Sonntag, 6. Dezember 2009

Ein Numb3rs Weihnachtsfest

Titel: Eine Eppes-Weihnacht
Autor: callisto24
Fandom: Numb3rs
Rating: PG
Genre: Comedy
Warnungen: Geschmacklos und anstößig
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit kein Geld.
* * *


„Du bist so still“, sagte Alan Eppes zu seinem Sohn, der gedankenverloren in seiner Tasse Kaffee rührte.

Mathematikprofessor Charlie Eppes nickte und rollte mit den Augen. „Das liegt daran, dass die Autorin, die diese Geschichte verfasst, in der Schule nicht richtig aufgepasst hat.“ Er seufzte auf und legte den Löffel ab. „Deshalb versteht sie auch nie, wovon ich eigentlich spreche, wenn ich damit beginne, meine abstrakten Theorien und komplizierten Berechnungen zu erläutern.“

Alan runzelte die Stirn. „Aber weshalb sollte sie dann die Serie ansehen, geschweige denn darüber schreiben?“
Charlie zuckte mit den Schultern. „Sobald ich anfange zu reden, schaltet sie ihr Gehirn ab und beginnt damit, meine dunklen Locken zu bewundern. Oder ihre Gedanken wandern zu Dons muskulösem Körper, beziehungsweise der Art, wie er seine Jeans trägt – eng und knackig.“

Don sah auf. „Was ist mit mir?“
Charlie schüttelte den Kopf. „Das willst du nicht wissen, glaube mir.“

Don wandte sich wieder seiner Akte zu. „Also, wie weit sind wir nun?“

Sein Vater kratzte sich am Kopf.
„Nicht sehr weit. Bis jetzt haben wir vier Leute, die Hanukkah feiern.
Drei, die beim besten Willen kein Fest in ihrer Religion finden konnten, das auch nur annähernd in die Nähe des Dezembers fällt,
fünf, die unsere Idee ablehnen
und drei, die grundsätzlich bereit wären, ein nicht-konfessionelles Winterfest zu begehen.
Außerdem fünf Christen, von denen vier behaupten, dass ihnen Weihnachten herzlich egal ist, sie aber unterm Strich lieber in einem lebensgefährlichen Einsatz steckten, als mit ihrer Familie den Abend zu verbringen.“

Don überlegte kurz, schlug dann Kommandoton an. „In diesem Fall würde ich mich doch gegen die Idee einer Weihnachtsfolge entscheiden.“

Alan schob die Unterlippe vor. „Die Leute lieben Weihnachtsfolgen“, bemerkte er. „Und auch wenn ich persönlich nicht verstehe warum - Hanukkah macht erheblich mehr Spaß und bietet wenigstens eine aufregende Hintergrundgeschichte - so bin ich doch in einem Alter, in dem es sich auszahlt auf die Zuschauerwünsche einzugehen. Ganz im Ernst – die erfolgreichen Serien wachsen nicht auf Bäumen, das muss ich euch beiden doch wohl nicht sagen.“

Charlie nickte. „Statistisch gesehen…“
Don hob warnend den Zeigefinger. „Nicht jetzt, Charlie. Wir haben kein Geld übrig für die aufwendigen Computeranimationen, die dein Mathematik-Geschwafel untermalen.“ Er räusperte sich. „Und außerdem bin ich aus der Übung was den konzentrierten, zugleich gelangweilten und unterschwellig genervten Gesichtsausdruck angeht, mit dem ich darauf reagieren muss.“

„Das ist aber jetzt unfair“, meldete Amita sich zu Wort. „Als Inderin und praktizierende Hindu liegt mir der Weihnachtsgedanke zwar fern, aber diese Animationen, zumal wenn sie um mich kreisen, sind doch jedesmal wieder eine Augenweide.“
Charlie legte seine Hand auf ihre und blickte ihr tief in die Augen. „Da stimme ich dir vollkommen zu, mein Liebling.“

„Und was ist mit mir?“ warf Larry Fleinhardt ein. „Hatte ich nicht vorgeschlagen das Ganze von einer astronomischen Warte aus zu betrachten? Rotierende Planeten, Sternenhimmel und vielleicht hier und da ein vorbeizischender Komet, während ich das Prinzip von Licht im Dunkel erläutere, passen in fast jede Religion oder Weltanschauung und bieten außerdem noch was fürs Auge. Ich könnte eine Anspielung auf den Stern von Betlehem fallen lassen, womit wir das Christentum gleich erledigt hätten.“

„Nicht schlecht.“ Don hob die Augenbrauen. „Auch das Mythologische ließe sich so elegant abhaken.“
Charlie nickte eifrig. „Wir enden mit einem geselligen Beisammensein, wahlweise inklusive des Entzündens der Menora oder des Aufbruchs in die Synagoge. David und Colby küssen sich unter dem Mistelzweig, Nikki lädt Liz in die Moschee ein und irgendwo brennt ein Feuer zur Wintersonnenwende.“

Alan rieb sich die Hände. „Das hört sich doch gut an. So dürften wir ausreichend Vielfalt einbringen und niemanden vor den Kopf stoßen.“

„Mit Ausnahme der Autorin“, gab Larry zu bedenken.
Charlie sah ihn erstaunt an. „Wieso denn das?“
Larry grinste. „Na, die hat von den empfindlichen religiösen Gefühlen der Leser noch weniger Ahnung als von Mathematik.“
„Gibt’s nicht“, staunte Charlie.

„Oh doch“, seufzte Amita. „Ich konnte ihr das Einmaleins beibringen, aber das Wirken Shivas hielt sie für ein ostafrikanisches Märchen.“

„Das kann schwierig werden“, stellte Alan fest. „Nebenbei benötigen wir ja auch noch den Weihnachts-Klassiker: einen wahnsinnigen Serienkiller, der es auf Mitarbeiter des FBIs abgesehen hat.“
Er kratzte sich am Kinn.
„Da existiert ein weiteres Problem. Wer erklärt ihr diesmal die Mechanik von Schusswaffen, oder anatomische Grundsätze, wenn es um das Spritzen von Blut oder das Ausweiden der Organe geht? Das gibt doch wieder ein Desaster, wenn wir versuchen, die Sache der Gerichtsmedizin zu präsentieren.“

Don klappte seine Akte zusammen und stand auf. „Ich übernehme das“, erklärte er resolut.
Charlie hob eine Augenbraue. „Sei vorsichtig“, warnte er. „Wenn es in ihrem Büro nach Glühwein liegt und irgendwo ein paar Dessous herumliegen, dann nimm lieber Robin zur Selbstverteidigung mit.“
„Das hilft nichts“, seufzte Don. „Beim letzten Mal schlug sie einen flotten Dreier vor.“
Alans Mund klappte auf. „Ihr habt doch nicht…?“
Don grinste. „Wo denkst Du hin. Ich hab nur zugesehen.“



Ende

Samstag, 7. November 2009

Mentor

Titel: Mentor
Autor: callisto24
* * *

Von Anfang an.
Es war immer schwer, jemanden zu etwas zu überreden, was er nicht tun wollte. Noch schwieriger, wenn es sich bei demjenigen um das eigene Kind, sprich die eigene Tochter handelte. Doch was war zu tun, wenn die Betreffende von vornherein alles, und wirklich alles ablehnte? Und was sollte er tun, wenn ihm die Beweggründe und die Gefühle an sich so vertraut waren, dass nichts leichter wäre, als diesen ohne weitere Zweifel und Umschweife nachzugeben.
Natürlich konnte er ihnen nicht nachgeben, wusste er doch nur zu gut, und auch aus eigener Erfahrung, wohin Verhalten wie dieses letztendlich führte. Zur Vermeidung von allem und jedem, sämtlicher Risiken und damit auch sämtlicher Erfolge, sämtlicher Möglichkeiten jene Erfolge zu sammeln und damit, letztendlich sich zu dem Menschen zu entwickeln, als der man gedacht war.
Es führte dazu, dass die Entwicklung als solche abgelehnt wurde, ebenso wie jedwede Tendenz in einer entsprechenden Richtung.
Doch langsam konnte er nicht mehr. Hatte es doch schon vor langer Zeit begonnen, im frühesten Alter, begann mit der Erkenntnis erwähnter Tochter, dass Gefahren da draußen existierten, die es zu meiden galt. Und natürlich besaß sie diese Erkenntnis oder Veranlagung nicht von ungefähr, sondern übernahm sie direkt von ihm. Nein, auch er vollbrachte nichts. Niemals. Risiken waren ihm eine Gräuel und er unternahm keinerlei Ansätze einer Anstrengung, deren sofortiger Sinn und Zweck sich ihm nicht sofort erschloss.
Wieso sollte er sich also wundern, dass sein kleines Mädchen sich weigerte zu versuchen, was er, der Große, der Vater ihm vor die Nase hielt.
Es erschöpfte ihn. Er wusste es, dass er der Schuldige war, mit seiner Schlamperei, seiner Pflichtvergessenheit, seiner Haltlosigkeit. Er zeigte eindeutig verantwortlich dafür, dass trotz aller Bemühungen nichts von Erfolg gekrönt sein konnte. Kein bisschen, kein Stückchen, verpuffte Zeit, Energie, verschleudertes Geld. Sie tauchte nicht auf, sie würde nie auftauchen. Es war zum Heulen. Richtig zum Heulen. Und er war schuld. Er hatte versagt, als Mentor versagt. Er hatte sie verraten.

Nebelscheinwerfer

Titel: Nebelscheinwerfer
Autor: callisto24
* * *


Es war einer ihrer üblichen Träume. Daniela träumte stets nahe der Realität. Nahe genug, so dass sie beim Erwachen mehr als nur einen Moment benötigte, bis sie sich darüber klar wurde, dass sie soeben Erlebtes ihrer Fantasiewelt zuordnen konnte. Und in den meisten Fällen erleichterte Daniela diese Zuordnung kolossal. Nicht unbedingt, dass die Wirklichkeit es ihr leichter machte, als ihre Träume es taten. Doch zumindest verlief diese in der Regel weitaus ruhiger und ohne die merkwürdigen Schnitzer und absurden Verläufe, welche ihre Träume für gewöhnlich nahmen.
Dieses Mal begann alles mit einem Ausflug, mit der konfusen Mischung aus der regelmäßigen, wöchentlich stattfindenden Wahrnehmung eines Termins, der es erforderte, dass sie mit ihren Kindern den Ansatz einer Reise unternahm, welche am Bahnhof des Ortes startete. Nur, dass sich diese Reise auf einmal ausdehnte, von einer Reise in ein Ereignis verwandelte. Eines, das nicht nur sie und ihren Nachwuchs, sondern auch Danielas Eltern mit einbezog. Eine Tatsache, die darauf schließen ließ, dass es sich um ein Ereignis handelte, das in erster Linie mit Kultur und stadtinterner Politik zu tun hatte. Und nicht nur, dass Daniela sich in einer Welt wiederfand, die sie nicht kannte, nie besuchte, nie kennenlernen wollte, sie fand sich zusätzlich mit einer Handvoll Kinder dort, für die ausgerechnet sie allein die Verantwortung trug, wenigstens zeitweise, und ohne ihre Gesichter Personen zuordnen zu können, die Daniela bekannt waren. Die Kinder liefen zwischen ihren Füßen herum, irritierten Daniela und erhöhten ihre Besorgnis.
Bis ihr plötzlich eine hohle Stimme aus einem ebenso hohlen Körper mitzuteilen geruhte, welcher Pflicht, sie sich zu unterziehen hatte, dass diese darin bestand, betreffende Kinder von dem Eindringen in eine, wie sie nun bemerkte, sorgfältig errichtete Szenerie abzuhalten. Dabei handelte es sich um nicht weniger als um eine Einweihung, ein festlicher Akt, der offizielle und nicht unerhebliche Bedeutung besaß. Ein Akt, zu dem jeder Zugang erhielt, doch zu dem nicht jeder Zugang besaß. Ganz sicher nicht jeder. Die Prominenz in ihren edlen Kleidern war willkommen ebenso wie ihr gepflegtes Benehmen. Herumlaufende, unkontrollierbare Kinder jedoch durften in einer Welt wie dieser nicht existieren.
Natürlich ließen sich Kinder wie diese, wie die ihr Anvertrauten, Kinder, die ihren eigenen Kopf, ihren eigenen Willen behielten, nicht von den Zielen abhalten, die nur sie in ihrem Kindergemüt verstehen konnten. Unabhängig davon wie sehr Einrichtungen wie Schule oder auch schon Kindergärten sich mühten, ihnen diese zu nehmen, in Bahnen zu lenken, die der Gesellschaft genehm waren. Ihre Kinder blieben dabei zu forschen und zu entdecken, wohin es sie zog und was ihre Aufmerksamkeit fesselte. Und wenn es sich um mühsam errichtete Dekorationen, kunstvoll verlaufende Wasserbäche und arrangierte Zierfiguren handelte, so änderte dies nichts in ihren Kinderaugen. Und es änderte auch nichts in den Augen Danielas. Zumindest solange bis sie auf die Reaktion und die Beschwerden der Menschen stieß, die hart daran arbeiteten, die Vorstellung perfekt, das Ereignis denkwürdig und elegant zu gestalten.
Ein Vorsatz an dem Daniela in jeder Beziehung und bereits im Vornherein scheiterte. Sie war nicht elegant. Sie machte sich nichts aus ihrem Äußeren, und schon gar nichts daraus, wie sie auf die Gesellschaft wirkte. Was einfach war, bewegte sie sich doch in der Regel außerhalb der Gesellschaft als solcher, außerhalb jeder Gesellschaft und definitiv außerhalb derer, die sich als fein oder gar vornehm bezeichnete. Es spielte also keine Rolle, wie sie sich präsentierte, vermied sie es doch tunlichst sich überhaupt zu präsentieren.
Doch nun und ohne Vorwarnung purzelte Daniela in diese künstlich gestaltete Welt, die direkt dem Werbefernsehen entsprungen schien, inklusive Sonnenschein und blauem Himmel. Helle Säulen ragten in den Himmel, gepflegte Menschen, gekleidet in ansprechend leichten Farben schritten bedächtig die perfekt dekorierten Tische ab, inspizierten funkelndes Besteck, feines Porzellan und kostbare Blumengebinde. Und hin und wieder streiften die Blicke dieser perfekten Gestalten Danielas Erscheinung, die unter dem prüfenden Blick förmlich schrumpfte, während es ihr endlich gelang, die Kinder aus der Gefahrenzone, den Bereichen, die Zerbrechliches aufwiesen, zurückzuziehen.
Nur dass es damit nicht beendet war. Nur, dass sie sich mit einem Mal wieder in der Mitte von Menschen wiederfand, die sie kritisch begutachteten, die Flecken auf ihren Schultern, die Spuren von Erbrochenem bemerkten. Spuren, die Kinder jeden Alters, Spuren, die das Leben an ihr hinterlassen hatte.
Und als er, die Autorität, der Verantwortliche des Ereignisses sie mit diesem eindeutig einzuordnenden, abschätzigen Blick begutachtete, und aufforderte, darüber nachzudenken, wo sie sich befand, da wusste Daniela, dass es Zeit war zu gehen, dass sie sich zurückziehen musste, verschwinden aus einer Variante des Lebens, in die sie nicht gehörte. Zurückkehren in die Existenz, die ihr vertraut war. In ein Leben, das Verstecken und Verbergen beinhaltete. Dessen Credo darin bestand unsichtbar, unauffindbar zu bleiben. Aus der Entfernung zu beobachten, nicht mehr.
So gab Daniela dem Impuls nach, der ihr vertraut geworden war. Sie blieb die Beobachterin, doch floh der Verantwortung, dem Geschehen, dem Leben. Sie zog sich in den Nebel zurück der alles umgab, wartete auf das Ende der Veranstaltung, betrachte diese aus der Entfernung, spielte den Verfolger aus der Dunkelheit. Sie befasste sich mit Hintergründen, Analyse und der Suche nach Inspiration für die eventuelle Möglichkeit, ihre eigene Lage und die ihrer Kinder zu verändern.
Wäre diese Suche von Erfolg gekrönt worden, hätte sich niemand mehr gewundert, als sie selbst. Doch tat sich eine ganz andere, und vollkommen unerwartete Möglichkeit auf. Eine Schicksalswendung, mit der niemand und am wenigsten Daniela selbst rechneten. Ein Botengang nur, der ihr nebenbei aufgetragen wurde, und den zu erledigen lediglich eine kleine Aufgabe außerhalb der natürlichen Ordnung sein sollte. Er hatte nichts mit der Suche und den Fragen zu tun, die sie sich stellte, und doch bot er eine Beschäftigung, einen Grund und eine Herausforderung, die zu erfüllen nicht leicht, wenngleich auch nicht derart schwierig war, wie sie es sich ausmalte. Wie sie es sich ihr Leben lang ausgemalt hatte, Grund genug, um auszuweichen, anstatt diese Herausforderungen als das anzunehmen, was sie waren. Doch nun war sie es, die den Nebel durchdrang, die Scheinwerfer ausrichtete. Ihre Verantwortung, dass die Kinder den Weg fanden, auch wenn sie niemals erfuhren, wer das Licht angestellt hatte.
Den Auftrag zu erledigen war verwirrend, nicht einfach, nicht schwierig, doch am Ende verstörend. Und zugleich aufregend genug, um ihren Blick zu erweitern, jene Aufgeschlossenheit in ihr zu erwecken, die Veränderungen vorausgehen. Sie fand Kontakte, traf Menschen. Menschen, die sich unfreundlich zeigten, abweisend, denen ihre Anwesenheit eine Last war, aber auch Menschen, die ihr halfen, die sie als Gleichgestellte betrachteten, als eine von ihnen, unter ihnen, mit ihnen.
Und so entschied sie sich dafür, diesen Weg gehen zu wollen, es zu versuchen. Sie ging, sie fragte, sie erkundigte sich, versuchte, hoffte und trieb sich an.
Und scheiterte. Die Voraussetzungen, ihr Leben stimmte nicht. Sie war nicht ausgebildet, Anforderungen wie den vor ihr liegenden zu begegnen. Und so begegnete sie ihnen nicht, versagte ein weiteres Mal, enttäuschte ihre eigenen Erwartungen, ebenso wie die stummen, bereits nicht mehr ausgesprochenen Erwartungen anderer. Der Nebel senkte sich über sie herab und der Weg führte sie zurück, zurück auf den Bahnhof, zurück zu der regelmäßigen Reise, an die sie sich gewöhnt hatte. Und es war nicht alles schlecht. Daniela hatte dazugelernt. Und als sie aufwachte, lächelte sie.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Klan

Titel: Durchschnittsfamilie
Autor: callisto 24

* * *
Beschäftigen wir uns mit der Interaktion innerhalb einer Durchschnittsfamilie. Obwohl es sich in diesem Fall im Grunde nicht direkt um eine Durchschnittsfamilie handelt. Wenn wir ehrlich sind, fällt diese Familie sogar in mehr als einer Hinsicht aus dem Rahmen. Aber besehen wir uns die Lage objektiv, so springen vorerst weder Ecken noch Kanten ins Auge. Erst bei genauerer Betrachtung offenbaren sich die unschönen Wahrheiten, der versteckte Hass und die verwirrten, verwischten und durcheinandergewirbelten Gefühle, die zu erkennen, zu analysieren, ja selbst auseinanderzudividieren dem Familienmitglied in der Regel das Werkzeug abgeht. Einige Jahre intensiver Therapie können hilfreich erscheinen, um Mechanismen aufzudecken, die nur allzu negative Folgen nach sich ziehen können. Doch andererseits nützt auch diese Offenbarung letztendlich nicht mehr, als ein endgültiger Rückzug es tun könnte.
In besagter, angesprochener Familie kommt es nun zu den üblichen, Familientreffen, denen aus vielerlei Gründen positive Auswirkungen zugeschrieben werden. Als solche seien erwähnt die unweigerlich auftretenden Gefühle der Zusammengehörigkeit, der Liebe, der Verbindungen, die so deutlich mit den Banden des Blutes zusammen hängen. Ob da nun Blut im Spiel ist, oder nicht.
Und hin und wieder legen diese Familientreffen ob absichtlich oder unabsichtlich dar, worin die Problematik, das verborgen schwelende Unheil liegt.
In dem Fall, auf den wir uns hier beziehen, war es die unschuldig vorgebrachte Bemerkung, den bevorstehenden Urlaub betreffend, die offenbar verschiedene Fässer zum überlaufen brachte, ohne dass diese sich ihrer Fülle vielleicht sogar bewusst waren.
Denn so erzählte der Sohn der Familie in Gemeinschaft mit Frau und Kindern davon, einer bevorstehenden Reise ins Auge zu sehen. Worauf die Vertreterin jener Familie, gut, eine der Vertreterinnen, nämlich seine Mutter, mit der kurzen Frage konterte: „Schon wieder?“
Nun beharre ich persönlich doch auf meiner Überzeugung, dass jene Frage in aller Unschuld und bar jeder bösen Absicht oder anklagender Hintergedanken gestellt worden war. Immerhin handelte es sich bei der Fragestellerin um eine Frau. Und wie wir alle wissen, sind Frauen schnell mit dem Wort. Oftmals schneller als mit ihren Gedanken, die zudem noch in eine vollkommen andere Richtung gehen können, als ein Sprössling, noch dazu einer vom anderen Geschlecht, sich ausmalen könnte.
Wen sollte es also wundern, dass eine Äußerung wie die angegebene, falsch verstanden wurde und noch dazu in einer Kehle landete, die daran zu ersticken drohte. Oder wie anders lässt es sich erklären, dass der erwähnte Sprössling, also der im Begriff abzureisen Stehende, lautstark zurückbellte.
Und nicht nur das. Er erklärte wortreich und mit geradezu unüberhörbarer Deutlichkeit, dass er sozusagen niemals in den Urlaub fahre, täglich vierundzwanzig Stunden im Dienste von Job und Familie tätig sei und auch sonst jedwede Anschuldigung weit von sich weise.
Nun gut. Stellt sich die Frage, wo er eine Anschuldigung gehört hat. Denn die erwähnte Mutter reagierte mit großen Augen und zitternden Lippen. Und für eine redegewandte Dame wie sie äußerst auffälligem Schweigen. Für den neutralen Beobachter blieb zu erkennen, dass sie sich bei ihrer Frage wenig bis nichts und schon gar nichts Böses gedacht hatte. Oder vielleicht doch?
Man sollte auch die Verschlagenheit einer Durchschnittsmutter nicht unterschätzen. Denn die Tatsache bleibt, dass der erwähnte Sohn, und dies wurde maßgeblich im Familienkreise zu einem späteren Zeitpunkt, bei dem jener selbstverständlich nicht anwesend war, diskutiert, doch recht häufig verreiste. Zum puren Vergnügen verreiste, nicht etwa geschäftlich. Und warum auch nicht? Wer mache ihm daraus einen Vorwurf?
Was war hier also vorgefallen? Prallte das Schuldgefühl eines Sohnes, der sehr gerne reiste mit der Frustration einer Mutter zusammen, die ihm diese Möglichkeiten neidete? Eskalierte die Situation aus den Gründen verdrängten schlechten Gewissens und den unausgesprochenen, doch dafür angedeuteten Vorwürfen, die das schlechte Gewissen verstärkten und damit zur Katastrophe führten? Oder wie anders lässt es sich erklären, dass ein kurzer, einfacher Dialog zu einer jener Nachrichtenmeldungen führte, die das Auslöschen einer Familie beinhaltete inklusive des Selbstmordes des Täters.
Welcher der Betreffenden den Abzug drückte, möge jeder für sich selbst entscheiden. Nur soviel sei gesagt: Es muss nicht immer das männliche Chromosom als ausschlaggebend für Gewalttagen zeichnen. Nicht immer. Auch wenn die Natur sich meistens doch ihre Bahn bricht.

Samstag, 17. Oktober 2009

Knospe

Titel: Knospe
Autor: callisto24
* * *


Ein junger Mensch könnte vergleichbar sein mit einer Knospe. Die Farben sind noch blass, die Blütenblätter zart und empfindlich. Sie schützen sich mit einer festen Hülle, eine Kapsel, die den weichen Kern bewahrt. Sind junge Menschen auch so?
Manche vielleicht. Nico ist es auf jeden Fall. Was nicht gut ist, denn Nico ist ein Junge. Man mag Mädchen oder junge Frauen mit Blüten vergleichen, aber was Jungen angeht, so besteht in dieser Beziehung zweifelsohne eine Hemmschwelle.
Die größte Schwierigkeit liegt für Nico in der Tatsache, dass er selbst die Kapsel, die sein Inneres schützt, nicht als Schutz wahrnimmt. Sie fühlt sich für ihn ebenso weich und nachgiebig an, wie die gefalteten samtenen Blätter, die sich tief in ihm zusammenpressen, als hätten sie Angst davor, sich zu entfalten und ihre Schönheit zu zeigen.
Und so verbarg sich Nico, verbarg den Reichtum, der in ihm lag, ebenso wie er versuchte, sein Äußeres so gut es ihm möglich war, zu verstecken. Natürlich war dies nicht möglich. Nico war da, er existierte, beanspruchte seinen Platz im Leben, auch wenn er sich tief innerlich dafür schämte. Vielleicht lag darin der Grund, dass er es vorzog für sich zu sein, Tätigkeiten nachzugehen, die er alleine ausführen konnte, Spiele zu spielen, die ihn nicht dazu zwangen, sich zu präsentieren, seine Erscheinung, sein Wesen Menschen vorzuführen, die ihm fremd waren, denen er fremd war, und denen gegenüber er sich stets unterlegen fühlte.
Das Gefühl der Unterlegenheit war kaum abzuschütteln, quälte, und hielt ihn davon ab, der zu sein, der er sein sollte.
Denn genauso in sich gefaltet, versteckt und verborgen wie die Innersten aller feinen Blütenblätter, wuchs auch in Nico die Überzeugung, dass er zu etwas bestimmt war. Eine Bestimmung, die er nur ahnte, die er nicht erfassen konnte, die keine Gestalt annahm, so oft er auch um die bloße Idee herumtanzte. Und das verunsicherte Nico. Wer sagte ihm, dass er nicht irrte? Wer sagte ihm, dass die Bestimmung, der er folgen sollte, nicht nur eine Illusion war, eine Einbildung, auf die zu vertrauen von nicht mehr als reiner Dummheit zeugte.
Vielleicht verdiente er es nicht besser, als für immer in dieser Kapsel eingesperrt zu bleiben, so klein, so unscheinbar, so versteckt wie nur möglich. Wenn sich in ihm nichts befand als verkrüppelte Ansätze, farblose Stümpfe, die nicht dafür geschaffen waren, je das Sonnenlicht zu erblicken, dann fällte sein Instinkt doch die richtige Entscheidung, hielt er ihn davon ab, sich in die Weite der Welt zu wagen, das Geheimnis zu präsentieren, das in ihm schlummerte.
Junge Menschen schwanken zwischen den Extremen. Und auch Nicos Gefühle veränderten sich. Doch selbst wenn er die gefalteten Blätter in sich drängen spürte, die Kraft fühlte, die sich befreien wollte, die Kapsel sprengen, entfalten und zeigen, was sich unter der Schale befand, gelang es ihm, diese geschlossen zu halten. Mochte auch das Leben darunter pulsieren, der Wunsch nach Befreiung größer und stärker werden mit jedem Tag, so nahm auch die Angst davor zu, was nach dieser Befreiung geschähe.
Denn stünde er bloß und offen in voller Blüte, so befände er sich auch in einer ausweglosen Position, einer Lage, aus der es keinen Rückzug mehr gäbe. War die Kapsel erst gesprengt, so konnte keines der zarten Blätter jemals wieder in ihren Schutz zurückkehren. Sie wären frei und schutzlos den Elementen, der Kritik, der Vernichtung ausgesetzt, die früher oder später und unweigerlich auf die eine oder andere Weise einsetzten. Und so krümmte sich Nico – wenn überhaupt möglich – noch stärker in sich zusammen, versuchte geringer zu sein, unscheinbarer, und letztendlich zu verschwinden.
Das Wichtigste war, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, unter dem Radar zu reisen und das Ende der Reise stets im Blick zu behalten. Einfach und schlicht, um nicht verrückt zu werden in der endlosen und grenzenlosen Weite des Seins.
Nico blieb dabei, blieb klein, blieb versteckt und seine Knospe verkümmerte in ihrer Schutzhülle. Nicht weil seine Pflanze zu wenig Nahrung, zu wenig Licht oder Erde erhielt, sondern weil die Hülle, die ihn umgab schwach war, ein Hauch nur, aus dem er sich weder befreien, noch sicher fühlen konnte.
Eine ewige Knospe, stets vor der Blüte, bis sie verkümmerte, bis sie vertrocknete und das Alter ihr die Kraft raubte, so verblieb Nico. Und er fühlte sich unglücklich dabei, traurig, schlecht. Unvollständig, stehen geblieben in einer Phase, die keinen Stillstand erlaubte. Nico konnte weder vor noch zurück.
Auch ein alter Mensch kann einer Knospe gleichen. Und vielleicht verbirgt er den in sich gefalteten Reichtum, den er in seiner Jugend nicht wagte zu zeigen. Entscheidend bleibt, dass er eines Tages das Wagnis eingeht, die Schale sprengt, den Reichtum zeigt, Blätter und Farben entfaltet und sich all den Risiken aussetzt, die für jede Blume da draußen wartet.
Auch Nico sollte dies tun. Die Welt rief nach ihm. Doch je mehr an seiner Kapsel geklopft, je stärker an seinem Stiel gerüttelt wurde, desto kleiner krümmte er sich, desto winziger wollte er sein. Solange, bis die Knospe hinab fiel und auf dem harten Boden auseinanderbrach. Wie schön hätte seine Blüte sein können. Nicht zwangsläufig im herkömmlichen Sinne. Vielleicht wäre er keine Rose, keine Dahlie, keine Tulpe geworden. Vielleicht ein unscheinbares Gebilde, dessen Wahrheit erst auf den zweiten Blick sich offenbarte. Wenn auch dafür umso schöner, heller, vielleicht auch filigraner und dunkler, mystisch oder verrucht.
Nico darf keine Knospe bleiben.

Stern

Titel: Stern
Autor: callisto24

* * *
„Geh nicht“, flüsterte Lasse in Giovannis Ohr. „Ich kann nicht so lange ohne dich sein.“
Giovanni hielt den jüngeren Mann fester, zog ihn näher an sich, obwohl eine größere Nähe physisch kaum möglich schien. „Ich muss“, antwortete er leise in Lasses Ohr. „Ich habe es dir doch erklärt. Es… es ist zu schwer für mich.“
Lasse lehnte seinen Kopf an Giovannis Schulter, rieb seine Wange gegen den kratzigen Wollpullover. „Bitte bleib bei mir“, flehte er noch einmal.
Giovanni atmete mit einem Seufzer aus, einem Laut, der zugleich Schmerz als auch Erleichterung ausdrückte. „Dann komm mit mir“, flüsterte er. „Wir könnten zusammen sein. Wir könnten an Deck schlafen, über uns die Sterne.“
Lasse schluchzte. „Du weißt, dass ich nicht gehen kann“, wisperte er. „Es gibt zu vieles hier, zu viele Verpflichtungen, zu viele Zwänge.“
„Und genau deshalb muss ich gehen“, antwortete Giovanni. „Ich kann dir nicht dabei zusehen, wie du dich zerstörst, wie du all das versteckst, was dich ausmacht, wofür du bestimmt bist.“
„Ich verstecke nichts“, wehrte sich Lasse. „Das ist mein Leben. Meine Pflichten, meine Beziehung, meine Familie – alle verlassen sich auf mich. Keiner könnte es verstehen.“
„Du gibst ihnen auch keine Chance.“ Giovanni drückte Lasse einen Kuss auf die Stirn. „Aber das ist in Ordnung. Das bist du. So bist du, und ich liebe dich auch aus diesem Grund, weil du so bist.“
„Giovanni“, flüsterte Lasse und barg sein Gesicht an Giovannis Schulter. „Es… es tut mir so leid.“
„Stell dir nur vor, wie es sein könnte“, sagte Giovanni auf einmal heiser. „Stell dir nur für einen Augenblick vor, was wäre, wenn wir uns nicht auf diesem Steg befänden. Wenn ich nicht die Leine des Bootes hinter mir wüsste, bereit gelöst zu werden, sobald ich meinen Fuß auf das Schiff setze. Wenn wir nicht hier wären, Gefangene unserer Leben. All der Pflichten, die uns eine verschwendete Zeit, die wir ohne einander verbringen mussten, auferlegten.
Lasse schloss die Augen und stellte es sich vor. Seine Hände krallten sich in den Stoff der Kleidung, die Giovanni trug, und er fühlte, wie der andere seine Arme enger um ihn schlang, wie er ihn emporhob, ihn in eine Fantasie entführte, die er bislang nur vage und mit wenigen Worten entworfen hatte.
Die Luft trug ihn, ebenso wie Giovanni ihn durch die Luft trug, bis sie mit einem Ruck an ihrem Ziel ankamen. Lasse blinzelte, als der Boden unter seinen Füßen zuerst vibrierte und dann begann zu schwanken. Oder er hatte schon immer geschwankt, nur dass Lasse die Bewegung jetzt erst wahrnahm. Keine unangenehme Bewegung, eher ein sanftes Schaukeln, das keine Sorgen oder Unruhe verursachen konnte. Nicht solange Giovanni ihn festhielt, solange er seine starken Arme um Lasse geschlungen hielt und keine Anstalten unternahm, keinen Versuch, ihn jemals wieder loszulassen. Lasse schloss die Augen wieder und stieß einen zufriedenen Seufzer aus, der von einem tiefen Lachen beantwortet wurde, welches schwach an sein Ohr drang, welches er mehr in Giovannis Brust spüren konnte, als dass er es hörte.
„Was ist so lustig“, flüsterte er gegen den warmen Stoff, ohne seine Augen wieder zu öffnen. Stattdessen rieb er seine Stirn gegen den Körper des Größeren und seufzte erneut zufrieden.
„Nichts“, wisperte Giovanni zurück. „Nur deine Fantasie. Sieh, wohin du uns gebracht hast.“
Lasse deutete ein schwaches Kopfschütteln an. „Ich will es nicht wissen“, gab er zu. „Ich will nur sein, wo du bist.“
„Sieh nur hin“, ermunterte ihn Giovanni erneut. „Wir sind alleine. Du hast uns an den ruhigsten und einsamsten und gleichzeitig schönsten Ort geführt, den ich mir nur erträumen könnte.“
„Und wo sollte das sein?“ Nun blinzelte Lasse doch, drehte seinen Kopf und schmiegte seine Wange gegen den Stoff, während er aufsah. „Oh“, stieß er hervor.
„Nicht wahr?“, lachte Giovanni glücklich.
„Wo sind wir?“, fragte Lasse. „Es sieht aus als flögen wir… durch die Sterne.“
Amüsiert schüttelte Giovanni seinen Kopf. „Auf ruhiger See“, antwortete er leise. Die Sterne spiegeln sich in der glatten Oberfläche und wir schweben. Wir schweben über das Wasser.“
„Ja“, murmelte Lasse. „Und wir sind allein.“
„Niemand kann uns sehen“, bestätigte Giovanni. „Niemand wird je wissen, wo wir sind, oder was wir tun.“
„Dann lass uns hier bleiben“, antwortete Lasse. „Auf unserem eigenen Stern. Wie ich wünschte, dass es immer so sein könnte. Wenn du nur wüsstest wie sehr.“
„Aber das weiß ich doch“, flüsterte Giovanni zärtlich. „Glaub mir, ich weiß es.“

Blut

Titel: Blut
Autor: callisto24
* * *


Beinahe zu perfekt, so kam er ihr vom ersten Moment an vor. Anna hatte ihren Teil an kaputten Beziehungen ebenso hinter sich, wie die Qualen der sogenannten großen Liebe, die doch Stück für Stück und unvermeidlich in die Brüche ging. Nicht dass es mit Matthias einfach gewesen war. Von Anfang an existierten Probleme und Missverständnisse zwischen ihnen und es kostete sie beide große Kraft, diese zu überwinden, ein normales Verhältnis zu erreichen.
Und doch bestand diese Anziehung zwischen ihnen sofort, unmittelbar nach dem ersten Blick, den sie miteinander gewechselt hatten. Auf eine unterbewusste, ungenaue Art hatte sie es schon damals gewusst. Vielleicht lag es allein an der optischen Übereinstimmung. Sie passten einfach zu gut zueinander. Niemand bezweifelte das.
Anna achtete immer auf ihr Aussehen. Sie sorgte stets dafür, dass ihr Haar in weichen Wellen ihr gepflegtes Gesicht umrahmte. Tönung und gelegentliche Haarspangen ergänzten sich und ihr dezentes Make-up betonte die Vorteile ihrer Züge. Niemals wäre es ihr eingefallen, ohne Lipgloss aus dem Haus zu gehen. Ihre Lippen schimmerten stets verlockend.
Und so ließ sich wohl kaum leugnen, dass auch Matthias‘ äußere Erscheinung ihre Wirkung auf sie nicht verfehlte. Er war genau dieses Stück größer als sie, dass es sich gut anfühlte, sich anzulehnen, zu spüren, wie seine Arme sie umfingen, festhielten und beschützten.
Obwohl sie immer Wert darauf legte als starke und selbstständige Frau behandelt zu werden, so nagte doch tief in ihr manches Mal der Wunsch danach, sich einfach fallen zu lassen, die Verantwortung abzugeben an jemanden, der sie tragen konnte. Der vielleicht von Natur aus dazu geschaffen war, der die Kraft besaß, auch ihre Last auf seine Schultern zu nehmen, ihr eine Zuflucht zu bieten, einen Ort der Sicherheit, die Geborgenheit, die sie nie zugäbe, sich zu ersehnen. Nicht vor anderen und nicht einmal vor ihm.
Nicht zuletzt sah er gut aus, und das nicht nur ihrer Meinung nach. Sich mit ihm zu schmücken konnte ihr nur zum Vorteil gereichen. Einen attraktiveren Begleiter im klassischen Sinne hatte sie nie zuvor gehabt. Dunkles Haar, dunkle Augen und ein griechisches Profil ließen jedes Frauenherz höherschlagen und gewiss auch das Herz des einen oder anderen Mannes. Beinahe war er zu schön, um wahr zu sein. Seine Wimpern ein wenig zu lang, seine Augen einen Deut zu groß, um männlich zu wirken. Doch das kantige Kinn und die ausgeprägten Wangenknochen erlaubten nie einen Zweifel an seinem Geschlecht. Und er wusste, sich gut anzuziehen. Ein Talent, das Anna ebenfalls schätzte. Zu den gut geschnittenen Kostümen, die sie vorzog zu tragen, passten seine schlichten und doch eleganten Anzüge. Es war kein Geheimnis, das er auf sein Äußeres achtete. Und es lohnte sich. Es lohnte sich sehr. Und sie beide zusammen zogen wohl mehr Aufmerksamkeit auf sich, als es jedem von ihnen alleine gelänge.
Alles passte. Der Weg zeichnete sich von selbst. Mit jedem weiteren Tag breitete sich die Zukunft deutlicher vor Anna aus. Er war ein Mann, wie ihn sich jede Frau erträumte. In seinem Beruf glänzte er, die Entschlossenheit trieb ihn vorwärts. Seine Aussichten schienen ebenso makellos wie seine Gestalt oder sein Lebenslauf.
Matthias passte zu ihr, so wie sein Leben, seine Geschichte zu ihrer passten. Sie beide hatten Kinder, die sich verstanden. Sie beide Erfahrungen hinter sich gelassen, die sie nicht zerstörten, aber Spuren hinterließen, sie geformt und geprägt hatten. Eine Geschichte, die es nur noch einfacher für sie beide machte, sich über die Klippen und Abgründe, die sich unerwartet auftaten, hinweg zu angeln.
Es war einfach zu schön, eine wundervolle Illusion.
Bis sie an diesem einen Tag zu ihm ging. Unvorbereitet, unerwartet, ohne dass sie zuvor ein Treffen vereinbarten. Doch das war in Ordnung, sie waren ein Paar, gehörten zusammen und vertrauten sich. Sie wollten heiraten, die Pläne standen. Und natürlich wusste sie von den Problemen, die er mit sich herumtrug. Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Medikamente benötigte. Dass die gelegentlichen Schübe es erforderten, der Chemie, die er seinen Körper zufügte, besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Und doch hatte sie nicht erwartet, ihn so zu sehen. Er wirkte krank, er wirkte fern. Fern von ihr. Seine Haare hielten nicht die Form, die er ihnen sonst verlieh. Sein Hemd stand offen, die Ärmel waren falsch und ungehörig, nur durch das Fehlen der Manschettenknöpfe, durch die nachlässige Art, in der sie aufgekrempelt waren.
Matthias‘ Blick war leer, und obwohl sie sehen konnte, dass er darum kämpfte wieder zu sich zu kommen, offenbarte sich, dass er dazu nicht in der Lage sei.
Anna begriff, dass sie ihm helfen sollte. Er sah hilflos aus, so hilflos wie sie sich fühlte. Und Anna fühlte sich gelähmt. Eine innere Schranke fiel zwischen ihr und ihm herab, hinderte sie daran sich zu bewegen, zu sprechen, ihm zur Seite zu stehen. Was es war, das ihn quälte, entzog sich ihrer Erkenntnis, wenngleich die Ahnung einer Tragödie, die sie längst abgeschlossen glaubte, sich in ihr Bewusstsein bohrte. Das Sterben seiner Frau, der blutige Mord, den er mit angesehen hatte, blieb die offene Wunde, die sie seit der schrecklichen Tat gewesen war.
Und Anna war nie in der Lage gewesen, ihm zu helfen, es war ihr nie gelungen der Balsam auf seinem Schmerz zu sein, den er brauchte. Schwer genug war es für sie gewesen zusammenzufinden, schwer genug, sich als die Menschen zu erkennen, die sie waren, die füreinander bestimmt waren. Dennoch hatte sie nie gefühlt, wie heftig die Fassade bebte, die er um sich errichtet hatte, wie dünn und zerbrechlich die Schutzhaut war, die er wachsen ließ.
Er hatte es ihr immer wieder gesagt, dass sie ihn veränderte, dass sie der Anker für ihn war, den er brauchte. Dass dieser Teil seines Lebens der Vergangenheit angehört. Und Anna glaubte ihm. Sie wusste von seinem Kampf und sie bewunderte seine Stärke. Doch was er sich von ihr ersehnte, diese Frage stellte sie sich nie.
Und in diesem Moment, mit dem Eintritt in sein Haus, erkannte sie, dass sie weit davon entfernt war, ihn zu verstehen, vielleicht weiter als je zuvor.
Starr verharrte sie, ihre Augen auf das Bild des Mannes gerichtet, dem sie sich versprochen hatte, und der ihr begegnet war, um ihr Fels zu sein. Ein brüchiger Fels, der die Arme ausstreckte, der sich von ihr erbat, was sie nicht verstand.
Ihre Lippen öffneten sich in einer stummen Frage, die trotz allem und überraschend Antwort erhielt mit dem Eintritt Kevins. Für einen Augenblick glaube Anna, dass es nun ihre Pflicht sei, sich aus ihrer Lethargie zu reißen, dem Jungen den Anblick seines Vaters zu ersparen, ihrer Pflicht als Erwachsene nachzukommen. Doch war sie nicht imstande auch nur einen Finger zu rühren, einen Schritt zu machen, nur einen Laut von sich zu geben.
Und Kevin stoppte nicht einmal in seiner Bewegung. Er huschte an ihr vorbei, ließ mit einer fließenden Bewegung seinen Rucksack gegen die Wand rutschen, und näherte sich seinem Vater. Doch gerade als Anna sich versucht fühlte, ihn aufzuhalten, dem Jungen wenigstens ihrer Anwesenheit zu versichern, da hatte dieser bereits seinen Vater hinter sich gelassen, ohne ihm mehr Beachtung zu schenken, als er ihr schenkte. Rasch und doch ruhig öffnete Kevin erst die obere und dann die untere Schublade des Schreibtisches. Mit geübten Bewegungen entnahm er der einen eine schmale Spritze und der anderen ein kleines Fläschchen. Und bevor Anna noch registrieren konnte, was er tat, hatte er bereits den Arm seines Vaters abgebunden und die Nadel in dessen Haut gesenkt.
Anna schnappte erschrocken nach Luft, doch Matthias zuckte nicht einmal, als Kevin seine Tätigkeit beendete, die Spritze entsorgte und einen kleinen Wattebausch auf die Stelle presste, auf der sich ein kleiner, roter Tropfen bildete.
Das Geräusch, das Matthias von sich gab, ähnelte am ehesten einem Seufzen, als er mit bebenden Händen den Bausch übernahm, während Kevin sich abwandte und die nun nutzlos gewordenen Utensilien zu der Spritze in den Abfallbehälter warf.
Erst dann drehte er sich nach Anna um, und bewies ihr, dass er durchaus von ihrer Anwesenheit Notiz genommen hatte.
„Geschieht das öfter?“, fragte Anna heiser, als sie ihre Stimme endlich wieder fand. Kevin sah zu seinem Vater, der mit geschlossenen Augen in seinem Sessel saß. „Nicht oft“, meinte er dann und zuckte mit den Schultern. „Dinge passieren.“
„Ja“, wisperte Anna, als traute sie sich nicht, es zuzugeben. „So ist es wohl.“