Freitag, 29. Januar 2010

Marktsonntag

Titel: Marktsonntag
Autor: callisto24
* * *


Es ist einer der ersten wirklich warmen Frühlingstage, Anfang Mai. Der Himmel erstrahlt in einem königlichen Blau. Kein noch so winziges Wölkchen wagt sich hervor, als Moritz und ich aufbrechen, den örtlichen Marktsonntag zu erkunden.
Nur zweimal im Jahr findet dieses wichtige Ereignis statt und auf wundersame Weise ist Petrus den zahlreichen Schaulustigen immer wieder gnädig. Niemand kann sich an einen verregneten Festtag erinnern; die Sonne lacht mit fröhlichen Besuchern, die sich in Scharen der geschmückten Hauptstraße nähern.
Noch bevor wir etwas erblicken können, klingt Musik an unsere Ohren.
Der kleine Moritz setzt sich bereits erwartungsvoll in seinem Buggy auf. „Das kenne ich doch irgendwoher“, sagen seine aufgeregt leuchtenden Augen, als wir endlich um die Ecke biegen und sich uns der gesamte Eindruck mit überwältigender Pracht darbietet.
Die Hauptstraße hat sich seit Freitag von der gewohnten, grauen Einkaufspassage in eine geschmückte Gasse verwandelt. Die für Fahrzeuge gesperrte Straße ist flankiert von dichtgedrängten Schaubuden und Verkaufsständen. Fahrende Händler wechseln sich ab mit einheimischen Geschäftsbesitzern, die mit großem Elan die Werbetrommel für ihr Unternehmen rühren.
Einen knallroten Luftballon mit der Aufschrift ‚Optik-Haus Kurz‘ nennt Moritz bereits stolz sein Eigen.
Sorgsam binde ich diesen an seinem Gefährt fest, denn wie die Erfahrung lehrte, sind die meisten Ballons entweder sehr kurzlebig oder sie entschwinden in einem unbewachten und windigen Augenblick himmelwärts.
Mühsam bahnen wir uns einen Weg, denn noch sind wir nicht im Zentrum des Geschehens angelangt.
Die Musik klingt ohrenbetäubend. Dabei ist es noch nicht einmal eine einheitliche Klangrichtung sondern ein wildes Gemisch der unterschiedlichsten Stilrichtungen, gepaart mit den unaufhörlichen Lobpreisungen der Marktschreier, die sich gegenseitig zu übertönen suchen.
Vorbei geht es an einem Stand mit Alpenmode.
Aus dem bis zum Pegel aufgedrehten Kassettenrekorder des Verkäufers erklingt die volkstümliche Hitparade, während sich nebenan der Besitzer eines modernen CD Ladens mit Schwerpunkt auf Rap und Techno beinahe vergeblich Gehör zu verschaffen sucht. Italienische Schlager werden beim Pizza- und Getränkestand der ortsansässigen Pizzeria zum Besten gegeben. Kleine Tische und Stühle laden zum Verweilen ein.
Aber wir können nicht rasten. Schließlich hat Moritz ein Ziel vor Augen.
Nur dieses vor Augen kämpfe ich mich mit dem Buggy zwischen anderen Kinderwägen hindurch.
Aber die schwierigsten Hindernisse sind die mindestens zwanzig Zentimeter dicken Elektrokabel, die es immer wieder zu umschiffen gilt.
An den riesigen Lautsprecherboxen, die sich neben der kleinen Bühne im Ortszentrum türmen, sind wir schon vorbeigezogen. Glücklicherweise legt die Band, bestehend aus vier bärtigen Typen, die allesamt T-Shirts mit der Aufschrift: „Cypress Hill“ tragen, gerade eine künstlerische Pause ein, so dass unser Trommelfell noch ein wenig verschont bleibt.
„Das hier, das hier will ich“, ruft Moritz, der unvermittelt aus seiner Sprachlosigkeit erwacht. Natürlich, der Stand mit Süßigkeiten und allerlei Naschwerk taucht auf einmal verlockend vor uns auf. Eine beträchtliche Schlange Kinder bewundert respektvoll den Künstler, der es fertigbringt, riesige, rosa Berge Zuckerwatte aus dem sich pausenlos drehenden Kessel zu zaubern. Daneben duften verführerisch gebrannte Mandeln und Haselnüsse. Aber als Krönung des Ganzen glitzert im Sonnenlicht die frisch geputzte Glasvitrine. Darin verborgen warten herrliche, glasierte Früchte, glänzend in allen Farben des Regenbogens.
Nur einen Moment später und zufrieden mit unserer Beute, zwei rot leuchtenden Äpfeln, ziehen wir weiter.
Von allen Enden strömen nun die Düfte der unterschiedlichsten Leckereien auf uns ein. Die Bäckerei verlockt mit frisch gebackenem Kuchen. Vor der Metzgerei drängeln sich die Menschen am Würstchenstand und der Friseur der Stadt verkauft wie immer seinen Steckerlfisch in der zweiten Identität als Angler-Hansi.
Doch wir ziehen weiter. Und endlich ist es soweit. Der Höhepunkt des Tages ist erreicht, das Ziel dem alle, zumindest alle Kinder, voller Spannung zuströmen:
Die Eisenbahn.
Dichtgedrängt zwischen winkenden Eltern und Großeltern stehen die aufgeregten Kleinen. Ihre goldenen Tickets fest umklammernd bewundern sie die rot und grün bemalte Bimmel-Bahn, die unermüdlich Runde um Runde dreht.
Von Moritz vorwärtsgedrängt, erwerbe ich unter Einsatz meines Lebens fünf Fahrkarten als Sammelticket zum Sonderpreis.
Nun stehen wir bereit, uns in den Kampf um den heiß begehrten Platz in der Lokomotive zu stürzen.
Natürlich sind es erfahrende Eisenbahn-Rowdies von mindestens vier Jahren, denen es zuerst gelingt, den Posten des Lokomotivführers zu ergattern.
Und schon wird aus Leibeskräften mit der Glocke geläutet. Aber auch Moritz sitzt glücklich auf seinem Platz im ersten Wagen und die Fahrt kann beginnen.
Immer wieder umkreist der kleine Zug eine sorgfältig arrangierte Märchenlandschaft. Ein Schneewittchen, das dem Walt-Disney-Film entsprungen sein könnte, lacht fröhlich inmitten einer Schar von Gartenzwergen. Mit einer todernsten Miene begutachtet Moritz die Plastikfiguren, bis die Bahn unter großem Hallo der kleinen Mitreisenden wieder stoppt.
Fachmännisch zieht er seinen zweiten Fahrschein aus der Hosentasche und reicht ihn mit der Ernsthaftigkeit eines großen Geschäftsmannes dem Kontrolleur.
Ebenso ernsthaft nimmt er das Gummibärchen, das die treuen Fahrgäste erhalten, in Empfang.
Bei der dritten Runde schließlich entscheidet er sich von seiner winkenden Mama Notiz zu nehmen. Ein lässiges Heben des Händchens und ein wohlwollendes Lächeln, mehr Zeit haben vielbeschäftigte Eisenbahnfahrer nicht.
Eines ist klar: Schöner kann dieser Tag für ihn nicht mehr werden. Und so transportiere ich einen selig schlummernden kleinen Mann vorbei an all den wunderbaren Sensationen, die der Marktsonntag für uns bereitgehalten hat und nach Hause.

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