ihr habt doch nicht…?“
Don grinste. „Wo denkst Du hin. Ich hab nur zugesehen.“



Ende