Dienstag, 28. Juli 2009

Heroes - Spoiler

Spoiler-Warnung für Heroes Staffel 4, Volume 5 und die auf der Comic Con gezeigte Vorschau!

Laber-Warnung – endloses Gelaber zum Zwecke der Selbsttherapie!

* * *



Jetzt bin ich wirklich ernsthaft beunruhigt.
Dabei sollte ich doch im Grunde daran gewöhnt sein. Aber mittlerweile wächst sich das leichte Unwohlsein zu ernsthafter Besorgnis aus.
Wie immer dreht sich meine Sorge um wichtige Dinge, beziehungsweise Persönlichkeiten, beziehungsweise um eine ausgesprochen bedeutende Persönlichkeit, um Nathan Petrelli.

Ich gebe ja zu, dass ich zur Zeit der Sichtung der ersten Staffel noch nicht so recht von der Serie oder Nathan an sich überzeugt war. Auch Staffel 2 ließ sich gut ertragen, da inzwischen im gelobten Land, also in den USA, die 3.Staffel bereits begonnen und ich mich somit beruhigt in dem Wissen zurücklehnen konnte, dass Nathan Petrelli trotz tödlicher Schüsse eben nicht tot war.
Vage erinnere ich mich an Diskussionen zum Thema warum eigentlich, doch diese wurden sofort von Auseinandersetzungen zu den sich permanent überschlagenden Ereignissen in der Serie verdrängt.

In Heroes geschieht schließlich ständig etwas Verrücktes, Übernatürliches, weshalb eine weitere, unerklärte Auferstehung eigentlich keine Rolle spielen sollte.

Aus diesem Grund entlockte mir auch das Finale der 3.Staffel nicht mehr als ein müdes Lächeln. Sollten sie doch versuchen, Nathan umzubringen. Ich räumte ihnen keine wahren Erfolgschancen ein.
Obwohl mich nach und nach die Meinungen gleichgesinnter Fans einholten, die den guten Nathan für tatsächlich verstorben hielten, und sein Ableben ernsthaft betrauerten.
Doch ich selbst klammerte mich immer noch an die stille Hoffnung, dass die Transplantation von Nathans Seele in Sylars Körper und die nachfolgende Übernahme desselben ein deutlicher Hinweis auf die Weiterexistenz meines über alles geliebten Petrellis sei.
Mohinder Sureshs weise gemurmelte Worte und aufgeworfene Frage, ob es sich bei einem menschlichen Wesen um die Summe seiner Erinnerungen handele oder ob mehr vonnöten sei, gaben mir zusätzliche, wenn auch im Nachhinein betrachtet, wohl durchaus trügerische Hoffnung.

Aber damals, besser gesagt vor erst wenigen Monaten, war ich ernsthaft davon überzeugt, dass in der verrückten unsinnigen Welt der Heroes eine durchschnittene Kehle kein endgültiges Todesurteil bedeuteten. Vor allem wenn der Ermordete in der Voranzeige zur nächsten Staffel munter, wenn auch leicht verwirrt, durch sein Büro spaziert.
Oh, was war ich naiv.

Aber stirbt nicht die Hoffnung zuletzt? Klammert man sich nicht an jeden Funken, der aufflackert, auf welch dünnen, wackeligen Beinchen dieser auch stehen mag?
Zumindest – und ich war nicht die Einzige, die sich damit tröstete – konnte der passionierte Zuschauer sich auf weitere Szenen mit seinem Lieblingshelden freuen, selbst wenn dieser nicht ganz er selbst war.
Ganz im Gegenteil: Bot die Aussicht auf den angedeuteten, inneren Zwiespalt des Charakters oder der Charaktere eine Vielzahl erfreulicher Möglichkeiten, was sowohl die Spannungssteigerung der Handlung angeht, als auch die Vielfalt der Interpretationen, die dem talentierten Darsteller offenstanden. Den talentierten Darstellern, denn es sind ja nun ihrer zwei, die sich einen Körper teilen – und eine Seele – und was auch sonst noch.

Nun gut, mit dieser vergnüglichen Aussicht konnte ich durchaus leben. Vielleicht etwas weniger Nathan, aber dafür einer der interessanten Art.

Insofern stellte auch die Überbrückung der Sommerpause kein größeres Problem für mich dar, kein allzu Großes zumindest.
Doch dann geschah es – Die Comic Con.

Zugegeben, ich hatte mich wirklich darauf gefreut, soweit man sich als ferner Beobachter auf ein Ereignis wie dieses freuen konnte. Als relativer Neuling im Fandom-Gewerbe fragte ich mich zwar eine Weile vergeblich, worum es sich eigentlich handelt, wo Sinn und Zweck liegt, und warum ich mich dafür interessieren sollte. Aber diese Frage war schnell geklärt, nachdem offenbar wurde, dass Nathan, oder sein Darsteller – also ein und derselbe – dort auftauchen würde. Mein Herz schlug sofort höher und erhoffte sich Fotos, Videos, Berichte, Gerüchte und Spekulationen – einfach all die Dinge, die das Leben lebenswert machen, und für die wunderbare Zeitverschwendung im Internet sorgen.

Doch für Zweifel war es längst zu spät. Der Zug war abgefahren. Als Heroes-Besessene musste ich mich der Sache stellen.
Ich harrte also der Dinge, die da kommen sollten, quälte mich nicht mit der unnötigen Frage, was eigentlich ein Panel sei oder wozu man es brauche.
Nein – ich durchforstete, sobald möglich, die mir bekannten, einschlägigen Quellen nach Informationen, nach Futter für meinen Affen.

Und ja – Nathan war da. Peter war da – Sylar war da und sogar T-Bag, außer Konkurrenz.
Noch viel besser: eine Preview wurde gezeigt – mehr Futter für den Affen, Nahrung für die Seele, Quelle der Inspiration.

Nun – um ehrlich zu bleiben – eindeutig zu wenig Nathan. Mag sein, dass jedem Charakter ein fairer Anteil an Bildschirm-Zeit zugestanden wurde, und Nathan seinen Teil abbekam, doch dem Hardcore Fan war dies nicht genug.
Also mir – ich wollte mehr.
Ach – hätte ich mich doch mit dem zufrieden gegeben, was geboten war, denn der Schrecken näherte sich unaufhaltsam. Einen Tag später und mit einem Paukenschlag tauchte die zweite, verlängerte Vorschau auf.
Es wäre besser gewesen, gleich bei der Beschreibung meine neugierigen Finger von dem Unheil zu lassen. Aber so ist der Mensch – seit Adam und Eva.
Ich klickte also an.
Und sah.

Wie Nathan starb – schon wieder.
Verstehen konnte ich zwar nichts, und die Bildqualität war auch bescheiden, aber solche Kleinigkeiten konnten mich noch nie abhalten.
Denn was ich auf jeden Fall und nur allzu deutlich erkennen konnte, war Nathan, wie er erwürgt, entführt, in ein tiefes Grab geworfen und dann auch noch erschossen wurde. Mehrmals! Mehrmals – wirklich! Bevor der finstere Mörder – diesmal nicht Sylar, weil Sylar war ja auch Nathan, den guten Nathan gründlich verbuddelte.
Wie viel kann ein Fan ertragen? (Und ich glaube, ich habe mich das schon öfter gefragt.)

Gut – es sollte mich noch nicht schockieren – schließlich ist Nathan ja irgendwo Sylar und Sylar irgendwo sowas wie unsterblich.

Aber als wären dies der Schrecken nicht genug, so rumort es in der Erde und aus dem finsteren Grab erhebt sich eine Gestalt – nicht Nathan sondern Sylar!
Wieso?
Wieso nur?
Hat die wiederholte Ermordung Sylars romantische Seite geweckt und er Nathan aus seinem Körper geschubst?
Einfach so? Ohne Vorwarnung?

Ist Nathan diesmal nun wirklich – endgültig tot, weggeflogen, in anderen Gefilden gelandet?
Ich glaube meine Grenze ist hiermit erreicht.

Die Vorschau schließt mit dem Bild Sylars, der vor sich hin grummelt, dass er seinen Körper wieder haben will. An sich eine gute Zeile, aber nicht für mich.
Und vor allem anderen – er hat ihn doch schon – den Körper.
Es ist schließlich Sylar auf dem Bildschirm, der irgendein Baby hält – als ob mich das erschrecken könnte. Soll er doch mit Klein-Matt machen was er will. Schlimmer kann es schließlich nicht mehr werden. Er hat Nathan umgebracht, und ihn dann aus seinem Körper geschubst, und jetzt werden wir ihn nie wiedersehen.

Ich bemühe mich sehr, die Fassung zu bewahren, aber es gelingt mir kaum. Ich hasse den Kerl – Sylar. Soll er doch im Weltraum bleiben. Unverzeihlich, dass er es wirklich gewagt hat, Nathan zu töten. Und der nun tatsächlich – vielleicht – wenn ich Pech habe – auch noch tot bleibt.
Das bedeutet, fort ist, verschwunden, ex und hopp. Vielleicht noch einen schäbigen Gastauftritt hinlegen darf – in der Erinnerung irgendeines der anderen, dusseligen Charaktere.

Oh ja, es hat lange gedauert. Verleugnung der Realität dient doch stets als perfekter Selbstschutz – für eine Weile.
Umso schmerzhafter, wenn der ausgelieferte Fan der Wahrheit ins Auge sehen muss.
Ich kann es immer noch nicht. Nicht so richtig.
Ich klammere mich an die Vorstellung, dass Nathan vielleicht mit Hilfe magischer Beschwörungsformeln oder merkwürdiger wissenschaftlicher Experimente am Leben erhalten wird. Von mir aus benötigt dieses Phänomen auch keinerlei logischen Erklärung – ich bin weit darüber hinaus, alles logisch erklären zu wollen.

Nein – was zählt ist nur das eine – Nathan, und dass er zurückkommt. Meinetwegen auch als sein eigener Zwillingsbruder – im Labor gezüchteter Klon – was auch immer. Hauptsache, ich habe meinen Nathan wieder.

Doch wann hat mir das Fernsehen schon gegeben, was ich wollte.
Vielleicht sollte ich mich doch mehr mit dem wahren Leben beschäftigen, mag sein, dass dort die Chancen größer sind.
Aber nicht – solange noch der Funke einer Hoffnung besteht.

Immerhin war Nathan bei diesem Heroes-Panel. Er befand sich sogar ziemlich in der Mitte des Geschehens. Bedeutet das vielleicht, dass seine Rolle weiterleben darf? Kann der Nathan – Fan hoffen?

Oder befinden wir uns, wie jemand so klarsichtig bemerkte, in einer Variante von South Park, in der letztlich innerhalb jeder Folge, einer der belanglosen Nebendarsteller aufsteht, und ruft: „Verdammt, sie haben Nathan getötet!“ Worauf Peter kontert: „Diese Schweine!“?

Das Schöne an dieser Möglichkeit ist, dass Nathan dann ohne weitere Erklärung in der nächsten Folge wieder dabei ist.
Allerdings, und wenn ich mich recht entsinne, ging das für Kenny nicht lange gut. Irgendwann musste auch er in den sauren Apfel beißen.

Und ich hoffe, hoffe wirklich, dass es für Nathan noch nicht soweit ist.
Eigentlich komisch – ich mag den Charakter gar nicht. Er ist fies, verschlagen, bewegt sich innerhalb gleich mehrerer moralischer Grauzonen, stellt seine Karriere über alles und ist insgesamt kein netter Typ.
Aber vielleicht macht ihn das zu einem von uns.

Denn wenn es hart auf hart kommt, zeigt er immer wieder den so gründlich verborgenen guten Kern. Sei es, dass er Peter unter Einsatz seines Lebens und seiner Zukunft aus der Gefahrenzone fliegt, nur weil er weiß, dass es für seinen Bruder keine andere Wahl gibt. Oder dass er, bärtig und gebrochen seine Kinder vermisst.
Auch wenn man es der Frau nicht unbedingt verübeln kann, wenn sie sich und die Jungs aus seinem Umfeld entfernt.
Umgibt er sich doch allzu oft und gerne mit langbeinigen, blonden Schönheiten. Aber auch das ist doch nur menschlich. Ja, Nathan ist wie du und ich, ein Mensch mit Schwächen, mit Ecken und Kanten.

Gut, der Durchschnittszuschauer strebt weder die Präsidentschaft an, noch besitzt er ein respektables Vermögen oder schickt private Söldnertrupps durch die Gegend.
Was jedoch nicht bedeutet, dass der Durchschnittszuschauer nicht gerne so gutaussehend wäre, oder erfolgreich, oder charismatisch.
Allerdings nicht erschossen, begraben und aus dem Körper geschubst.

Es ist wahrlich eine Katastrophe.
Nathan ermordet. Die Fanwelt verstört.

Und keiner merkt es. Keiner außer mir. Bis jetzt noch nicht. Haben die wahren Nathan-Anhänger ihre Trauerarbeit bereits beendet? Oder befinden sich in einer weiterführenden Phase?
Denn ich höre keine entsetzten Aufschreie. Diese gab es nach Nathans merkwürdiger Persönlichkeitsverwandlung, und nach seiner Ermordung durch Sylar.

Wahrscheinlich liegt darin der Grund. Sogar Adrian Pasdar selbst hat zugegeben, dass Nathan wirklich tot ist. Nur wollte ich es nicht glauben. Und jetzt bin ich am Verhandeln.
Ich suche nach Auswegen, flehe den Erlöser an, mich zu erhören, biete meine unzerstörbare Treue zu der Serie, wenn nur Nathan erhalten bleibt.

Doch vergeblich. Es scheint, als nähere ich mich dem Punkt der Einsicht, als könnte ich mit der Depression anfangen. Und ich brauche ehrlich keine Extra-Depression.

Nun gut – vielleicht lebt Nathan ja in anderen Serien weiter. Vielleicht wendet sich der Schauspieler blühenden Ufern zu, die ihm mehr Sendezeit gewähren.
Aber es wäre nicht dasselbe. Es wäre nicht Nathan.

Und so wird dies zu einem Schwanengesang und meinem Abschiedslied an Nathan. Für den Moment, denn vielleicht – vielleicht kommt er ja doch wieder.
Vielleicht beschwört Matt Parkman ihn herauf, kickt Sylar mit elegantem Schwung aus seinem Körper, und schickt ihn zurück auf die Enterprise wo er hingehört.
Vielleicht – doch da bin ich schon wieder beim Verhandeln. Es dauert wohl noch ein wenig mit der Akzeptanz.
Ich sollte mich in Geduld fassen und nehmen, was ich von Nathan kriegen kann. Vielleicht in Erinnerungen schwelgen – Wiederholungen ansehen wie andere, wirkliche Menschen Fotoalben.
Einmal wird er ja noch kommen.
Die Vorschau beweist, dass wir wenigstens seine Sterbeszene ansehen dürfen, seine vierte inzwischen? Mindestens.

Den Abschied etwas hinauszögern, die Aufmerksamkeit auf andere Charaktere lenken. Weiß Gott, dass Heroes davon ausreichend anbietet.
Alles keine wahre Alternative zur stillen Hoffnung.

Besorgniserregend erscheint mir zu guter Letzt noch, die so auffallend zur Schau getragene Dankbarkeit des Darstellers gegenüber seinen Fans. Weiß er, dass seine Zeit abgelaufen ist? Dass die Verabschiedung droht und diesmal die Endgültige?
Endgültig genug, dass sogar Ungläubige wie ich einsehen müssen, dass Nathan wirklich zur Vergangenheit wird, zu einem staubigen Überrest vergangener Größe.
Es hilft wohl nichts.
Solange sie nicht seinen Klon aus dem Company-Keller ins Spiel bringen, könnte das Spiel für ihn aus sein. Damit werde ich leben müssen. Wenn auch ungern.
Um es mit Bernd dem Brot zu sagen: Mist!

Sonntag, 26. Juli 2009

Lagerhalle

Titel: Lagerhalle
Autor: callisto24


Ich wollte ihr den Geburtstagstisch schmücken. Das tue ich gerne, sehr gerne. Ich schmücke, dekoriere, verziere eine kalte, nackte Oberfläche mit filigranen Kleinigkeiten, die das Auge verwöhnen, wenn auch keinen durchschaubaren Sinn und Zweck erfüllen.
Doch stellte sich die Aufgabe der Dekoration dieses Mal als weitaus schwieriger dar, als ich sie in Erinnerung hatte.
Das lag nicht nur daran, dass ich mich im Traumzustand befand, sondern auch daran, dass mir in eben jenem Zustand die Mittel ausgingen.
Ich fand keine Papierherzen, keine glänzenden Schmucksteine, keine Luftschlangen, Karten oder Teelichter. Nichts davon.
Und gerade als ich begann zu verzweifeln, öffnete sich die Lagerhalle vor mir und ich tauchte ein in deren Kühle. Dort, in der Abgeschiedenheit eines Raumes, dessen Funktion lediglich darin bestand unnötige Gegenstände zu horten, sollte ich finden, wonach mir das Herz stand.
Geduldig schritt ich an den Regalreihen entlang, langsam und sorgfältig abschätzend wo sich finden ließe, was ich suchte. Doch je weiter ich mich in die Tiefe der Halle hinein bewegte, umso erfolgloser erschien mir mein Bemühen. Jeden Schritt begleiteten neue Enttäuschungen, jede Bewegung führte mich tiefer in drohende Dunkelheit.
Denn besaß ich zu Beginn noch einen guten Blick auf die Innereien des Gebäudes, so versickerte die Helligkeit, die mich begleitete, je weiter ich vorwärts drang.
Und ich fand immer noch nicht, was ich suchte. Meine Ansprüche sanken. Ich verlangte nicht mehr den überwältigenden Glanz des ersten Anblickes meiner Dekorationskunst. Ich verlangte nicht mehr, dass der erste Eindruck dem Betrachter zwangsläufig ein breites Lächeln entlocken sollte, wenn nicht gar das Strahlen, das dem Geburtstagskind angemessen wäre.
Ich verlangte nicht mehr, dass sich mir unvermutet eine Überraschung offenbarte, die mir mit ihrer Schönheit selbst den Atem raubte.
Ich wäre zufrieden mit einer Kerze, mit ein wenig Schmuck, der Chance darauf, dass es mir gelänge, den trostlosen Anblick eines leeren Tisches wenn auch nur um ein Weniges zu mildern.
Doch nicht einmal diese war mir vergönnte. Statt Kerzen, anstelle von wenigstens Teelichtern, die mit ihrem silbernen Rand doch ein wenig zur Zierde beitrügen, fand ich nur Staub.
Und je weiter ich lief, desto tiefer versickerte ich im Staub der Halle. Ich atmete ihn ein, er umgab mich, drohte mich zu verschlucken.
Doch ich konnte nicht aufgeben, niemals aufgeben. Der Gedanke an die Rettung der Schönheit hielt mich wach, hielt mich aufrecht, hielt mich in Bewegung.
Meine Ansprüche sanken tiefer, als ich es jemals für möglich gehalten hätte.
Meine Ansprüche befanden sich im Keller eines Kellers.
Aber ich lief weiter, suchte weiter, ließ mich nicht entmutigen.
Die Herausforderung wollte angenommen werden, und ich war bereit, sie anzunehmen.
Ich begann zu husten, als die Welt sich in eintöniges Grau verwandelte, verschluckte mich und keuchte, während ich mich weiter vorwärts kämpfte.
Die Halle – sie nahm kein Ende. Je weiter ich ging, desto tiefer erstreckte sie sich in die Ferne. Ich konnte weder ein Ende erkennen, noch die Wände an ihren Seiten. Links und rechts von mir ragten Regale auf, in denen sich unförmige Nichtigkeiten befanden. Schäbige Blumentöpfe, staubige und zerbrochene Teller, Tassen und Schüsseln, Überbleibsel aus einer Zeit der Zerstörung, für die es keine Erklärung gab.
Niemand dürfte hier unten gewesen sein, niemand für eine sehr lange Zeit. Keine Notwendigkeit existierte dafür, sich soweit vorzuwagen, in ein Gebäude in dessen Inneren nichts aufzufinden war, was für irgendjemanden, irgendwann jemals von Bedeutung gewesen war. Ein Abstellraum, eine Rumpelkammer von überdimensionalen Ausmaßen, und für einen Augenblick wusste ich auch nicht, was ich dort verloren hatte, was der Sinn und Zweck meines Unterfangens war.
Den Gedanken daran, die Schönheit zu bewahren, hatte ich bereits aufgegeben. Er führte nicht weiter, enthielt weniger Substanz als die Farben eines Sonnenunterganges. Warum sich das menschliche Herz daran klammerte, blieb ein Rätsel. Warum in einer Welt wie dieser die Schönheit zu bewahren suchen? Oder noch weitaus unsinniger – sich bemühen, eben jene Schönheit erst zu erschaffen.
Dennoch konnte ich nicht davon lassen. Ich schluckte Staub, hustete Staub. Ich stolperte, griff in Watte und schrammte mir am Regal die Handinnenflächen auf.
Inzwischen sandte der Staub ein milchiges Licht aus, das die Trostlosigkeit der Umgebung nur verstärkte.
Ich gab auf, oder ich stand kurz davor, endgültig aufzugeben.
Als ich sie sah. Die einzige, langstielige Kerze, befestigt auf einem ausladenden Teller, dessen Griff dazu einlud, ihn mit sich zu nehmen und die Welt mit der Kerzenflamme zu erleuchten.
Ich streckte die Hand nach der Kerze aus, zögerte einen Augenblick. Sie war die einzige, wahrhaftig die einzige Kerze, und der einzige Gegenstand, der wenn auch nur entfernt, an Tischschmuck erinnerte.
Und als ich die Kerze berührte, meine Finger ihre Staubschicht durchdrangen, da fühlte ich den Sog, der unter mir entstand. Ein Sog, der mich tief in seinen Schlund zog, dem ich nicht entweichen konnte.
Ich wollte schreien, doch es gelang mir nicht. Ich wollte mich wehren, mich festklammern an der spärlichen Sicherheit, die sich mir bot.
Doch ich war in einer Lagehalle. Hier existierte keine Sicherheit. Keine Griffe, an denen ich mich halten konnte, kein Anker, der mich in der Wirklichkeit hielt. Die Welt bestand nur noch aus Staub, und wohin ich in meiner Verzweiflung auch griff – alles zerfiel, rieselte unter meinen Händen hinab und wurde in die Tiefe gesaugt. Ebenso wie ich. Ich taumelte, wirbelte, rutschte. Und trotz allem hielt ich die Kerze. Ich verlor sie nicht. Meine Finger weigerten sich loszulassen, sich auch nur zu lockern.
Und so fiel ich umgeben von Asche und dem Staub, der diese Asche umgab in die Tiefe, wo mir endlich – endlich die Kerze entglitt.
Und in diesem Augenblick stoppte mein Fall. In diesem Augenblick kam ich hart auf dem Boden auf. Doch zuvor noch vernahmen meine schmerzenden Ohren das Klirren des stürzenden Kerzenständers.
Und erst als ich meine Augen zögernd wieder öffnete, erblickte ich die Veränderung um mich. Der Sturm, der mich umgab, hatte sich gelegt. Der Sturm, der mich umweht hatte, bestand nur noch aus einem lauen Lüftchen.
Und die Dunkelheit wich einem milchigem Licht. Direkt vor mir, schlicht und einfach, stand der Kerzenständer.
Doch sah er nicht mehr aus wie zuvor. Als wäre er durch einen metallenen Regen getaucht, so schimmerte er nun in silbernem Glanz, versprühte perlmutternen Zauber.
Und auf dem Teller lagen silberne Kugeln. Keine vollständigen Kugeln. Nein, zerbrochene, zarte Gebilde, Hälften oder Splitter aus Christbaumschmuck, gedacht für eine Zeit des Winters und des Friedens, katapultiert trotz allem in einen Kerker unter einer Lagerhalle, zu einer Zeit, die weder an Winter noch an Weihnachten erinnerten.
Und diese glimmernden Christbaumkugeln zerflossen auf dem Teller, erstarrten während des Prozesses des Schmelzens, bis nur noch Teile ihrer vergänglichen Zierlichkeit fragil, zart und gleichzeitig beschädigt, zerstört hervortraten.
Über dem einzigartigen Gebilde gefrorener Bewegung flackerte die auf magische Weise entzündete Kerzenflamme, verlieh dem schrägen Ambiente den merkwürdigen Anschein von Gemütlichkeit, der in Widerspruch zu dem kühlen Glanz des Silbers stand.
Ich wagte mich näher. Fein und zart wirkte die Gestaltung, perfekt in all ihrer Fehlerhaftigkeit. Eine der Kugeln war bereits keine Kugel mehr, sie sah aus wie eine Birne, lief nach oben hin schmal zu, und kam mir in dem Augenblick, in dem ich sie bemerkte wie ein zweifelsfrei einzuordnender Hinweis aus der Richtung göttlicher Gefilde vor.
Birnen waren die Lieblingsfrüchte meiner Mutter. Mit einem Kerzenständer, der sie an diese Liebste all ihrer Früchte erinnerte, konnte ein Geburtstagstisch nur ein Erfolg werden, eine Überraschung, eine Erfüllung all ihrer Geburtstagsträume.
Ein helles Klingen ertönte, und erst als ich es in meiner Kehle vibrieren fühlte, wurde mir klar, dass es sich um mein eigenes Lachen handelte.
Ich hatte den Schmuck gefunden, den ich gesucht hatte. Und ich griff zu, während mich noch in diesem Augenblick der Wirbel erneut erfasste, in die Höhe warf, durch das Lagerhaus schleuderte, in die Lüfte trieb, wie eine Schneeflocke hinauf und wieder hinunter lenkte, bis ich immer noch mit der Kerze, mit dem Kerzenständer in festem Griff, direkt vor dem Tisch landete. Dieser war bereits mit weißer Seide bedeckt und fing die Kerze sanft aus ihrem Fall.
Wie durch ein Wunder hatte sie nicht damit innegehalten zu brennen, brannte weiter, ohne die Höhe des Wachses zu vermindern.
Sie war wunderschön. Aus der Luft fing ich ein goldenes Band und wand es um den Teller, den Ständer, um die weiße Kerze und führte es über den glänzend bekleideten Tisch.
Die Dekoration blieb einzigartig.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Dschungel

Titel: Dschungel
Autor: callisto24


Die Welt ist ein Dschungel. Ella betete diesen Satz vor sich hin. Jeder Schritt bot eine mögliche Gefahr, jede Bewegung zog unauslöschliche Konsequenzen nach sich.
Unabhängig davon, ob sie sich inmitten des Regenwaldes, umgeben von giftigen Pflanzen und Getier, oder im heißen Wüstensand befand, auf der verzweifelten Suche nach Wasser oder Nahrung – jeder Schritt konnte ihr Ende bedeuten. Oder Schlimmeres.

Der vielzitierte Schmetterling der Chaostheorie bezeichnete nur eine der Möglichkeiten, die Erklärung bot für Zusammenhänge, die weitaus komplexer waren, als der menschliche Verstand es zu begreifen vermochte.

Die Sache um die es ihr ging war weitaus persönlicher, zog vielleicht nur kleine, äußerst private Kreise, und dehnte sich doch über Länder und Kontinente hinweg aus, suchte neue Wege der Verbindung, knüpfte Bänder, die von zukünftiger Bedeutung sein konnten.
Und doch fürchtete sie gerade diese Bänder, fürchtete die Möglichkeit, dass eines von ihnen sie aus dem Dschungel, den sie ihr Leben nannte, weiterführte in denjenigen, welcher der Bedeutung des Wortes entsprach. In den Dschungel, der ihr gänzlich fremd war, eine unbekannte und furchteinflößende Welt, erfüllt von Wesen, die Gefahr darstellten, die einem Menschen wie ihr, der nie gelernt hatte auf sich selbst zu achten, unendlichen Schrecken einflößten.

Sie hatte ihn gesehen, in Filmen und auf Bildern. Sie hatte darüber gelesen, und wusste sehr gut, dass die Ängste mit denen sie in ihrer beschützten Welt zu kämpfen hatte, nichts darstellten im Vergleich zu den Gefahren, die in der Wildnis, die dort allen Widerständen zum Trotze noch existierte, lauerten.

Die Nähe zum Äquator alleine, die unerträglichen Temperaturen, die schlummernden Krankheiten erhöhten ihre Besorgnis nicht mehr, als die dort stattfindenden Kriege es konnten. Doch dies lag in erster Linie daran, dass ihre Besorgnis sich unmöglich noch steigern ließ.

Vor allem jetzt, wo sie Klarheit gewonnen hatte, vor allem jetzt, wo sie wusste, wer er war, woher er kam, und nur ahnen konnte, wohin er wollte.
Ella hatte darauf bestanden. Sie musste sicher sein, ob das Kind von ihm war. Sie brauchte den Beweis schwarz auf weiß, in ihren Händen.
Und so machte sie den Test, schickte die Proben ein, wartete das Ergebnis ab.
Und nun kannte sie die Wurzeln ihres Kindes. Doch inwieweit diese Wurzeln das Leben, die Zukunft, das Schicksal dieses Kindes bestimmen sollten, wusste sie nicht.
Lediglich, dass sich mit dem Ergebnis Möglichkeiten eröffnet hatten, an die sie nicht zu denken wagte.
Denn auch in diesem Leben, in der Welt, in der sie und ihr Kind ausharrten, mussten sie kämpfen. Vielleicht nicht mit der Machete, vielleicht nicht mit Messern und Waffen, jedoch mit allen Kräften, die ihr zur Verfügung standen.
Und sie kämpften, ihr Sohn kämpfte. Er kämpfte in der Schule, in der Freizeit, innerhalb der Grenzen, die ihn ausmachten und darüber hinaus.

Unvorstellbar einen weiteren Dschungel dazu zu addieren. Den Dschungel des fernen Kontinents, in dem seine Vorfahren darauf warteten, ihn andere Wege lehren zu dürfen, als die längst eingeschlagenen. Obwohl diese eingeschlagenen Wege zwangsläufig in die Irre führen mussten, obwohl Ella sich sicher war, dass auch ihre eigene Welt mit ihren Zielen, den Mechanismen dieses Systems nicht weiter existieren konnte, so wusste sie doch zugleich, dass ihr Sohn nicht bereit war, einen fremden, einen abweichenden Pfad auch nur in Erwägung zu ziehen.

Auch wenn sie selbst auf eine seltsame und unwirkliche Art die Weisheit aus der Ferne lockte, so blieb doch das Risiko zu groß, zu unüberschaubar, als dass sie sich selbst oder ihr Kind wissentlich diesem aussetzen würde.

Und dann gab es da noch den anderen Dschungel, den im Nachbarland, und die verschlungenen, verbotenen Schritte, die in dieses oder aus demselben heraus führten.
Ein Dschungel aus Papier und Bürokratie, nicht minder gefährlich als jeder andere.
Ein Dschungel, dessen Gefahren sich weniger offensichtlich, doch umso weitreichender auswirkten, gerade weil sie sich von ihrer Warte aus nicht im Geringsten abschätzen ließen.
Papiere wurden zum Problem, wenn man sie nicht besaß. Und er besaß sie nicht. Er lebte illegal im Nachbarland. Nachdem er vor den Gefahren, der Armut, dem Dschungel am Äquator geflohen war, versteckte er sich dort, kämpfte seinen eigenen Kampf im Verborgenen.
Sich in das Chaos der Behörden zu begeben glich einer Expedition in unbekannte Gefilde, umso mehr, als die drohenden Folgen der Ausweisung oder schwererer Strafen nicht abzusehen waren.

Blieb für sie das Wagnis, sich auf den bloßen Verdacht hin, dass es ihr hülfe, oder ihrem Kind, oder sogar ihm – dem Vater - auf die Reise zu begeben. Und sie hatte dies wahrhaftig nicht vor. Sich oder ihr Kind einem Risiko auszusetzen widersprach allem wonach sie lebte.

In dem Dschungel ihrer eigenen, vertrauten Welt fand sie sich auch nach Jahrzehnten nicht zurecht. Wie sollte sie es dann in einem anderen schaffen? In einem Dschungel, der Gefahren barg, die sich auszumalen, sie nicht wagte.

Ella sah auf. Ihr Blick richtete sich auf den Horizont.
Doch vielleicht lag darin, und genau darin auch ihr Problem. Sie wusste es nicht. Sie kannte die Gefahren nicht, konnte sie sich nicht vorstellen, nicht einmal schemenhaft umreißen.
Gefahren, die vielleicht nur in ihren eigenen Gedanken existierten, die nicht wirklich waren, nicht so aussahen, wie ihr Verstand es ihr weismachen wollte.

Denn lebten nicht andere Menschen in diesen Dschungeln? Menschen, die sich dort auskannten, denen es gutging, denen es gelang sich durchzukämpfen, denen es gelang unter Bedingungen zu leben, an die sie und ihr verwöhnter Verstand nicht denken wollten.

Natürlich könnte sie es. Natürlich könnten sie es.
Auch sie wäre in der Lage dazu, inmitten einer Kriegszone zu leben. Ihre Großeltern hatten dieses überstanden, ihre Eltern die Nachwehen von Zerstörung und unvorstellbarer Grausamkeit überlebt. Der gefährlichste Dschungel war immer noch der vom Menschen geschaffene.
Sie könnte es, inmitten der Gefahr existieren, kämpfen, so wie sie in der Luxus-Gesellschaft um ihr Überleben kämpfte.
Hier wie dort gab es Strudel, denen man nicht mehr entrinnen konnte, die einen unweigerlich in die Tiefe zogen.
Hier wie dort wusste niemand von ihnen vorherzusagen, wie viel Zeit auf dieser Welt einem Menschen beschieden war, geschweige denn, wie diese Zeit aussähe.

Und wenn sie zwischen Waffen und Seuchen leben konnte, dann auch in einem Land, in dem Sprache, Sitten und Gebräuche von den ihren abwichen, in denen alles fremdartig erschien, wenn auch weniger fremdartig, als die Äquatornähe anmutete.

Ella richtete sich auf. Dies musste der erste Schritt sein. Zu wissen, dass sie dazu in der Lage war, dass sie ihren Weg auch durch Gewirr, über Hindernisse und Barrieren hinweg machen werde, öffnete ihr die Welt.
Sie konnte es, sich frei entscheiden. Sie konnte sich durch jeden Dschungel kämpfen. Für ihren Sohn und für sich. Ob alleine oder in Gemeinschaft, sie würde kämpfen, solange bis ihr Lebenszweck erfüllt war, bis sie erkannte, aus welchem Grunde diese Welt ihr so schwer fiel, aus welchem Grunde der Weg für sie so lang, zu unübersichtlich, so erschreckend aussah, wo er sich doch verlockend, einladend und voller Hoffnung vor ihr ausbreiten sollte.

Vielleicht lag der Grund darin, dass sie dann diesen Weg nicht gegangen wäre, dass ihr Leben gerade in diesem Augenblick eine andere Hürde nähme und die Bedeutung ihrer selbst eine unwirkliche und ihrer Seele nicht entsprechende Schleife wände.

Vielleicht lag der Grund auch nur einfach daran, dass Ella Ella war, eine Frau, die sich ihren Weg bahnte durch unerforschte Gebiete, die zu wenig Bindung an ihre Gesellschaft, ihre Familie, ihre Zeit oder an die Menschen verspürte, als dass sie dem geraden, dem einfachen, dem vorgeschriebenen Pfad folgte.

Ella erhob sich. Der Dschungel jagte ihr keine Angst mehr ein. Sie würde es nicht zulassen, nicht erlauben, dass ein Wort, eine Vorstellung sie und ihren Sohn von der Wirklichkeit und von dem, was das Leben ausmachte, trennte.

Dienstag, 21. Juli 2009

Twittering

Und nun zu etwas bei weitem Haarsträubenderen -
dem Twittern

Selbstredend bin ich auch in Twitter, das versteht sich ja wohl von selbst. Allerdings bin ich kein Maßstab, weil ich mich in jeden Quark einlogge, den mir irgendjemand irgendwie, irgendwo, irgendwann vor die Nase hält.

Das Prinzip oder besser gesagt, der Sinn des Ganzen hat sich mir allerdings bislang noch nicht erschlossen.
Ganz ehrlich – was soll das sein? Mit 140 Zeichen kann ich gerade mal erfahren, was eine fremde Person zum Mittagessen hatte, geschweige denn selbst der Welt mehr oder weniger Tiefsinnigeres mittteilen.

Nicht dass ich sonst philosophisches Gedankengut verbreite, aber in einen Satz dieser Länge passt kaum ein Zitat, oder irgendetwas nur halbwegs Interessantes.

Weiß der gewöhnliche Twitterer an sich nun nichts Spannendes zu vermelden, so bleiben ihm noch zwei Gründe, warum er nicht umgehend den unsinnigen Account auflösen sollte.

Punkt Eins: Es handelt sich um eine hervorragende Möglichkeit Prominente jeder Art zu stalken. Da stellt sich nur die Frage, warum um alles in der Welt, Prominente sich die Zeit nehmen, der Welt in 140 Zeichen mitzuteilen, dass sie auf dem Weg ins Fitnessstudio sind.

Ganz im Ernst. Natürlich besitzen sie vielleicht Freunde, die das brennend interessiert, die aus mysteriösen Gründen weder des Telefonierens noch des Briefe Schreibens mächtig sind, sondern sich lieber durch die Kurzbotschaften der Leute, die sie heimlich und im Stillen online verfolgen, wühlen, bis sie die Erkenntnis vom Fitnessstudio erhalten.

Spaßig wäre es natürlich, wenn der Prominente stattdessen kleine Fiesheiten losließe, oder seine unverblümte Meinung äußerte zur hirnverbrannten Serie/Film/Musikstück oder an welchem Kunstwerk auch immer er gerade werkelt.
Aber so dämlich ist natürlich keiner, zumal Verhalten wie dieses vertraglich untersagt sein dürfte.

Warum tut der Prominente also so etwas - twittern?

Ich habe ernsthaft keine Ahnung.
Hat er zu viel Zeit, zu wenig zu tun? Füllt ihn seine kreative Tätigkeit nicht genug aus? Oder sind die Gerüchte wahr, dass es sich bei der Schauspielerei nur in Ausnahmefällen um künstlerische Leistungen handelt, sondern eher um das Auswendiglernen und Interpretieren anderer Menschen Gedankengutes, gepaart mit unstillbarem Geltungsdrang?

Natürlich lassen sich auch für die Prominenz hin und wieder Gründe aufdecken, die zugunsten des Twitterns sprechen. Zum Beispiel und in erster Linie wäre da die Werbung.
Wo wir unter anderem auch gleich bei Punkt zwei wären. Schließlich muss man nicht prominent sein, um Werbung machen zu wollen. Allerdings ist es viel schöner über Celebrities zu lästern, die sich nicht wehren können.
Betätigt sich also besagter Prominente noch auf anderen, vielleicht sogar unbekannten Schaffensgebieten, so bietet Twitter die Möglichkeit dezent darauf hinzuweisen.

Nehmen wir Greg Grunberg, Darsteller aus Heroes oder Alias. Ein toller Kerl, sehr engagiert, und bekannt als passionierter Twitterer. Er promotet nicht nur seine Charity-Band „The Band From TV“, sondern auch „Talk about it“, seine Organisation zum Thema Epilepsie. Dafür reichen auch 140 Zeichen. Es lässt sich der Link zur Werbeseite angeben und zusätzlich noch erwähnen, dass einer seiner Co-Stars sich dort für die gute Sache einsetzt.
Zusätzlich wirbt er wie verrückt für etwas, das sich Yowza nennt, und das mir ebenso unklar geblieben ist, wie der Sinn des Twitterns. Aber Yowza hat irgendetwas mit Handys zu tun, und ich vermute fast, dass er beabsichtigt, es zu verkaufen.

Vielleicht liegt auch genau dort der Hase im Pfeffer. Twittern ist etwas für Handybenutzer. Saß man früher noch gemütlich in der S-Bahn, oder eingequetscht inmitten einer Meute Leidensgenossen, die zur Schule/Uni/Arbeit/Wasauchimmer unterwegs waren, und bemühte sich ein gutes Bauch zwischen sich und dem Vordermann so unterzubringen, dass man ein klein wenig lesen konnte, so wird heute das Handy gezückt. Klein, niedlich und es gibt Geräusche von sich.
Und hat man niemanden, dem man erzählen will, dass die S-Bahn gerade sehr voll ist, dann twittert man die Botschaft eben an die Welt. Vielleicht antwortet ja ein Mitleidender.

Es ist also kein Wunder, dass ich das Twittern nicht begreife, schließlich handelt es sich bei mir um das letzte Exemplar einer aussterbenden Rasse, dem pathologischen Handy-Verweigerer. Nein – es hat nichts mit Strahlung zu tun, oder mit dem Verbauen der Landschaft durch merkwürdige Sendetürme. Auch nicht mit einer Verweigerungshaltung bezüglich der in unserer Gesellschaft zunehmend auftauchenden, wenngleich nach wie vor unsinnigen Überzeugung, dass der Mensch unbedingt überall und ständig erreichbar sein muss.

Eher handelt es sich um eine simple Geldfrage, kombiniert mit dem traurigen Bewusstsein, dass der Handy-Boom ausreichend Gründe liefert für gewisse Zustände, die zum Beispiel in der Demokratischen Republik Kongo herrschen.
Ein reiches Land, ein Land voller Bodenschätze. Traumhaftes Klima, fruchtbare Erde, ein wahres Paradies. Und genau aus diesem Grund bemüht sich unsere westliche Welt – die mit den Handys, den Computern und der Twitterei – möglichst viel Reichtum aus diesem Land herauszuschaffen, ohne der Bevölkerung allzu viel davon abgeben zu müssen.

Das funktioniert wie? Genau – nachdem Kolonialismus und Imperialismus dummerweise nicht mehr so recht zur Diskussion stehen – arbeiten wir subtiler. Mit Bürgerkrieg, Gewalttätigkeiten, Korruption, Bestechung und der stets beliebten Ausbeutung der Bevölkerung.
Nur so lässt sich erklären, dass Kinder (und für mich sind auch junge Männer, die eigentlich in die Schule gehörten noch Kinder) in den Coltan-Minen schuften, ihre mühselig erarbeitete Ausbeute an bewaffneten Rebellentruppen vorbeischmuggeln, um schließlich einen Hungerlohn von irgendeinem dubiosen Zwischenhändler zu kassieren, der dann mit etwas mehr Gewinn an eine Firma verkauft, die auf dasselbe Coltan angewiesen ist, um ihre Billig-Handys produzieren zu können.

Diejenigen, die einem dann nachgeworfen werden.
Habe ich erwähnt, dass Coltan unbedingt notwendig ist zum Bau eines Handys, und dass dieses Metall hauptsächlich und praktisch nur im Kongo existiert?

Zu komisch, dass der Kongolese nichts davon hat, außer Krieg, Gewalt und Zerstörung.
Und wie soll ich meinem kongolesischen Bekannten, der unter Lebensgefahr vor den Zuständen in seiner Heimat geflohen ist, und sich nun in Europa mehr schlecht als recht über Wasser hält, nur weil es dort trotz allem besser ist, als in dem Land seiner Väter, - wie soll ich ihm klarmachen, dass es sich bei dem Handy, das er mir stolz präsentiert, um eine der Wurzeln des Übels handelt?

Aber ich schweife ab. Hauptsächlich weil diese Handy-Problematik niemanden interessiert, außer mir, und kehre zurück zu den wichtigen Dingen des Lebens, zum Twittern.

Ein weiterer Grund für den gewöhnlichen Twitter-User, sich dieser Sache überhaupt auszusetzen, ist der Hauch des Anscheins, man wäre nun in der Lage mit den wirklich wichtigen Menschen auf dieser Erde zu kommunizieren.
Was man natürlich nicht kann, aber es eröffnet sich zumindest die Möglichkeit Obama zu folgen.

Oder jedem Star nach dem eigenen Herzen, der so nett ist, sich an diesem geheimnisvollen Ort zu offenbaren.
Manche stellen sogar großzügig Fotos hinein, Ashton Kutcher von seiner Frau Demi-Moore, Heroes-Crew-Mitglieder vom Heroes-Cast?
Manche tun so, als interessierte sie die Fanmeinung zu Themen wie: Wen küsste Peter Petrelli in der ersten Staffel?
Und da ich gerade bei Peter Petrelli bin: Milo Ventimiglia ist interessanterweise nicht so dämlich, einen Twitter-Account zu unterhalten. Nein, er beauftragt seine Freunde damit, und taucht hin und wieder werbewirksam auf. Schließlich gilt es Comics und T-Shirts zu verkaufen.

Die Motive anderer lassen sich schwerer durchschauen. Jedoch erfuhr auch ich einen tiefschürfenden, lebensverändernden Moment der Prominenten-Nähe, als ich Lou Diamond Phillips beim Tweeten entdeckte. Und nicht nur das. Er verwies auf seine Frau, welche nebenbei ausplauderte, dass sie Deutsche ist. Worauf ich sie natürlich sofort schamlos anquatschte. Und die Gute antwortete mir!!! Ja, jetzt bin ich auch prominent. Irgendwie.
Nach besagter Antwort der Ehefrau eines ruhmbedeckten Darstellers und beflügelt von diesem überwältigenden Erfolg, ließ ich jegliche Zurückhaltung sausen. Ich begann mein finsteres Werk, indem ich dem bemitleidenswerten Greg Grunberg öffentlich vorschlug Amber Benson (welche mir eine PM schickte, als ich ihr folgte – und wenn ich mir das so recht überlege, gehöre ich schon seit dieser denkwürdigen Stunde zur Prominenz) – alias Tara aus Buffy – für seine Band zu engagieren, weil sie so hübsch singt, und ein wenig PR sicher brauchen kann.
Wo ich schon dabei war, schreckte ich auch nicht davor zurück, Lou Diamond Phillips zu erklären, dass er ebenfalls in der Band auftreten solle – da ich einmal sehen wollte, wie Adrian Pasdar und er sich zusammen auf der Bühne machen – und er ziemlich gut singen kann – nebenbei gesagt.
Ich teilte Eric Roberts mit, dass ich sein Fan sei, sicher wollte er das schon immer wissen, und antwortete dem armen Grunberg in Bezug auf seine Titel-Suche mit der Ballade von Mackie Messer.
Der Rest des Abends verflog in einem Anfall von Größenwahn.

Aber zumindest hat sich mir nun ein Grund offenbart, warum ich weiter twittern sollte: Prominente ärgern. Was gibt es Schöneres? Wie wir aus ihren Mittagessen/Fitnessstudio-Beiträgen wissen, handelt es sich schließlich auch nur um Menschen wie du und ich.

Schlimmer noch – sie brauchen Verrückte, die sie auf Schritt und Tritt verfolgen, und ihnen seltsame, unverständliche Botschaften in fremden Zungen schicken, wie ihr täglich Brot.

Ergo tue ich ja nur ein gutes Werk.

Als nachteilig stellt sich dusseligerweise heraus, dass die Twitterei und das Durchsuchen unzähliger belangloser Twitter-Botschaften zu viel Zeit kostet.

Wer schafft das schon? Vielleicht Schauspieler, die ihren Text gelernt haben und nun stundenlang auf ihren Einsatz warten müssen, die nicht zum Auftritt kommen, weil der Regisseur, der keine Zeit zum Twittern hat, die vorige Szene wieder und wieder wiederholt, bis Cast und Crew am Rande des Nervenzusammenbruchs stehen. Und diese armen Schauspieler fangen nun verzweifelt an, nur um sich irgendwie zu beschäftigen, auf ihren Bürgerkriege-verursachenden Handys herum zu tippen.
Wer bin ich, sie zu verurteilen?

Eine weitere Merkwürdigkeit fiel mir allerdings auch auf. Und zwar die komischen Leute, die mir auf einmal aus heiterem Himmel folgen. Klicke ich sie an, entpuppen sie sich, als die Art von Reklametafeln, auf die man ohne Reue verzichten kann. Nichts gegen Porn – aber ich bin altmodisch und ziehe eine gute Fanfiction allemal vor.

Twitter – eine Werbeplattform. Aber trotzdem, wenn ich über zehn Ecken herum mit Milo Ventimiglia sprechen will, dann nehme ich die Gelegenheit doch wahr, oder nicht?

Google-Gänger

Google-Gänger

Ein neues Wort. Zumindest für mich ein neues Wort.
Google-Gänger sind die mehr oder weniger gesichtslosen Gestalten, die auftauchen, wenn man so frei ist, in der Google-Suche den eigenen Namen einzugeben.
Denn sobald wir dies tun, wissen wir, dass wir nicht einzigartig sind. Was durchaus Vorteile mit sich bringt. Ich zum Beispiel konnte diverse würdige Namenscousinen meinerseits entdecken. Sollte als jemals jemand fragen, so bin ich selbstverständlich nicht die mit den schmutzigen Geschichten im Internet, sondern die mit Auszeichnungen überhäufte Biologin, die sich der Erforschung der Ringelnatter widmet. Oder jene, die Bücher über Vögel verfasst. Oder die Bibliothekarin, die ernsthafte Vorträge hält. Ich könnte eine von diesen sein. Und mir bleibt die beruhigende Gewissheit, dass – sollte jemals jemand auf die abwegige Idee kommen, meinen Namen zu googlen, er über eine Vielzahl achtenswerter Exemplare unserer Gesellschaft stößt.
Zu dumm allerdings für jene, die auf der Suche nach Forschern oder Bibliothekaren auf mich stoßen sollten.
Habe ich nun Grund mich schuldig zu fühlen? Sollte ich mich genieren bei der Vorstellung, dass eine Studentin, die gerade den Namen der Professorin googelt, in unaufhörliches Kichern ausbricht, weil sie glaubt entdeckt zu haben, dass diese heimlich Anstößiges in ominöser Umgebung veröffentlicht?
Also – ich geniere mich nicht. Weil ich ein schlechter Mensch bin, und davon überzeugt, dass die Mehrzahl der Menschen sich vorstellen kann, dass Namen vervielfältigte werden können. Zudem aus Schall und Rauch bestehen, zudem nicht mehr als sinnlose Aneinanderreihungen von Lauten oder Buchstaben sein dürften.
Ohnehin wollte ich immer anders heißen – irgendwie poetischer – Mondschein oder so.
Aber natürlich getraue ich mich nicht einen Künstlernamen zu erfinden. Zum einen, weil der Begriff in meinen Ohren ein wenig eingebildet klingt, und zum anderen, weil ich mir mit diesen ganzen Copyright-Vorschriften mehr als unsicher bin. Also bleibe ich bei meinem Namen. Zumal ich nicht die Einzige bin, die ihn trägt. Nicht im Internet. Und ich kann mir vorstellen, dass im wahren Leben noch unzählige weitere Exemplare herumlaufen, die sich fragen, ob ihr Name nicht etwas klangvoller hätte ausfallen können.
Ich bin also so sicher, wie das Amen in der Kirche, kann weiter schamlos schalten und walten, die Prominenz aus Film, Funk und Fernsehen belästigen, Schmutz und Schund verbreiten, bis mir doch jemand auf die Schliche kommt, mich einkassiert, aus dem Verkehr zieht, bewaffnete Truppen oder wahlweise die Männer mit den weißen Turnschuhen auf mich ansetzt.

Sonntag, 19. Juli 2009

Sommer

Titel: Sommer
Autor: callisto24

Dies ist keine Weihnachtsgeschichte. Eigentlich wollte ich eine schreiben, aber die Mächte des Schicksals lenkten anders. Genauer gesagt lenkten sie mich mitten in die Hitze des Sommers, in die Erinnerung an sommerliche, bedrückend schwüle und unangenehm grelle Tage. Nicht, dass ich dem Sommer den Vorzug gegenüber dem Winter gäbe. Ganz im Gegenteil. Vor die Wahl gestellt, entschiede ich mich in jedem Fall für eisige Kälte, für dunkle Abende, Nebel in den Straßen und Gassen, kurz gesagt für jene Temperaturen, die es dem Menschen ermöglichen, sich ohne Gewissensbisse zurückzuziehen in die Gemütlichkeit und den tröstenden Schutz der eigenen vier Wände.
Das Bedürfnis nach Rückzug bleibt über das gesamte Jahr konstant, daran lässt sich nichts rütteln.
Aber es macht einen Unterschied, ob das Zimmer oder die Wohnung zur künstlichen Höhle umfunktioniert wird, ob die Fenster verhängt, die Rollläden geschlossen und das elektrische Licht für die notwendige Beleuchtung sorgen muss, während man sich leise zusammenkauert, verzweifelt hoffend, dass niemand die Anwesenheit eines Menschen im Inneren des Hauses bemerkt. Die peinliche Anwesenheit desjenigen, der trotz lachender Sonne und verlockend blauem Himmel nichts finden kann, das ihn hinaus lockt. Der keinen Grund sieht, seine vier Wände zu verlassen.
Im Gegenteil, der froh ist, glücklich und erleichtert, nach getaner Arbeit in die schützende Höhle zurückkriechen zu können, aus der man sich in der Früh nur unter allergrößter Selbstdisziplin überwinden konnte, zu weichen.

Anders als zu den Zeiten, während derer jedermann Zuflucht sucht, niemand freiwillig außerhalb der warmen Sicherheit eines Gebäudes verbleiben möchte.
Eben zu jenen Zeiten, in denen unangenehme Regengüsse oder schmerzende Eiseskälte davon abraten vor die Tür zu gehen, zumindest ohne sich vorher in mehrere Hüllen wind- und wetterabweisender Stoffe gewickelt zu haben.

Dann verkriecht sich jeder, und es fällt nicht auf, wenn der erleichterte Seufzer, der den eigenen Lippen entflieht, für andere Ohren vernehmbar wird. Schön ist es, tröstlich, in die Höhle zurück zu krabbeln, die vielleicht – wenn man so will – ein wenig zu sehr an den Uterus erinnert, und doch nichts anderes ist, als notwendige Maßnahme zur Selbsterhaltung.

Im Sommer dagegen fällt es auf. Wenn sich die Tage ausdehnen, wenn das Licht schier unendlich lange diese hässliche Welt erhellt, lange genug, dass man fürchten könnte, die Helligkeit höre niemals auf.
Wenn der Zeitraum bis Stille einkehrt in der Welt größer und größer wird, solange bis man glaubt, dass er niemals einträfe.
Wenn klingende Gläser und lachende Stimmen bis tief in die Nacht Anzeichen für das sprühende Leben sind, das außerhalb der eigenen Welt stattfindet.
Wenn jeder, aber auch jeder glücklich ist, nur man selbst sich unglücklicher fühlt als je zuvor.

Dann sehnt man sich auch im Sommer nach den Tagen des Winters, nach der Kälte, die den Drang verschleiert, sich zurückzuziehen, zu verstecken, für sich zu sein, alleine, in der einzigen Gesellschaft, die wenn auch manchmal schwierig, dann doch zu ertragen ist.
Bemitleidenswert im Sommer, im Winter ein Segen. In Zeiten, in denen Menschen darüber klagen, dass ihnen die Decke auf den Kopf stürzt, in der sie sich hinaus sehnen in die Weite, die Wärme und die Freiheit der Welt, handelt es sich durchaus um einen Vorteil, kann man selbst es ertragen für sich zu sein, und dies eher noch als das Zusammensein mit anderen.

So besitzt alles mindestens zwei Seiten, und wenn eine davon erschreckend aussieht, so wirkt die andere vielleicht glücksversprechend.

So rette ich, so retten Menschen wie ich, uns über die Phasen des Unglücks, des Leides, indem wir träumen von besseren Zeiten, indem wir im Sommer beginnen vom Winter zu träumen.
Von der Kälte, der Geborgenheit, dem dunklen Samt, der die Welt umschließt, wenn Dunkelheit hereinbricht. Von der weißen Decke, die sich als Schnee herabsenkt, die Laute störenden Lebens dämpft und verstummen lässt.

Es hilft daran zu denken, wenn der Schweiß den Körper hinabfließt. Es hilft an den Höhepunkt der kalten, dunklen Jahreszeit zu denken, sich diesen auszumalen, in detailgetreuer Genauigkeit.
Gerade wenn die Luft unerträglich scheint, wenn die Hitze kein Entkommen bietet, wenn allein der Gedanke an eine Kerze unnötiges Stöhnen hervorruft, hilft die Vorstellung vom adventlich geschmückten Heim als Zuflucht, vom Duft nach Zimt und Koriander, von Kerzen, die notwendige Wärme spenden, die Halt und Mittelpunkt versprechen, die Illusion einer Lebendigkeit, wo keine ist, einer Gesellschaft, wo keine existiert.
Vielleicht besteht auch hierin ein leiser Trost, in der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, die doch allein durch ihre Anwesenheit den Hauch eines Glücksgefühls zu erwecken vermag.
Ein Anker, an den sich zu halten, das Überleben sichert.

Und so war es auch in diesem Sommer.
Drückende Hitze stand in den Straßen. Unbezwingbar grelles Licht blendete, verletzte empfindliche Augen. Haut brannte, setzte man sie den Sonnenstrahlen aus.
Es gab kein Entrinnen. Die Hitze steckte zwischen den Wänden, ebenso wie sie außerhalb derselben flimmerte.
Ob es die Flucht nach vorne war, oder die Ausweglosigkeit meiner Lage, die mich vorwärtstrieb, lässt sich heute nicht mehr sagen.
Und doch handelte ich entgegen meines innersten Instinktes und gab mein Versteck auf, wagte mich trotz all meiner üblichen, gottgegebenen Voraussicht hinaus ins feindliche Umfeld.
Denn dass es feindlich sein sollte, daran gab es keinen Zweifel. Jahrzehnte schmerzhafter Erfahrung hatten mich dieses gelehrt.
Sich in der Hitze nach draußen zu begeben, dem Sommer von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen, ging nie gut aus, endete in einer hastigen Flucht, die erst ihr Ende fand, wenn ich in der Lage war, die Tür hinter mir zu schließen, mich zurück zu begeben in selige Abgeschiedenheit.
Doch wäre ich nicht ich, wenn ich aus meinen Fehlern lernte. Und so floh ich den eigenen vier Wänden, und lief unnötigerweise durch die heißen Straßen auf der Suche nach einem Ausweg, nach Erleichterung, nach einer Möglichkeit, wenn schon nicht dem Sommer zu entkommen, dann doch wenigstens die Gedanken auf ein anderes Thema zu lenken, Abwechslung zu suchen, wenn Abwechslung zu finden war.
Die Gedanken binden, sie zu fesseln an neue, an fremdartige Eindrücke, welche die Schwierigkeiten Atem zu holen vergessen ließen, den Schweiß, der die Haut herabrann, in die Augen tropfte, oder auch den Wunsch sich vor der viel zu hellen, viel zu deutlich sichtbaren Welt zu verstecken.
Es musste doch möglich sein, Vorteile zu entdecken an einer Jahreszeit wie dieser, Vorteile, die sich in der kalten, dunklen Jahreszeit nicht finden ließen.
Denn trotz allem Schönen, das der Winter uns schenkt, so bleibt doch der Verlust der äußerlichen Zeichen des blühenden Lebens. Blätter und Blumen ersterben, versinken in einen teilnahmslosen Grau, während Ödnis und Niemandsland um sich greifen.
Zu leicht vergessen sind die Augenblicke der Erkenntnis eines solchen Verlustes, und umso schmerzhafter wirken sie im Angesicht der schwindenden Dekorationen, die dem Lichterfest seinen Zauber verleihen.
Warum also nicht Ausschau halten nach den Gewächsen, die dem Sommer seine Farbe verleihen. Einen Versuch wenigstens und wenn schon nicht mehr unternehmen, die Sinne mit Düften und Glanz zu erfüllen, bevor die Furcht vor einem verfolgenden Insekt, vor einem strengen oder gar verurteilenden Blick den mutigen Abenteurer wieder zurücktreibt in die sterile Umgebung, in die er gehört.
So war der Plan. Bilder im Gedächtnis speichern, bis die Kräfte sich aufbrauchten, bis der lediglich im eigenen Kopf existierende, doch gerade daher besonders zerstörerische Eindruck der eigenen Person, wie sie ungelenk und unförmig, falsch gekleidet, falsch frisiert, falsch in jedem nur erdenklichen Sinne, alles andere auslöscht.

Zumindest einmal sollte dieser Versuch unternommen werden, einmal in jedem Jahr, auf freiwilliger Basis.
Und ich unternahm diesen Versuch.
Ein Brunnen war es, der mich magisch anzog. Denn ist es nicht so, dass Wasser im Sommer sich in seiner Bedeutung vervielfacht?
Jede Art von Wasser gilt als perfektes Ziel, erleichtert den Druck der Jahreszeit, hilft geringfügig über die Qual.
Nur der Anblick bewirkt manchmal die Illusion eines frischen Lüftchens, vielleicht nur den Anschein einer Erleichterung. Und doch ausreichend für den einen Moment, auf den es ankommt, der sich in die Erinnerung einbrennt.
Selbst dann, wenn sich das Wasser nicht berühren lässt, wenn es nicht kühlt, zu weit entfernt ist, als dass es zur momentanen Entspannung des gequälten Körpers helfen könnte.
Und so ließ ich mich am Rande des Brunnens nieder, betrachtete den Wasserstrahl, der friedlich auf die Oberfläche fiel, diese aufwirbelte, in Bewegung versetzte und das Ohr mit plätschernden, gurgelnden Lauten verwöhnte.
Ich ließ es zu, dass die Sonne auf mich niederschien. Und ich ließ es zu, dass mein Körper sich zusätzlich zur Sommerhitze erwärmte, dass ich trotz der Ruhe, trotz des stillen Verharrens und trotz des Vorhandenseins der sprudelnden Flüssigkeit, fühlte, wie mein Inneres begann zu kochen.
Das Blut raste heiß durch meine Adern, das Wasser, das ich verlor, spürte ich als Verlust in der Trockenheit meines Mundes.
Ich schloss die Augen. Die Welt um mich herum nahm eine rötliche Färbung an, hellrot. Sie glühte.
Das war es, das war der Sommer. So musste er sein, so sollte er sein, und ich war endlich auch bereit, mich ihm auszusetzen.
Das Plätschern an meiner Seite erhielt untermalende Laute, erst leise, dann stetig an Lautstärke zunehmend. Ein Dröhnen war es, das ich vernahm, ein unangenehmes Dröhnen.
Ich schluckte, schluckte wieder und öffnete schließlich meine Augen.
Die Welt flimmerte immer noch in Rot. Jedoch nicht nur. Sie glitzerte zusätzlich, funkelte, als wäre sie übersät mit Hunderten von Sternen, die rastlos blinkten.
Und dann erklangen weitere Laute, die langsam aber sicher das Dröhnen einholten, ausschmückten und schließlich verdrängten.
Silberglocken, die leise in der Ferne ertönten. Silberglocken, deren sachtes Bimmeln so gar nicht, so überhaupt nicht an diesen Ort und in diese Zeit passten.
Silberglocken, deren sanfte Töne an Lautstärke gewannen mit jedem Atemzug, den ich tat.
Sie verdrängten das Dröhnen, das durch den Druck in meinem Kopf ersetzt wurde.
Ich fasste an meine Stirn, die sich zu meiner Verwunderung trocken anfühlte.
Das Wasser glitzerte vor mir. Es sprühte auf und nieder, zerstob in zahllosen Funken, regnete in Sternen hinab. Und da sah ich, dass diese Sterne es waren, die ihren Silberklang in die Welt schickten.
Sie rieselten hinab, und auf einmal waren es keine Sterne mehr, sondern Schneeflocken, winzige Kristalle, die in allen Farben des Regenbogens schimmerten und funkelten. Die sich drehten und tanzten, auf mich herabsanken, meine heiße, trockene Haut kühlten.

Und das Läuten verstärkte sich, das Klingeln erfasste meinen Kopf, versetzte meinen Körper in Schwingungen, bis jeder Nerv in mir sang.
Die weiße Schneedecke ließ jeden Ton außer dem Läuten der Glocken verstummen. Sie blendete weitere Empfindungen aus, betäubte die Sinne und beruhigte meinen Herzschlag, versetzte mich zurück in eine andere Zeit.
Nicht Sommer war es, nicht Hitze, nicht Schwüle, die über mir schwebte.
Schnee kühlte das Kochen meiner Gefühle und mein Schmerz gefror.
Engelsgeläut erfüllte meine Ohren.
Und dann kamen sie. Sie näherten sich, ich spürte sie.
Es rauschte, die Welt wurde zu einem einzigen Rausch und sie zog mich mit, wirbelte mich durch Zeiten, Emotionen und Vorstellungen, die über alles hinausgingen, was ich bislang erlebt hatte.
Flügel schlugen, entfachten ein Wehen, das mich fortzureißen drohte, von dem ich wünschte, dass es mich fortriss.
Und dann fühlte ich, wie kühle Arme mich umschlangen. Wie ich in die Höhe gerissen wurde und höher und höher flog. Getragen, sicher gehalten aus der Enge heraus schwebte. Fort von dem Druck, der Hitze, fort von diesem Sommer.

Hoch in die Lüfte trugen sie mich, und ich spürte wie der Schnee meinen Körper bedeckte. Ich seufzte, tanzte durch Wolken, die weich wie Watte meine Haut umschmeichelten.
Ich öffnete die Augen und erblickte den Silberglanz, erblickte die Glocken, erblickte die Engel, die mir zulächelten. Die mich befreit hatten, entführt in eine bessere, in eine schönere Welt.
Ich lächelte zurück. Über mir dehnte sich ein samtener Nachthimmel, geschmückt mit unzähligen Lichtern, bereit mich aufzunehmen. Er wartete auf mich, wartete, dass ich höher stieg, dass ich meiner Bestimmung folgte.
Und ich wünschte es mir so sehr, wollte es, sehnte mich danach. Ich löste mich von den Bändern, die mich in der Luft hielten. Ich versuchte den Himmel, die Seligkeit zu erreichen.
Doch dann fiel ich. Ich stürzte hinab. Ich streckte die Arme aus nach der tröstenden Dunkelheit über mir, doch ich fiel in die vernichtende Düsternis. Es gab kein Entrinnen von diesem Fall. Ich hatte versagt.
Es reichte nicht aus, meine Bemühungen waren nicht genug gewesen. Mein Leben zu arm, zu wenig, zu schwach. Ich hatte nicht gefunden, worauf es ankam, nicht entdeckt, worin der Sinn lag.

Und als ich aufwachte, im Bett des Krankenhauses, als ich die gemurmelten Worte kaum hören konnte - so sehr sehnten meine Ohren sich nach den silbernen Glocken - Worte vom Sonnenstich und Hitzschlag, von einer der weiteren Gefahren, die der Sommer mit sich brachte, da weinte ich aufgrund meines Verlustes.
So nah war ich gewesen, so nah.
Und so weit musste ich noch gehen, so weit. So viele Grenzen überschreiten, so viele Erkenntnisse gewinnen, so viel Leid ertragen, bis ich sie vielleicht – eines fernen Tages wieder hören konnte.

Samstag, 18. Juli 2009

Gazelle

Geschrieben für den International Day of Femslash:
Titel: Gazelle
Autor: callisto24


Celine langweilte sich. Sie langweilte sich entsetzlich.
Zwei Tage musste sie noch tot schlagen, zwei Tage, die sie eigentlich mit Madeleine hatte verbringen wollen. Aber wie immer war etwas dazwischen gekommen, und Celine konnte nicht anders, als Georg die Schuld dafür zu geben.
Auf ihn war noch nie Verlass gewesen, und in dem Moment, als Madeleine zu ihr gekommen war, um ihr zu beichten, sie habe nach all den Jahren erkannt, dass er es war, den sie immer lieben würde, und den sie zu heiraten gedachte, fiel Celine aus allen Wolken.

Sicher, mit Madeleines Männern war es immer ein Tanz gewesen, aber dass ihre Tochter eines Tages ausgerechnet mit Georg, dem Traumtänzer, ernste Absichten verfolgen würde, das erstaunte sie noch immer. Natürlich war sie froh, dass es sich bei dem Auserwählten nicht um ihren zuletzt Verflossenen handelte.
Denn zugegeben - mit ihrer vorigen Wahl kam sie auf keinen guten Fuß mehr, aber Georg war immer noch eine Kategorie für sich.

Langsam ging Celine an den Schaufenstern entlang, versuchte Interesse für die Auslagen aufzubringen, doch es gelang ihr nicht. Ihre Gedanken wanderten zurück zu Madeleine und Georg.

Georgs Onkel und Celines Ex war natürlich begeistert gewesen. Kein Wunder, hatte dieser doch immer eine Schwäche für den Jungen gehabt, egal wie sehr er dies abstritt. Und vor allem seit Georg ihm nicht mehr ständig auf der Pelle saß, rückte er kein bisschen von seiner Überzeugung ab, dass der Neffe im Begriff war, den Weg zu machen, den er machen sollte.

So schön das auch war, er musste diesen Weg doch nicht mit Madeleine machen. Nicht wenn es nach ihr ginge.
Celine seufzte.
Und natürlich konnte man sich nun auf nichts mehr verlassen. Sie hatte den Urlaub in Frankfurt gebucht, um den ersten Hochzeitstag mit ihrer Tochter und dem Schwiegersohn zu feiern, nur um festzustellen, dass die Beiden urplötzlich abreisten.

Madeleine konnte ihr so oft sie auch wollte erklären, dass es sich um den wichtigsten Auftrag ihres Lebens handelte, dass diese Chance unvergleichlich, geradezu einzigartig war, und sie selbst Georg gebeten hatte, mitzukommen, Celine blieb dennoch davon überzeugt, dass es sich bei dem Mann um die treibende Kraft hinter ihren zerstörten Plänen handelte.

Sie blieb stehen, betrachtete ihre schicken, doch dem Wetter nicht unbedingt angemessenen Schuhe. Kein Wunder, dass sie kalte Füße hatte.

Celine blickte an ihrem Spiegelbild vorbei und erkannte, dass sie vor einem Café stand. Kaffee war niemals verkehrt, und so legte sie den Kopf schief und versuchte mehr von dem Inneren zu erkennen, zu entscheiden, ob es ihrem Geschmack zusagte.

Das tat es nicht. Eigentlich wirkte die Einrichtung viel zu vornehm, viel zu altmodisch, viel zu sehr wie die Einrichtung eines Restaurants, das ihre Mutter gewählt hätte.

Und doch ging Celine nicht daran vorbei. Und das lag schlicht und einfach daran, dass sie SIE sah. Durch das Fenster, durch das spiegelnde Glas starrte diese Frau sie an, aufmerksam, sprungbereit, in ihrer Erscheinung an ein Wesen auf freier Wildbahn, an eine Gazelle erinnernd.

Celine versuchte zu lächeln, oberflächlich, beiläufig, so wie es ihre Art war, rasch mit vielen Worten, Gesten und Mienen um sich zu werfen. Zumeist erhielt sie daraufhin die Reaktion, die sie sich wünschte, erkannte spontan, was ihr nächster Schritt sein sollte.

Doch dieses Mal gelang es ihr nicht. Dieses Mal war sie gefesselt.
Die Frau war schön. Ihr blondes Haar fiel schlicht und glatt an den Seiten ihres schmalen Gesichtes herab. Sie war in Celines Alter, vielleicht ein wenig jünger.
Ihre Augen saßen schräg in dem hellhäutigen Gesicht, und obwohl Celine deren Farbe nicht erkennen konnte, war sie doch davon überzeugt, dass auch diese einen hellen Ton trugen.

Die Frau war schön. Und sie starrte Celine an, gerade, intensiv, beinahe, als wollte sie etwas von ihr, als erwarte sie eine Reaktion, ein Geschehen, etwas anderes, als Celine, die still und bewegungslos, wie gelähmt vor dem Fenster stand, und zurücksah.

Ihre Mundwinkel sanken herab und ihre Augenbrauen hoben sich, ohne dass sie es merkte, in einer stummen Frage.

Angestarrt zu werden war eine Sache, Celine war das gewohnt, es gehörte zu ihrem Job an der Rezeption.
Dennoch war dieser Blick anders, mehr als intensiv, eher prüfend, fragend und in stummer Erwartung.

Aber Celine war keine Frau, die sich mit ungelösten Fragen zufrieden gab. Schon gar nicht, wenn diese Frage in einer derart hübschen Verpackung vor ihr stand.
Sie nickte der Blonden zu, als verstünde sie worum es dieser ginge, und begab sich entschlossen zum Eingang des Cafés.

Kaum bemerkte sie, wie sich die Augen der Frau weiteten. Kaum spürte sie den Luftzug hinter sich, oder hörte das Quietschen der Reifen, die gerade neben dem Gehsteig bremsten, als sie auch schon umgerissen wurde, zur Seite gestoßen, während die Hölle losbrach.
Schüsse fielen, Glasscheiben splitterten, schrille Schreie gellten schmerzhaft in Celines Ohren, als sie instinktiv und noch im Verlauf des Sturzes die Arme hochriss, um ihr Gesicht zu schützen.

Unsanft prallte sie auf das harte Pflaster, unabsichtliche Tritte beschlagener Stiefel trafen sie, bis Celine sich auf ihren Knie und Ellbogen zusammenkauerte, während die Scherben und Schreie an ihr vorbeirieselten. Sie wagte es kaum, Luft zu holen, wagte nicht aufzusehen. Auch dann nicht, als Stille einkehrte.
Unerwartet überfiel sie diese, beinahe drückend wirkte sie sich aus.

Celine kauerte, bis sie eine kühle Hand auf ihrer Schulter spürte.
„Geht es Ihnen gut?“ Eine Frauenstimme, klangvoll und gleichzeitig entschieden, drang an Celines Ohr.

„Ja“, flüsterte sie, und fühlte sich selbst überrumpelt von der Unsicherheit in ihrer Stimme.
Das war sie nicht, das war nicht Celine Harting, die in jeder Situation und für jeden Fall ein keckes Wort parat hatte.

Sie sah auf, und blickte in die aufmerksamen, schrägen Augen der Frau, die sie zuvor durch die Scheibe bemerkt hatte.


Edwina sah auf die Frau hinab, die langsam ihren Kopf hob und sich umsah.
Für einen Augenblick nur, für einen Moment hatte sie geglaubt, dass diese Frau in den Fall verwickelt sein könnte. So wie diese nach ihr gesehen hatte, als wüsste sie, dass Edwina keine Koffeinabhängige war, die überteuerte Cafés frequentierte, sondern ahnte, dass hinter ihrer Anwesenheit mehr steckte.

Doch nun, als sie in das erblasste Gesicht sah, die irritiert blinzelnden blauen Augen, die sich noch auffallend rasch bewegende Brust, begriff Edwina nicht mehr, wie sie auch nur einen Augenblick so hatte denken können.

Sie streckte Celine ihre Hand entgegen. „Es tut mir leid“, murmelte Edwina, während sie der anderen aufhalf. „Sie sind nur mitten in einen Polizeieinsatz geraten.“
Edwina lächelte leicht, und Celine blinzelte stärker, als sie bemerkte, wie sich das Gesicht verwandelte, einen sanften Zug erhielt.

Sie klopfte sich den Straßenstaub von ihrem Rock, atmete einmal tief durch, sah dann wieder auf und lächelte zurück.
„Das ist typisch für mich. Ich wollte nur einen Kaffee.“

Edwina neigte den Kopf. „Ich denke, das ist das Mindeste, was wir Ihnen schuldig sind.“

*

Der Kaffee aus dem Automaten war grauenvoll, aber Celine schlürfte ihn dennoch dankbar. Immerhin saß ihr der Schreck noch in den Knochen, da durfte sie nicht wählerisch sein.

Und dann gab er ihr einen Grund noch etwas länger in diesem Büro zu bleiben, auf diesem Revier oder welch ein Bereich welcher Organisation auch immer es war, der diese Frau angehörte.
Die Frau, die der eigentliche Grund war, warum sie ihre Aussage in die Länge gezogen hatte, und nun immer noch keine Möglichkeit fand, sich obwohl deutlich entlassen, zu verabschieden.
Celine beobachtete Edwina durch die Glasscheiben, sah zu, wie diese ihr blondes Haar zurückstrich, wie sie intensiv mit ihrem Vorgesetzten diskutierte, einen Computer befragte, Ausdrucke erstellte und Telefonate führte.

Und während all diese Zeit nahm Edwina nicht die geringste Notiz von Celines Anwesenheit. Celine wusste nicht einmal, ob die Blonde diese bemerkte.
Bis auf die Freundlichkeit gleich nach dem Einsatz und der Fahrt hierher, hatte Edwina die Dunkelhaarige keines Blickes gewürdigt, und so wie es aussah, plante sie auch nicht, an ihrem Verhalten etwas zu ändern.

Bis sie auf einmal die Akten zuschlug, in denen sie soeben noch gewühlt hatte, und mit raschem Schritt den Raum verließ.

Das Lächeln, das Celine zuvor nur angedeutet wahrgenommen hatte, verbreiterte sich zusehends.
„Ich habe gehofft, dass Sie noch da sind“, sagte sie, als sie sich Celine genähert hatte.
„Und ich habe gehofft, dass Sie so hoffen“, antwortete Celine, knüllte ihren Becher zusammen und warf ihn in den Abfalleimer.

„Es tut mir leid – wegen all dem hier.“ Edwina vollführte eine vage Geste, die sowohl den Raum, das Gebäude, als auch den gesamten Einsatz miteinschloss.

Celine lächelte nun zurück, zuckte dann mit den Schultern. „Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Alles in allem kann ich doch froh sein, heil aus der Sache herausgekommen zu sein.“

„Allerdings.“ Edwina senkte den Kopf. „Wir warten schon seit Tagen auf den großen Knall. Dass er ausgerechnet jetzt passiert ist… ist…“

„Mein persönliches Glück“, ergänzte Celine. „Ich bin nur froh, dass alles gut ausgegangen ist.“
„Das ist es“, lächelte Edwina. „Und das nächste Mal meiden Sie Lokale, die in Verbindung mit der Mafia stehen.“

„Ich werde sehen, was ich tun kann.“
Celine blinzelte. „Natürlich bin ich fremd in der Stadt. Ich bin nicht sicher, ob ich so gut über die Mafia-Verbindungen informiert bin, wie ich es wohl sein sollte.“

Edwina hob ihre Hand, winkte einem Kollegen zum Abschied, bevor sie sich wieder Celine zuwandte.

„Nun“, meinte sie lächelnd. „In diesem Fall sollte ich mich wohl als Fremdenführer zur Verfügung stellen.“

Celine hob in einer versucht lässigen Geste die Augenbraue und fühlte tatsächlich wie errötete, wie sie – Celine – rosa anlief.

In dem vergeblichen Versuch davon abzulenken, räusperte sie sich.
„Das wäre… darüber würde ich mich sehr freuen“, murmelte sie, bevor sie zu Edwina aufsah, die sie belustigt musterte.

„Schön“, meinte die Blonde dann, und mit einem Blick zu dem Kaffeeautomaten: „Es ist noch nicht zu spät für einen Richtigen, oder?“
Celine lächelte befreit. „Das ist es nie“, versicherte sie der anderen.

„Aber ich muss Sie warnen“, sagte Edwina. „Mein üblicher Stil weicht ein wenig von dem Café ab, das sie bereits kennen. Ich besuche in der Regel nicht ganz so… exklusive Etablissements.“

Celine lachte. „Dann geht es Ihnen ja wie mir“, freute sie sich. „Um ganz ehrlich zu sein, erinnerte mich das Ambiente viel zu sehr an eine Generation vor mir.“

Edwina hielt ihr die Tür auf, als sie hinausgingen.
„Ich verstehe“, sagte sie dann und legte die Stirn in Falten. „Ja, ich glaube meine Eltern wären auch eher für diesen Laden gewesen als ich.“

Sie schüttelte den Kopf, als sie sich im Treppenhaus befanden. „Mein Gott, ich rede auf einmal wie ein Teenager.“

Celine kicherte, stoppte sich jedoch, als sie dies bemerkte. „Und dabei sind Sie… was… Polizistin?“
„Bundesagentin“, antwortete Edwina und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Keine Sorge, das hört sich aufregender an, als es ist.“

Celine schnalzte mit der Zunge. „Nun – das heute war definitiv aufregend genug für mich.“

Sie traten auf die Straße, und Edwina führte Celine ohne Umschweife zu einem eleganten Wagen, der im Schatten eines Baumes parkte, und öffnete ihr die Tür.
„Ich weiß ja nicht, ob Sie zu Fremden ins Auto steigen dürfen“, scherzte sie.

Celine gab vor, nachzudenken. „Nun – ich bin nicht sicher, was meine Tochter dazu sagen wird, aber ich denke, ich riskiere den Hausarrest.“

„Oh.“ Edwina schluckte, bevor sie in ihren Sitz rutschte, es Celine gleichtat und sich anschnallte. „Sie sind also verheiratet?“

Celine warf ihr einen Blick zu. „Sagen wir doch ‚Du‘ zueinander“, schlug sie vor. „Meinen Namen kennst du ja schon.“

Edwina lächelte, und manövrierte das Auto aus der stehenden Position auf die Fahrbahn.
„Und es ist ein hübscher Name“, sagte sie dann. „Aber Du hast meine Frage nicht beantwortet.“

Celine seufzte. „Wann wird man aufhören, Frauen danach zu beurteilen, ob sie einen Mann an ihrer Seite haben?“
Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, das bin ich nicht, war ich auch nie. Ich bin alleinerziehend, aber meine Tochter ist schon erwachsen.“

Edwina staunte. „Dann musst du ja als Kind schwanger geworden sein.“
Celine prustete. „Also bitte.“ Sie runzelte die Stirn, überlegte. „Obwohl… eigentlich war ich das auch – ein Kind. Ich meine, ich wusste nicht, wer ich war oder was ich wollte.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Als ob ich es jetzt besser wüsste.“

Edwina bremste ab, und parkte vorsichtig ein. „Wir sind da“, verkündete sie, und nahm, sobald sie beide draußen waren, das Gespräch wieder auf.

„Ist das nicht seltsam, dass man sich immer so fühlt, als stünde einem die Erkenntnis der Wahrheit noch bevor?“
Celine nickte. „Ohne dass sicher ist, um welche Wahrheit es sich handelt.“

„Ja.“ Edwina blieb stehen, und deutete auf einen beleuchteten Eingang.
„Der beste Kaffee der Stadt. Und die besten Cocktails der Stadt.“

Celine seufzte auf. „Ich glaube, ich kann heute beides gebrauchen.“
Vorsichtig, beinahe zögernd legte Edwina ihr ihre Hand auf die Schulter. „Dann sollst Du auch beides bekommen“, flüsterte sie, so dass Celine es über die aufklingende Musik, die ihnen beim Eintreten entgegen klang, kaum verstehen konnte.

Doch ihr Gesicht leuchtete auf, fühlte sie doch die Absicht hinter den Worten, empfingen die sanften, schmeichelnden Klänge und das warme Licht sie angenehm und einladend.

„Es ist wirklich schön“, sagte Celine bewundernd, und drehte sich zu Edwina um. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass die Frau ein wenig größer war, als sie selbst, dass sie gezwungen war, zu ihr aufzusehen, so wie die andere auf Celine hinab sah.

„Das ist es, nicht wahr?“
Edwina wirkte auf einmal etwas unsicher. „Immer wenn ich weg von allem muss, wenn mir der Job zu… zu hart wird, dann versuche ich hier wieder ein wenig Ruhe zu finden. Es stört dich doch nicht?“

„Was sollte mich stören?“, fragte Celine verwirrt.

„Es stört dich doch nicht, dass… dass hier nur Frauen sind?“

Celine sah sich um und erst jetzt fiel es ihr auf, dass die andere recht hatte. Sie drehte sich zurück zu Edwina.
„Natürlich nicht“, lächelte sie. „Warum sollte es mich stören?“

Edwina räusperte sich, deutete auf ein Schild über der Theke. „Lesbians have more fun“, las Celine laut, und begegnete dann wieder Edwinas Blick, tauchte in die wunderbaren, schrägen Augen.

„Warum sollte mich das stören?“, fragte sie mit einem Zwinkern und legte den Kopf schief, griff nach einer ihrer dunklen Locken und zwirbelte diese zwischen ihren Fingern.
„Warum sollte es mich stören?“, wiederholte sie, und diesmal erwiderte Edwina ihr Lächeln, bevor sie ihre Hand hob, und Celine sanft über die Wange strich.
„Das hatte ich gehofft“, sagte sie. „Wirklich gehofft.“