Titel: Gift
Autor: callisto24
* * *
Das Wasserglas
Es stand auf dem Tisch, das Wasserglas. Sauber und klar. Durchscheinendes Glas und darin verlockend das Wasser. Erfrischend lockte sein Anblick jeden, der es erblickte. Obwohl jeder doch wusste, wie fatal es sein konnte, der Verlockung nachzugeben, mit dem Inhalt die Zunge zu benetzen, das brennende Verlangen in der Kehle zu stillen. Sie alle schlichen um den Tisch, auf dem es wie eine Trophäe aufgebaut war, herum. Sie alle wussten, welch ein grausames Schicksal die Prüfung von ihnen forderte. Denn die augenscheinliche Reinheit trog. Was sich wirklich in dem Glas befand war zu fein, zu winzig, als dass ihre bloßen Augen es erkennen konnten. Neben den Mineralstoffen, die zu erwarten waren, den kleinen Partikeln von Schmutz oder Staub, die sich mit der Bewegung der Luft um den Standpunkt des Gefäßes auf die Oberfläche der Flüssigkeit senkten, befand sich noch so vieles mehr in dem durchsichtigen Behälter. Schwammen Teile, Hüllen, Formen und Farben darin, die niemand jemals zu Gesicht bekam, die nur erahnt werden konnten und auch das nur mit dem äußersten Maß an Vorstellungskraft.
Regenbogenfarbene Ovale, die sich mit Hilfe von Geißeln durch sanften Widerstand trieben, begegneten und begegneten nicht den kristallenen Gebilden, die nicht lebend und nicht tot ihre Existenz selbst bezweifelten. Und die dennoch eine fatalere Wirkung auf den Organismus ausübten, der sich ihnen näherte, als jener zu glauben wagte. Kleine Härchen schlugen, schwebten. Schnüre glitten, Perlen schwammen und seufzten, hingen nebeneinander wie Ketten. Das klare, reine Wasser füllte sich mit Wesen aus einer anderen Welt, mit Gestalten, die ohne den magischen Blick geschliffener Linsen, ohne die unglaubliche Bewegung noch winzigerer Elektronen niemals auch nur vermutet wurden. Nicht von ihnen, nicht von denen, die das Glas immer noch umrundeten. Denen ihr eigenes Wasser im Munde zusammenlief, deren Durst sich steigerte von Schritt zu Schritt.
Oh ja, sie wussten es, wussten von dem schleichenden Tod, der in dem Glas lauerte. Doch wer von ihnen besaß den Mut oder die Verzweiflung ihm zu trotzen? Wer von ihnen erwies sich als irrwitzig genug, um den Schluck zu nehmen, das letzte Wagnis einzugehen? Keiner von ihnen hatte etwas zu verlieren und doch verloren sie mit jedem Schritt mehr.
Der junge Mann blieb stehen. Ermunternde Blicke flogen ihm zu. Das Wasser lockte. Köstlich schwappte es von links nach rechts, floss gegen die Rundungen des kühlen Glases. Sie alle schmeckten es, fühlten seine Klarheit, das Stillen eines unstillbaren Durstes. Der Inhalt eines Glases reichte nicht, reichte nie, nicht für einen von ihnen. Und doch waren sie alle befreit, wenn der eine das Opfer brachte. Der junge Mann verneigte sich. Er berührte mit zitternden Fingern die glatte Oberfläche. Er versuchte, das Wasser, sein Wasser durch das Glas hindurch zu fühlen. Es prickelte auf der Zunge. Winzige Tropfen stiegen auf, gleich Wasserdampf drangen sie in seine Nase. Ein Zurück war unmöglich, ein Zögern keine Option. Er hob das Glas und trank. Der Jubel brandete hoch. Die Dankbarkeit umfloss ihn weich, so wie die Flüssigkeit seinen Hals benetzte. Es schmeckte bitter und mit dem ersten Schluck sah er die Seuche vor sich. Er sah sich auf dem armseligen Strohlager, das ihm blieb. Wie er dahinvegetierte, wie er sich um seinen letzten, röchelnden Atemzug quälte.
Doch nicht einmal dies Elend war ihm vergönnt. Denn nun war es zu spät, er konnte den Fluss nicht mehr aufhalten, sah das Leben an sich vorüberziehen, sah wie seine Welt endete.
Das Wasser rann, es gelangte in die falsche der Kehlen und er hustete, spuckte einen Teil wieder aus, schluckte wieder. Es gab kein Zurück. Bis auf den letzten Tropfen trank er, leerte den Becher, bis der aus seinen entkräfteten Fingern mit einem Klirren zu Boden stürzte. Und er neben ihm auf die Knie sank, den Kopf in die Hände stützte. Er wusste es, sie alle hatten es gewusst. Reinheit existierte nicht, sie war eine Lüge und er verdammt zu seinem letzten Gang.
Er krümmte sich. Der Schmerz verzerrte sein Gesicht. Seine Muskeln zuckten in Krämpfen. Keine Zeit abzuwarten, keine Zeit der Inkubation. Die Dichte unsichtbarer Erreger inmitten der lockenden Klarheit riss ihn hinab. Zeit schnellte zusammen, schrumpfte und dehnte sich gleichermaßen, als er den Horizont erblickte, als seine Gelenke anschwollen, seine Eingeweide rissen und bluteten, während das verseuchte Wasser in ihm tobte, seine Zellen durchdrang, vergiftete und eine nach der anderen tötete. Keine Zeit für Reue, keine Zeit, seine Entscheidung in Frage zu stellen. Letzte Gedanken wirbelten durch den verwüsteten Verstand, letzte Erkenntnis öffnete ihm die Augen.
Doch befreite sein Opfer die Gefangenen Die Wahl fiel auf ihn und als er starb, starb er als Held und in dem Wissen, dass sein Mut die Rettung für andere bedeutete, dass er allein die Lüge in der Reinheit offenbarte.
Donnerstag, 9. Dezember 2010
Planet
Titel: Planet
Autor: callisto24
* * *
Ich habe immer geglaubt, dass es auf die Perspektive ankommt.
Dass unsere Realität so leicht von dem abweicht, was wir vor uns sehen, gehört nur zu einem der vielen Hindernisse, die sich zwischen das denkende Wesen und seinen Versuch zu begreifen stellen. Denkende Wesen, das sind wir, das ist es, wozu uns die Evolution geschaffen hat. Erschaffen, um zu forschen, um den Blick zu schärfen, das endgültige Sein einzufangen. Ob in Worten, Taten oder abstrakten Gebilden, in Analysen, die den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, spielt keine Rolle, denn darauf ziele ich letztendlich nicht ab. Nicht meine Aufgabe, nicht meine Leidenschaft.
Ich bin ein Beobachter. Und ich beobachte die Welt um mich. Wie sie sich verzerrt, dehnt, ihre Konturen wachsen und wieder verschwimmen. All das während ich dahingleite in schwebender, ewiger Existenz. Mein Bericht wird geprägt sein von Farben und Formen, von der Bedeutung, die ich diesen verleihe. Ich gebe ihnen Namen, ich kategorisiere und ordne.
Wenn ich mich um mich selbst drehe, dann verändert sich alles. Wenn ich einen Schritt vorwärtsschwebe, dann stoße ich an meine Grenzen. Glasklar sind sie und kalt. Doch kann ich sie dereinst passieren, dann fließe ich in neue Freiheit, ergieße mich in die Welt, über die Welt, an der ich bis zu diesem Moment nur als ein Zuschauer teilhabe. So bin ich gezwungen zu warten und zu lauschen. Auf die gedämpften Geräusche, die wie durch einen Filter an mein Gehör dringen. Mal gluckernd, mal kichernd, doch nie wirklich.
Aber ich kann warten. Was ich um mich sehe, wird nicht auf ewig von mir getrennt bleiben. Ich kann in mir sehen, wie ich mich mit der Außenwelt vereine, in sie hineinfließe und mich darin auflöse. Wie sich Milliarden von Atomen miteinander vermischen, Moleküle zu Kunstwerken verknoten, deren Anfang und Ende ähnlich unbekannt bleiben wie ihr Daseinszweck. Alles wird eins. Ob ich aufsteige, die Schwere verliere und in winzigen Bläschen gen Himmel fliege, mich in lebensspendenden Funken verteile oder tiefer sinke an den Grund, um abzuwarten bis über mir Schicht nach Schicht verdampft, mich austrocknet und freilegt – es bleibt alles eins. Ich existiere, um es zu sehen und davon zu erzählen.
Denn das Schiff wird kommen, mich aus meiner Position zu lösen und meiner endgültigen Bestimmung zuzuführen. Ich spüre, dass es sich nähert, als die Welt um mich herum erbebt. Fest wird frei und hart zu weich. Die fließenden Bewegungen um mich breiten sich aus, werfen mich in Schräglage, verändern meine Sicht. Ich sehe, dass sie kommen, die Wesen, die mich verstehen, zu denen ich gehöre, denen ich Rede und Antwort stehen werde und will. Aus dem anderen Universum, dem Raum um mich ziehen sie mit ihren unsichtbaren Fäden, reißen mein Gefäß, das Glas, das mich schützt in die Höhe. Ich wirble um mich selbst, verliere mich im Strudel, als sich alles seitwärts lehnt, als mich der Strom weiterhinauszieht, aus meiner illusorischen Sicherheit befreit. Ich schwebe, schwimme und werde vorwärts getrieben, paddele hilflos an der Oberfläche, suche nach Luft, nach Atem. Je länger ich nach ihm suche, desto weniger finde ich ihn, desto schwieriger erscheint mir meine Pflicht. Nicht so wie gedacht, nicht wie geplant nähere ich mich einem Ziel. Ich steige nicht hinauf in eine Unendlichkeit, die mich nach Hause führt. Ich fließe hinab. Die Schwerkraft, die mich losließ und in die Höhe wirbelte, zieht mich nun tiefer, zieht mich in eine warme Hölle. Die rote Höhle, die mir nun, da ich so kurz davor stehe, von ihr verschluckt zu werden, zum ersten Mal ohne die täuschende Verzerrung des Glases gegenübersteht, sich in ihrer ganzen Hässlichkeit und ihrem realen Schrecken offenbart. Welcher Illusion saß ich nur auf? Welch einer Verzerrung meiner Wirklichkeit? Nun, da ich mich aus der fließenden Substanz befreie, von Sauerstoffatomen durchpumpt werde, die heiße Hölle vor Augen mich von dem kühlen Nass verabschiede, weiß ich über das Ausmaß meines Irrtums. Niemals werde ich durch den Weltraum fliegen. Niemand kommt mich zu befreien, niemand interessiert sich für die Beobachtungen, die ich so sorgfältig gespeichert habe. Ich bin allein und war es immer. Ausgeliefert dem Hunger einer Welt aus Warmblütlern. Einer Welt, die fern der kalten Analyse, von ihrem Trieb beherrscht wird. Die mich verschluckt, verdaut, vernichtet. Und nur vielleicht entlässt, wenn ich in meine Einzelteile gespaltet, zu Staub und Schmutz mutiert, am äußersten Rand des Fegefeuers wieder zu mir komme und feststelle, dass ich nicht einmal hier das Ende finde. Dass sogar das Ende Illusion bleibt. Dass alles eine Frage der Perspektive ist und auf ewig sein wird.
Autor: callisto24
* * *
Ich habe immer geglaubt, dass es auf die Perspektive ankommt.
Dass unsere Realität so leicht von dem abweicht, was wir vor uns sehen, gehört nur zu einem der vielen Hindernisse, die sich zwischen das denkende Wesen und seinen Versuch zu begreifen stellen. Denkende Wesen, das sind wir, das ist es, wozu uns die Evolution geschaffen hat. Erschaffen, um zu forschen, um den Blick zu schärfen, das endgültige Sein einzufangen. Ob in Worten, Taten oder abstrakten Gebilden, in Analysen, die den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, spielt keine Rolle, denn darauf ziele ich letztendlich nicht ab. Nicht meine Aufgabe, nicht meine Leidenschaft.
Ich bin ein Beobachter. Und ich beobachte die Welt um mich. Wie sie sich verzerrt, dehnt, ihre Konturen wachsen und wieder verschwimmen. All das während ich dahingleite in schwebender, ewiger Existenz. Mein Bericht wird geprägt sein von Farben und Formen, von der Bedeutung, die ich diesen verleihe. Ich gebe ihnen Namen, ich kategorisiere und ordne.
Wenn ich mich um mich selbst drehe, dann verändert sich alles. Wenn ich einen Schritt vorwärtsschwebe, dann stoße ich an meine Grenzen. Glasklar sind sie und kalt. Doch kann ich sie dereinst passieren, dann fließe ich in neue Freiheit, ergieße mich in die Welt, über die Welt, an der ich bis zu diesem Moment nur als ein Zuschauer teilhabe. So bin ich gezwungen zu warten und zu lauschen. Auf die gedämpften Geräusche, die wie durch einen Filter an mein Gehör dringen. Mal gluckernd, mal kichernd, doch nie wirklich.
Aber ich kann warten. Was ich um mich sehe, wird nicht auf ewig von mir getrennt bleiben. Ich kann in mir sehen, wie ich mich mit der Außenwelt vereine, in sie hineinfließe und mich darin auflöse. Wie sich Milliarden von Atomen miteinander vermischen, Moleküle zu Kunstwerken verknoten, deren Anfang und Ende ähnlich unbekannt bleiben wie ihr Daseinszweck. Alles wird eins. Ob ich aufsteige, die Schwere verliere und in winzigen Bläschen gen Himmel fliege, mich in lebensspendenden Funken verteile oder tiefer sinke an den Grund, um abzuwarten bis über mir Schicht nach Schicht verdampft, mich austrocknet und freilegt – es bleibt alles eins. Ich existiere, um es zu sehen und davon zu erzählen.
Denn das Schiff wird kommen, mich aus meiner Position zu lösen und meiner endgültigen Bestimmung zuzuführen. Ich spüre, dass es sich nähert, als die Welt um mich herum erbebt. Fest wird frei und hart zu weich. Die fließenden Bewegungen um mich breiten sich aus, werfen mich in Schräglage, verändern meine Sicht. Ich sehe, dass sie kommen, die Wesen, die mich verstehen, zu denen ich gehöre, denen ich Rede und Antwort stehen werde und will. Aus dem anderen Universum, dem Raum um mich ziehen sie mit ihren unsichtbaren Fäden, reißen mein Gefäß, das Glas, das mich schützt in die Höhe. Ich wirble um mich selbst, verliere mich im Strudel, als sich alles seitwärts lehnt, als mich der Strom weiterhinauszieht, aus meiner illusorischen Sicherheit befreit. Ich schwebe, schwimme und werde vorwärts getrieben, paddele hilflos an der Oberfläche, suche nach Luft, nach Atem. Je länger ich nach ihm suche, desto weniger finde ich ihn, desto schwieriger erscheint mir meine Pflicht. Nicht so wie gedacht, nicht wie geplant nähere ich mich einem Ziel. Ich steige nicht hinauf in eine Unendlichkeit, die mich nach Hause führt. Ich fließe hinab. Die Schwerkraft, die mich losließ und in die Höhe wirbelte, zieht mich nun tiefer, zieht mich in eine warme Hölle. Die rote Höhle, die mir nun, da ich so kurz davor stehe, von ihr verschluckt zu werden, zum ersten Mal ohne die täuschende Verzerrung des Glases gegenübersteht, sich in ihrer ganzen Hässlichkeit und ihrem realen Schrecken offenbart. Welcher Illusion saß ich nur auf? Welch einer Verzerrung meiner Wirklichkeit? Nun, da ich mich aus der fließenden Substanz befreie, von Sauerstoffatomen durchpumpt werde, die heiße Hölle vor Augen mich von dem kühlen Nass verabschiede, weiß ich über das Ausmaß meines Irrtums. Niemals werde ich durch den Weltraum fliegen. Niemand kommt mich zu befreien, niemand interessiert sich für die Beobachtungen, die ich so sorgfältig gespeichert habe. Ich bin allein und war es immer. Ausgeliefert dem Hunger einer Welt aus Warmblütlern. Einer Welt, die fern der kalten Analyse, von ihrem Trieb beherrscht wird. Die mich verschluckt, verdaut, vernichtet. Und nur vielleicht entlässt, wenn ich in meine Einzelteile gespaltet, zu Staub und Schmutz mutiert, am äußersten Rand des Fegefeuers wieder zu mir komme und feststelle, dass ich nicht einmal hier das Ende finde. Dass sogar das Ende Illusion bleibt. Dass alles eine Frage der Perspektive ist und auf ewig sein wird.
Mittwoch, 10. November 2010
Halloween ist vorbei ...
... doch das Grauen bleibt.
Denn ich bin zurück und ich bringe Geschenke.
Na gut, ein Geschenk. Und auch nicht für alle. Nein, nur für einen kleinen, ausgewählten Kreis, nämlich für Erwachsene. Sollten Minderjährige hier herein stolpern – Finger weg, sofern ihr eure Gehirnzellen behalten wollt.
Gratis E-books

Mit vielem, vielem Dank an meine liebe Verlegerin, die das Pech hatte, lektorieren zu dürfen, und somit auch dafür gesorgt hat, dass nicht mittendrin die Personen grundlos ihre Namen wechseln – was bei mir andauernd und sogar in einer derart kurzen Geschichte vorkommt.
Aber, und was bedeutend wichtiger ist: auf der soeben verlinkten Seite findet sich weihnachtlicher Slash! Nicht verpassen, wie gesagt, ist gratis:
Buon Natale von Inka Loreen Minden
Eine homoerotische Liebesgeschichte von der Meisterin ihres Fachs!
Für alle, denen schon sehr weihnachtlich ums Herz ist.
Und wenn nicht, dann gibt es von derselben Autorin ein weiteres phänomenales Gratis-Ebook:
Two Spirit.
Hat alles, was das Herz begehrt. :)
Und ich kann auch melden, dass es funktioniert, diese Ebook-Sache. In einem riskanten Selbstversuch erstellte ich mir ein Konto bei Beam Ebooks und lud mir die beiden fabelhaften Gratis-Exemplare runter.
Zurück zum Thema: Ich musste nichts angeben, keine peinlichen Details, noch nicht einmal riskante Sachen wie Kontonummern, Paypal oder sonstiges. Pseudonym, Passwort – fertig das Konto – bereit zum kostenlosen Lesestoff laden. Wie es mit dem Stoff ist, der Geld kostet, werde ich sofort recherchieren, sobald welches habe.
Ohne Konto und noch einfacher klappt es im Club der Sinne. Rechtsklick und speichern. Wer sich mit Computern auskennt, kann die Sache vielleicht auch online öffnen.
Was mich zurückführt zu meinem verstörend triebhaften Nikolaus. Wenn ich ihn nicht geschrieben hätte, wäre ich empört.
Vielleicht taucht er eines weihnachtlichen Tages hier auf, aber vielleicht schämt er sich zu sehr. So ist das eben mit hübschen Männern, die nichts tragen, mit Ausnahme roter Mützen. Man kann ihnen nicht vertrauen. Weshalb ich das hübsche Bild auch nicht vergrößern konnte. Der wollte einfach nicht. Nicht einmal auf Photobucket wagte er sich, der schüchterne Kleine. Aber genug von hübschen Männernm das bleibt ein Drama für sich. Habt ihr gesehen, was mit Milo.V. passiert ist? Bart und Kochmütze? Will er mich umbringen? Von Adrian.P. will ich gar nicht erst sprechen. Zur Ablenkung versuche ich Tim Roth auf mich aufmerksam zu machen, aber er merkt immer, wenn ich ihn anschwindele. Dabei würde ihm dunkle Haar wirklich stehen? Am besten werfe ich mich einfach Locke an den Hals, da verbietet sich das Haarproblem von vornherein. Und er ist so schön diabolisch.
Ab hier können Minderjährige wieder mitlesen, denn, wenn alles glattgeht, kommt noch ein Weihnachtsgeschenk, nicht so freizügig, dafür mit ein bisschen Vampiren, wenig Werwolf und viel verbrutzeltem Gänsebraten. Außerdem frage ich mich immer noch, warum die Protagonistin permanent pichelt. Als ob Weihnachten in einem Menschen dieses Bedürfnis auslöste. Ich muss mich schon wieder über mich selbst empören.
Das waren die Nachrichten aus dem Leben einer schonungslosen Schreiberin. Mehr, wenn ich noch tiefer gesunken bin. Und ich befinde mich schon am Grund. Zwar würde ich es niemals zugeben, aber mein neues Notebook trägt ein Supernatural-Wallpaper. Dabei mag ich Dean nicht einmal, oder Sam, oder Dean und Sam. Also nicht wirklich, nicht so richtig, nicht absolut … eben gleich gar und überhaupt nicht. (Auch wenn sie nett anzusehen sind – und düstere Raben sie umkreisen. Die Raben mag ich allerdings.)

Uploaded with ImageShack.us
Denn ich bin zurück und ich bringe Geschenke.
Na gut, ein Geschenk. Und auch nicht für alle. Nein, nur für einen kleinen, ausgewählten Kreis, nämlich für Erwachsene. Sollten Minderjährige hier herein stolpern – Finger weg, sofern ihr eure Gehirnzellen behalten wollt.
Mit vielem, vielem Dank an meine liebe Verlegerin, die das Pech hatte, lektorieren zu dürfen, und somit auch dafür gesorgt hat, dass nicht mittendrin die Personen grundlos ihre Namen wechseln – was bei mir andauernd und sogar in einer derart kurzen Geschichte vorkommt.
Aber, und was bedeutend wichtiger ist: auf der soeben verlinkten Seite findet sich weihnachtlicher Slash! Nicht verpassen, wie gesagt, ist gratis:
Buon Natale von Inka Loreen Minden
Eine homoerotische Liebesgeschichte von der Meisterin ihres Fachs!
Für alle, denen schon sehr weihnachtlich ums Herz ist.
Und wenn nicht, dann gibt es von derselben Autorin ein weiteres phänomenales Gratis-Ebook:
Two Spirit.
Hat alles, was das Herz begehrt. :)
Und ich kann auch melden, dass es funktioniert, diese Ebook-Sache. In einem riskanten Selbstversuch erstellte ich mir ein Konto bei Beam Ebooks und lud mir die beiden fabelhaften Gratis-Exemplare runter.
Zurück zum Thema: Ich musste nichts angeben, keine peinlichen Details, noch nicht einmal riskante Sachen wie Kontonummern, Paypal oder sonstiges. Pseudonym, Passwort – fertig das Konto – bereit zum kostenlosen Lesestoff laden. Wie es mit dem Stoff ist, der Geld kostet, werde ich sofort recherchieren, sobald welches habe.
Ohne Konto und noch einfacher klappt es im Club der Sinne. Rechtsklick und speichern. Wer sich mit Computern auskennt, kann die Sache vielleicht auch online öffnen.
Was mich zurückführt zu meinem verstörend triebhaften Nikolaus. Wenn ich ihn nicht geschrieben hätte, wäre ich empört.
Vielleicht taucht er eines weihnachtlichen Tages hier auf, aber vielleicht schämt er sich zu sehr. So ist das eben mit hübschen Männern, die nichts tragen, mit Ausnahme roter Mützen. Man kann ihnen nicht vertrauen. Weshalb ich das hübsche Bild auch nicht vergrößern konnte. Der wollte einfach nicht. Nicht einmal auf Photobucket wagte er sich, der schüchterne Kleine. Aber genug von hübschen Männernm das bleibt ein Drama für sich. Habt ihr gesehen, was mit Milo.V. passiert ist? Bart und Kochmütze? Will er mich umbringen? Von Adrian.P. will ich gar nicht erst sprechen. Zur Ablenkung versuche ich Tim Roth auf mich aufmerksam zu machen, aber er merkt immer, wenn ich ihn anschwindele. Dabei würde ihm dunkle Haar wirklich stehen? Am besten werfe ich mich einfach Locke an den Hals, da verbietet sich das Haarproblem von vornherein. Und er ist so schön diabolisch.
Ab hier können Minderjährige wieder mitlesen, denn, wenn alles glattgeht, kommt noch ein Weihnachtsgeschenk, nicht so freizügig, dafür mit ein bisschen Vampiren, wenig Werwolf und viel verbrutzeltem Gänsebraten. Außerdem frage ich mich immer noch, warum die Protagonistin permanent pichelt. Als ob Weihnachten in einem Menschen dieses Bedürfnis auslöste. Ich muss mich schon wieder über mich selbst empören.
Das waren die Nachrichten aus dem Leben einer schonungslosen Schreiberin. Mehr, wenn ich noch tiefer gesunken bin. Und ich befinde mich schon am Grund. Zwar würde ich es niemals zugeben, aber mein neues Notebook trägt ein Supernatural-Wallpaper. Dabei mag ich Dean nicht einmal, oder Sam, oder Dean und Sam. Also nicht wirklich, nicht so richtig, nicht absolut … eben gleich gar und überhaupt nicht. (Auch wenn sie nett anzusehen sind – und düstere Raben sie umkreisen. Die Raben mag ich allerdings.)
Uploaded with ImageShack.us
Mittwoch, 4. August 2010
Leseprobe - Spuren
Leseprobe aus 'Spuren'
Sigrid Lenz
AAVAA Verlag 2010
*
Leseprobe
Spuren
Leon wurde langsamer. Sein Atem ging pfeifend. Er hatte den ersten Weg genommen, der ihn von dem merkwürdigen Gebäude in den Wald führte. Überhaupt bestand, bis auf die Lichtung, in die sich das Haus wohl absichtlich idyllisch schmiegte, die gesamte Umgebung praktisch nur aus Wald. Er drehte sich um und fühlte Erleichterung, dass er das Dach nicht mehr sehen konnte. Nur noch dunkle Wipfel, die breite Schatten über den Weg warfen. Das Licht kam ihm fast rötlich vor, wie Blut, das an den Stellen, die es trotz der alles überschattenden Hindernisse erreichte, leuchtete und er wünschte, er hätte sich die Zeit genommen, auf die Uhr zu sehen. Nicht einmal, wie lange er geschlafen hatte, konnte er sagen. Ob er ein oder zwei oder sogar mehr Tage weggewesen war, blieb ein ebensolches Rätsel wie alles andere. Und er hatte weder Lust noch die Kraft, um ernsthaft nach einer Antwort zu suchen.
Eigentlich reagierte er nur auf Instinkt. Wollte einfach weg, von Ismael, von den Fragen, die unvermeidlich kamen, von dem, was ihm bevorstand und dem, was hinter ihm lag.
Er holte tief Luft und klopfte seine Taschen ab, bemerkte erst jetzt die seltsame Kleidung, die er trug. „Na super“, stieß er hervor, als ihm mitsamt des ungewohnt harten und grellen Stoffes das Krankenhaus wieder einfiel. „Na super“, wiederholte er etwas leiser, als die Gesichter von Schwestern, des Arztes und von zwei Polizisten an ihm vorbeizogen. Alle hatten sie ihn angesehen, als käme er von einem anderen Stern. Nicht nur das, sie hatten ihn betrachtet, als raubte er ihnen absichtlich ihre Lebenszeit.
Durchbohrten ihn mit ihren Blicken, wollten Antworten um jeden Preis und konnten sich nicht mit dem zufrieden geben, was er hervorbrachte. Und keiner von ihnen wusste, wie sehr er sich quälte, um überhaupt etwas hervorzubringen.
Eine Zigarette wäre jetzt wirklich fabelhaft. Aber andererseits war ihm auch immer noch ein wenig übel. Sein Magen verkrampfte sich in regelmäßigen Abständen und er hegte ernsthafte Zweifel, ob ihm das Rauchen wirklich gut täte. Andererseits, was sollte auch passieren? Bestenfalls fiele er um und verendete kläglich. Damit wären sowohl ihm, als auch allen anderen geholfen. Vor allem Angela. Besser und gründlicher konnte sie ihn nicht loswerden. Und dann war da noch Ismael, der sich offenkundig die allergrößte Mühe gab. Leon konnte nicht verstehen warum. Und warum diese merkwürdige Flucht? Warum waren sie nicht schon längst wieder in Ismaels Wohnung, gingen zum Alltag über? Es war einfach absurd. Vielleicht aber auch so eine Kleinstadtgeschichte. Manche Dinge passierten dort eben nicht. Man musste alle Rückstände beseitigen, bevor man in sein Leben zurückkehren konnte. Um nur keinen zu stören.
Leons Knie fühlten sich an wie Pudding. Er ging zwei vorsichtige Schritte zum nächsten Baum und rutschte dann an ihm herunter auf den Boden. Die Erde war steinig und unangenehm hart, aber wenigstens trocken.
Sein Kopf schmerzte, aber wenigstens blendete der Kopfschmerz die anderen Beschwerden aus, an die er noch weniger denken wollte. Im Denken lag überhaupt das größte Problem. Wenn er es abstellen könnte, wenn er einfach nur dasitzen und in das Geäst oder in den Himmel starren könnte, dann wäre es sicher einfacher.
Leon blickte nach oben. Ein dunstiger Schleier zog sich bereits über die Baumwipfel, kündigte den bald hereinbrechenden Abend an.
Vielleicht konnte er hier sitzenbleiben. Vielleicht einfach abwarten, bis die Nacht in verschlang. Mit etwas Glück erfror er oder wilde Tiere zerrissen ihn.
Leon schloss die Augen. Aber soviel Glück hatte er nicht, nie gehabt. Er war wohl insgesamt ziemlich frei von Glück. Oder wie sonst ließe es sich erklären, dass Emil so mir nichts dir nichts auftauchen konnte, dass er ihn überhaupt gefunden hatte.
Was hatte er gesagt: Wir gehören zusammen?
Bittere Galle kroch Leons Speiseröhre hoch. Natürlich, wenn er sich an etwas erinnerte, dann an die verwirrten Äußerungen eines kranken Geistes. Denn krank war Emil mit Sicherheit. Soviel war Leon inzwischen durchaus klar. Ob Emil wirklich das geäußert hatte, woran er sich zu erinnern glaubte, das konnte Leon nicht beschwören. Und er wusste sehr gut, dass er dazu in der Lage sein müsste. Zu irgendeinem überzeugenden Gedanken in der Lage sein müsste.
Aber das war er nicht. Nur diese blitzartig auftauchenden Bilder, die ebenso gut aus seinen Albträumen oder aus einer abartigen Fantasie stammen konnten. Einen Sinn ergab das Ganze auch nicht. Warum sollte Emil so einen Quatsch von sich geben? Und warum sollte er überhaupt hier auftauchen?
Vielleicht war er es auch gar nicht gewesen? Vielleicht hatte Leon sich auch das nur eingebildet. Seine Finger rieben nervöse Kreise gegen die Schläfen und Leon merkte es nicht. Vielleicht hatte ihn irgendein beliebiger, zufällig vorbeikommende Einbrecher niedergeschlagen und Ismael hatte einen mordsmäßigen Schreck bekommen und war deshalb verschwunden? Der Mutigste war er sicher nicht. Eher der Typ, der sich unterbuttern ließ und dem Ärger aus dem Weg ging. So wie er selbst.
Leon atmete langsam aus.
Er wünschte, dass der Druck in seinem Kopf nachließe, aber wusste zugleich, dass dies nicht geschähe. Sein Schädel fühlte sich an, als könne er jeden Augenblick auseinanderplatzen, eine blutige Masse Gehirn auf dem Waldweg verteilen. Leon lächelte fast bei der Vorstellung. Was wohl die braven Leute hier dazu sagten? Was Ismael wohl zu einem solchen Anblick sagte?
Er rieb sich die Stirn. Lauter feine Messerklingen malträtierten ihn, stachen wieder und wieder in sein Gehirn. Fast als bezweckten sie damit, etwas herauszuholen. Als wollten sie ihn aufschneiden und seine Geheimnisse ans Licht befördern. Geheimnisse, die er selbst nicht mehr kannte.
Sein Magen drehte sich um und jetzt war Leon froh, dass dieser leer war. Er würgte ein paar Mal erfolglos und sank dann erschöpft gegen den Stamm zurück. Es wurde immer dunkler. Wenn er ein netter, pflichtbewusster Junge wäre, dann würde er jetzt aufstehen. Vielleicht sich bei Ismael bedanken. Wofür auch immer. In das Bett kriechen und schlafen, bis die ganze leidige Geschichte vergessen war.
Nur, dass er nicht aufstehen konnte. Noch nicht.
Die spitzen Messer stachen tiefer. Sie kratzten an nicht verheilten Narben, bohrten sich in den verschlossenen Klumpen, der in seinem Kopf tanzte, trieben ihn dazu, sich heftiger, wilder zu bewegen, von innen gegen seinen Schädel zu pochen, bis er glaubte, die Knochen knacken zu hören.
Er umfasste seinen Kopf mit beiden Händen und stöhnte. Obwohl der Klumpen sich fest verpackt in einer unzerstörbaren Hülle befand, pulsierte er, vermittelte gelegentliche, überraschende Anzeichen der Kräfte, die in ihm tobten. Einer Bombe gleich lauerte er auf eine Explosion, die niemals kommen dürfte.
Leon wusste nicht, was schlimmer war, die Übelkeit oder der Kopfschmerz. Aber er wusste, dass er beides nicht mehr lange aushielt. Er brauchte einen Ausweg, einen Gedanken, an den er sich halten konnte.
Wie hatte er es damals geschafft? Jeder Nerv in ihm warnte ihn davor, sich in der Zeit zurückzubegeben. Die Zeiten waren vorüber, vorbei, vergessen und unbedeutend. Und doch war es ihm gelungen, seine Kindheit zu überstehen, dieses Jahr zu überstehen. Denn ein Jahr war es doch nur gewesen, ein halbes eigentlich, wenn überhaupt, das er seither erfolgreich aus seinem Gedächtnis verbannte.
Ein lächerliches Jahr, das vielleicht ein wenig schwierig gewesen war. Wenn auch nur geringfügig schwieriger als die anderen. Kein Grund, sich über alle Maßen aufzuregen, kein Grund für Übertreibungen oder dafür zurückzuschrecken, wenn nur eine Windhauch aus jenen vergangenen Zeiten zu ihm unter die Nase wehte.
Davon abgesehen, dass es ohnehin bereits zu spät war. Der Windhauch zog doch längst über ihn hinweg. Besser gesagt, der Sturm hatte ihn erneut umgeworfen.
Leon verschlang seine Arme vor der Brust. Auf einmal war ihm kalt. Zugleich schwitzte er, fühlte die Schweißtropfen von seiner Stirn perlen.
So schwer war es nicht gewesen, konnte es nicht gewesen sein. Umstellungen gehörten immer zu seinem Leben, ebenso wie der Wohnungswechsel. Und auch wenn es sich noch so erbärmlich angefühlt hatte, wie ein fünftes Rad am Wagen in der ohnehin bereits überfüllten Bruchbude einer von Angelas wenigen, weiblichen Bekannten Unterschlupf zu finden, so hatte er zumindest seine Ruhe. Oder konnte sie finden, wenn er sich in den übelriechenden Keller des Hauses zurückzog, dorthin wo er nicht hören musste, wie Angela sich bei irgendjemandem der zufällig Anwesenden ausheulte. Wo er den Blicken der anderen Bewohner entging, die ihm vorwarfen, dass er an dem Scheitern der letzten Chance seiner Mutter auf ein glückliches Leben die Schuld trug.
Dort konnte er sich verstecken und die Übelkeit bekämpfen, das schwelende Feuer in seinem Kopf und seinem Herzen in Schach halten.
Leon presste beide Hände gegen seinen Unterleib. Ein dunkles Feuer, eingeschlossen in heißes Metall, wanderte durch seinen Körper, unantastbar und gefährlich. Der einzige Weg damit umzugehen, bestand darin, es tief genug in sich selbst zu verbannen, so tief, dass er es vergessen konnte. Und früher oder später auch vergaß.
Nur dass es nicht das Einzige blieb, das er vergaß.
Leon atmete zitternd ein und blinzelte. Es war noch dunkler geworden und richtig kalt. Die Jacke war zu dünn, Hose und Hemd erst recht. Und seine Füße fühlten sich bereits an wie Eisklumpen. Und er wusste nicht, ob er nicht aufstehen konnte oder es einfach nicht wollte.
*
Sigrid Lenz
AAVAA Verlag 2010
*
Leseprobe
Spuren
Leon wurde langsamer. Sein Atem ging pfeifend. Er hatte den ersten Weg genommen, der ihn von dem merkwürdigen Gebäude in den Wald führte. Überhaupt bestand, bis auf die Lichtung, in die sich das Haus wohl absichtlich idyllisch schmiegte, die gesamte Umgebung praktisch nur aus Wald. Er drehte sich um und fühlte Erleichterung, dass er das Dach nicht mehr sehen konnte. Nur noch dunkle Wipfel, die breite Schatten über den Weg warfen. Das Licht kam ihm fast rötlich vor, wie Blut, das an den Stellen, die es trotz der alles überschattenden Hindernisse erreichte, leuchtete und er wünschte, er hätte sich die Zeit genommen, auf die Uhr zu sehen. Nicht einmal, wie lange er geschlafen hatte, konnte er sagen. Ob er ein oder zwei oder sogar mehr Tage weggewesen war, blieb ein ebensolches Rätsel wie alles andere. Und er hatte weder Lust noch die Kraft, um ernsthaft nach einer Antwort zu suchen.
Eigentlich reagierte er nur auf Instinkt. Wollte einfach weg, von Ismael, von den Fragen, die unvermeidlich kamen, von dem, was ihm bevorstand und dem, was hinter ihm lag.
Er holte tief Luft und klopfte seine Taschen ab, bemerkte erst jetzt die seltsame Kleidung, die er trug. „Na super“, stieß er hervor, als ihm mitsamt des ungewohnt harten und grellen Stoffes das Krankenhaus wieder einfiel. „Na super“, wiederholte er etwas leiser, als die Gesichter von Schwestern, des Arztes und von zwei Polizisten an ihm vorbeizogen. Alle hatten sie ihn angesehen, als käme er von einem anderen Stern. Nicht nur das, sie hatten ihn betrachtet, als raubte er ihnen absichtlich ihre Lebenszeit.
Durchbohrten ihn mit ihren Blicken, wollten Antworten um jeden Preis und konnten sich nicht mit dem zufrieden geben, was er hervorbrachte. Und keiner von ihnen wusste, wie sehr er sich quälte, um überhaupt etwas hervorzubringen.
Eine Zigarette wäre jetzt wirklich fabelhaft. Aber andererseits war ihm auch immer noch ein wenig übel. Sein Magen verkrampfte sich in regelmäßigen Abständen und er hegte ernsthafte Zweifel, ob ihm das Rauchen wirklich gut täte. Andererseits, was sollte auch passieren? Bestenfalls fiele er um und verendete kläglich. Damit wären sowohl ihm, als auch allen anderen geholfen. Vor allem Angela. Besser und gründlicher konnte sie ihn nicht loswerden. Und dann war da noch Ismael, der sich offenkundig die allergrößte Mühe gab. Leon konnte nicht verstehen warum. Und warum diese merkwürdige Flucht? Warum waren sie nicht schon längst wieder in Ismaels Wohnung, gingen zum Alltag über? Es war einfach absurd. Vielleicht aber auch so eine Kleinstadtgeschichte. Manche Dinge passierten dort eben nicht. Man musste alle Rückstände beseitigen, bevor man in sein Leben zurückkehren konnte. Um nur keinen zu stören.
Leons Knie fühlten sich an wie Pudding. Er ging zwei vorsichtige Schritte zum nächsten Baum und rutschte dann an ihm herunter auf den Boden. Die Erde war steinig und unangenehm hart, aber wenigstens trocken.
Sein Kopf schmerzte, aber wenigstens blendete der Kopfschmerz die anderen Beschwerden aus, an die er noch weniger denken wollte. Im Denken lag überhaupt das größte Problem. Wenn er es abstellen könnte, wenn er einfach nur dasitzen und in das Geäst oder in den Himmel starren könnte, dann wäre es sicher einfacher.
Leon blickte nach oben. Ein dunstiger Schleier zog sich bereits über die Baumwipfel, kündigte den bald hereinbrechenden Abend an.
Vielleicht konnte er hier sitzenbleiben. Vielleicht einfach abwarten, bis die Nacht in verschlang. Mit etwas Glück erfror er oder wilde Tiere zerrissen ihn.
Leon schloss die Augen. Aber soviel Glück hatte er nicht, nie gehabt. Er war wohl insgesamt ziemlich frei von Glück. Oder wie sonst ließe es sich erklären, dass Emil so mir nichts dir nichts auftauchen konnte, dass er ihn überhaupt gefunden hatte.
Was hatte er gesagt: Wir gehören zusammen?
Bittere Galle kroch Leons Speiseröhre hoch. Natürlich, wenn er sich an etwas erinnerte, dann an die verwirrten Äußerungen eines kranken Geistes. Denn krank war Emil mit Sicherheit. Soviel war Leon inzwischen durchaus klar. Ob Emil wirklich das geäußert hatte, woran er sich zu erinnern glaubte, das konnte Leon nicht beschwören. Und er wusste sehr gut, dass er dazu in der Lage sein müsste. Zu irgendeinem überzeugenden Gedanken in der Lage sein müsste.
Aber das war er nicht. Nur diese blitzartig auftauchenden Bilder, die ebenso gut aus seinen Albträumen oder aus einer abartigen Fantasie stammen konnten. Einen Sinn ergab das Ganze auch nicht. Warum sollte Emil so einen Quatsch von sich geben? Und warum sollte er überhaupt hier auftauchen?
Vielleicht war er es auch gar nicht gewesen? Vielleicht hatte Leon sich auch das nur eingebildet. Seine Finger rieben nervöse Kreise gegen die Schläfen und Leon merkte es nicht. Vielleicht hatte ihn irgendein beliebiger, zufällig vorbeikommende Einbrecher niedergeschlagen und Ismael hatte einen mordsmäßigen Schreck bekommen und war deshalb verschwunden? Der Mutigste war er sicher nicht. Eher der Typ, der sich unterbuttern ließ und dem Ärger aus dem Weg ging. So wie er selbst.
Leon atmete langsam aus.
Er wünschte, dass der Druck in seinem Kopf nachließe, aber wusste zugleich, dass dies nicht geschähe. Sein Schädel fühlte sich an, als könne er jeden Augenblick auseinanderplatzen, eine blutige Masse Gehirn auf dem Waldweg verteilen. Leon lächelte fast bei der Vorstellung. Was wohl die braven Leute hier dazu sagten? Was Ismael wohl zu einem solchen Anblick sagte?
Er rieb sich die Stirn. Lauter feine Messerklingen malträtierten ihn, stachen wieder und wieder in sein Gehirn. Fast als bezweckten sie damit, etwas herauszuholen. Als wollten sie ihn aufschneiden und seine Geheimnisse ans Licht befördern. Geheimnisse, die er selbst nicht mehr kannte.
Sein Magen drehte sich um und jetzt war Leon froh, dass dieser leer war. Er würgte ein paar Mal erfolglos und sank dann erschöpft gegen den Stamm zurück. Es wurde immer dunkler. Wenn er ein netter, pflichtbewusster Junge wäre, dann würde er jetzt aufstehen. Vielleicht sich bei Ismael bedanken. Wofür auch immer. In das Bett kriechen und schlafen, bis die ganze leidige Geschichte vergessen war.
Nur, dass er nicht aufstehen konnte. Noch nicht.
Die spitzen Messer stachen tiefer. Sie kratzten an nicht verheilten Narben, bohrten sich in den verschlossenen Klumpen, der in seinem Kopf tanzte, trieben ihn dazu, sich heftiger, wilder zu bewegen, von innen gegen seinen Schädel zu pochen, bis er glaubte, die Knochen knacken zu hören.
Er umfasste seinen Kopf mit beiden Händen und stöhnte. Obwohl der Klumpen sich fest verpackt in einer unzerstörbaren Hülle befand, pulsierte er, vermittelte gelegentliche, überraschende Anzeichen der Kräfte, die in ihm tobten. Einer Bombe gleich lauerte er auf eine Explosion, die niemals kommen dürfte.
Leon wusste nicht, was schlimmer war, die Übelkeit oder der Kopfschmerz. Aber er wusste, dass er beides nicht mehr lange aushielt. Er brauchte einen Ausweg, einen Gedanken, an den er sich halten konnte.
Wie hatte er es damals geschafft? Jeder Nerv in ihm warnte ihn davor, sich in der Zeit zurückzubegeben. Die Zeiten waren vorüber, vorbei, vergessen und unbedeutend. Und doch war es ihm gelungen, seine Kindheit zu überstehen, dieses Jahr zu überstehen. Denn ein Jahr war es doch nur gewesen, ein halbes eigentlich, wenn überhaupt, das er seither erfolgreich aus seinem Gedächtnis verbannte.
Ein lächerliches Jahr, das vielleicht ein wenig schwierig gewesen war. Wenn auch nur geringfügig schwieriger als die anderen. Kein Grund, sich über alle Maßen aufzuregen, kein Grund für Übertreibungen oder dafür zurückzuschrecken, wenn nur eine Windhauch aus jenen vergangenen Zeiten zu ihm unter die Nase wehte.
Davon abgesehen, dass es ohnehin bereits zu spät war. Der Windhauch zog doch längst über ihn hinweg. Besser gesagt, der Sturm hatte ihn erneut umgeworfen.
Leon verschlang seine Arme vor der Brust. Auf einmal war ihm kalt. Zugleich schwitzte er, fühlte die Schweißtropfen von seiner Stirn perlen.
So schwer war es nicht gewesen, konnte es nicht gewesen sein. Umstellungen gehörten immer zu seinem Leben, ebenso wie der Wohnungswechsel. Und auch wenn es sich noch so erbärmlich angefühlt hatte, wie ein fünftes Rad am Wagen in der ohnehin bereits überfüllten Bruchbude einer von Angelas wenigen, weiblichen Bekannten Unterschlupf zu finden, so hatte er zumindest seine Ruhe. Oder konnte sie finden, wenn er sich in den übelriechenden Keller des Hauses zurückzog, dorthin wo er nicht hören musste, wie Angela sich bei irgendjemandem der zufällig Anwesenden ausheulte. Wo er den Blicken der anderen Bewohner entging, die ihm vorwarfen, dass er an dem Scheitern der letzten Chance seiner Mutter auf ein glückliches Leben die Schuld trug.
Dort konnte er sich verstecken und die Übelkeit bekämpfen, das schwelende Feuer in seinem Kopf und seinem Herzen in Schach halten.
Leon presste beide Hände gegen seinen Unterleib. Ein dunkles Feuer, eingeschlossen in heißes Metall, wanderte durch seinen Körper, unantastbar und gefährlich. Der einzige Weg damit umzugehen, bestand darin, es tief genug in sich selbst zu verbannen, so tief, dass er es vergessen konnte. Und früher oder später auch vergaß.
Nur dass es nicht das Einzige blieb, das er vergaß.
Leon atmete zitternd ein und blinzelte. Es war noch dunkler geworden und richtig kalt. Die Jacke war zu dünn, Hose und Hemd erst recht. Und seine Füße fühlten sich bereits an wie Eisklumpen. Und er wusste nicht, ob er nicht aufstehen konnte oder es einfach nicht wollte.
*
Freitag, 16. Juli 2010
Der Slash in der Geschichte einer Slasherin
Leseprobe aus 'Maja - Geschichte einer Slasherin'
Autor: Sigrid Lenz/callisto24
Copyright: AAVAA Verlag 2010
*
„Wir sollen was?“ Finn Cackleford sah seinen Co-Star entgeistert an. Angelo Multobene zuckte nur verständnislos mit den Schultern. Auch ihm kam dieser Vorschlag ausgesprochen merkwürdig vor.
Frances Stumblehead von NERD–TV–Productions rückte seine Brille gerade. Er war nicht umsonst zum Produzentenwunder von Hollywood aufgestiegen. Sein Weitblick und seine Intuition hatten ihm, seiner Ansicht nach, noch weiter geholfen, als seine Fachkenntnisse und seine nicht unbeträchtliche Erbschaft.
Sein Lieblingskind, der Quotenrenner der letzten Jahre, seine Serie ‚Agents on Fire‘, befand sich in erheblicher Gefahr und er, Frances Stumblehead, war es gewohnt zu kämpfen, wenn die Lage eng wurde.
Natürlich war Stumblehead in seinem eigenen Jet gekommen, begleitet von den treuesten seiner Leibwächter, ohne die er keinen Schritt tat. Doch seine Beziehungen hatten ihm wie üblich beigestanden und seine kleine Privatarmee mit noch einigen zusätzlichen Kräften ergänzt. Und so zählten nun die besten Männer der größten, berüchtigten Drei-Buchstaben Organisationen Amerikas zu seinen Schergen, bereit für Anstand, Moral und das gelobte Land der Freiheit im internationalen Einsatz mit den Unsitten, die drohten, aufzuräumen.
Doch als er dem ungläubigen, um nicht zu sagen verständnislosen Blick seines Stars begegnete, rollte Stumblehead genervt mit den Augen. Angelo Multobene, von dem Stumblehead etwas mehr Verständnis, beziehungsweise Intelligenz und Einsicht erwartet hatte, sah nur ähnlich irritiert in die Gegend. Mehr noch, er wich Stumbleheads Blick absichtlich aus, fast als erschiene ihm dessen Vorschlag als abwegig oder an den Haaren herbeigezogen. Dabei müsste er von allen anderen doch am besten verstehen, wie wichtig es war, den guten Ruf der Serie zu erhalten. Vor ‚Agents on Fire‘ war Angelo ein Niemand gewesen, ein unbeschriebenes Blatt, einer der zahllosen Schauspieler, die sich mit Gelegenheitsjobs und zufälligen, unsäglichen Rollen im Werbefernsehen oder auf Verkaufskanälen über Wasser hielten. Mit 45 Jahren war der Zug für ihn eigentlich schon längst abgefahren. Niemand hatte vermutet, dass er es noch zu etwas bringen würde.
Finn Cackleford besaß zumindest schon vor Drehbeginn einen Namen. Seine Karriere war nach dem jugendlichen Höhenflug zwar stetig bergab gegangen, aber zumindest war er kein vollkommen Unbekannter. Ein Umstand, von dem Stumbleheads Show durchaus profitiert hatte. Es kam immer gut in der Presse, von Comeback zu reden, ganz zu schweigen von der Erfahrung, die ein Profi-Schauspieler mitbrachte. Um so mehr verwunderte Stumblehead Cacklefords Reaktion auf seinen Ausbruch. Gut, die Pferde waren eventuell mit Stumblehead ein wenig durchgegangen. Was ein unbeachteter Routine-Empfang mit ein wenig Presse werden sollte, entwickelte sich zu einem flammenden Plädoyer für die unangreifbaren Urheberrechte der Fernsehschaffenden. Finns Gesicht war während seines Vortrags länger und länger geworden, und wo Stumblehead stehende Ovationen erwartete, reagierte dieser lediglich mit großen Augen, ähnlich dem seelenvollen Blick, der er gewohnt war, in den emotionalsten Szenen der Serie seinen weiblichen Partnerinnen zuzuwerfen, bevor, während oder nachdem er sie vor unbeschreiblichen Gefahren errettet hatte.
Offenbar, und zu Stumbleheads komplettem Unverständnis, schockierte Cackleford die Tatsache nicht im Geringsten, dass wildfremde Leute aus Übersee ihm seine Geschichte und seinen Charakter stahlen, um damit die unbeschreiblichsten und abstoßenden Sachen anzustellen.
Heiß fiel Stumblehead ein, dass Cackleford ursprünglich vom Theater kam, eine Tatsache, die er bisher erfolgreich verdrängt hatte. War Theater doch gleichbedeutend mit Provinz und Misserfolg. Auf der anderen Seite hielten Theater Schauspieler sich manchmal trotz allem für Künstler und beharrten darauf, einen gewissen Freigeist zu vertreten, den sich im heutigen TV-Geschäft niemand erlauben durfte. Schon gar kein Schauspieler.
Doch auch Angelo Multobene, dessen Unterstützung ihm doch eigentlich sicher sein sollte, zeigte seltsame Merkmale akuten Unverständnisses. Gerade auf Stumbleheads Tirade gegen die Verunglimpfung vorbildhafter Charaktere durch Unterstellung sexueller Perversionen, reagierte Angelo mit kritisch schief gelegtem Kopf und verschränkten Armen.
Überhaupt fehlte es, Frances Stumbleheads Ansicht nach, enorm an Applaus. Aber er tröstete sich mit der Vermutung, es liege wohl an der mangelhaften Übersetzung seiner Worte, dass nicht die komplette Anzahl der geladenen Gäste ohne zu zögern alles stehen und liegen ließ, um umgehend loszustürmen und Rache zu suchen.
Nun, eigentlich war es kein Wunder, dass es wieder an ihm lag, den Tag und jedermanns guten Ruf zu retten. Seine Entschlusskraft hatte ihm seinen Ruhm gesichert, und seinen Eingebungen würde er stets folgen, um jeden Preis.
Stumblehead trat vom Podium und winkte seinen Leibwächter, Nummer 1 zu sich. Der Mann rückte den Knopf im Ohr gerade und kam stechenden Blickes näher. Ohne auf eine Frage zu warten, berichtete er über die Erfolge, sprich Misserfolge der deutschen Polizei. Weder ihr, noch dem ansässigen Geheimdienst war es bis jetzt gelungen, die verdächtige Person aufzuspüren und gefangen zu setzten.
Stumblehead lobte sich diesen Enthusiasmus, wenngleich ihm die Neuigkeiten weniger gut gefielen. Nun, was hatte er auch von den deutschen Behörden erwarten können. Wenn man etwas erreichen wollte, musste man heutzutage investieren. In diesem Fall in seine kleine Privatarmee, welche den mit ihm eingeflogenen staatlich subventionierten Agenten hilfreich unter die Arme greifen sollten.
„Hat er das ernst gemeint? Das mit dem ‚tot oder lebendig‘?“, fragte Finn schließlich und lehnte sich zu Angelo hinüber, als er für seine vorherige Frage noch keine Antwort erhalten hatte. Der Dunkelhaarige zuckte nur wieder mit den Achseln. „Was weiß ich“, murmelte er schließlich mit dem Unterton der Verdrossenheit.
Finn raufte sich die Haare. „Ich hab, ehrlich gesagt, nicht vor, Aushängeschild für eine derartige Aktion zu spielen.“
Angelo kratzte sich an der Nase und blinzelte zu Stumblehead herüber, der sich mittlerweile umringt von schwarzen Anzügen im gewohnten Befehlsmodus befand. „Ich bin nicht sicher, ob wir da wirklich ein Mitspracherecht haben. Ich meine, die Serie läuft gut, und Stumblehead trägt die Verantwortung, beziehungsweise, er liefert die Moneten. Ohne ihn geht wohl nichts.“
Finn schüttelte den Kopf. „Na großartig. Das hat mir gerade noch gefehlt. Kann es eigentlich sein, dass die Zuschauer noch verrückter werden? Ich dachte wirklich, ich hätte schon alles gesehen. Vor allem nach meiner ersten Filmrolle als blutgieriger Vampir.“ Angelo grinste. „Bleichgeschminkte Fans mit künstlichen Zähnen?“ Finn runzelte die Stirn. „Wenn es das nur gewesen wäre.“
„Es gibt eine Spur“, dröhnte Stumbleheads Stimme durch den Raum. „Wo sind meine Stars? Ich brauche sie vor Ort. Der Sache muss ein für alle Mal Einhalt geboten werden.“
„Oh Mann“, stöhnte Finn. „Ich glaube, ich kündige.“
„Mach das bloß nicht!“ Angelo zog erschrocken die Augenbrauen in die Höhe. „Ich meine, ganz im Ernst… tu das nicht.“
„Wieso denn nicht?“ Finn sah seinen Kollegen erstaunt an. „Irgendwann wird die Show ohnehin enden müssen. Besser man geht rechtzeitig, bevor sich alle über einen kaputt lachen.“
Angelo biss sich auf die Unterlippe. „Meinst du wirklich, dass es so sein muss. Und selbst wenn, es wäre doch schade, wenn wir nicht mehr zusammen… zusammen vor der Kamera ständen.“
Finn blinzelte. Und zum zweiten Mal an diesem Tag war es ihm, als hätte er sich verhört. Konnte es sein, dass er die Untertöne falsch interpretierte? Konnte es sein…?
In diesem Moment fühlte er eine schwere Hand auf seiner Schulter. „Mein Lieblingsstar“, dröhnte Stumblehead. „Los geht es. Wir werden ein Zeichen setzen. Ein für alle Mal klar machen, dass so etwas mit uns nicht funktioniert. Als eine vereinte Front gibt es nichts, dass sich unserer Entschlusskraft entgegen setzen kann.“
Und er führte Finn aus dem Empfangssaal in die Halle, durch deren weitreichende Glaswände bereits die Kolonne glänzender, deutscher Wägen zu erkennen war, welche die Versammlung an einen anderen Ort bringen sollte.
*
zu finden
hier
oder direkt im Verlag.
Autor: Sigrid Lenz/callisto24
Copyright: AAVAA Verlag 2010
*
„Wir sollen was?“ Finn Cackleford sah seinen Co-Star entgeistert an. Angelo Multobene zuckte nur verständnislos mit den Schultern. Auch ihm kam dieser Vorschlag ausgesprochen merkwürdig vor.
Frances Stumblehead von NERD–TV–Productions rückte seine Brille gerade. Er war nicht umsonst zum Produzentenwunder von Hollywood aufgestiegen. Sein Weitblick und seine Intuition hatten ihm, seiner Ansicht nach, noch weiter geholfen, als seine Fachkenntnisse und seine nicht unbeträchtliche Erbschaft.
Sein Lieblingskind, der Quotenrenner der letzten Jahre, seine Serie ‚Agents on Fire‘, befand sich in erheblicher Gefahr und er, Frances Stumblehead, war es gewohnt zu kämpfen, wenn die Lage eng wurde.
Natürlich war Stumblehead in seinem eigenen Jet gekommen, begleitet von den treuesten seiner Leibwächter, ohne die er keinen Schritt tat. Doch seine Beziehungen hatten ihm wie üblich beigestanden und seine kleine Privatarmee mit noch einigen zusätzlichen Kräften ergänzt. Und so zählten nun die besten Männer der größten, berüchtigten Drei-Buchstaben Organisationen Amerikas zu seinen Schergen, bereit für Anstand, Moral und das gelobte Land der Freiheit im internationalen Einsatz mit den Unsitten, die drohten, aufzuräumen.
Doch als er dem ungläubigen, um nicht zu sagen verständnislosen Blick seines Stars begegnete, rollte Stumblehead genervt mit den Augen. Angelo Multobene, von dem Stumblehead etwas mehr Verständnis, beziehungsweise Intelligenz und Einsicht erwartet hatte, sah nur ähnlich irritiert in die Gegend. Mehr noch, er wich Stumbleheads Blick absichtlich aus, fast als erschiene ihm dessen Vorschlag als abwegig oder an den Haaren herbeigezogen. Dabei müsste er von allen anderen doch am besten verstehen, wie wichtig es war, den guten Ruf der Serie zu erhalten. Vor ‚Agents on Fire‘ war Angelo ein Niemand gewesen, ein unbeschriebenes Blatt, einer der zahllosen Schauspieler, die sich mit Gelegenheitsjobs und zufälligen, unsäglichen Rollen im Werbefernsehen oder auf Verkaufskanälen über Wasser hielten. Mit 45 Jahren war der Zug für ihn eigentlich schon längst abgefahren. Niemand hatte vermutet, dass er es noch zu etwas bringen würde.
Finn Cackleford besaß zumindest schon vor Drehbeginn einen Namen. Seine Karriere war nach dem jugendlichen Höhenflug zwar stetig bergab gegangen, aber zumindest war er kein vollkommen Unbekannter. Ein Umstand, von dem Stumbleheads Show durchaus profitiert hatte. Es kam immer gut in der Presse, von Comeback zu reden, ganz zu schweigen von der Erfahrung, die ein Profi-Schauspieler mitbrachte. Um so mehr verwunderte Stumblehead Cacklefords Reaktion auf seinen Ausbruch. Gut, die Pferde waren eventuell mit Stumblehead ein wenig durchgegangen. Was ein unbeachteter Routine-Empfang mit ein wenig Presse werden sollte, entwickelte sich zu einem flammenden Plädoyer für die unangreifbaren Urheberrechte der Fernsehschaffenden. Finns Gesicht war während seines Vortrags länger und länger geworden, und wo Stumblehead stehende Ovationen erwartete, reagierte dieser lediglich mit großen Augen, ähnlich dem seelenvollen Blick, der er gewohnt war, in den emotionalsten Szenen der Serie seinen weiblichen Partnerinnen zuzuwerfen, bevor, während oder nachdem er sie vor unbeschreiblichen Gefahren errettet hatte.
Offenbar, und zu Stumbleheads komplettem Unverständnis, schockierte Cackleford die Tatsache nicht im Geringsten, dass wildfremde Leute aus Übersee ihm seine Geschichte und seinen Charakter stahlen, um damit die unbeschreiblichsten und abstoßenden Sachen anzustellen.
Heiß fiel Stumblehead ein, dass Cackleford ursprünglich vom Theater kam, eine Tatsache, die er bisher erfolgreich verdrängt hatte. War Theater doch gleichbedeutend mit Provinz und Misserfolg. Auf der anderen Seite hielten Theater Schauspieler sich manchmal trotz allem für Künstler und beharrten darauf, einen gewissen Freigeist zu vertreten, den sich im heutigen TV-Geschäft niemand erlauben durfte. Schon gar kein Schauspieler.
Doch auch Angelo Multobene, dessen Unterstützung ihm doch eigentlich sicher sein sollte, zeigte seltsame Merkmale akuten Unverständnisses. Gerade auf Stumbleheads Tirade gegen die Verunglimpfung vorbildhafter Charaktere durch Unterstellung sexueller Perversionen, reagierte Angelo mit kritisch schief gelegtem Kopf und verschränkten Armen.
Überhaupt fehlte es, Frances Stumbleheads Ansicht nach, enorm an Applaus. Aber er tröstete sich mit der Vermutung, es liege wohl an der mangelhaften Übersetzung seiner Worte, dass nicht die komplette Anzahl der geladenen Gäste ohne zu zögern alles stehen und liegen ließ, um umgehend loszustürmen und Rache zu suchen.
Nun, eigentlich war es kein Wunder, dass es wieder an ihm lag, den Tag und jedermanns guten Ruf zu retten. Seine Entschlusskraft hatte ihm seinen Ruhm gesichert, und seinen Eingebungen würde er stets folgen, um jeden Preis.
Stumblehead trat vom Podium und winkte seinen Leibwächter, Nummer 1 zu sich. Der Mann rückte den Knopf im Ohr gerade und kam stechenden Blickes näher. Ohne auf eine Frage zu warten, berichtete er über die Erfolge, sprich Misserfolge der deutschen Polizei. Weder ihr, noch dem ansässigen Geheimdienst war es bis jetzt gelungen, die verdächtige Person aufzuspüren und gefangen zu setzten.
Stumblehead lobte sich diesen Enthusiasmus, wenngleich ihm die Neuigkeiten weniger gut gefielen. Nun, was hatte er auch von den deutschen Behörden erwarten können. Wenn man etwas erreichen wollte, musste man heutzutage investieren. In diesem Fall in seine kleine Privatarmee, welche den mit ihm eingeflogenen staatlich subventionierten Agenten hilfreich unter die Arme greifen sollten.
„Hat er das ernst gemeint? Das mit dem ‚tot oder lebendig‘?“, fragte Finn schließlich und lehnte sich zu Angelo hinüber, als er für seine vorherige Frage noch keine Antwort erhalten hatte. Der Dunkelhaarige zuckte nur wieder mit den Achseln. „Was weiß ich“, murmelte er schließlich mit dem Unterton der Verdrossenheit.
Finn raufte sich die Haare. „Ich hab, ehrlich gesagt, nicht vor, Aushängeschild für eine derartige Aktion zu spielen.“
Angelo kratzte sich an der Nase und blinzelte zu Stumblehead herüber, der sich mittlerweile umringt von schwarzen Anzügen im gewohnten Befehlsmodus befand. „Ich bin nicht sicher, ob wir da wirklich ein Mitspracherecht haben. Ich meine, die Serie läuft gut, und Stumblehead trägt die Verantwortung, beziehungsweise, er liefert die Moneten. Ohne ihn geht wohl nichts.“
Finn schüttelte den Kopf. „Na großartig. Das hat mir gerade noch gefehlt. Kann es eigentlich sein, dass die Zuschauer noch verrückter werden? Ich dachte wirklich, ich hätte schon alles gesehen. Vor allem nach meiner ersten Filmrolle als blutgieriger Vampir.“ Angelo grinste. „Bleichgeschminkte Fans mit künstlichen Zähnen?“ Finn runzelte die Stirn. „Wenn es das nur gewesen wäre.“
„Es gibt eine Spur“, dröhnte Stumbleheads Stimme durch den Raum. „Wo sind meine Stars? Ich brauche sie vor Ort. Der Sache muss ein für alle Mal Einhalt geboten werden.“
„Oh Mann“, stöhnte Finn. „Ich glaube, ich kündige.“
„Mach das bloß nicht!“ Angelo zog erschrocken die Augenbrauen in die Höhe. „Ich meine, ganz im Ernst… tu das nicht.“
„Wieso denn nicht?“ Finn sah seinen Kollegen erstaunt an. „Irgendwann wird die Show ohnehin enden müssen. Besser man geht rechtzeitig, bevor sich alle über einen kaputt lachen.“
Angelo biss sich auf die Unterlippe. „Meinst du wirklich, dass es so sein muss. Und selbst wenn, es wäre doch schade, wenn wir nicht mehr zusammen… zusammen vor der Kamera ständen.“
Finn blinzelte. Und zum zweiten Mal an diesem Tag war es ihm, als hätte er sich verhört. Konnte es sein, dass er die Untertöne falsch interpretierte? Konnte es sein…?
In diesem Moment fühlte er eine schwere Hand auf seiner Schulter. „Mein Lieblingsstar“, dröhnte Stumblehead. „Los geht es. Wir werden ein Zeichen setzen. Ein für alle Mal klar machen, dass so etwas mit uns nicht funktioniert. Als eine vereinte Front gibt es nichts, dass sich unserer Entschlusskraft entgegen setzen kann.“
Und er führte Finn aus dem Empfangssaal in die Halle, durch deren weitreichende Glaswände bereits die Kolonne glänzender, deutscher Wägen zu erkennen war, welche die Versammlung an einen anderen Ort bringen sollte.
*
zu finden
hier
oder direkt im Verlag.
Mittwoch, 30. Juni 2010
Hagel
Titel: Hagel
Autor: callisto24
* * *
Winzige, scharfe Eisstücke prasselten nieder. Sie hämmerten schonungslos gegen jede Oberfläche, die wagte, ihnen Widerstand zu bieten. So klein die Körner auch waren, ihre geballte Kraft entfaltete eine zerstörerische Wirkung, der sich die wenigsten Elemente entziehen konnten.
Der Junge saß in seinem Bett und lauschte auf die Geräusche. Sie überkamen ihn in Wellen, schwollen an bis zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der ihm Bilder einstürzender Häuser und durchbrochener Dächer suggerierten. Sie dehnten sich so stark in seinem Kopf aus, dass er die Decke über den Kopf zog und die Augen fest zusammenpresste. Er schämte sich, wusste er doch im tiefsten Inneren, dass er für ein solches Verhalten bereits viel zu alt war. Wenn ihn jemand so sähe oder schlimmer noch, die Vorstellung von seiner Feigheit verbreitete, dann sänke er in Grund und Boden. Und das freiwillig und ohne zu zögern.
Doch in diesem Augenblick, in dieser dunklen Nacht zählte nichts anderes, als der Hagel, der das Zimmer, in dem er sich vergeblich versteckte, von allen Seiten angriff. Denn wie ein Angriff fühlte es sich für ihn an. Als kämen Millionen der unbarmherzigen Eisstücke aus dem Himmel herab, um sich gewaltsam ihren Weg zu ihm zu verschaffen. Unablässig trommelten sie gegen die Dächer und Wände, schwächten deren Widerstand und bohrten sich gnadenlos und vor allem unablässig den Zugang, den sie benötigten.
Der Junge lauschte und er glaubte nicht zum ersten Mal, dass das Geräusch schwächer werde. Er hoffte auf Erleichterung, hoffte, dass es sich nur um eines dieser Gewitter, einen durchschnittlichen Sturm handelte, der abklänge und bei Tageslicht vergessen sei.
Er horchte auf die Wellen und bebte, wenn die Wucht der Schläge zunahm, verschränkte seine Arme fester um den schmalen Körper.
Doch auch wenn die grimmige Kraft abnahm, fühlte er keine Erleichterung, verspannte sich nur noch mehr mit der unheilvollen Ahnung, dass es sich doch lediglich um eine Atempause handelte, um einen Moment der Stille, der umso furchterregender erschien mit dem sicheren Wissen, dass er wieder verginge und dem Chaos von neuem Platz einräumte.
Obwohl der Junge wusste, dass die Nacht ihr Ende fände, wusste er doch mit eben solcher Sicherheit auch, dass der Schrecken ihrem Beispiel nicht folgen werde.
Die Angst blieb, die Vorahnung gehörte zu seinem Leben, zu der Dunkelheit, die ihn umschloss. Und auch wenn er vermutete, dass ihn das Unwetter, der Hagel, der doch Auslöser seiner Furcht sein sollte, ihn vor dem anderen, dem wahren Schrecken bewahrte, so war er sich nicht sicher, ob er der einen oder der anderen Alternative den Vorzug geben sollte.
In einer Nacht wie dieser, in der das Haus in der Gewalt der Natur zitterte, hatte er – der Mann – alle Hände voll zu tun. Dass er zu dem Jungen käme, schien unlogisch. Er hatte eine Frau und der Junge hörte sie manchmal weinen. Sie war eine zarte, schwache Frau. Sie weinte viel. Und wenn sie sich fürchtete, dann war der Mann gezwungen, bei ihr zu bleiben. Er musste sie halten und trösten, denn letztlich war es das, was er einst vor Kirche und Welt geschworen hatte.
Der Junge konnte sich beinahe sicher sein, dass die großen Hände des Mannes in einer solchen Nacht beschäftigt waren. Und er wollte nicht darüber nachdenken, womit sie sich beschäftigten, über wessen Haut sie glitten, wessen Beine sie gewaltsam spreizten und wessen Körper sie beschmutzten, bis keine Seife mehr die Schande abwaschen konnte.
Der Junge wusste, dass die Frau wusste. Und er wusste, dass sie insgeheim froh darüber war, wenn ihr die Schande erspart blieb, wenn der Mann sich in einen anderen Raum des Hauses aufmachte, um zu finden, was er suchte.
Und ein Teil von ihm konnte es ihr nicht einmal übel nehmen. Ein Teil von ihm verstand, warum sie wegsah, warum sie stillschweigend akzeptierte. Auch wenn ein anderer Teil von ihm sich gegen das Verstehen aufbäumte, ihr stumm, mit Blicken nur, die Vorwürfe entgegen schleuderte, die er nie wagte, dem Mann gegenüber zu äußern.
Der Junge kauerte sich zusammen. Er fürchtete sich vor dem Hagel. Und er fürchtete sich vor den Schritten, die den ohrenbetäubenden Lärm in seinem Kopf übertönten.
Vielleicht gelang es dem Mann doch. Vielleicht brachte er seine Frau dazu einzuschlafen und stahl sich fort. Wie er es in so vielen Nächten tat. Vielleicht betäubte er sie, vielleicht schlug er sie nieder. Es gab nichts, was der Junge dem Mann nicht zutraute. Er ließ sich nicht aufhalten, gebärdete sich selbst als eine Naturgewalt, der sich niemand zu widersetzten wagte. Es half nicht, sich unter einem Dach zu verstecken. Das Dach erhielt im Laufe der Zeit Risse und Schrammen. Es brach auf und ließ es zu, von innen zerstört zu werden.
Es halb nicht, sich unter einer Decke zu verstecken. Der Mann riss sie einfach fort, warf sie zu Boden, zeigte dem Jungen, dass es keinen Schutz gab. Dass nichts und niemand ihn schützen konnten. Und dass es keinen anderen Weg gab, als den, stumm zu erdulden.
Auf Hoffnung, auf Rettung zu warten, bedeutete die sinnlose Verschwendung kostbarer, letzter Reserven. Bänder, an denen er sich festzuhalten suchte, wenn alles unter ihm zusammenfiel und er nur zusehen konnte, wie er tiefer und tiefer stürzte, auf den Aufprall wartete und zugleich wusste, dass er ihn nie erlebte. Sein Leben war nur ein endloser Fall, der keinen Anfang und kein Ende kannte. Manchmal fiel er schneller, manchmal sank er unerträglich langsam. Und immer wartete er, immer wartete er auf etwas Schlimmeres. Etwas, das er sich nicht auszumalen wagte.
Diese Furcht erstickte ihn, wenn er darauf lauschte, wie die Tür langsam aufgeschoben wurde, wie das Holz über den Boden schabte und wie große Füße sich vergeblich darum bemühten, leise zu bleiben. Es gelang ihnen nie. Ebenso wenig wie es dem Mann gelang, die Geräusche zu unterdrücken, die sich aus seiner Kehle empor quälten. Und ebenso wenig wie es dem Jungen gelang den Schmerz beiseite zu schieben und sich das Wimmern zu verbeißen, das trotz der Hand auf seinem Mund den Weg in die Welt suchte.
Der Junge saß im Bett und bebte und lauschte. Der Hagel hörte nicht auf damit, seine Stärke zu beweisen, seine Ausdauer und seine Kraft. Und der Junge fürchtete sich, obgleich er sich in dieser Nacht nicht fürchten wollte. Doch seine Furcht trug zu viele Gesichter. Er konnte ihr nicht Herr werden, konnte nie über sie triumphieren. Er war schwach und klein. Und schuldig. Der Junge weinte.
Autor: callisto24
* * *
Winzige, scharfe Eisstücke prasselten nieder. Sie hämmerten schonungslos gegen jede Oberfläche, die wagte, ihnen Widerstand zu bieten. So klein die Körner auch waren, ihre geballte Kraft entfaltete eine zerstörerische Wirkung, der sich die wenigsten Elemente entziehen konnten.
Der Junge saß in seinem Bett und lauschte auf die Geräusche. Sie überkamen ihn in Wellen, schwollen an bis zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der ihm Bilder einstürzender Häuser und durchbrochener Dächer suggerierten. Sie dehnten sich so stark in seinem Kopf aus, dass er die Decke über den Kopf zog und die Augen fest zusammenpresste. Er schämte sich, wusste er doch im tiefsten Inneren, dass er für ein solches Verhalten bereits viel zu alt war. Wenn ihn jemand so sähe oder schlimmer noch, die Vorstellung von seiner Feigheit verbreitete, dann sänke er in Grund und Boden. Und das freiwillig und ohne zu zögern.
Doch in diesem Augenblick, in dieser dunklen Nacht zählte nichts anderes, als der Hagel, der das Zimmer, in dem er sich vergeblich versteckte, von allen Seiten angriff. Denn wie ein Angriff fühlte es sich für ihn an. Als kämen Millionen der unbarmherzigen Eisstücke aus dem Himmel herab, um sich gewaltsam ihren Weg zu ihm zu verschaffen. Unablässig trommelten sie gegen die Dächer und Wände, schwächten deren Widerstand und bohrten sich gnadenlos und vor allem unablässig den Zugang, den sie benötigten.
Der Junge lauschte und er glaubte nicht zum ersten Mal, dass das Geräusch schwächer werde. Er hoffte auf Erleichterung, hoffte, dass es sich nur um eines dieser Gewitter, einen durchschnittlichen Sturm handelte, der abklänge und bei Tageslicht vergessen sei.
Er horchte auf die Wellen und bebte, wenn die Wucht der Schläge zunahm, verschränkte seine Arme fester um den schmalen Körper.
Doch auch wenn die grimmige Kraft abnahm, fühlte er keine Erleichterung, verspannte sich nur noch mehr mit der unheilvollen Ahnung, dass es sich doch lediglich um eine Atempause handelte, um einen Moment der Stille, der umso furchterregender erschien mit dem sicheren Wissen, dass er wieder verginge und dem Chaos von neuem Platz einräumte.
Obwohl der Junge wusste, dass die Nacht ihr Ende fände, wusste er doch mit eben solcher Sicherheit auch, dass der Schrecken ihrem Beispiel nicht folgen werde.
Die Angst blieb, die Vorahnung gehörte zu seinem Leben, zu der Dunkelheit, die ihn umschloss. Und auch wenn er vermutete, dass ihn das Unwetter, der Hagel, der doch Auslöser seiner Furcht sein sollte, ihn vor dem anderen, dem wahren Schrecken bewahrte, so war er sich nicht sicher, ob er der einen oder der anderen Alternative den Vorzug geben sollte.
In einer Nacht wie dieser, in der das Haus in der Gewalt der Natur zitterte, hatte er – der Mann – alle Hände voll zu tun. Dass er zu dem Jungen käme, schien unlogisch. Er hatte eine Frau und der Junge hörte sie manchmal weinen. Sie war eine zarte, schwache Frau. Sie weinte viel. Und wenn sie sich fürchtete, dann war der Mann gezwungen, bei ihr zu bleiben. Er musste sie halten und trösten, denn letztlich war es das, was er einst vor Kirche und Welt geschworen hatte.
Der Junge konnte sich beinahe sicher sein, dass die großen Hände des Mannes in einer solchen Nacht beschäftigt waren. Und er wollte nicht darüber nachdenken, womit sie sich beschäftigten, über wessen Haut sie glitten, wessen Beine sie gewaltsam spreizten und wessen Körper sie beschmutzten, bis keine Seife mehr die Schande abwaschen konnte.
Der Junge wusste, dass die Frau wusste. Und er wusste, dass sie insgeheim froh darüber war, wenn ihr die Schande erspart blieb, wenn der Mann sich in einen anderen Raum des Hauses aufmachte, um zu finden, was er suchte.
Und ein Teil von ihm konnte es ihr nicht einmal übel nehmen. Ein Teil von ihm verstand, warum sie wegsah, warum sie stillschweigend akzeptierte. Auch wenn ein anderer Teil von ihm sich gegen das Verstehen aufbäumte, ihr stumm, mit Blicken nur, die Vorwürfe entgegen schleuderte, die er nie wagte, dem Mann gegenüber zu äußern.
Der Junge kauerte sich zusammen. Er fürchtete sich vor dem Hagel. Und er fürchtete sich vor den Schritten, die den ohrenbetäubenden Lärm in seinem Kopf übertönten.
Vielleicht gelang es dem Mann doch. Vielleicht brachte er seine Frau dazu einzuschlafen und stahl sich fort. Wie er es in so vielen Nächten tat. Vielleicht betäubte er sie, vielleicht schlug er sie nieder. Es gab nichts, was der Junge dem Mann nicht zutraute. Er ließ sich nicht aufhalten, gebärdete sich selbst als eine Naturgewalt, der sich niemand zu widersetzten wagte. Es half nicht, sich unter einem Dach zu verstecken. Das Dach erhielt im Laufe der Zeit Risse und Schrammen. Es brach auf und ließ es zu, von innen zerstört zu werden.
Es halb nicht, sich unter einer Decke zu verstecken. Der Mann riss sie einfach fort, warf sie zu Boden, zeigte dem Jungen, dass es keinen Schutz gab. Dass nichts und niemand ihn schützen konnten. Und dass es keinen anderen Weg gab, als den, stumm zu erdulden.
Auf Hoffnung, auf Rettung zu warten, bedeutete die sinnlose Verschwendung kostbarer, letzter Reserven. Bänder, an denen er sich festzuhalten suchte, wenn alles unter ihm zusammenfiel und er nur zusehen konnte, wie er tiefer und tiefer stürzte, auf den Aufprall wartete und zugleich wusste, dass er ihn nie erlebte. Sein Leben war nur ein endloser Fall, der keinen Anfang und kein Ende kannte. Manchmal fiel er schneller, manchmal sank er unerträglich langsam. Und immer wartete er, immer wartete er auf etwas Schlimmeres. Etwas, das er sich nicht auszumalen wagte.
Diese Furcht erstickte ihn, wenn er darauf lauschte, wie die Tür langsam aufgeschoben wurde, wie das Holz über den Boden schabte und wie große Füße sich vergeblich darum bemühten, leise zu bleiben. Es gelang ihnen nie. Ebenso wenig wie es dem Mann gelang, die Geräusche zu unterdrücken, die sich aus seiner Kehle empor quälten. Und ebenso wenig wie es dem Jungen gelang den Schmerz beiseite zu schieben und sich das Wimmern zu verbeißen, das trotz der Hand auf seinem Mund den Weg in die Welt suchte.
Der Junge saß im Bett und bebte und lauschte. Der Hagel hörte nicht auf damit, seine Stärke zu beweisen, seine Ausdauer und seine Kraft. Und der Junge fürchtete sich, obgleich er sich in dieser Nacht nicht fürchten wollte. Doch seine Furcht trug zu viele Gesichter. Er konnte ihr nicht Herr werden, konnte nie über sie triumphieren. Er war schwach und klein. Und schuldig. Der Junge weinte.
Sonntag, 27. Juni 2010
Bann
Titel: Bann
Autor: callisto24
* * *
Niemand sagte jemals, dass es einfach sei. Niemand käme jemals auf die Idee, eine derart absurde Behauptung aufzustellen.
Manchmal fragte sich Flora, wer daran die Schuld trug, dass Behauptungen wie diese überhaupt im allgemeinen Bewusstsein vorhanden waren.
Das Leben war nie einfach. Es lang nicht in der Natur der Sache. Aber dass es für sie so besonders schwierig sein musste, beinhaltete doch ein Höchstmaß an Ungerechtigkeit. Niemand bestritt das, niemand sollte es jemals wagen, das zu bestreiten.
Sicher, es gab Schlimmeres. Flora war die Letzte, die bestritt, wie viel Elend auf der Welt existierte und in welch einer glücklichen Lage sie selbst sich befand.
Nichtsdestotrotz wagte sie es manchmal auch, an eine ausgleichende Gerechtigkeit zu glauben. So schräg und seltsam die Möglichkeit im Angesicht der unterschiedlichen Gesichter, die der Schrecken trug, erscheinen mochte.
Flora dachte sich dann insgeheim, dass die Auswüchse, mit der die Gesellschaft zu kämpfen hatte, nur ein Gegengewicht boten zu dem überdimensionalen Glück, das eigentlich jeder zu empfinden, die Pflicht hätte. In einem Leben, das keinen Hunger kannte, in dem ärztliche Versorgung dafür sorgte, dass Schmerzen erträglich, Krankheiten behandelbar bleiben sollten, bestand kein Recht zur Klage. Natürlich beklagten sich die Menschen trotzdem, es lag in ihrem Wesen. Und vielleicht, wenn man Gerüchten Glauben schenken wollte, beklagten sie sich sogar mehr als Menschen, die eigentlich jeden Grund zur Beschwerde hätten.
Denn in anderen Teilen der Welt stellte sich das Leben nicht so leicht dar, glich eher einem harten Kampf, körperlicher Arbeit und der täglichen Konfrontation mit Katastrophen. In jedem Fall erheblich miserabler als ihre eigenen Aussichten. Bedachte sie zudem noch die Gefahren, die Krankheiten mit sich zogen, Kriege oder Gewalt durch Waffen und Hass verstärkt.
Was sollte sie demnach anderes denken, als dass die unerträglichen Qualen, die sie selbst gelegentlich heimsuchten nur Konsequenz und ein geringer Preis für den Luxus war, in dem sie schwelgen durfte.
Qualen, von denen sie zudem den Verdacht hegte, dass sie sich ihnen mehr oder weniger freiwillig aussetzte. Es musste doch möglich sein, den Ärger in den Griff zu bekommen. Jeder sagte das, immer wieder.
Nun, jeder hatte das gesagt, bevor einer nach dem anderen die Hoffnung aufgegeben hatte, sich von ihr abwandte und sie letztlich alleine in ihrem Elend weiterschwelgen ließ.
Zugegeben, mit Neurosen zu leben, war schwer genug. Mit jemandem zu leben, der unter Neurosen litt oder sich spaßeshalber damit herum schlug, dürfte noch erheblich schwerer sein.
Das hatte sich Flora mehr als einmal sagen lassen. Nicht unbedingt freiwillig, und nicht, dass es etwas geholfen hatte. Aber die Meinungen darüber, was ihr helfen konnte, gingen doch weit auseinander.
Da gab es die Hilfsangebote. Hilfsangebote halfen natürlich nicht, weil sie die Neurosen zu leicht unterstützten, wenn nicht gar verstärkten. Andererseits halfen sie in dem Moment der Qual außerordentlich. Nichts half mehr, als die Möglichkeit, der Furcht fliehen zu können. Und so nahm Flora auch jedes Angebot und jede Möglichkeit wahr. Selbst in dem Wissen, dadurch noch tiefer in den Abgrund zu rutschen, der sich so düster und neblig vor ihr auftat.
Aussprachen waren unmöglich. Zu unangenehm, zu peinlich, zu persönlich kamen ihr ihre Schwierigkeiten vor, als dass sie in der Lage wäre, darüber sprechen zu können.
Sich den eigenen Weg zu bahnen, auf eingefahrenen Pfaden die Routinen anzugewöhnen und in ihnen die Sicherheit zu gewinnen, die für ihr Überleben notwendig zeigten, stellte sich nicht nur als notwendig sondern auch als alternativlos dar.
Natürlich wusste sie sehr gut, dass die Routine keine war. Dass sich die Situation verschlimmerte, je weiter sie ging, dass sie wie ein Drogensüchtiger tiefer und tiefer rutschte, mehr Stoff brauchte, mehr Wahnsinn, mehr verrückte Angewohnheiten. Verrückt, das sah sie selbst deutlich. Und doch, oder gerade aus diesem Grund konnte sie die Angewohnheiten nicht stoppen, keiner von ihnen Einhalt gebieten. Im Gegenteil, je mehr sie es sich wünschte, desto schwieriger wurde es. Desto unmöglicher dem Drill zu entkommen.
Fing der Zwang als eine leichte, neckische Geste an, so bestand jederzeit die Möglichkeit, dass sie sich in absoluten Wahnsinn umkehrte, in vollkommen verrückte Rituale, Bewegungen oder gar Äußerungen, über die ihr jede Kontrolle abgingen.
Irgendwann entbehrte das Ganze jeden Sinns und sie wusste sehr gut, dass sie selbst sich in das Dilemma hineinmanövriert hatte, dass ihre Schwäche den Weg geebnet hatte für den Kontrollverlust.
Und egal wie sehr sie sich auch vornahm, dieser Schwäche Herr zu werden, das Ziel war von Anfang an unerreichbar.
Es war ihr Wahnsinn und sie musste damit zurechtkommen. Und der Wahnsinn in sich besaß Methode. Eine ganz eigene, die niemand außer ihr verstehen konnte. Und manchmal verstand sie selbst dieselbe auch nicht.
Beinahe komisch, wenn jemand sie darauf ansprach, wenn ihre Mutter, in dem Bestreben, ihr behilflich zu sein, den einen oder anderen Vorschlag unterbreitete, der soweit von allem abwich, was sie sich ausmalte, dass sie eigentlich lachen müsste, wäre alles nicht gar so traurig gewesen.
Oder ein Vorschlag traf so nahe an die Problematik, dass sie fast in Versuchung kam, das Angebot zu akzeptieren. Doch auch, wenn sie es nicht schaffte, wenn sie stark genug war, abzulehnen, der zwanghaften Handlung, die ihr auf dem Silbertablett präsentiert wurde, nach der sie nur die Hand auszustrecken bräuchte, das Nein entgegen zu schleudern, blieb der Gedanke in ihrem Kopf bestehen. Und der Gedanke war es, der zählte. Er war das Übel, um ihn ging es und letztendlich darum, ihn aus dem Kopf zu verbannen.
Oder den Verstand einzusetzen, der versuchte, sie davon zu überzeugen, wie wichtig, geradezu lebenswichtig es sei, ausgerechnet diese Handlung, diese absurde Tat auszuführen.
Der Verstand half nicht, er war die Ursache. Die Gedanken, die im Kopf kreisten und wirbelten, spielten verrückt. Und mit jedem Tag wuchs der Irrsinn an. Mit jedem Mal, an dem sie sich den Gedanken unterwarf, sank sie tiefer in Richtung der Hölle.
Auch wenn der Verstand ihr einzutrichtern versuchte, dass die Hölle sie ereile, sobald sie ihren Gedanken, ihren inneren, absurden Kommandos nicht mehr gehorchte. Die Angst wuchs mit dem Irrsinn. Und die Hölle näherte sich. Längst schwamm sie im Abgrund, näherte sich dem Boden, zappelte wild, während Schlingpflanzen sie umfingen und tiefer zogen. Immer tiefer hinab in das grausige, trübe Wasser.
Flora versuchte zu atmen, doch sie konnte es nicht. Ihre Lungen füllten sich mit Wasser, ihre Glieder wurden schwer mit der Anstrengung, dem nicht enden wollenden, vergeblichen Versuch, sich zu befreien.
Und doch spürte sie selbst, dass der Versuch sich als halbherzig entpuppte. Sie zappelte, aber es lag nicht die Kraft darin, die nötig war, um auch nur dem schwachen Versuch zu entsprechen, der sie tatsächlich befreien könnte.
Vielleicht wollte sie tiefer sinken, sehnte sich danach aufzugeben, Ruhe zu finden, ihren Kopf auf den kühlen Grund des Sees zu betten und einfach abzuwarten, bis alles zu Ende war.
Und doch spürte sie den Funken in sich, der ihr verbot loszulassen, der ihr verbot, die Anstrengung schleifen zu lassen. Es war noch nicht an der Zeit, dem endlosen Schlaf zu begegnen, nicht an der Zeit, das Ruder herumzureißen oder den Fall zu beenden.
Sie sank tiefer und konnte es nicht aufhalten. Ihre Versuche erstarben im schwachen Zucken der Füße und Hände. Doch auch dafür fehlten ihr Kraft und Energie. Oder auch nur der Antrieb. Der letzte Schub, den sie lange genug nicht mehr gefühlt hatte, um zu glauben, dass er längst in ihr zerbröckelt war.
Die Erschöpfung war stärker, stärker als jeder Wunsch, jede Sehnsucht, jedes andere ihrer verkümmerten Gefühle. Der schwache Funke kämpfte dagegen an. Das instinktive Bedürfnis zu überleben, den Schrecken zu überwinden, dem Horror die Stirn zu bieten und die Hoffnung zu nähren mit dem vagen Glauben, als könne die Zukunft eines Tages anders aussehen, erlaubte Flora nicht aufzugeben.
Er blitzte und blinkte gegen die Dunkelheit an, stach sie von innen, stachelte sie an, dem Verlangen nach Luft Nahrung zu geben.
Und nicht zuletzt scheute sie das ungeklärte Rätsel, das mit der letzten Aufgabe verbunden war. Sie fürchtete die unvermeidlichen Folgen, den Schritt in das Nichts. Aber noch viel mehr widerstrebte ihr der Akt an sich, die letzte Mühe, die sie schlichtweg als Zumutung empfand. Warum musste alles so schwer für sie sein? Sie war der Anstrengungen so furchtbar müde. Jede Bewegung schmerzte, vollkommen egal in welche Richtung sie ging.
Sogar das Aufgeben war ihr versagt. Und die Energie, mit ihrem Schicksal zu hadern, fehlte ihr ebenso.
Flora sank tiefer, wurde gezogen und glitt aus freiem Willen. Die Unterschiede verschwammen, so wie ihr Leben vor ihren Augen verschwamm. Sie sah nur noch Grün vor sich, Blätter und Halme, die in der kühlen Flüssigkeit schwebten. Vor ihren Augen verschlangen sie ineinander, bildeten Formen, die ihr bislang unbekannt waren. Farben flossen ineinander. Neuartige Geschöpfe schufen sich selbst aus dem Grün, aus dem Wasser und den schillernden Strömen, die es verfärbten, wie Regenbögen durchfuhren und eine Spur des Lebens zurückließen. Es bewegte sich, strebte nach oben, suchte einen Ausweg. Und Britta konnte nicht anders, als es zu betrachten, mit offenem Mund den Weg zu verfolgen, den es zurücklegte.
Wasser füllte ihre Mundhöhle, ihre Lungen und das Zappeln, die vergeblichen Versuche, sich zu befreien, waren wie ohne ihr Zutun zum Stillstand gekommen. Ruhig trieb sie dahin, ihre Zehen berührten den schlammigen Grund, während ihre Augen den Gestalten folgten, die sich entfalteten, aufleuchteten, bevor sie in die Höhe entschwebten. Perfektion und Fragilität in einem. Filigran genug, dass sie sich sorgte, ob sie den Übertritt in eine andere Welt, in die außerhalb der flüssigen Existenz überstünden. Und doch wunderschön und fesselnd. Flora konnte ihre Augen nicht schließen. Der Schlamm floss um ihre Füße, griff nach ihren Knien und sie spürte den Sog in die Tiefe. Fast dankbar senkte sie den Kopf. Dankbar, dass sie noch einen Blick auf ein Wunder zu werfen vermocht hatte, bevor ihr die Entscheidung abgenommen wurde. Dankbar, dass sie fühlte wie der letzte Tropfen eines einst vorhandenen Selbsterhaltungstriebs im dunklen Grund versickerte. Dankbar für die Kraftlosigkeit, die es ihr erlaubte, die Wellen über sich zusammenschlagen zu sehen, ohne dass sich ein anderes Gefühl in ihr aufbäumte, als das endloser Erleichterung. Kein Zweifel mehr, keine Reue, kein Leid. Flora schloss die Augen und versank. Weicher Schlamm streichelte ihre Haut, drang in ihre Nase, in ihre Ohren, bedeckte ihren Kopf und ihr Haar. Sie streckte ihre Arme aus und begann damit, sich aufzulösen, sich in der Substanz zu verlieren.
Doch in diesem Augenblick berührten warme Fingerspitzen ihre eigenen erkalteten, sandten Schockwellen durch den Körper, der sich lose zusammenzuhalten suchte.
Flora riss ihre Augen auf. Olivfarbener Samt streifte ihre Augäpfel, verbot ihr die Sicht und kitzelte sachte ihre Wimpern. Und dann wurden die Fingerspitzen zu Händen, die ihre Gelenke packten, die sie hochzogen, höher als sie erwartet oder gewünscht hätte. Ihre Haut streifte den Schlamm ab, als sei er nur eine Illusion gewesen, als ihr Körper höher stieg, das Wasser zerteilte, der Luft und dem Licht entgegen strebte.
Und noch während Flora sich sträubte, wuchs in ihr ein zarter Keim heran, der von den Möglichkeiten sprach, die immer noch für sie existierten. Die nie aufgehört hatten zu existieren, die sie lediglich nicht sehen konnte oder wollte. Nicht bis zu diesem Moment, in dem sie jemand ergriff und aus der Dunkelheit hob. Hoch genug erhob, dass die Flüssigkeiten zusammen mit dem mörderischen Gewicht ihren Körper verließen, dass sie die Wirklichkeit sehen konnte, als erblicke sie zum ersten Mal eine Wahrheit, die sie sich bislang geweigert hatte zu erkennen.
Und die Schwere wich von ihr.
Niemand hatte gesagt, dass es einfach sei. Niemand ihr gesagt, in welche Tiefen sie hinabsteigen müsse, um sich selbst in den Abgründen ihrer Seele wiederzufinden. Niemand hatte ihr gesagt, dass sie es lernen würde, damit zu leben, das Gewicht zu tragen und weiter zu tragen, bis zu ihrem Tod und darüber hinaus.
Autor: callisto24
* * *
Niemand sagte jemals, dass es einfach sei. Niemand käme jemals auf die Idee, eine derart absurde Behauptung aufzustellen.
Manchmal fragte sich Flora, wer daran die Schuld trug, dass Behauptungen wie diese überhaupt im allgemeinen Bewusstsein vorhanden waren.
Das Leben war nie einfach. Es lang nicht in der Natur der Sache. Aber dass es für sie so besonders schwierig sein musste, beinhaltete doch ein Höchstmaß an Ungerechtigkeit. Niemand bestritt das, niemand sollte es jemals wagen, das zu bestreiten.
Sicher, es gab Schlimmeres. Flora war die Letzte, die bestritt, wie viel Elend auf der Welt existierte und in welch einer glücklichen Lage sie selbst sich befand.
Nichtsdestotrotz wagte sie es manchmal auch, an eine ausgleichende Gerechtigkeit zu glauben. So schräg und seltsam die Möglichkeit im Angesicht der unterschiedlichen Gesichter, die der Schrecken trug, erscheinen mochte.
Flora dachte sich dann insgeheim, dass die Auswüchse, mit der die Gesellschaft zu kämpfen hatte, nur ein Gegengewicht boten zu dem überdimensionalen Glück, das eigentlich jeder zu empfinden, die Pflicht hätte. In einem Leben, das keinen Hunger kannte, in dem ärztliche Versorgung dafür sorgte, dass Schmerzen erträglich, Krankheiten behandelbar bleiben sollten, bestand kein Recht zur Klage. Natürlich beklagten sich die Menschen trotzdem, es lag in ihrem Wesen. Und vielleicht, wenn man Gerüchten Glauben schenken wollte, beklagten sie sich sogar mehr als Menschen, die eigentlich jeden Grund zur Beschwerde hätten.
Denn in anderen Teilen der Welt stellte sich das Leben nicht so leicht dar, glich eher einem harten Kampf, körperlicher Arbeit und der täglichen Konfrontation mit Katastrophen. In jedem Fall erheblich miserabler als ihre eigenen Aussichten. Bedachte sie zudem noch die Gefahren, die Krankheiten mit sich zogen, Kriege oder Gewalt durch Waffen und Hass verstärkt.
Was sollte sie demnach anderes denken, als dass die unerträglichen Qualen, die sie selbst gelegentlich heimsuchten nur Konsequenz und ein geringer Preis für den Luxus war, in dem sie schwelgen durfte.
Qualen, von denen sie zudem den Verdacht hegte, dass sie sich ihnen mehr oder weniger freiwillig aussetzte. Es musste doch möglich sein, den Ärger in den Griff zu bekommen. Jeder sagte das, immer wieder.
Nun, jeder hatte das gesagt, bevor einer nach dem anderen die Hoffnung aufgegeben hatte, sich von ihr abwandte und sie letztlich alleine in ihrem Elend weiterschwelgen ließ.
Zugegeben, mit Neurosen zu leben, war schwer genug. Mit jemandem zu leben, der unter Neurosen litt oder sich spaßeshalber damit herum schlug, dürfte noch erheblich schwerer sein.
Das hatte sich Flora mehr als einmal sagen lassen. Nicht unbedingt freiwillig, und nicht, dass es etwas geholfen hatte. Aber die Meinungen darüber, was ihr helfen konnte, gingen doch weit auseinander.
Da gab es die Hilfsangebote. Hilfsangebote halfen natürlich nicht, weil sie die Neurosen zu leicht unterstützten, wenn nicht gar verstärkten. Andererseits halfen sie in dem Moment der Qual außerordentlich. Nichts half mehr, als die Möglichkeit, der Furcht fliehen zu können. Und so nahm Flora auch jedes Angebot und jede Möglichkeit wahr. Selbst in dem Wissen, dadurch noch tiefer in den Abgrund zu rutschen, der sich so düster und neblig vor ihr auftat.
Aussprachen waren unmöglich. Zu unangenehm, zu peinlich, zu persönlich kamen ihr ihre Schwierigkeiten vor, als dass sie in der Lage wäre, darüber sprechen zu können.
Sich den eigenen Weg zu bahnen, auf eingefahrenen Pfaden die Routinen anzugewöhnen und in ihnen die Sicherheit zu gewinnen, die für ihr Überleben notwendig zeigten, stellte sich nicht nur als notwendig sondern auch als alternativlos dar.
Natürlich wusste sie sehr gut, dass die Routine keine war. Dass sich die Situation verschlimmerte, je weiter sie ging, dass sie wie ein Drogensüchtiger tiefer und tiefer rutschte, mehr Stoff brauchte, mehr Wahnsinn, mehr verrückte Angewohnheiten. Verrückt, das sah sie selbst deutlich. Und doch, oder gerade aus diesem Grund konnte sie die Angewohnheiten nicht stoppen, keiner von ihnen Einhalt gebieten. Im Gegenteil, je mehr sie es sich wünschte, desto schwieriger wurde es. Desto unmöglicher dem Drill zu entkommen.
Fing der Zwang als eine leichte, neckische Geste an, so bestand jederzeit die Möglichkeit, dass sie sich in absoluten Wahnsinn umkehrte, in vollkommen verrückte Rituale, Bewegungen oder gar Äußerungen, über die ihr jede Kontrolle abgingen.
Irgendwann entbehrte das Ganze jeden Sinns und sie wusste sehr gut, dass sie selbst sich in das Dilemma hineinmanövriert hatte, dass ihre Schwäche den Weg geebnet hatte für den Kontrollverlust.
Und egal wie sehr sie sich auch vornahm, dieser Schwäche Herr zu werden, das Ziel war von Anfang an unerreichbar.
Es war ihr Wahnsinn und sie musste damit zurechtkommen. Und der Wahnsinn in sich besaß Methode. Eine ganz eigene, die niemand außer ihr verstehen konnte. Und manchmal verstand sie selbst dieselbe auch nicht.
Beinahe komisch, wenn jemand sie darauf ansprach, wenn ihre Mutter, in dem Bestreben, ihr behilflich zu sein, den einen oder anderen Vorschlag unterbreitete, der soweit von allem abwich, was sie sich ausmalte, dass sie eigentlich lachen müsste, wäre alles nicht gar so traurig gewesen.
Oder ein Vorschlag traf so nahe an die Problematik, dass sie fast in Versuchung kam, das Angebot zu akzeptieren. Doch auch, wenn sie es nicht schaffte, wenn sie stark genug war, abzulehnen, der zwanghaften Handlung, die ihr auf dem Silbertablett präsentiert wurde, nach der sie nur die Hand auszustrecken bräuchte, das Nein entgegen zu schleudern, blieb der Gedanke in ihrem Kopf bestehen. Und der Gedanke war es, der zählte. Er war das Übel, um ihn ging es und letztendlich darum, ihn aus dem Kopf zu verbannen.
Oder den Verstand einzusetzen, der versuchte, sie davon zu überzeugen, wie wichtig, geradezu lebenswichtig es sei, ausgerechnet diese Handlung, diese absurde Tat auszuführen.
Der Verstand half nicht, er war die Ursache. Die Gedanken, die im Kopf kreisten und wirbelten, spielten verrückt. Und mit jedem Tag wuchs der Irrsinn an. Mit jedem Mal, an dem sie sich den Gedanken unterwarf, sank sie tiefer in Richtung der Hölle.
Auch wenn der Verstand ihr einzutrichtern versuchte, dass die Hölle sie ereile, sobald sie ihren Gedanken, ihren inneren, absurden Kommandos nicht mehr gehorchte. Die Angst wuchs mit dem Irrsinn. Und die Hölle näherte sich. Längst schwamm sie im Abgrund, näherte sich dem Boden, zappelte wild, während Schlingpflanzen sie umfingen und tiefer zogen. Immer tiefer hinab in das grausige, trübe Wasser.
Flora versuchte zu atmen, doch sie konnte es nicht. Ihre Lungen füllten sich mit Wasser, ihre Glieder wurden schwer mit der Anstrengung, dem nicht enden wollenden, vergeblichen Versuch, sich zu befreien.
Und doch spürte sie selbst, dass der Versuch sich als halbherzig entpuppte. Sie zappelte, aber es lag nicht die Kraft darin, die nötig war, um auch nur dem schwachen Versuch zu entsprechen, der sie tatsächlich befreien könnte.
Vielleicht wollte sie tiefer sinken, sehnte sich danach aufzugeben, Ruhe zu finden, ihren Kopf auf den kühlen Grund des Sees zu betten und einfach abzuwarten, bis alles zu Ende war.
Und doch spürte sie den Funken in sich, der ihr verbot loszulassen, der ihr verbot, die Anstrengung schleifen zu lassen. Es war noch nicht an der Zeit, dem endlosen Schlaf zu begegnen, nicht an der Zeit, das Ruder herumzureißen oder den Fall zu beenden.
Sie sank tiefer und konnte es nicht aufhalten. Ihre Versuche erstarben im schwachen Zucken der Füße und Hände. Doch auch dafür fehlten ihr Kraft und Energie. Oder auch nur der Antrieb. Der letzte Schub, den sie lange genug nicht mehr gefühlt hatte, um zu glauben, dass er längst in ihr zerbröckelt war.
Die Erschöpfung war stärker, stärker als jeder Wunsch, jede Sehnsucht, jedes andere ihrer verkümmerten Gefühle. Der schwache Funke kämpfte dagegen an. Das instinktive Bedürfnis zu überleben, den Schrecken zu überwinden, dem Horror die Stirn zu bieten und die Hoffnung zu nähren mit dem vagen Glauben, als könne die Zukunft eines Tages anders aussehen, erlaubte Flora nicht aufzugeben.
Er blitzte und blinkte gegen die Dunkelheit an, stach sie von innen, stachelte sie an, dem Verlangen nach Luft Nahrung zu geben.
Und nicht zuletzt scheute sie das ungeklärte Rätsel, das mit der letzten Aufgabe verbunden war. Sie fürchtete die unvermeidlichen Folgen, den Schritt in das Nichts. Aber noch viel mehr widerstrebte ihr der Akt an sich, die letzte Mühe, die sie schlichtweg als Zumutung empfand. Warum musste alles so schwer für sie sein? Sie war der Anstrengungen so furchtbar müde. Jede Bewegung schmerzte, vollkommen egal in welche Richtung sie ging.
Sogar das Aufgeben war ihr versagt. Und die Energie, mit ihrem Schicksal zu hadern, fehlte ihr ebenso.
Flora sank tiefer, wurde gezogen und glitt aus freiem Willen. Die Unterschiede verschwammen, so wie ihr Leben vor ihren Augen verschwamm. Sie sah nur noch Grün vor sich, Blätter und Halme, die in der kühlen Flüssigkeit schwebten. Vor ihren Augen verschlangen sie ineinander, bildeten Formen, die ihr bislang unbekannt waren. Farben flossen ineinander. Neuartige Geschöpfe schufen sich selbst aus dem Grün, aus dem Wasser und den schillernden Strömen, die es verfärbten, wie Regenbögen durchfuhren und eine Spur des Lebens zurückließen. Es bewegte sich, strebte nach oben, suchte einen Ausweg. Und Britta konnte nicht anders, als es zu betrachten, mit offenem Mund den Weg zu verfolgen, den es zurücklegte.
Wasser füllte ihre Mundhöhle, ihre Lungen und das Zappeln, die vergeblichen Versuche, sich zu befreien, waren wie ohne ihr Zutun zum Stillstand gekommen. Ruhig trieb sie dahin, ihre Zehen berührten den schlammigen Grund, während ihre Augen den Gestalten folgten, die sich entfalteten, aufleuchteten, bevor sie in die Höhe entschwebten. Perfektion und Fragilität in einem. Filigran genug, dass sie sich sorgte, ob sie den Übertritt in eine andere Welt, in die außerhalb der flüssigen Existenz überstünden. Und doch wunderschön und fesselnd. Flora konnte ihre Augen nicht schließen. Der Schlamm floss um ihre Füße, griff nach ihren Knien und sie spürte den Sog in die Tiefe. Fast dankbar senkte sie den Kopf. Dankbar, dass sie noch einen Blick auf ein Wunder zu werfen vermocht hatte, bevor ihr die Entscheidung abgenommen wurde. Dankbar, dass sie fühlte wie der letzte Tropfen eines einst vorhandenen Selbsterhaltungstriebs im dunklen Grund versickerte. Dankbar für die Kraftlosigkeit, die es ihr erlaubte, die Wellen über sich zusammenschlagen zu sehen, ohne dass sich ein anderes Gefühl in ihr aufbäumte, als das endloser Erleichterung. Kein Zweifel mehr, keine Reue, kein Leid. Flora schloss die Augen und versank. Weicher Schlamm streichelte ihre Haut, drang in ihre Nase, in ihre Ohren, bedeckte ihren Kopf und ihr Haar. Sie streckte ihre Arme aus und begann damit, sich aufzulösen, sich in der Substanz zu verlieren.
Doch in diesem Augenblick berührten warme Fingerspitzen ihre eigenen erkalteten, sandten Schockwellen durch den Körper, der sich lose zusammenzuhalten suchte.
Flora riss ihre Augen auf. Olivfarbener Samt streifte ihre Augäpfel, verbot ihr die Sicht und kitzelte sachte ihre Wimpern. Und dann wurden die Fingerspitzen zu Händen, die ihre Gelenke packten, die sie hochzogen, höher als sie erwartet oder gewünscht hätte. Ihre Haut streifte den Schlamm ab, als sei er nur eine Illusion gewesen, als ihr Körper höher stieg, das Wasser zerteilte, der Luft und dem Licht entgegen strebte.
Und noch während Flora sich sträubte, wuchs in ihr ein zarter Keim heran, der von den Möglichkeiten sprach, die immer noch für sie existierten. Die nie aufgehört hatten zu existieren, die sie lediglich nicht sehen konnte oder wollte. Nicht bis zu diesem Moment, in dem sie jemand ergriff und aus der Dunkelheit hob. Hoch genug erhob, dass die Flüssigkeiten zusammen mit dem mörderischen Gewicht ihren Körper verließen, dass sie die Wirklichkeit sehen konnte, als erblicke sie zum ersten Mal eine Wahrheit, die sie sich bislang geweigert hatte zu erkennen.
Und die Schwere wich von ihr.
Niemand hatte gesagt, dass es einfach sei. Niemand ihr gesagt, in welche Tiefen sie hinabsteigen müsse, um sich selbst in den Abgründen ihrer Seele wiederzufinden. Niemand hatte ihr gesagt, dass sie es lernen würde, damit zu leben, das Gewicht zu tragen und weiter zu tragen, bis zu ihrem Tod und darüber hinaus.
Abonnieren
Posts (Atom)