Titel: Fremd
Autor: callisto24
* * *
Nichts ist so wie es erscheint. Die Welt unter Münchens leuchtender Decke splitterte sich auf in unzählige Facetten und nur eine einzige davon gehörte zu ihm. Eine der Welten, die Menschen wie ihn umschlossen, einschlossen, Menschen, die keine Heimat mehr hatten, die vor Armut oder Verfolgung flohen und ohne Chance auf Asyl ihr Leben im Dunst des Illegalen verlebten, war seine.
Warum auch, so fragte er, sollte er nicht das Recht besitzen, sich sein Leben nach eigenen Maßstäben einzurichten. Wie jeder andere es durfte, jeder, der in einem freien Land lebte. Warum sollte es ihm nicht erlaubt sein, das Glück zu suchen und zu finden?
Auch wenn nichts dem Bild glich, das man ihm vom Paradies gemalt hatte. Manchmal lachte er fast, dachte er daran. Doch nur fast.
Wie naiv doch die Sicht aus seiner Welt auf die erschien, in der er jetzt lebte.
Sicher, er hatte es geschafft, er konnte sich glücklich schätzen. Selbst jetzt, mit dem Wissen von allem, was ihm fehlte, der festen Überzeugung, dass er niemals dazugehörte, dass er ohne Papiere ein stetes Leben auf der Flucht vor dem Gesetz führte, fiel es ihm nicht ein, seine Entscheidung auch nur eine Minute lang anzuzweifeln.
Auch wenn sein Leben in nichts dem derer glich, die von ihm nichts wussten. Jenem Teil der Bevölkerung, der sich nicht fragen musste, wann er entdeckt und über die Grenze katapultiert, manövriert oder geschifft wurde.
Jenem, der es nicht gewohnt war, dass sein Gegenüber die Augen niederschlug, noch bevor er ihm beweisen konnte, dass er selbst dem Blick jedes anderen aus reiner Notwendigkeit auswich.
Schwer war es. Aber er war jung. Und sie waren Freunde. Sie wussten von seiner Schüchternheit. Sie wussten, dass sie ihn schubsen mussten. Also schubsten sie, bis er auf diese Frau traf. Diese Frau, die sie ansah, die sie alle musterte. Und die lächelte.
Fremde Frauen in einem fremden Land, hellhäutig und geheimnisvoll. Und betrunken. Denn auch dies war ein Teil des Luxus, der gleichzeitig anzog und abstieß. Manchmal war es nicht schlecht zu wissen, dass die Sprache, in der sie sich unterhielten, nicht verstanden wurde.
Und sie fühlten sich gut. Es war einer dieser Abende, in denen sie sicher sein durften.
Der Dezember bot so viele Möglichkeiten, sich in der Anonymität der Stadt zu verlieren. Die Menschen trugen einen seligen Ausdruck freudiger Erwartung in ihren glänzenden, hellen Gesichtern, oder sie wirkten verloren in der Hektik der Festtagseinkäufe, stürmten an Menschen, an Wundern vorbei, ohne sie zu registrieren, die Lippen verbissen zusammengepresst. Manche drängten sich rücksichtslos vorwärts, jagten einem unerreichbaren Ziel hinterher.
Selten, dass jemand sich die Zeit nahm, den Glanz und den Schmuck offen zu betrachten. Selten, dass jemand lächelte.
Nicht einmal zu einer Zeit wie dieser. Nicht einmal am Abend, der doch dem Ausklang eines Tages gewidmet sein sollte.
Mit einem staunenden und einem ungläubigen Auge beobachtete er, wie die Menschen sich an den duftenden und funkelnden Buden vorbeileiten ließen. Er bemerkte wie sie sich selbst die Zeit stahlen, dass einmal kurz innezuhalten den Preis bereits in sich trug.
Er verstand nie, warum sie ihn bezahlten, warum sie Tag für Tag mit diesen leeren Gesichtern durch eine Welt hetzten, die eigentlich so viel besser sein sollte als seine.
Sie kleideten sich dunkel und grau. Sie trugen ihre schlechte Laune vor sich her wie einen Schild. Sie ehrten und verehrten die Depression, die sie zwischen den Steinklötzen festhielt. Doch wer war er, um darüber zu urteilen? Untergehen in der Menge bedeutete auch den Abschied von den Farben, die trotz des Verfalls, des Schmerzes und den Drohungen, die seine Heimat überschatteten, wie frohe Tupfer dem Bösen zu widerstehen suchten.
Aber frohe Tupfer passten nicht in diese Welt. Und so wurden sie auch zu einem Teil der Gesellschaft, an der Oberfläche.
Und leichter als jeden anderen konnten sie diese Frau täuschen. Er ahnte, dass sie ihn für ein Symbol verwehender amerikanischer Besatzungstruppen hielt, dass der Schein ihm half, in den Augen der westlichen Welt akzeptiert zu werden.
Die Frau ging an ihnen vorbei. Sie lachte nun, hinein in ihre Tasse, deren Inhalt noch ein wenig dampfte. Ihr Atem war in der Kälte zu sehen und dennoch hatte sie den Mantel aufgeknöpft, den Schal gelöst.
Er fror genauso wenig wie sie und es wunderte ihn. Eigentlich sollte er frieren, kannte es fast nicht mehr anders in diesen Monaten, in der kalten Jahreszeit.
Nicht dass es eine Rolle spielte. Nicht für ihn.
Trotz der fehlenden Sonne, trotz der trüben Grundstimmung spürte er die Bemühungen und die gelegentliche Liebe, die in manchen Ecken und Winkeln aufflammte. Ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, ob missverstanden oder initiiert, spielte keine Rolle. Das Leben war kurz und grausam. Es konnte jederzeit und überall enden. Er hatte seinen Teil gesehen und nicht vor, den Moment, der ihn anlachte, aufzugeben.
Er war bereit, das Weihnachtsfest zu feiern, wie er es nicht kannte. Anders und erfüllt von Gold und Silber. Mit Düften und Lichtern, optisch überwältigenden Eindrücken, mit jedem einzelnen Schritt.
Nicht in der Hütte, die sich als Kirche ausgab. Nicht unter brennender Sonne und mit dem Schall der Gewehre im Hintergrund.
Er hatte etwas, dieser Markt am Marienplatz. Strukturiert wirkte er, perfektioniert und durchdacht. Geordnet und geregelt. Sicher und vertrauenerweckend.
Pausbäckige Menschen hinter glänzenden Schmuckstücken, die keinen Sinn ergaben. Rotgesichtige Frauen in dampfenden Würstchenbuden. Handschuhe und Mützen, tief über die Ohren gezogen im Hintergrund der dicht an dicht gehängten Strohsterne.
Dazwischen Moderne, Musik in CD-Form, Lichterketten, die aussehen wollten, als tropften in regelmäßigen Abständen Eiszapfen von ihnen herab. Überhaupt die merkwürdigsten und verrücktesten Lichter. Sie blinkten und blitzten, verteilten grellen Schein in unterschiedlichen Farben.
Und doch war es nicht so, als wundere er sich darüber, was Weihnachten in dieser Stadt bedeutete. Er hatte nicht viel gesehen, wenig mit Ausnahme des Wohnheims, in dem er lebte, den Ecken, in denen man sich traf um über die wenigen Möglichkeiten zu sprechen.
Aber was er von der Stadt sah, in den Momenten wie diesen, in denen sie feierte oder zu feiern versuchte, schien der Absicht zu dienen, einem allgegenwärtigen und andauernden Tief zu entfliehen.
Manchmal und unerwartet durchstreiften zunehmend wunderliche und beinahe bunte Erscheinungen die Straßen. Frauen in Kleidern, die ihn an eine Tradition erinnerten, mit der er nichts anzufangen wusste. Männer mit Hüten und Lederhosen, die so überhaupt nicht in das Bild der Busse und Bahnen passen wollten.
Ebenso wie dieses kurze Aufflammen exotischer Ausgelassenheit mutete die unzusammenhängende Pracht, die nun an Hauswänden prangte, sich über die Gassen verteilte und zwischen den Gebäuden drängte, wie eine Maske an, die tieferliegende, schlummernde Krankheiten überdeckte. Seuchen und Plagen, die nicht erwähnt wurden, schon gar nicht zu einer Zeit der Feste.
Die Sinne wollten betäubt werden, und Sinne wurden betäubt.
Wie sie, die Frau den Markt umkreiste, sah es aus, als sei ihr schon seit geraumer Zeit gelungen, die Sinne erfolgreich zu betäuben.
Ein letzter Blick zu den anderen und er folgte ihr. Was geschah war eindeutig. Sie war immer wieder gekommen, hatte Blicke auf ihn geworfen, auf seine Leute. Nur um weiterzugehen mit langsamen, wiegenden Schritten, den Griff fest um die Tasse mit der Silhouette der Stadt darauf, in deren Zentrum sie sich befanden.
Einmal noch sah er sich um, sah wie die anderen lachten, wie sie ihm zunickten.
Vielleicht war es das. Vielleicht lebten die Frauen hier so, frei und unkompliziert. In einer Welt, deren Mechanismen ihm fremd waren.
In das kalte Wasser zu springen entbehrte nicht eines gewissen Reizes. Und so fand er sich wieder, Schulter an Schulter mit ihr. Sie gingen ein Stück nebeneinander, bevor sich ihre Augen trafen und sie blinzelte. Aber das war in Ordnung. Sie konnte seinen Blick nicht aushalten und er ihren genauso wenig. Aber er konnte weitergehen.
Für einen Augenblick zweifelte er daran, dass sie ein Ziel hatte. Ihr Gang wirkte unstet und verschwommen. Ihre blauen Augen hohl, wenn sie an ihm vorbei starrten.
Und doch wusste sie genau, wohin sie ging. Das Zentrum reichte ihr nicht aus. Sie suchte die Mitte von allem. Den Baum, der vor dem Rathaus aufragte.
Verharrte neben der Mariensäule, eines der Gebilde dieser Stadt, das zugleich Zauber und Kitsch war. Dann sah er in den Baum. Und er ahnte, was sie fühlte. Sie, die still und steif neben ihm stand, die Augen nach vorne gerichtet, als versuche sie die Lichter vor sich zu hypnotisieren. Vielleicht wollte sie eines von ihnen bewegen, zum Aufleuchten oder zum Erlöschen bringen.
Eine Krone der hiesigen Schöpfung, die Kommerz und die Gier nach Geld begonnen hatte, bildete dieser riesige Baum vor dem Rathaus, dicht bestückt mit funkelnden Glühbirnen, die je nach Stand des Alkoholpegels eines Betrachters mehr oder minder munter flackerten.
Er spürte, wie er Gefahr lief, sich bei ihr zu infizieren, von ihrem Wahnsinn zu schmecken. Sie liebte diesen Baum, unabhängig davon, woher er stammte, welch großzügige Gemeinde ihn stiftete, unabhängig davon, welche Höhe, Breite, Zweck und Ziel oder Glühweine er mitbrachte.
Sie liebte es, an ihm vorbeizulaufen, sich unter dem hohen gotischen Eingang in den Rathaushof hindurch zu ducken, die Vorstellung zu leben, sie befände sich inmitten einer Festung aus alter Zeit. Und so zog sie ihn mit sich in eine andere, eine gänzlich andere Welt.
Er zuckte zusammen, als er ihre Hand an seinem Ärmel spürte, als sie ihn durch einen Eingang führte, den er mied. Zu offiziell, zu gefährlich dieses Zeugnis städtischer Direktive.
Sein Herz klopfte schneller, als über ihm die fremdartigen Weisen ertönten, ihn zusammenzucken ließen. Seltsame, unverständliche Hymnen, getragen und traurig, gesungen von hohen Stimmen, die durch Lautsprecher verstärkt von Balkonen des Gebäudes klangen.
Sie schien sich nicht daran zu stören. Im Gegenteil. Sie strahlte, als sie den Durchgang passiert hatten und sich im Innenhof des Rathauses befanden. Nur dass es noch weniger wie ein Rathaus aussah, als bisher.
Der Innenhof war im Lichte und Klang der Festivitäten vergleichbar mit einer Burg, geheimnisvoll, dunkel, erhaben und schön. Eine Burg, so wie er sie nur aus den Medien kannte. Wie sie zur Geschichte dieses Landes, dieses Teiles der Welt gehörte. In der es kalt war, und abweisende Bauwerke aus schwerem Stein zum Leben gehörten.
Zu kalt. Sie entfloh ihm wieder und er floh mit ihr. Und fand sich wieder umgeben von Licht und Musik, dem Treiben des Christkindlmarktes, den Düften der Leckereien, die es nur zu dieser einen Zeit des Jahres genossen wurden.
Er sah sie an, und sie lachte. Sie sah jünger aus, als sei es ihr gelungen, einen Zauber wieder neu zu kreieren, den sie verloren geglaubt hatte.
Und in diesem Moment wusste er, dass sie nicht aufgab, dass der Zauber der Münchner Weihnacht den Höhepunkt ihres Jahres darstellte, den Gipfel ihrer Wünsche. Selbst wenn sie sich dazu zwingen musste, in der Zeit zurückzuwandern.
Sie lächelte. Sie lächelte wieder. Sie trank und ging. Sie verschwamm im Anblick des glitzerenden Baumes. Sie blinzelte gegen die funkelnden Lichter, den grellen Schein der Stände.
Bis er sie einholte. Und sie mitnahm.
Blicke sagten mehr als Worte und das nicht nur, weil Worte nicht ausreichten. Sie verstand nicht, er verstand nicht und doch folgte sie ihm. Es war beinahe beängstigend.
Eine besondere Nacht, eine der einsamen Weihnachtsnächte, während derer Menschen in der Großstadt anders handeln als sie gewohnt sind. Nächte, die gefährlich und doch spannend sind. Während derer die Zwischenräume sich gleichermaßen vergrößern und zusammenschrumpfen. Während derer Schritte zu Entfernungen werden, die glitzernde Märchenwelten von trostlosen Seitenstraßen trennen, von Vierteln, in denen Geheimnisse wohnen.
Und nur manchmal getraut sich jemand die Grenze zu überschreiten. Nur in bestimmten Nächten. Nur wenn das Risiko unwichtiger erscheint, als das Abenteuer.
Wie merkwürdig es doch war, dass sie ihm folgte. Wie unverständlich und doch wie passend. Ein Weihnachtsgeschenk, das ihm, fern der Heimat in den Schoß fiel.
Bis zuletzt glaubte er, dass sie sich von ihm abwende, dass sie sich umdrehe und davon liefe. Ob sie selbst nicht mehr wusste, wie sie den Weg zurück fände. Oder ob das Gebäude, in das er sie lotste, nicht nur für seine Begriffe einem wahren Palast glich im Vergleich zu den Unterkünften, die er sonst bewohnte, darüber hatte er nicht vor nachzudenken. Nicht, als sie sich bereits aus ihrem fleckigen Mantel geschält, das im erbarmungslos elektrischen Licht strähnig wirkende Haar zurückgestrichen und nach der Flasche gegriffen hatte, die er neben seinem stolzesten Besitz aufbewahrte.
Das Licht des Fernsehers waberte in bläulichen Streifen durch den Raum, als sie wieder zu sich kam. Vielleicht riss auch die Panik, die aus ihm strömte, die Frau aus ihrer Bewusstlosigkeit, in die sie nicht unerwartet gefallen war, betrachtete er den schmalen Streifen Flüssigkeit, der in der einst gefüllten Flasche zurückgeblieben war.
Als sie blinzelte, versuchte er zu fragen, ob es ihr gut ginge. Sein Herz pochte ahnungsvoll im Angesicht der Schwierigkeiten, die er vorhersah, in die er sich geritten hatte. Und nicht nur sich, auch die anderen. Jeden, der sich so wie er hier aufhielt.
Sie öffnete die Augen und fasste sich an die Stirn, als er ihr das Blut zeigte. Doch ihre Antwort bestand nur in einem Nicken und dem Lächeln, das ihm nun, im Licht des grauenden Morgens, hohl und nichtig erschien.
Und dann verschwand sie und er konnte sie nicht aufhalten, wusste nicht einmal ob er dies wollte.
Sie war fort und das war gut.
Und wie hätte er auch ahnen können, dass der Kreis damit nicht geschlossen war, dass die Reise erst begann. Dass nichts auf dieser Welt ohne Folgen blieb.
Folgen von denen er erst so viele Jahre später erfuhr. Folgen, die ihn gleichzeitig verstörten, erfreuten und mit Stolz erfüllten.
Er konnte nicht anders, er rief sie an.
Längst ausgewichen, als es eng wurde, längst dem Zugriff der Behörden entschwunden und sich dort niedergelassen, wo andere Behörden mit weniger Chancen die Suche nach ihm und seinesgleichen gelegentlich aufgaben.
Aber er rief an. Und er dachte an München. An das Zimmer, in dem er gewohnt hatte, an den Fußballplatz, an die Arbeit. Er dachte an München zur Weihnachtszeit. An den riesigen Baum, unter dem sie stand, duftend nach Gewürzen und Glühwein. An die Exotik, die sie verströmte, an die Unmöglichkeit, ihren Wortschwall zu verstehen, selbst als sie dann nüchtern gewesen war. Und wie er sich bemüht hatte, wie er ihre Telefonnummer bekam. Wie er sie wieder und wieder anrief. Wie er hartnäckig blieb. Bis sie sich auf ihn einließ, nur um ihn dann wegzustoßen. Ohne ihm mitzuteilen, dass er damals in München mehr zurückgelassen hatte, als ein Leben, das besser sein sollte, als das Leben in Hitze, Armut und Gewalt, vor dem er geflohen war. Dass er ein Leben gezeugt hatte, das ein Bindeglied sein konnte zwischen einer Welt an der Oberfläche, die er nie verstünde, so sehr er sich auch bemühte, und seiner Welt der Verborgenheit, des ewigen Suchens und Versteckens, der Unsicherheit, die nie endete, unabhängig davon wie glanzvoll eine Stadt in der Weihnachtszeit wirkte.
Donnerstag, 9. Dezember 2010
Schokomann
Titel: Schokomann
Autor: callisto24
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Meine Freundinnen und ich hatten uns schon immer gerne mit dem Übersinnlichen beschäftigt. Zugegeben waren sie mehr von der Wirksamkeit ihrer seltsam gereimten Sprüche, verbrannten Kräuter oder geweihter Kerzen überzeugt als ich, aber nichtsdestotrotz hielt ich ihr Hobby für spannend genug, um mich einzuklinken und, wann immer es ging, bei einer ihrer Aktionen anwesend zu sein.
Wohlgemerkt, es handelte sich bei ihnen um weiße Hexen, das bedeutet, welches Ritual - oder wie sie es nennen - welchen Zauber sie auch anwendeten, der dahinterstehende Grundgedanke musste zwangsläufig positiv sein. Es ging um die allumfassende Liebe, Natur und das Gleichgewicht im Universum.
Auch wenn ich beileibe nicht alles verstand, oder auch verstehen wollte, so fühlte ich mich doch wohl in ihrer Mitte. Ich musste nicht einmal vorgeben, besonders von dem überzeugt zu sein, was vorging. Es reichte ihnen, dass ich anwesend war und sie mit meiner Energie unterstützte. Wenigstens waren das die Worte, mit denen sie mich überzeugten, dabei zu bleiben, wenn sich tief in mir leise Zweifel anschlichen.
Und ich blieb. Immer. Ich denke, einer der Hauptgründe lag darin, dass ich nie eine richtige Familie hatte. Zumindest keine, die man als solche bezeichnen konnte. Dem Modewort ‚Patchwork-Familie‘ gelang es nicht einmal annähernd das Chaos zu beschreiben, in das meine biologischen Eltern mich regelmäßig stürzten. Im Lauf der Zeit verlor ich sowohl den Überblick, als auch das Interesse an meinen zahllosen Halb- und Stiefgeschwistern. Das war wohl auch nur fair, denn es kam mir nicht unbedingt so vor, als entwickelten meine Blutsverwandten oder die angeheirateten und verbandelten Familienmitglieder mehr Interesse an mir, als die vom Gesetz vorgeschriebene Notwendigkeit vorsah. Wie sollten sie auch? Es galt immer ein neues Geschwisterchen auszubrüten oder eines zu verhätscheln, das sie vor ungelöste Probleme stellte. Natürlich nur, solange ihr eigener Beziehungskram oder eine neu eingegangene oder gescheiterte Liebelei nicht jede Kraft verbrauchte.
Insofern glich der Moment, in dem mich die Mädchen unter sich aufnahmen, beinahe einer religiösen Offenbarung. Gefühle überschwemmten mich, die ich zuvor nicht gekannt hatte, und für eine lange Zeit wusste ich nicht, was ich mit diesen anfangen sollte oder konnte.
Kein Wunder, dass ich an diesen zweifelte, mich rar machte, und den Geschehnissen mit einer gewissen Skepsis begegnete.
Und so erstaunte mich fast noch mehr die Selbstverständlichkeit, mit der sie über meine Zurückhaltung und mein Zögern hinweggingen. Ich kannte es nicht, dass dem persönliche Rückzug mit Akzeptanz begegnet, er aber nicht als Aufforderung verstanden wurde, sich in Zukunft geflissentlich aus dem Weg zu gehen.
Nein, wie Stehaufmännchen standen die Mädchen immer wieder vor meiner Tür, teilten mir lachend ihre Pläne mit, luden mich zu ihren geheimen Sitzungen oder ihren weniger geheimen Treffen am See oder in der Eisdiele ein.
Wenn ich die Möglichkeit nicht anhand intensiver Beobachtung der Betreffenden ausschlösse, so bliebe ich mit Sicherheit davon überzeugt, dass sie mich in die Fänge einer Sekte zu locken planten.
Aber nichts dergleichen ging vor. Und wie sie mir immer wieder und von Mal zu Mal glaubhafter versicherten, stand nichts anderes als die allumfassende Liebe hinter ihren Intentionen. Die und die Tatsache, dass, eingerechnet meiner Wenigkeit, die Gruppe eine in spiritueller Hinsicht offensichtlich bemerkenswert wirksame Anzahl ergab.
Wirksam in vielerlei Hinsicht, die ich nicht vollständig nachvollziehen konnte. Aber solange es sie glücklich machte, dass ein aus Blättern gelegter Kreis, ein paar dahin gehauchte Worte einen Windhauch zur Folge hatten, oder je nach Wahl ein paar Tropfen Regen, beziehungsweise ein Aufreißen der Wolken, so lag es mir fern, mich zu beschweren.
Natürlich gingen ihre Bestrebungen auch weiter. Sie verbrannten Räucherwerk und beschworen damit Ereignisse des Alltags, die sich – meiner bescheidenen Ansicht nach – keinen Deut um Reime und Düfte scherten. Aber ich behielt meine Meinung wohlweislich für mich und lächelte zustimmend, wenn eines der Mädchen begeistert davon erzählte, wie ihr Zauber tatsächlich dabei geholfen hatte, Gewicht zu verlieren, eine kleine Summe Geldes zu gewinnen, oder den Mann ihrer Träume – wenn auch nur für eine Sekunde – auf sich aufmerksam zu machen.
Sollten sie doch glauben, was sie wollten. Ich war glücklich und zufrieden damit, in ihrer Runde angenommen zu sein und mich als ein fast vollwertiges Mitglied ihrer Gemeinschaft fühlen zu dürfen.
Denn um eine Gemeinschaft handelte es sich.
Wir trafen uns regelmäßig und zwanglos. Wir ratschten, kochten, fuhren Rad oder gingen spazieren.
Natürlich alles unter dem Eindruck der einen Kraft, die unsere Welt zusammenhielt.
Und so liebte ich besonders unsere abendlichen Treffen, wenn wir uns um einen Herd scharrten und ein Gericht zuzubereiten. Nicht ohne zuvor natürlich diverse Koch- und Hexenbücher zu Rate gezogen zu haben. Denn in jedem Buch der Schatten widmeten sich lange Passagen der Wirksamkeit einzelner Kräuter und Gewürze, der magischen Essenz von Pflanzen und Früchten. Sie alle wollten mit Bedacht und mit Wissen um ihre Wirkung eingesetzt werden.
Das Leben war uns kostbar und die wichtigste Regel bestand darin, alles uns mögliche zu tun, um es zu bewahren, zu lieben und zu ehren.
Wir baten jedes Kraut, jedes Blatt, jede Wurzel um Erlaubnis, bevor wir es oder sie pflückten oder ausgruben. Nicht dass sie uns einer Antwort für würdig erachteten, aber allein die Bitte enthielt eine beruhigende Wirkung.
Ich fand mich selbst zunehmend gefangen im Bann der Gruppe, die ich im Grunde meines Herzens immer noch heimlich verlachte.
Doch der Zusammenhalt, die offen zur Schau getragene Liebe allem Lebendigem gegenüber und die nicht zu erschütternde Hoffnung, die jeden noch so absurd anmutenden Zauberspruch begleiteten, zogen mich magischer an, als eine geborene Zweiflerin wie ich für möglich gehalten hätte.
Ich genoss also in angenehmer und wie ich glaubte auch unschuldiger Gesellschaft das abendliche Gericht, schwelgte in raffinierten Zusammensetzungen und Gewürzen. Meine Freundinnen erwiesen sich immer wieder als wahre Künstlerinnen auf dem Gebiet der kreativen Küche. Die gezüchteten Kräuter, die frisch geernteten Früchte und Gemüse und das gemahlene und gequollene Getreide ergaben die interessantesten Kombinationen, die, wie ich zugeben muss, allesamt schmackhaft waren und sich wohltuend auf den Körper auswirkten.
Und gerade aus diesen Gründen fühlte ich mich umso mehr überrascht, als mir ein Dessert von außergewöhnlicher Köstlichkeit und Exotik angekündigt wurde.
Und als mich die vielen zarten Hände meiner Freundinnen und Gefährtinnen auf den Weg in die Küche geleiteten, in der wir gemeinsam geschält, geschnitten, zerteilt und geköchelt hatten. Unter Lachen und Singen waren wir es gewohnt, uns dem Ritual der Nahrungszubereitung zu widmen. Die Gerüche und Düfte, die der Küche entströmten waren mir meistens vertraut. Dennoch überraschte mich die Wolke süßen Dampfes, die mir entgegen quoll und keinen Zweifel daran ließ, um welch eine Delikatesse es sich handelte.
Erstaunt wandte ich mich zu Alina um. „Ich dachte, Ihr verzichtet auf Schokolade. Die Schädigung der Umwelt aufgrund der notwendigen Transporte, die Schwierigkeiten mit dem fairen Handel …“
„Richtig“, unterbrach Alina mich lächelnd und zwinkerte Carla zu, die den Stieltopf von der Herdplatte zog und darin zu rühren begann. „Kakao und Schokolade vermeiden wir meistens. Aber es gibt Ausnahmen. Und gerade heute erleben wir eine davon.“
Ich sah nun Carla verwirrt an, die mir zulächelte, ohne mit dem Rühren aufzuhören. Der süße Duft intensivierte sich, stieg mir angenehm in die Nase, belebte meine Sinne. Dabei musste ich für mich zugeben, dass die Abstinenz von dieser Köstlichkeit für mich selbst keine unumstößliche Regel bedeutete. Im Gegenteil, ich fand mich recht regelmäßig dabei, wie ich meiner Schwäche nachgab und mir einen Schokoriegel leistete.
Sicher, in letzter Zeit wurden Momente wie dieser seltener, zumal es die Stimmung ein wenig beeinträchtigte, wenn während des Genusses immer wieder verstohlene Blicke in die Runde geworfen wurden. Nicht mit Absicht selbstverständlich, doch konnte ich nicht umhin zu fürchten, eine meiner Freundinnen aus der verschworenen Gemeinschaft des magischen Zirkels könnte mich sehen und mir Vorhaltungen machen.
Obwohl es nicht ihre Art war, dergleichen zu äußern. Doch vielleicht steigerte gerade diese Überzeugung den unangenehmen Beigeschmack sowie meinen Wunsch einer Situation wie dieser unbedingt aus dem Weg zu gehen.
Wie dem auch sei, Schokolade gehörte immer schon zu meinen großen Leidenschaften und so war es nicht nötig, dass mich die Hände der anderen voranschoben. Ich fühlte mich selbst magisch angezogen von dem köstlichen Aroma, das aus dem Topf aufstieg.
Vorsichtig, mir der Erwartungen, die an mich gerichtet wurden, nicht vollkommen sicher, näherte ich mich dem Herd, beugte mich ein wenig vorwärts, schloss meine Augen und schnupperte genießerisch. Erst dann öffnete ich meine Augen wieder und blinzelte in den Topf, in dem sich ein mit einem hellen Holzlöffel stetig in Gang gehaltener Strudel drehte.
Die köstliche Masse war von feiner Konsistenz, zart und flüssig und duftete mit exotischer Fülle.
„Was habt ihr darin?“, flüsterte ich beeindruckt und versuchte vergeblich zu verbergen, wie mir das Wasser im Munde zusammenlief.
Alina lächelte zufrieden und nickte Carla zu. „Vanille“, sagte die ebenfalls mit einem breiten Lächeln und nickte in die Richtung einer ausgedrückten Vanilleschote.
Ich staunte. Vanille und Schokolade in einem Gericht. Offenbar musste es sich um einen ganz besonderen Anlass handeln, der darüber hinwegsehen ließ, dass eine beträchtliche Menge an Kohlendioxid in die Atmosphäre gepumpt werden musste, um die Utensilien aus den warmen Ländern in ihre Heimat zu bringen.
„Zimt“, fuhr Carla fort und zwinkerte mir zu. „Ingwer, Chili …“
„Chili?“, unterbrach ich sie erstaunt. „Wofür? Was wird das wenn es fertig ist?“
Alina schnalzte mit der Zunge, beugte sich zu mir vor und legte mir ihre weiße Hand auf die Schulter. „Geduld“, flüsterte sie. „Du wirst das Ergebnis noch früh genug zu sehen bekommen.“
Ich leckte mir begeistert die Lippen. „Das kann ich kaum erwarten“, gab ich ehrlich zu.
Carla und Alina wechselten einen Blick und ich hörte die anderen in meinem Rücken leise kichern.
„Chili bestimmt die Würze“, sagte Carla. „Er soll ja nicht zu langweilig werden. Ein wenig Feuer gehört dazu.“
„Er?“, fragte ich erstaunt und runzelte die Stirn. „Also wird es ein Kuchen oder Auflauf?“
Ich hatte im Stillen darauf gehofft, dass es sich um kein Backwerk handelte. Alina lachte, als verstünde sie meine Sorge. „Kein Kuchen, kein Auflauf“, zerstreute sie meine Befürchtungen. „Aber er wird süß und schwer.“
„Süß und stark“, verbesserte Carla sie und beide lachten über einen Scherz, den ich nicht verstand.
Ich räusperte mich unsicher. „Zucker ist also schon darin“, riet ich und sah mich um, auf einmal nervös geworden. Ich begann mich zu fragen, warum wir alle in der Küche standen, als warteten wir auf etwas. Und noch dazu schien jeder zu wissen, worauf wir warteten. Jeder außer mir.
„Besser als Zucker“, bemerkte Alina. „Wir haben einen Sirup aus Honig destilliert. Ihn mit Zuckerrübensaft ziehen lassen und mit Holunderblüten versetzt.“
„Oh.“ Ich zeigte mich beeindruckt. „Das wird sicher gut.“
Clara lachte, nahm den Topf hoch und schickte sich an, die Küche zu verlassen. Das verwirrte mich und ich sah fragend zu Alina auf. „Ist es das? Ist es schon fertig?“
Mir war nicht klar, was für ein Dessert dieser Topf enthielt. Auch hatte ich nirgendwo angerichtete Teller mit Früchten oder anderen Leckereien gesehen, die mit der delikaten Schokoladensauce verziert werden sollten.
Clara zog den Löffel aus der Mitte des Topfes, kippte ihn leicht und ließ die sämige und glattfließende Masse herabfließen bis ich erkannte, dass es sich bereits um eine Schöpfkelle mit einem feinen Ausgussstück handelte, mit der sie hantierte.
Trotzdem kam ich immer noch nicht darauf, welchem Zweck die warme Flüssigkeit zugedacht war und folgte Clara und Alina erwartungsvoll. Die Schritte hinter mir bewiesen, dass die anderen uns folgten und wenn ihre Sinne mit eben dem köstlichen Duft erfüllt waren wie meine, dann fühlten sie ebenso die Vorfreude auf künftige Genüsse.
Mit wachsendem Erstaunen stellte ich fest, dass wir nicht nur an unserer Speisetafel mit den unangetasteten Resten der Mahlzeit und dem aufeinandergestapelten Geschirr vorbeigingen, sondern sogar das Haus verließen. Für einen Moment dachte ich, dass wir uns vielleicht auf der Terrasse sammelten, um den angenehmen Sommerabend zu genießen, doch auch über sie liefen wir achtlos hinweg und betraten den weitläufigen Garten, den ich bislang nur bei Tageslicht gesehen hatte. Eine dicht bewachsene Wunderwelt, geschmückt mit seltenen Blumen und wenig verbreiteten Kräutern, denen Alina auf ihrem Besitz ein Zuhause gewährte, dehnte sich vor uns aus und mein Erstaunen wuchs, als wir tiefer in das Dickicht vordrangen. Denn wie ein Dickicht kam es mir beinahe vor, war es bei Tage doch einfacher den herabhängenden Zweigen auszuweichen oder sie einfach zu umgehen.
Doch schließlich betraten wir tatsächlich eine Art Lichtung, an die ich vergeblich versuchte, mich zu erinnern. Zwar konnte ich mir weder vorstellen, dass Alina sie frisch angelegt hatte, noch rechnete ich damit, dass sie mir bei meinen bisherigen Besuchen entgangen war.
Nichtsdestotrotz stand ich nun unvermittelt auf einer freigelegten Fläche, umrahmt von Büschen und Bäumen. Erkennen konnte ich deren Umrisse aufgrund der vereinzelt aufgestellten Fackeln, die Alina nun zu entzünden begann. Mit der Ausdehnung des Lichtes wurde es mir auch möglich, die Beschaffenheit des Bodens unter meinen Füßen genauer zu erkennen und ich bemerkte deutliche Anzeichen dafür, dass dieser Ort bereits wiederholt als Feuerstelle benutzt worden war. Ein Kreis aus weißen, großen Steinen schloss eine sauber glattgefegte Fläche ein, in deren Mitte ein sorgfältig aufgeschichteter Stapel trockener Zweige lag. Trocken genug, dass sie in einer Stichflamme aufgehen konnten und kaum die Möglichkeit für ein gemütliches Lagerfeuer boten. Sollte es das sein, was geplant worden war.
Dass dem nicht so war, wurde mir umso bewusster, als Clara ohne weitere Umschweife und auch ohne das leise Gemurmel unverständlicher Sprüche, auf die zu achten, mir es zumeist an Interesse und Energie mangelte, den Kreis betrat. Sie stieg einfach mit ihrem Topf in der Hand über die Steinreihe und begann damit, innen an dieser entlang zu laufen. Runde um Runde lief sie, bis ich auf einmal bemerkte, dass die anderen die Zeit genutzt hatten, um sich ebenfalls in einem Kreis aufzustellen, der die Szenerie umschloss. Nur ich stand außen vor, innerhalb des aus Menschen gebildeten, doch außerhalb des Steinkreises, in dem Clara sich befand.
Verwirrt sah ich mich um, suchte Alinas Blick. „Was ist hier los?“, fragte ich. Alina nickte und auf dieses Zeichen hin fassten sich die anderen an den Händen und begannen damit, leise zu summen, während Alina das Wort an mich richtete. „Du bist nun lange genug bei uns“, begann sie, löste sich von ihren Kameradinnen und nahm mich bei den Händen. „Daher hielten wir es für richtig, dir anhand eines ganz besonderen Desserts zu demonstrieren, welche Gaben die Natur für uns bereitstellt.“
Ich schluckte trocken und konnte es nicht verhindern, dass sich eine leicht unangenehme Vorahnung in mir breit machte.
„Und das bedeutet?“, fragte ich mit vorgetäuscht fester Stimme.
Alina lächelte freundlich und drückte meine Hände. „Das bedeutet, dass du dir etwas gönnen solltest. Und wir werden dafür sorgen, dass dir alle Möglichkeiten offen stehen.“
Sie drehte sich zu Carla, die nun auch stehen geblieben war und ein ebenso geheimnisvolles wie beunruhigendes Lächeln aufgesetzt hatte.
„Was habt ihr vor?“, fragte ich und versuchte meine Hände denen Alinas zu entziehen. Körperkontakt gehörte noch nie zu den Dingen, die mir besonders leicht fielen.
Doch Alina hielt mich in einem schraubstockartigen Griff bis das Bedürfnis, mich ihm zu entziehen aus meinen Gedanken wich, ersetzt wurde durch haltloses Staunen, das mich mit dem Anblick Carlas erfasste, die tatsächlich damit begann die köstlich duftende und immer noch warm dampfende Schokoladensauce auf den zwar gefegten, aber mit Sicherheit nicht besonders sorgfältig gesäuberten Erdboden zu gießen.
Mein Mund öffnete sich mit dem Wunsch, einen begründeten Protest anzustimmen. Doch verstummte ich, als mir zu meiner immer größer werdenden Verwunderung bewusst wurde, dass sie nicht wahllos Schokolade auf dem Boden verteilte, sondern – ganz im Gegenteil – mit Hilfe ihres Schöpflöffels langsam eine Linie auf den bloßen Grund malte. Sprachlos beobachtete ich, wie um den angehäuften Stapel von Zweigen herum ein Bild entstand. Ich blinzelte zweifelnd, doch musste mir eingestehen, dass ich keineswegs irrte.
Sie zeichnete eine Figur, die mit viel Fantasie als eine Art Lebkuchenmännchen durchgehen konnte. Langsam entwickelten sich Arme und Beine, der runde Kopf prangte bereits auf der mir gegenüberliegenden Seite des Holzes.
Ich merkte nicht, wie Alina mich losließ, zuckte jedoch zusammen, als plötzlich in meinem Augenwinkel ein Licht aufflammte, das brennende Streichholz durch die Luft wirbelte und sobald der erste Funke die trockenen Zweige erreicht hatte, diese entzündete.
Automatisch wich ich einen Schritt zurück, als die Hitze mir entgegenschlug, wurde jedoch aufgehalten durch die Hände meiner Freundinnen, der im Gegensatz zu mir in das Geschehen Eingeweihten.
Rascher als ich begreifen konnte, was vor sich ging, brannten die Zweige lichterloh. Zu meinem Schrecken dehnten sich die Flammen, krochen über den Boden und näherten sich der bereits flüssigen Schokolade. Diese begann damit, Blasen zu werfen, sich zu bewegen und ebenfalls auszudehnen. Beine und Arme wuchsen, der runde Kopf nahm eine Form an, die bald menschliche Attribute aufwies. Zumindest äußerlich menschlich, wie ich mir sagte, als ich mit steigendem Grauen beobachtete, wie das Feuer an Hitze und an Helligkeit abnahm, dafür auf die Schokoladenränder zuwuchs, nach und nach die gezeichnete Form anfüllte.
Ich irrte nicht, es bildete sich eine Gestalt aus der Vereinigung von Feuer und Schokolade. Die Figur regte sich, streckte ihre Glieder, eines nach dem anderen und hob ihren Kopf, um mich anzusehen.
Erst jetzt merkte ich, dass mein Mund immer noch offen stand und ich schluckte trocken. Dass Carla inzwischen den leeren Topf auf den Boden gestellt und sich zu mir gesellt hatte, wurde mir erst bewusst, als sie meine Schulter berührte und ich mich instinktiv zu ihr umdrehte.
„Das ist unser Geschenk an dich“, sagte sie lächelnd. „Der seltenste Nachtisch, den du dir vorstellen kannst. Ein Mann aus Schokolade.“
Ich nickte verblüfft, als die Figur sich erhob, weiter streckte und dehnte, bis er schließlich im Licht der Fackeln am ehesten mit einem in Schokolade getauchten Athleten vergleichbar war.
Er roch ein wenig verbrannt, als er mich in seine Arme schloss, doch das betäubende Aroma von Kakao und Ingwer stieg mir in den Kopf und verjagte jeden Zweifel.
Und zwar wirklich jeden Zweifel. Es ist vielleicht unnötig anzufügen, dass ich von diesem Moment an zu einem treuen und gläubigen Mitglied der Gruppe geworden war. Und das nicht nur, weil mein Schokomann gar so lecker schmeckte.
Autor: callisto24
* * *
Meine Freundinnen und ich hatten uns schon immer gerne mit dem Übersinnlichen beschäftigt. Zugegeben waren sie mehr von der Wirksamkeit ihrer seltsam gereimten Sprüche, verbrannten Kräuter oder geweihter Kerzen überzeugt als ich, aber nichtsdestotrotz hielt ich ihr Hobby für spannend genug, um mich einzuklinken und, wann immer es ging, bei einer ihrer Aktionen anwesend zu sein.
Wohlgemerkt, es handelte sich bei ihnen um weiße Hexen, das bedeutet, welches Ritual - oder wie sie es nennen - welchen Zauber sie auch anwendeten, der dahinterstehende Grundgedanke musste zwangsläufig positiv sein. Es ging um die allumfassende Liebe, Natur und das Gleichgewicht im Universum.
Auch wenn ich beileibe nicht alles verstand, oder auch verstehen wollte, so fühlte ich mich doch wohl in ihrer Mitte. Ich musste nicht einmal vorgeben, besonders von dem überzeugt zu sein, was vorging. Es reichte ihnen, dass ich anwesend war und sie mit meiner Energie unterstützte. Wenigstens waren das die Worte, mit denen sie mich überzeugten, dabei zu bleiben, wenn sich tief in mir leise Zweifel anschlichen.
Und ich blieb. Immer. Ich denke, einer der Hauptgründe lag darin, dass ich nie eine richtige Familie hatte. Zumindest keine, die man als solche bezeichnen konnte. Dem Modewort ‚Patchwork-Familie‘ gelang es nicht einmal annähernd das Chaos zu beschreiben, in das meine biologischen Eltern mich regelmäßig stürzten. Im Lauf der Zeit verlor ich sowohl den Überblick, als auch das Interesse an meinen zahllosen Halb- und Stiefgeschwistern. Das war wohl auch nur fair, denn es kam mir nicht unbedingt so vor, als entwickelten meine Blutsverwandten oder die angeheirateten und verbandelten Familienmitglieder mehr Interesse an mir, als die vom Gesetz vorgeschriebene Notwendigkeit vorsah. Wie sollten sie auch? Es galt immer ein neues Geschwisterchen auszubrüten oder eines zu verhätscheln, das sie vor ungelöste Probleme stellte. Natürlich nur, solange ihr eigener Beziehungskram oder eine neu eingegangene oder gescheiterte Liebelei nicht jede Kraft verbrauchte.
Insofern glich der Moment, in dem mich die Mädchen unter sich aufnahmen, beinahe einer religiösen Offenbarung. Gefühle überschwemmten mich, die ich zuvor nicht gekannt hatte, und für eine lange Zeit wusste ich nicht, was ich mit diesen anfangen sollte oder konnte.
Kein Wunder, dass ich an diesen zweifelte, mich rar machte, und den Geschehnissen mit einer gewissen Skepsis begegnete.
Und so erstaunte mich fast noch mehr die Selbstverständlichkeit, mit der sie über meine Zurückhaltung und mein Zögern hinweggingen. Ich kannte es nicht, dass dem persönliche Rückzug mit Akzeptanz begegnet, er aber nicht als Aufforderung verstanden wurde, sich in Zukunft geflissentlich aus dem Weg zu gehen.
Nein, wie Stehaufmännchen standen die Mädchen immer wieder vor meiner Tür, teilten mir lachend ihre Pläne mit, luden mich zu ihren geheimen Sitzungen oder ihren weniger geheimen Treffen am See oder in der Eisdiele ein.
Wenn ich die Möglichkeit nicht anhand intensiver Beobachtung der Betreffenden ausschlösse, so bliebe ich mit Sicherheit davon überzeugt, dass sie mich in die Fänge einer Sekte zu locken planten.
Aber nichts dergleichen ging vor. Und wie sie mir immer wieder und von Mal zu Mal glaubhafter versicherten, stand nichts anderes als die allumfassende Liebe hinter ihren Intentionen. Die und die Tatsache, dass, eingerechnet meiner Wenigkeit, die Gruppe eine in spiritueller Hinsicht offensichtlich bemerkenswert wirksame Anzahl ergab.
Wirksam in vielerlei Hinsicht, die ich nicht vollständig nachvollziehen konnte. Aber solange es sie glücklich machte, dass ein aus Blättern gelegter Kreis, ein paar dahin gehauchte Worte einen Windhauch zur Folge hatten, oder je nach Wahl ein paar Tropfen Regen, beziehungsweise ein Aufreißen der Wolken, so lag es mir fern, mich zu beschweren.
Natürlich gingen ihre Bestrebungen auch weiter. Sie verbrannten Räucherwerk und beschworen damit Ereignisse des Alltags, die sich – meiner bescheidenen Ansicht nach – keinen Deut um Reime und Düfte scherten. Aber ich behielt meine Meinung wohlweislich für mich und lächelte zustimmend, wenn eines der Mädchen begeistert davon erzählte, wie ihr Zauber tatsächlich dabei geholfen hatte, Gewicht zu verlieren, eine kleine Summe Geldes zu gewinnen, oder den Mann ihrer Träume – wenn auch nur für eine Sekunde – auf sich aufmerksam zu machen.
Sollten sie doch glauben, was sie wollten. Ich war glücklich und zufrieden damit, in ihrer Runde angenommen zu sein und mich als ein fast vollwertiges Mitglied ihrer Gemeinschaft fühlen zu dürfen.
Denn um eine Gemeinschaft handelte es sich.
Wir trafen uns regelmäßig und zwanglos. Wir ratschten, kochten, fuhren Rad oder gingen spazieren.
Natürlich alles unter dem Eindruck der einen Kraft, die unsere Welt zusammenhielt.
Und so liebte ich besonders unsere abendlichen Treffen, wenn wir uns um einen Herd scharrten und ein Gericht zuzubereiten. Nicht ohne zuvor natürlich diverse Koch- und Hexenbücher zu Rate gezogen zu haben. Denn in jedem Buch der Schatten widmeten sich lange Passagen der Wirksamkeit einzelner Kräuter und Gewürze, der magischen Essenz von Pflanzen und Früchten. Sie alle wollten mit Bedacht und mit Wissen um ihre Wirkung eingesetzt werden.
Das Leben war uns kostbar und die wichtigste Regel bestand darin, alles uns mögliche zu tun, um es zu bewahren, zu lieben und zu ehren.
Wir baten jedes Kraut, jedes Blatt, jede Wurzel um Erlaubnis, bevor wir es oder sie pflückten oder ausgruben. Nicht dass sie uns einer Antwort für würdig erachteten, aber allein die Bitte enthielt eine beruhigende Wirkung.
Ich fand mich selbst zunehmend gefangen im Bann der Gruppe, die ich im Grunde meines Herzens immer noch heimlich verlachte.
Doch der Zusammenhalt, die offen zur Schau getragene Liebe allem Lebendigem gegenüber und die nicht zu erschütternde Hoffnung, die jeden noch so absurd anmutenden Zauberspruch begleiteten, zogen mich magischer an, als eine geborene Zweiflerin wie ich für möglich gehalten hätte.
Ich genoss also in angenehmer und wie ich glaubte auch unschuldiger Gesellschaft das abendliche Gericht, schwelgte in raffinierten Zusammensetzungen und Gewürzen. Meine Freundinnen erwiesen sich immer wieder als wahre Künstlerinnen auf dem Gebiet der kreativen Küche. Die gezüchteten Kräuter, die frisch geernteten Früchte und Gemüse und das gemahlene und gequollene Getreide ergaben die interessantesten Kombinationen, die, wie ich zugeben muss, allesamt schmackhaft waren und sich wohltuend auf den Körper auswirkten.
Und gerade aus diesen Gründen fühlte ich mich umso mehr überrascht, als mir ein Dessert von außergewöhnlicher Köstlichkeit und Exotik angekündigt wurde.
Und als mich die vielen zarten Hände meiner Freundinnen und Gefährtinnen auf den Weg in die Küche geleiteten, in der wir gemeinsam geschält, geschnitten, zerteilt und geköchelt hatten. Unter Lachen und Singen waren wir es gewohnt, uns dem Ritual der Nahrungszubereitung zu widmen. Die Gerüche und Düfte, die der Küche entströmten waren mir meistens vertraut. Dennoch überraschte mich die Wolke süßen Dampfes, die mir entgegen quoll und keinen Zweifel daran ließ, um welch eine Delikatesse es sich handelte.
Erstaunt wandte ich mich zu Alina um. „Ich dachte, Ihr verzichtet auf Schokolade. Die Schädigung der Umwelt aufgrund der notwendigen Transporte, die Schwierigkeiten mit dem fairen Handel …“
„Richtig“, unterbrach Alina mich lächelnd und zwinkerte Carla zu, die den Stieltopf von der Herdplatte zog und darin zu rühren begann. „Kakao und Schokolade vermeiden wir meistens. Aber es gibt Ausnahmen. Und gerade heute erleben wir eine davon.“
Ich sah nun Carla verwirrt an, die mir zulächelte, ohne mit dem Rühren aufzuhören. Der süße Duft intensivierte sich, stieg mir angenehm in die Nase, belebte meine Sinne. Dabei musste ich für mich zugeben, dass die Abstinenz von dieser Köstlichkeit für mich selbst keine unumstößliche Regel bedeutete. Im Gegenteil, ich fand mich recht regelmäßig dabei, wie ich meiner Schwäche nachgab und mir einen Schokoriegel leistete.
Sicher, in letzter Zeit wurden Momente wie dieser seltener, zumal es die Stimmung ein wenig beeinträchtigte, wenn während des Genusses immer wieder verstohlene Blicke in die Runde geworfen wurden. Nicht mit Absicht selbstverständlich, doch konnte ich nicht umhin zu fürchten, eine meiner Freundinnen aus der verschworenen Gemeinschaft des magischen Zirkels könnte mich sehen und mir Vorhaltungen machen.
Obwohl es nicht ihre Art war, dergleichen zu äußern. Doch vielleicht steigerte gerade diese Überzeugung den unangenehmen Beigeschmack sowie meinen Wunsch einer Situation wie dieser unbedingt aus dem Weg zu gehen.
Wie dem auch sei, Schokolade gehörte immer schon zu meinen großen Leidenschaften und so war es nicht nötig, dass mich die Hände der anderen voranschoben. Ich fühlte mich selbst magisch angezogen von dem köstlichen Aroma, das aus dem Topf aufstieg.
Vorsichtig, mir der Erwartungen, die an mich gerichtet wurden, nicht vollkommen sicher, näherte ich mich dem Herd, beugte mich ein wenig vorwärts, schloss meine Augen und schnupperte genießerisch. Erst dann öffnete ich meine Augen wieder und blinzelte in den Topf, in dem sich ein mit einem hellen Holzlöffel stetig in Gang gehaltener Strudel drehte.
Die köstliche Masse war von feiner Konsistenz, zart und flüssig und duftete mit exotischer Fülle.
„Was habt ihr darin?“, flüsterte ich beeindruckt und versuchte vergeblich zu verbergen, wie mir das Wasser im Munde zusammenlief.
Alina lächelte zufrieden und nickte Carla zu. „Vanille“, sagte die ebenfalls mit einem breiten Lächeln und nickte in die Richtung einer ausgedrückten Vanilleschote.
Ich staunte. Vanille und Schokolade in einem Gericht. Offenbar musste es sich um einen ganz besonderen Anlass handeln, der darüber hinwegsehen ließ, dass eine beträchtliche Menge an Kohlendioxid in die Atmosphäre gepumpt werden musste, um die Utensilien aus den warmen Ländern in ihre Heimat zu bringen.
„Zimt“, fuhr Carla fort und zwinkerte mir zu. „Ingwer, Chili …“
„Chili?“, unterbrach ich sie erstaunt. „Wofür? Was wird das wenn es fertig ist?“
Alina schnalzte mit der Zunge, beugte sich zu mir vor und legte mir ihre weiße Hand auf die Schulter. „Geduld“, flüsterte sie. „Du wirst das Ergebnis noch früh genug zu sehen bekommen.“
Ich leckte mir begeistert die Lippen. „Das kann ich kaum erwarten“, gab ich ehrlich zu.
Carla und Alina wechselten einen Blick und ich hörte die anderen in meinem Rücken leise kichern.
„Chili bestimmt die Würze“, sagte Carla. „Er soll ja nicht zu langweilig werden. Ein wenig Feuer gehört dazu.“
„Er?“, fragte ich erstaunt und runzelte die Stirn. „Also wird es ein Kuchen oder Auflauf?“
Ich hatte im Stillen darauf gehofft, dass es sich um kein Backwerk handelte. Alina lachte, als verstünde sie meine Sorge. „Kein Kuchen, kein Auflauf“, zerstreute sie meine Befürchtungen. „Aber er wird süß und schwer.“
„Süß und stark“, verbesserte Carla sie und beide lachten über einen Scherz, den ich nicht verstand.
Ich räusperte mich unsicher. „Zucker ist also schon darin“, riet ich und sah mich um, auf einmal nervös geworden. Ich begann mich zu fragen, warum wir alle in der Küche standen, als warteten wir auf etwas. Und noch dazu schien jeder zu wissen, worauf wir warteten. Jeder außer mir.
„Besser als Zucker“, bemerkte Alina. „Wir haben einen Sirup aus Honig destilliert. Ihn mit Zuckerrübensaft ziehen lassen und mit Holunderblüten versetzt.“
„Oh.“ Ich zeigte mich beeindruckt. „Das wird sicher gut.“
Clara lachte, nahm den Topf hoch und schickte sich an, die Küche zu verlassen. Das verwirrte mich und ich sah fragend zu Alina auf. „Ist es das? Ist es schon fertig?“
Mir war nicht klar, was für ein Dessert dieser Topf enthielt. Auch hatte ich nirgendwo angerichtete Teller mit Früchten oder anderen Leckereien gesehen, die mit der delikaten Schokoladensauce verziert werden sollten.
Clara zog den Löffel aus der Mitte des Topfes, kippte ihn leicht und ließ die sämige und glattfließende Masse herabfließen bis ich erkannte, dass es sich bereits um eine Schöpfkelle mit einem feinen Ausgussstück handelte, mit der sie hantierte.
Trotzdem kam ich immer noch nicht darauf, welchem Zweck die warme Flüssigkeit zugedacht war und folgte Clara und Alina erwartungsvoll. Die Schritte hinter mir bewiesen, dass die anderen uns folgten und wenn ihre Sinne mit eben dem köstlichen Duft erfüllt waren wie meine, dann fühlten sie ebenso die Vorfreude auf künftige Genüsse.
Mit wachsendem Erstaunen stellte ich fest, dass wir nicht nur an unserer Speisetafel mit den unangetasteten Resten der Mahlzeit und dem aufeinandergestapelten Geschirr vorbeigingen, sondern sogar das Haus verließen. Für einen Moment dachte ich, dass wir uns vielleicht auf der Terrasse sammelten, um den angenehmen Sommerabend zu genießen, doch auch über sie liefen wir achtlos hinweg und betraten den weitläufigen Garten, den ich bislang nur bei Tageslicht gesehen hatte. Eine dicht bewachsene Wunderwelt, geschmückt mit seltenen Blumen und wenig verbreiteten Kräutern, denen Alina auf ihrem Besitz ein Zuhause gewährte, dehnte sich vor uns aus und mein Erstaunen wuchs, als wir tiefer in das Dickicht vordrangen. Denn wie ein Dickicht kam es mir beinahe vor, war es bei Tage doch einfacher den herabhängenden Zweigen auszuweichen oder sie einfach zu umgehen.
Doch schließlich betraten wir tatsächlich eine Art Lichtung, an die ich vergeblich versuchte, mich zu erinnern. Zwar konnte ich mir weder vorstellen, dass Alina sie frisch angelegt hatte, noch rechnete ich damit, dass sie mir bei meinen bisherigen Besuchen entgangen war.
Nichtsdestotrotz stand ich nun unvermittelt auf einer freigelegten Fläche, umrahmt von Büschen und Bäumen. Erkennen konnte ich deren Umrisse aufgrund der vereinzelt aufgestellten Fackeln, die Alina nun zu entzünden begann. Mit der Ausdehnung des Lichtes wurde es mir auch möglich, die Beschaffenheit des Bodens unter meinen Füßen genauer zu erkennen und ich bemerkte deutliche Anzeichen dafür, dass dieser Ort bereits wiederholt als Feuerstelle benutzt worden war. Ein Kreis aus weißen, großen Steinen schloss eine sauber glattgefegte Fläche ein, in deren Mitte ein sorgfältig aufgeschichteter Stapel trockener Zweige lag. Trocken genug, dass sie in einer Stichflamme aufgehen konnten und kaum die Möglichkeit für ein gemütliches Lagerfeuer boten. Sollte es das sein, was geplant worden war.
Dass dem nicht so war, wurde mir umso bewusster, als Clara ohne weitere Umschweife und auch ohne das leise Gemurmel unverständlicher Sprüche, auf die zu achten, mir es zumeist an Interesse und Energie mangelte, den Kreis betrat. Sie stieg einfach mit ihrem Topf in der Hand über die Steinreihe und begann damit, innen an dieser entlang zu laufen. Runde um Runde lief sie, bis ich auf einmal bemerkte, dass die anderen die Zeit genutzt hatten, um sich ebenfalls in einem Kreis aufzustellen, der die Szenerie umschloss. Nur ich stand außen vor, innerhalb des aus Menschen gebildeten, doch außerhalb des Steinkreises, in dem Clara sich befand.
Verwirrt sah ich mich um, suchte Alinas Blick. „Was ist hier los?“, fragte ich. Alina nickte und auf dieses Zeichen hin fassten sich die anderen an den Händen und begannen damit, leise zu summen, während Alina das Wort an mich richtete. „Du bist nun lange genug bei uns“, begann sie, löste sich von ihren Kameradinnen und nahm mich bei den Händen. „Daher hielten wir es für richtig, dir anhand eines ganz besonderen Desserts zu demonstrieren, welche Gaben die Natur für uns bereitstellt.“
Ich schluckte trocken und konnte es nicht verhindern, dass sich eine leicht unangenehme Vorahnung in mir breit machte.
„Und das bedeutet?“, fragte ich mit vorgetäuscht fester Stimme.
Alina lächelte freundlich und drückte meine Hände. „Das bedeutet, dass du dir etwas gönnen solltest. Und wir werden dafür sorgen, dass dir alle Möglichkeiten offen stehen.“
Sie drehte sich zu Carla, die nun auch stehen geblieben war und ein ebenso geheimnisvolles wie beunruhigendes Lächeln aufgesetzt hatte.
„Was habt ihr vor?“, fragte ich und versuchte meine Hände denen Alinas zu entziehen. Körperkontakt gehörte noch nie zu den Dingen, die mir besonders leicht fielen.
Doch Alina hielt mich in einem schraubstockartigen Griff bis das Bedürfnis, mich ihm zu entziehen aus meinen Gedanken wich, ersetzt wurde durch haltloses Staunen, das mich mit dem Anblick Carlas erfasste, die tatsächlich damit begann die köstlich duftende und immer noch warm dampfende Schokoladensauce auf den zwar gefegten, aber mit Sicherheit nicht besonders sorgfältig gesäuberten Erdboden zu gießen.
Mein Mund öffnete sich mit dem Wunsch, einen begründeten Protest anzustimmen. Doch verstummte ich, als mir zu meiner immer größer werdenden Verwunderung bewusst wurde, dass sie nicht wahllos Schokolade auf dem Boden verteilte, sondern – ganz im Gegenteil – mit Hilfe ihres Schöpflöffels langsam eine Linie auf den bloßen Grund malte. Sprachlos beobachtete ich, wie um den angehäuften Stapel von Zweigen herum ein Bild entstand. Ich blinzelte zweifelnd, doch musste mir eingestehen, dass ich keineswegs irrte.
Sie zeichnete eine Figur, die mit viel Fantasie als eine Art Lebkuchenmännchen durchgehen konnte. Langsam entwickelten sich Arme und Beine, der runde Kopf prangte bereits auf der mir gegenüberliegenden Seite des Holzes.
Ich merkte nicht, wie Alina mich losließ, zuckte jedoch zusammen, als plötzlich in meinem Augenwinkel ein Licht aufflammte, das brennende Streichholz durch die Luft wirbelte und sobald der erste Funke die trockenen Zweige erreicht hatte, diese entzündete.
Automatisch wich ich einen Schritt zurück, als die Hitze mir entgegenschlug, wurde jedoch aufgehalten durch die Hände meiner Freundinnen, der im Gegensatz zu mir in das Geschehen Eingeweihten.
Rascher als ich begreifen konnte, was vor sich ging, brannten die Zweige lichterloh. Zu meinem Schrecken dehnten sich die Flammen, krochen über den Boden und näherten sich der bereits flüssigen Schokolade. Diese begann damit, Blasen zu werfen, sich zu bewegen und ebenfalls auszudehnen. Beine und Arme wuchsen, der runde Kopf nahm eine Form an, die bald menschliche Attribute aufwies. Zumindest äußerlich menschlich, wie ich mir sagte, als ich mit steigendem Grauen beobachtete, wie das Feuer an Hitze und an Helligkeit abnahm, dafür auf die Schokoladenränder zuwuchs, nach und nach die gezeichnete Form anfüllte.
Ich irrte nicht, es bildete sich eine Gestalt aus der Vereinigung von Feuer und Schokolade. Die Figur regte sich, streckte ihre Glieder, eines nach dem anderen und hob ihren Kopf, um mich anzusehen.
Erst jetzt merkte ich, dass mein Mund immer noch offen stand und ich schluckte trocken. Dass Carla inzwischen den leeren Topf auf den Boden gestellt und sich zu mir gesellt hatte, wurde mir erst bewusst, als sie meine Schulter berührte und ich mich instinktiv zu ihr umdrehte.
„Das ist unser Geschenk an dich“, sagte sie lächelnd. „Der seltenste Nachtisch, den du dir vorstellen kannst. Ein Mann aus Schokolade.“
Ich nickte verblüfft, als die Figur sich erhob, weiter streckte und dehnte, bis er schließlich im Licht der Fackeln am ehesten mit einem in Schokolade getauchten Athleten vergleichbar war.
Er roch ein wenig verbrannt, als er mich in seine Arme schloss, doch das betäubende Aroma von Kakao und Ingwer stieg mir in den Kopf und verjagte jeden Zweifel.
Und zwar wirklich jeden Zweifel. Es ist vielleicht unnötig anzufügen, dass ich von diesem Moment an zu einem treuen und gläubigen Mitglied der Gruppe geworden war. Und das nicht nur, weil mein Schokomann gar so lecker schmeckte.
Lachs an Salat
Titel: Lachs an Salat
Autor: callisto24
* * *
Langsam und sorgfältig rollte Camilla den geräucherten Lachs zwischen ihren Fingern. Normalerweise kam sie nicht auf die Idee, sich in die Küche zu stellen. Und schon gar nicht darauf, ihre Zeit damit zu verschwenden, sich ein Mode-Rezept aus einer In-Zeitschrift empfehlen zu lassen und daran ihre spärlich ausgeprägten Kochkenntnisse zu erproben. Wobei ‚Kochkenntnisse‘ maßlos übertrieben war. Ebenso übertrieben, wie die Annahme, ihre aktuelle Tätigkeit habe etwas mit Kochen zu tun.
Eigentlich fühlte sie sich mehr an Kinderspiele im Matsch oder Sandkasten erinnert, als sie den Quark in einer Schüssel mit der hastig abgemessenen Menge Sahne und der Messerspitze Meerrettich verrührte, die ihm den pikanten Geschmack verleihen sollte. Hastig, weil sie wie immer zu spät dran war und vor allem zu wenig Zeit veranschlagt hatte, um sich mit dieser ungewohnten Tätigkeit auseinanderzusetzen.
Herrgott, es konnte doch wohl nicht so schwer sein, etwas Quarkcreme abzuschmecken, auf dünne Scheiben geräucherten Lachs zu streichen und dann das Ganze zu handlichen Röllchen zu formen, die in dekorative Scheiben geschnitten und auf Salatblättern angerichtet einen exzellenten Blickfang bieten sollten.
Leider war es das doch.
Camilla besaß für gewöhnlich das Privileg, dass sie ihre Nahrungsaufnahme im Vorbeigehen erledigen konnte, während eines Geschäftsessens oder mit Hilfe eines Croissants, den sie sich neben dem Kaffee im Pappbecher gönnte. Ansonsten halfen Tiefkühlgerichte und Lieferservice über die Runden. Camilla war nicht wählerisch und hatte zudem den Vorteil, dass sie sich nicht allzu sehr für ihr leibliches Wohl oder gar für die Kunst des Kochens interessierte. Eine Frau in ihrer Position hatte anderes zu tun.
Aber manchmal warf das Schicksal auch einer Frau wie ihr Knüppel zwischen die Beine, mit denen sie nicht gerechnet hätte. Und das nicht im anzüglichen Sinne.
In Camillas Fall handelte es sich um ein ungünstiges Zusammentreffen widriger Umstände. Wer konnte auch ahnen, dass ihr Kollege Thorsten die Diskussion, die sie mit ihrer Assistentin betreffend der Vor- und Nachteile eines mehrgängigen Hochzeitsmenüs geführt hatte, derart auffasste, als sei Camilla eine Spezialistin in Bezug auf jegliche Fragen der Ernährung.
Die Wahrheit bestand lediglich darin, dass Camilla ein Talent mit Worten besaß, das in Verbindung mit über Jahre erprobter Überzeugungskraft durchaus den Eindruck erwecken konnte und zumeist auch sollte, als kannte sie sich in jedem gewählten Bereich, über den sie sprach, besser aus, als jeder andere.
So hatte sie nicht mit Tipps gegeizt, die der zukünftigen Braut helfen sollte, keine unverzeihlichen Fehler in der Zusammenstellung des Festmahls zu begehen. Denn auch wenn Camilla in den Kenntnissen der technischen Zubereitung von Speisen ausgesprochene Mängel aufwies, so war sie doch oft genug zu entsprechenden Veranstaltungen geladen gewesen, um eine Blick für Abfolge, geschmackliche und farbliche Abstimmung und ebenso rasch aufflackernde wie wieder untergehende Modetrends zu entwickeln. Ganz davon abgesehen, dass es in diesen Tagen Pflicht war, sich mit den gesundheitlichen Aspekten der Nahrungsaufnahme, der Addition und Subtraktion von Gewürzen, Kräutern und geschmacksgebender Zutaten ausreichend auszukennen, um seinem eigenen Körper und dem möglicher Gäste anstelle von Völlegefühl und Herzbeschwerden, den Eindruck vollwertiger Zufriedenheit ohne schädliche Nebenwirkungen zu vermitteln.
Soweit so gut. Und wer hätte auch ahnen können, dass Thorsten gerade während des Vortrags, den sie ihrer Sekretärin hielt, gebannt lauschte und sie im Anschluss mit bewundernder Höflichkeit überschüttete. Wer hätte gedacht, dass ein Mann wie er sich von den Hausmütterchen Qualitäten, die doch so vollkommen jenseits der aktuellen Mode und den Prioritäten, die sich eine Frau von heute setzte, lagen, beeindrucken ließ.
Natürlich, Camilla war es gewohnt zwischen den Worten zu lesen und sie erkannte rasch, dass gerade dieser Punkt es war, an dem sich ein gutaussehender, alleinstehender Mann mittleren Alters, auf den sie zudem bereits seit Monaten ein Auge geworfen hatte, greifen ließ. Denn darin lag das Problem. Die Frauen, mit denen er als erfolgreicher Geschäftsmann zu tun hatte, bewegten sich, wie Camilla selbst, in Kreisen, in denen die Nahrungszubereitung, sowie die daraufhin notwendig gewordene Reinigung der Utensilien von diensthabendem Personal ausgeführt wurde.
Sollte Thorsten einer von jenen Junggesellen sein, die sich als begehrte Beute der immer noch vereinzelt auftretenden Damenwelt inmitten der Geschäftskreise verstand, so mochten es durchaus die hauswirtschaftlichen Kenntnisse und Vorzüge einer Frau sein, die ihm, wenn auch unterschwellig, eine Verbindung attraktiv erscheinen ließen.
Sicher, Camilla wusste sehr gut, dass sie nach einem Strohhalm griff, dass es für eine Frau ihres Alters geradezu unmöglich war, einen Fang wie ihn zu machen.
Und gerade deshalb war sie wohl so unüberlegt auf seine Andeutungen angesprungen, hatte sich als etwas, als jemand ausgegeben, der sie nicht war, und ihn im gleichen Atemzug zum Beweis ihrer Fähigkeiten und Künste in ihr Heim eingeladen.
Und nun stand sie da, inmitten ihrer Küche, und verfluchte sich, dass sie nicht doch den Catering-Service in Anspruch genommen hatte, der ihr als erstes in den Sinn gekommen war. Ebenso wie sie die Hilfe ihrer Haushälterin erbeten und dieses damit beauftragt hatte, die Wohnung so anheimelnd und wohnlich wie nur möglich zu gestalten, angefangen mit Blumen und Kerzen, bis über hier und da ein zierliches Porzellanfigürchen, das ebenso Camillas Weiblichkeit, wie ihren guten Geschmack zum Ausdruck bringen sollte. Wenn es auch mehr ihr finanzieller Status war, der sich so beweisen ließ, so dachte Camilla bei sich, wenigstens als ihr die Rechnung für das Schmuckstück präsentiert wurde.
Das Problem bei jeder Art von Lieferservice bestand nur darin, dass Thorsten aller Wahrscheinlichkeit nach schon jede ortsansässige Adresse selbst wiederholt getestet hatte, ebenso wie sie. Und Camilla wusste sehr wohl, dass sie sowohl an der Aufmachung, als auch am Geschmack der Speisen erkennen konnte, woher sie stammten. Und zwar nicht aus ihrer Küche.
Deshalb stand sie nun in derselben und formte, mehr oder weniger geduldig, Röllchen für Röllchen. Nur dass die Gebilde, die sie produzierte weniger einem Lachsröllchen glichen als einem undefinierbaren Klumpen.
Überall klebte die Meerrettich-Sahne-Creme, die eigentlich nur als dünne Schicht auf die Lachsscheiben aufgestrichen, mit hauchfein gehackter Petersilie bestreut, ein filigranes Gebilde der Köstlichkeit ergeben sollte, nach dem Thorsten sich alle zehn Finger leckte.
Doch schon beim Abschmecken versagte Camilla nach Strich und Faden. Dabei wusste sie nicht einmal, ob sie zu viel oder zu wenig des teuren Meersalzes verwendet hatte, oder ob der Meerrettich zu stark vorschmeckte. Das Einzige, was ihr klar wurde, nach wiederholtem und verzweifeltem Probieren, war die Tatsache, dass die vermaledeite Creme wie Feuer in ihrer Kehle brannte. In ihrer Ratlosigkeit hatte sie noch mehr Sahne hinzugefügt, wodurch die Konsistenz mehr einer dickflüssigen Suppe zu gleichen begann, die nun von allen Seiten des dünn geschnittenen Lachsfilets herunter rann und auf seiner Mitte lediglich einen feuchten Glanz hinterließ.
Camillas Augen brannten mit noch nicht geweinten Tränen. Wieso konnte sie in einem Raum voller Aufsichtsratsvorsitzender sicher und fehlerfrei auftreten, aber kein lächerliches Lachsröllchen zubereiten?
Es sollte doch nur eine winzige Probe ihres Könnens sein, eine Demonstration ihrer Fähigkeiten, in gelöster Stimmung mit einem Glas Sekt zu sich genommen, bevor sie sich in ein vornehmes Restaurant begaben, wie Menschen ihrer Klasse und ihres Anspruches es gewohnt waren.
Und jetzt stapelten sich die Schüsseln in der Spüle, hingen im Eifer des Gefechtes zerrissene Lachsscheiben unbeachtet von Tellerrändern, während sie, in ihrer Panik, einen neuen Versuch begonnen hatte.
Camilla war sich sicher, dass Sahnetropfen in ihrem sorgfältig zurückgesteckten Haar hingen. Sie hatte es noch nicht geschafft, ihren Lippenstift nachzuziehen oder die Weste zu wechseln, die – so war sie sich sicher – inzwischen unangenehm nach Fisch roch.
Stattdessen kratzte sie den letzten Rest Quark aus der dritten geöffneten Schale und benutzte in ihrer Verzweiflung eine der ungebrauchten Müslischalen aus dem oberen Küchenschrank. Sämtliche Edelstahl Schüsseln klebten bereits mit verkrusteter Creme, trugen Salzränder oder bliesen Petersilie in die Luft, wenn man sie nur ansah.
Das war auch so ein Punkt: die Petersilie. Camilla gelang es nicht, diese derart fein zu hacken, wie sie es gewohnt war, sie vor sich auf dem Teller zu sehen.
Mit welcher Begeisterung hatte sie die frische, ökologisch einwandfrei gewachsene und gedüngte Pflanze erstanden. Mit eben der Begeisterung, mit der sie sich im Delikatessgeschäft bezüglich des Fisches beraten ließ. Und nun stand sie vor einem Teller zerrupfter, grüner Blätter, die mehr an Unkraut erinnerten, als an alles andere, und die einfach nicht klein zu kriegen waren.
Zerfranst, plattgedrückt und in unangenehm großen, unförmigen Fetzen klebten sie auf dem zweiten Schneidebrett, das Camilla aus dem Schrank geholt hatte, nachdem die grüne und sich gefährlich ausbreitende Färbung des ersten sie zunehmend irritiert hatte. Wer hätte auch gedacht, dass Petersilie derart abfärbt?
Mit einem erschöpften Seufzer betrachtete Camilla die beiden Teller, auf denen sie die verschiedenen Salatblätter vor viel zu langer Zeit angerichtet hatte. Sie begannen bereits damit sich an den Rändern einzurollen, wirkten unangenehm trocken und Camilla warf einen Blick auf die Salatschleuder in der die letzten auf ihren Einsatz warteten, die eigentlich schon längst mitsamt den Lachsscheiben abgedeckt und gekühlt im Kühlschrank liegen sollten.
Doch was sie auch getan hatte – keines der ursprünglich saftigen Blätter, die sie wusch und schleuderte, behielt auch nur annähernd die Frische und appetitliche Ausstrahlung, die sie vom Anblick dergleichen gewohnt war.
Und nun lagen die traurigen Überreste des sorgfältig ausgewählten Gemisches aus Rucola, Feldsalat und Endivie wie ein trauriger Abklatsch ihrer selbst erwartungslos auf dem weißen Porzellan und harrten der Geschehnisse, die da kommen sollten, aber offensichtlich auf sich warten ließen.
Camilla wagte es kaum auf die Uhr zu sehen und als sie es doch tat, fiel ihr vor Schreck der Löffel, mit dem sie gerade heftig in ihrer Müslischüssel rührte, aus der Hand und landete inmitten der immer noch seltsam klumpig wirkenden Creme. Ein unglücklicher Blick über die, bis auf den letzten Zentimeter, ausgenutzten Fläche des ansonsten ausgesprochen geräumig wirkenden Küchentisches, stattete Camilla mit dem Mut der Verzweiflung aus und sie begann damit, den Löffel aus der Schüssel zu fischen und das unförmige Gemisch auf die letzte, ausgebreitete Lachsscheibe zu klatschen.
Mit hastigen Bewegungen strich sie es halbwegs glatt, griff mit den zwar perfekt manikürten, jedoch mit Quark und Sahne verschmierten Fingern in das letzte Häufchen grob zerkleinerte Petersilie, drückte diese ein wenig zu fest, damit sie ihr nicht erwischte und bröselte dann die grünen Bröckchen über die uneben gestrichene Creme.
Mit einem weiteren Blick auf die Uhr, formte sie aus der Scheibe ein Gebilde, das zumindest entfernt einer Rolle ähnelte und dankte den Göttern, dass wenigstens dieser Handgriff nicht vollkommen daneben ging.
Camilla ignorierte die weißen und grünen Tupfen, die ihre Finger auf dem rosafarbenen Lachs hinterließen, griff hastig nach dem Sägemesser, als es an der Tür schellte, und sägte beherzt die Rolle in unterschiedlich dicke Scheiben.
Das heißt, Scheiben waren es weniger, sondern eher zusammengepresste Ovale, die Camilla hektisch auf die Salatblätter warf. In der Not half eben nur Improvisation, aus anderen Fachrichtungen als der schwierigen Welt der Kochkunst war ihr diese Weisheit schon seit langem bekannt.
Sie hielt ihre Hände unter den laufenden Wasserhahn, rieb sie an der Schürze trocken, die sie gleich darauf abnahm, zusammenknüllte und in eine Ecke der Küche kickte, während sie beide Teller schnappte und in das Wohnzimmer balancierte, in dem sie wenigstens geistesgegenwärtig die Getränke bereits in einem Sektkühler bereitgestellt und das Licht gedimmt hatte.
Für einen Blick in den Spiegel blieb keine Zeit, aber dafür knallte Camilla die Küchentür mit ärgerlicher Wucht zu, als wollte sie sicher gehen, dass diese sich so schnell nicht wieder öffnete.
Sie strich ihr Haar aus dem Gesicht, kniff sich in die Wangen, um das fehlende Rouge zu ersetzen und öffnete dann mit ihrem erprobten und durchaus bewährten Lächeln die Tür.
Und dort stand Thorsten, gepflegt und gutaussehend wie immer, als er mit elegantem Griff hinter seinem Rücken einen raffiniert zusammengestellten Blumenstrauß hervorzauberte.
Strahlend erwiderte er ihr Lächeln, als sie den Strauß entgegennahm und Thorsten hereinbat. Während sie eine Vase hervorsuchte und den Strauß ins Wasser stellte, behielt sie das Lächeln der Einfachheit halber auf ihrem Gesicht und konzentrierte sich darauf, ihren Atem zu beruhigen. Es war einfach lächerlich, dass eine Frau ihren Alters und ihrer Erfahrung sich wegen eines zwanglosen Treffens unter Kollegen derart verrückt machte.
Mühsam zwang sie die Vorstellung der kritischen Gedanken, die sich in Thorsten erheben mochten, der aufmerksam auf die zum Glück mäßig beleuchteten Teller blickte, nieder. Positiv denken, so hieß die Devise. Und letztendlich konnte sie immer noch behaupten, dass das Gericht exakt so gedacht war, wie es sich ihnen präsentierte. So unwahrscheinlich ihm das auch vorkommen mochte, verfügte Camilla doch über ein gewisses Maß an Überzeugungskraft, das zu nutzen, in diesem Moment wohl angebracht war.
Für einen Moment überlegte sie, ob auf das Kerzenlicht nicht besser verzichtet werden sollte, um die genauere Betrachtung gewisser Details zu verhindern, doch bevor sie den Gedanken noch zu Ende denken konnte, hatte Thorsten bereits mit charmanten Worten die Erlaubnis eingeholt und erwies sich als der Kavalier, für den Camilla ihn immer gehalten hatte.
Hastig versuchte sie seine Aufmerksamkeit von den Speisen auf den Sektkühler zu richten und selbstverständlich wurde Thorsten auch hier nicht müde, seine perfekten Manieren auf ausgefeilte Weise zu präsentieren.
Er füllte ihre Gläser und strahlte sie immer noch unentwegt an, als sie vorsichtig nippte und sich bemühte, gleichermaßen unschuldig und verführerisch zu erscheinen.
Mit einer weit ausholenden Geste bot er ihr den Arm und geleitete sie den halben Schritt an ihren schmalen Art Dekor Tisch, der gerade genug Platz für die beiden Teller und ihre Gläser bot.
„Das ist norwegischer Edellachs aus königlicher Zucht“, erklärte sie, und versuchte nicht daran zu denken, dass das Zucken in seinem Gesicht ein Naserümpfen bedeuten könnte.
„Gefüllte Lachsroulade an Salat“, fuhr sie schnell fort. „Einfach und unaufdringlich, passt für jede Gelegenheit.“ Sie schluckte nervös. „Lachs beugt zudem den in unserer Gesellschaft und diesen Breitengraden weit verbreiteten Vitamin-D-Mangel vor“, erklärte sie weiter in dem Versuch, seine Aufmerksamkeit von dem Anblick, der sich auf seinem Teller bot, abzulenken. „Gerade wenn ein gewisses Alter überschritten wurde und die Osteoporose droht, sollte man peinlich genau darauf achten ...“
Camilla brach erschrocken auf und spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Hastig schlug sie die Augen nieder. Ihre Wangen glühten, während sie auf die verhunzten, ausgesprochen individuell verformten und sich geradezu im Stadium der Auflösung befindenden Lachsröllchen starrte.
Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Der größte Fehler, der ihr nur hätte unterlaufen können, und sie war mit beiden Beinen in den Abgrund gesprungen, der sich vor jeder Frau auftat, die ein gewisses Alter überschritten hatte. Frau sprach nicht über die Anzahl der Jahre, die sie auf dem Buckel trug, niemals. Und schon gar nicht in Gegenwart eines potentiellen Fanges. Alleine anzudeuten, dass die eigene Aufmerksamkeit sich von der allgemeinen Achtsamkeit und der modern gesunden Lebensführung, auf die schlicht notwendige Schadensbegrenzung, die der unwiderruflich eintretende Verfall des Körpers mit sich brachte, beschränkte, bedeutete den Todesstoß für jede auch nur in Erwägung gezogene Romanze.
Camilla fühlte das Bedürfnis, sich ihre eigene Zunge abzubeißen. Sie konnte es nicht glauben, dass sie tatsächlich Osteoporose erwähnt hatte. Ebenso gut hätte sie auch über ihren bevorstehenden Einzug ins Seniorenstift sprechen können. Nicht dass sie das vorhatte. Aber nach diesem Abend konnte sie die Hoffnung auf einen Lebensabend, der etwas anderes als Kaffeekränzchen und Gruppensingen beinhaltete, wohl endgültig aufstecken.
So grübelte Camilla düster vor sich hin, bis ein leises Räuspern sie zwinkern und aufblicken ließ. Camilla begegnete einem belustigten Lächeln, das keinen Zweifel daran ließ, dass Thorsten ihre Verlegenheit durchaus aufgefallen war.
Nichtsdestotrotz räusperte er sich erneut und nickte dann in die Richtung seines Tellers.
„Das sieht sehr gut aus“, meinte Thorsten charmant und Camilla glaubte zu bemerken, wie sich der Rotton ihrer Haut intensivierte.
Thorsten fasste todesmutig die schlanke Vorspeisengabel, sammelte eine der Scheiben so gut es ging auf diese und balancierte sie zum Mund.
„Mm“, murmelte er dann und schluckte, leckte sich nachdenklich die Lippen. „Äußerst delikat.“
Und lächelte wieder, so dass Camilla nicht sicher war, ob oder inwieweit er es ernst meinte.
Also folgte sie seinem Beispiel und führte eine Gabel, mit der sie ein ausgefranstes und weiß–grün betupftes Stückchen Lachs aufgespießt hatte, zum Mund.
„Das soll so sein“, murmelte sie, bevor sie kostete. „Die Vermählung von Haute Cuisine mit der Vertrautheit des Alltags ergibt den Hauch Klassik, den sich jedermann insgeheim wünscht.“
„Und jede Frau“, ergänzte Thorsten und zwinkerte wieder.
Camille zwinkerte zurück, kaute rasch und schluckte. Schluckte wieder.
„Verflixt“, entfuhr es ihr.
„Was ist denn?“ Thorsten zog fragend die Augenbrauen hoch.
Camille biss sich auf die Unterlippe und schlug dann die Augen nieder. „Ich habe den Meerrettich vergessen“, stieß sie dann betreten hervor. „Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Jetzt schmeckt es nach … nichts.“
Als Thorsten sich vorbeugte und ihr eine lose Strähne aus der Stirn strich, zuckte sie zurück und sah ihn groß an. Er lächelte wieder und warf dann einen Blick zu der fest verschlossenen Küchentür.
„Ich dachte mir schon, dass es nicht so einfach war“, meinte er dann.
Camilla blinzelte. „Aber, wie kommst du darauf?“, versuchte sie möglichst unbeeindruckt zu erscheinen.
„Nun.“ Thorsten räusperte sich wieder und gab ihr dann mit dem Zeigefinger einen Stups auf die Nasenspitze. „Ich ging davon aus, dass Petersilie auf der Nase und Quark in der Frisur nicht zu deiner üblichen Aufmachung gehören.“
Wenn Camilla nicht schon knallrot gewesen wäre, dann hätte ihr Gesicht spätestens jetzt diese Farbe angenommen.
„Ich … also … was das Kochen angeht …“
Thorsten legte ihr sanft seinen Finger auf die Lippen und schüttelte leicht den Kopf. „Ist schon in Ordnung. Ich helfe dir dabei, die Küche aufzuräumen.“ Er lachte leise. „Liege ich richtig damit, dass das dein momentan größtes Problem darstellt?“
Camilla nickte verlegen und Thorsten lachte wieder, worauf Camilla sich ein Herz fasste. „Das hat aber Zeit“, schlug sie vor, „vielleicht sogar bis morgen früh?“
Worauf Thorsten lachend seinen Kopf schüttelte. Doch an der Art, wie die kleinen Fältchen um seine Augen ein belustigtes Muster entwarfen, erkannte Camilla, dass ihre Bemühungen, wenn auch anders als sie erwartet hatte, letztendlich von Erfolg gekrönt waren.
Autor: callisto24
* * *
Langsam und sorgfältig rollte Camilla den geräucherten Lachs zwischen ihren Fingern. Normalerweise kam sie nicht auf die Idee, sich in die Küche zu stellen. Und schon gar nicht darauf, ihre Zeit damit zu verschwenden, sich ein Mode-Rezept aus einer In-Zeitschrift empfehlen zu lassen und daran ihre spärlich ausgeprägten Kochkenntnisse zu erproben. Wobei ‚Kochkenntnisse‘ maßlos übertrieben war. Ebenso übertrieben, wie die Annahme, ihre aktuelle Tätigkeit habe etwas mit Kochen zu tun.
Eigentlich fühlte sie sich mehr an Kinderspiele im Matsch oder Sandkasten erinnert, als sie den Quark in einer Schüssel mit der hastig abgemessenen Menge Sahne und der Messerspitze Meerrettich verrührte, die ihm den pikanten Geschmack verleihen sollte. Hastig, weil sie wie immer zu spät dran war und vor allem zu wenig Zeit veranschlagt hatte, um sich mit dieser ungewohnten Tätigkeit auseinanderzusetzen.
Herrgott, es konnte doch wohl nicht so schwer sein, etwas Quarkcreme abzuschmecken, auf dünne Scheiben geräucherten Lachs zu streichen und dann das Ganze zu handlichen Röllchen zu formen, die in dekorative Scheiben geschnitten und auf Salatblättern angerichtet einen exzellenten Blickfang bieten sollten.
Leider war es das doch.
Camilla besaß für gewöhnlich das Privileg, dass sie ihre Nahrungsaufnahme im Vorbeigehen erledigen konnte, während eines Geschäftsessens oder mit Hilfe eines Croissants, den sie sich neben dem Kaffee im Pappbecher gönnte. Ansonsten halfen Tiefkühlgerichte und Lieferservice über die Runden. Camilla war nicht wählerisch und hatte zudem den Vorteil, dass sie sich nicht allzu sehr für ihr leibliches Wohl oder gar für die Kunst des Kochens interessierte. Eine Frau in ihrer Position hatte anderes zu tun.
Aber manchmal warf das Schicksal auch einer Frau wie ihr Knüppel zwischen die Beine, mit denen sie nicht gerechnet hätte. Und das nicht im anzüglichen Sinne.
In Camillas Fall handelte es sich um ein ungünstiges Zusammentreffen widriger Umstände. Wer konnte auch ahnen, dass ihr Kollege Thorsten die Diskussion, die sie mit ihrer Assistentin betreffend der Vor- und Nachteile eines mehrgängigen Hochzeitsmenüs geführt hatte, derart auffasste, als sei Camilla eine Spezialistin in Bezug auf jegliche Fragen der Ernährung.
Die Wahrheit bestand lediglich darin, dass Camilla ein Talent mit Worten besaß, das in Verbindung mit über Jahre erprobter Überzeugungskraft durchaus den Eindruck erwecken konnte und zumeist auch sollte, als kannte sie sich in jedem gewählten Bereich, über den sie sprach, besser aus, als jeder andere.
So hatte sie nicht mit Tipps gegeizt, die der zukünftigen Braut helfen sollte, keine unverzeihlichen Fehler in der Zusammenstellung des Festmahls zu begehen. Denn auch wenn Camilla in den Kenntnissen der technischen Zubereitung von Speisen ausgesprochene Mängel aufwies, so war sie doch oft genug zu entsprechenden Veranstaltungen geladen gewesen, um eine Blick für Abfolge, geschmackliche und farbliche Abstimmung und ebenso rasch aufflackernde wie wieder untergehende Modetrends zu entwickeln. Ganz davon abgesehen, dass es in diesen Tagen Pflicht war, sich mit den gesundheitlichen Aspekten der Nahrungsaufnahme, der Addition und Subtraktion von Gewürzen, Kräutern und geschmacksgebender Zutaten ausreichend auszukennen, um seinem eigenen Körper und dem möglicher Gäste anstelle von Völlegefühl und Herzbeschwerden, den Eindruck vollwertiger Zufriedenheit ohne schädliche Nebenwirkungen zu vermitteln.
Soweit so gut. Und wer hätte auch ahnen können, dass Thorsten gerade während des Vortrags, den sie ihrer Sekretärin hielt, gebannt lauschte und sie im Anschluss mit bewundernder Höflichkeit überschüttete. Wer hätte gedacht, dass ein Mann wie er sich von den Hausmütterchen Qualitäten, die doch so vollkommen jenseits der aktuellen Mode und den Prioritäten, die sich eine Frau von heute setzte, lagen, beeindrucken ließ.
Natürlich, Camilla war es gewohnt zwischen den Worten zu lesen und sie erkannte rasch, dass gerade dieser Punkt es war, an dem sich ein gutaussehender, alleinstehender Mann mittleren Alters, auf den sie zudem bereits seit Monaten ein Auge geworfen hatte, greifen ließ. Denn darin lag das Problem. Die Frauen, mit denen er als erfolgreicher Geschäftsmann zu tun hatte, bewegten sich, wie Camilla selbst, in Kreisen, in denen die Nahrungszubereitung, sowie die daraufhin notwendig gewordene Reinigung der Utensilien von diensthabendem Personal ausgeführt wurde.
Sollte Thorsten einer von jenen Junggesellen sein, die sich als begehrte Beute der immer noch vereinzelt auftretenden Damenwelt inmitten der Geschäftskreise verstand, so mochten es durchaus die hauswirtschaftlichen Kenntnisse und Vorzüge einer Frau sein, die ihm, wenn auch unterschwellig, eine Verbindung attraktiv erscheinen ließen.
Sicher, Camilla wusste sehr gut, dass sie nach einem Strohhalm griff, dass es für eine Frau ihres Alters geradezu unmöglich war, einen Fang wie ihn zu machen.
Und gerade deshalb war sie wohl so unüberlegt auf seine Andeutungen angesprungen, hatte sich als etwas, als jemand ausgegeben, der sie nicht war, und ihn im gleichen Atemzug zum Beweis ihrer Fähigkeiten und Künste in ihr Heim eingeladen.
Und nun stand sie da, inmitten ihrer Küche, und verfluchte sich, dass sie nicht doch den Catering-Service in Anspruch genommen hatte, der ihr als erstes in den Sinn gekommen war. Ebenso wie sie die Hilfe ihrer Haushälterin erbeten und dieses damit beauftragt hatte, die Wohnung so anheimelnd und wohnlich wie nur möglich zu gestalten, angefangen mit Blumen und Kerzen, bis über hier und da ein zierliches Porzellanfigürchen, das ebenso Camillas Weiblichkeit, wie ihren guten Geschmack zum Ausdruck bringen sollte. Wenn es auch mehr ihr finanzieller Status war, der sich so beweisen ließ, so dachte Camilla bei sich, wenigstens als ihr die Rechnung für das Schmuckstück präsentiert wurde.
Das Problem bei jeder Art von Lieferservice bestand nur darin, dass Thorsten aller Wahrscheinlichkeit nach schon jede ortsansässige Adresse selbst wiederholt getestet hatte, ebenso wie sie. Und Camilla wusste sehr wohl, dass sie sowohl an der Aufmachung, als auch am Geschmack der Speisen erkennen konnte, woher sie stammten. Und zwar nicht aus ihrer Küche.
Deshalb stand sie nun in derselben und formte, mehr oder weniger geduldig, Röllchen für Röllchen. Nur dass die Gebilde, die sie produzierte weniger einem Lachsröllchen glichen als einem undefinierbaren Klumpen.
Überall klebte die Meerrettich-Sahne-Creme, die eigentlich nur als dünne Schicht auf die Lachsscheiben aufgestrichen, mit hauchfein gehackter Petersilie bestreut, ein filigranes Gebilde der Köstlichkeit ergeben sollte, nach dem Thorsten sich alle zehn Finger leckte.
Doch schon beim Abschmecken versagte Camilla nach Strich und Faden. Dabei wusste sie nicht einmal, ob sie zu viel oder zu wenig des teuren Meersalzes verwendet hatte, oder ob der Meerrettich zu stark vorschmeckte. Das Einzige, was ihr klar wurde, nach wiederholtem und verzweifeltem Probieren, war die Tatsache, dass die vermaledeite Creme wie Feuer in ihrer Kehle brannte. In ihrer Ratlosigkeit hatte sie noch mehr Sahne hinzugefügt, wodurch die Konsistenz mehr einer dickflüssigen Suppe zu gleichen begann, die nun von allen Seiten des dünn geschnittenen Lachsfilets herunter rann und auf seiner Mitte lediglich einen feuchten Glanz hinterließ.
Camillas Augen brannten mit noch nicht geweinten Tränen. Wieso konnte sie in einem Raum voller Aufsichtsratsvorsitzender sicher und fehlerfrei auftreten, aber kein lächerliches Lachsröllchen zubereiten?
Es sollte doch nur eine winzige Probe ihres Könnens sein, eine Demonstration ihrer Fähigkeiten, in gelöster Stimmung mit einem Glas Sekt zu sich genommen, bevor sie sich in ein vornehmes Restaurant begaben, wie Menschen ihrer Klasse und ihres Anspruches es gewohnt waren.
Und jetzt stapelten sich die Schüsseln in der Spüle, hingen im Eifer des Gefechtes zerrissene Lachsscheiben unbeachtet von Tellerrändern, während sie, in ihrer Panik, einen neuen Versuch begonnen hatte.
Camilla war sich sicher, dass Sahnetropfen in ihrem sorgfältig zurückgesteckten Haar hingen. Sie hatte es noch nicht geschafft, ihren Lippenstift nachzuziehen oder die Weste zu wechseln, die – so war sie sich sicher – inzwischen unangenehm nach Fisch roch.
Stattdessen kratzte sie den letzten Rest Quark aus der dritten geöffneten Schale und benutzte in ihrer Verzweiflung eine der ungebrauchten Müslischalen aus dem oberen Küchenschrank. Sämtliche Edelstahl Schüsseln klebten bereits mit verkrusteter Creme, trugen Salzränder oder bliesen Petersilie in die Luft, wenn man sie nur ansah.
Das war auch so ein Punkt: die Petersilie. Camilla gelang es nicht, diese derart fein zu hacken, wie sie es gewohnt war, sie vor sich auf dem Teller zu sehen.
Mit welcher Begeisterung hatte sie die frische, ökologisch einwandfrei gewachsene und gedüngte Pflanze erstanden. Mit eben der Begeisterung, mit der sie sich im Delikatessgeschäft bezüglich des Fisches beraten ließ. Und nun stand sie vor einem Teller zerrupfter, grüner Blätter, die mehr an Unkraut erinnerten, als an alles andere, und die einfach nicht klein zu kriegen waren.
Zerfranst, plattgedrückt und in unangenehm großen, unförmigen Fetzen klebten sie auf dem zweiten Schneidebrett, das Camilla aus dem Schrank geholt hatte, nachdem die grüne und sich gefährlich ausbreitende Färbung des ersten sie zunehmend irritiert hatte. Wer hätte auch gedacht, dass Petersilie derart abfärbt?
Mit einem erschöpften Seufzer betrachtete Camilla die beiden Teller, auf denen sie die verschiedenen Salatblätter vor viel zu langer Zeit angerichtet hatte. Sie begannen bereits damit sich an den Rändern einzurollen, wirkten unangenehm trocken und Camilla warf einen Blick auf die Salatschleuder in der die letzten auf ihren Einsatz warteten, die eigentlich schon längst mitsamt den Lachsscheiben abgedeckt und gekühlt im Kühlschrank liegen sollten.
Doch was sie auch getan hatte – keines der ursprünglich saftigen Blätter, die sie wusch und schleuderte, behielt auch nur annähernd die Frische und appetitliche Ausstrahlung, die sie vom Anblick dergleichen gewohnt war.
Und nun lagen die traurigen Überreste des sorgfältig ausgewählten Gemisches aus Rucola, Feldsalat und Endivie wie ein trauriger Abklatsch ihrer selbst erwartungslos auf dem weißen Porzellan und harrten der Geschehnisse, die da kommen sollten, aber offensichtlich auf sich warten ließen.
Camilla wagte es kaum auf die Uhr zu sehen und als sie es doch tat, fiel ihr vor Schreck der Löffel, mit dem sie gerade heftig in ihrer Müslischüssel rührte, aus der Hand und landete inmitten der immer noch seltsam klumpig wirkenden Creme. Ein unglücklicher Blick über die, bis auf den letzten Zentimeter, ausgenutzten Fläche des ansonsten ausgesprochen geräumig wirkenden Küchentisches, stattete Camilla mit dem Mut der Verzweiflung aus und sie begann damit, den Löffel aus der Schüssel zu fischen und das unförmige Gemisch auf die letzte, ausgebreitete Lachsscheibe zu klatschen.
Mit hastigen Bewegungen strich sie es halbwegs glatt, griff mit den zwar perfekt manikürten, jedoch mit Quark und Sahne verschmierten Fingern in das letzte Häufchen grob zerkleinerte Petersilie, drückte diese ein wenig zu fest, damit sie ihr nicht erwischte und bröselte dann die grünen Bröckchen über die uneben gestrichene Creme.
Mit einem weiteren Blick auf die Uhr, formte sie aus der Scheibe ein Gebilde, das zumindest entfernt einer Rolle ähnelte und dankte den Göttern, dass wenigstens dieser Handgriff nicht vollkommen daneben ging.
Camilla ignorierte die weißen und grünen Tupfen, die ihre Finger auf dem rosafarbenen Lachs hinterließen, griff hastig nach dem Sägemesser, als es an der Tür schellte, und sägte beherzt die Rolle in unterschiedlich dicke Scheiben.
Das heißt, Scheiben waren es weniger, sondern eher zusammengepresste Ovale, die Camilla hektisch auf die Salatblätter warf. In der Not half eben nur Improvisation, aus anderen Fachrichtungen als der schwierigen Welt der Kochkunst war ihr diese Weisheit schon seit langem bekannt.
Sie hielt ihre Hände unter den laufenden Wasserhahn, rieb sie an der Schürze trocken, die sie gleich darauf abnahm, zusammenknüllte und in eine Ecke der Küche kickte, während sie beide Teller schnappte und in das Wohnzimmer balancierte, in dem sie wenigstens geistesgegenwärtig die Getränke bereits in einem Sektkühler bereitgestellt und das Licht gedimmt hatte.
Für einen Blick in den Spiegel blieb keine Zeit, aber dafür knallte Camilla die Küchentür mit ärgerlicher Wucht zu, als wollte sie sicher gehen, dass diese sich so schnell nicht wieder öffnete.
Sie strich ihr Haar aus dem Gesicht, kniff sich in die Wangen, um das fehlende Rouge zu ersetzen und öffnete dann mit ihrem erprobten und durchaus bewährten Lächeln die Tür.
Und dort stand Thorsten, gepflegt und gutaussehend wie immer, als er mit elegantem Griff hinter seinem Rücken einen raffiniert zusammengestellten Blumenstrauß hervorzauberte.
Strahlend erwiderte er ihr Lächeln, als sie den Strauß entgegennahm und Thorsten hereinbat. Während sie eine Vase hervorsuchte und den Strauß ins Wasser stellte, behielt sie das Lächeln der Einfachheit halber auf ihrem Gesicht und konzentrierte sich darauf, ihren Atem zu beruhigen. Es war einfach lächerlich, dass eine Frau ihren Alters und ihrer Erfahrung sich wegen eines zwanglosen Treffens unter Kollegen derart verrückt machte.
Mühsam zwang sie die Vorstellung der kritischen Gedanken, die sich in Thorsten erheben mochten, der aufmerksam auf die zum Glück mäßig beleuchteten Teller blickte, nieder. Positiv denken, so hieß die Devise. Und letztendlich konnte sie immer noch behaupten, dass das Gericht exakt so gedacht war, wie es sich ihnen präsentierte. So unwahrscheinlich ihm das auch vorkommen mochte, verfügte Camilla doch über ein gewisses Maß an Überzeugungskraft, das zu nutzen, in diesem Moment wohl angebracht war.
Für einen Moment überlegte sie, ob auf das Kerzenlicht nicht besser verzichtet werden sollte, um die genauere Betrachtung gewisser Details zu verhindern, doch bevor sie den Gedanken noch zu Ende denken konnte, hatte Thorsten bereits mit charmanten Worten die Erlaubnis eingeholt und erwies sich als der Kavalier, für den Camilla ihn immer gehalten hatte.
Hastig versuchte sie seine Aufmerksamkeit von den Speisen auf den Sektkühler zu richten und selbstverständlich wurde Thorsten auch hier nicht müde, seine perfekten Manieren auf ausgefeilte Weise zu präsentieren.
Er füllte ihre Gläser und strahlte sie immer noch unentwegt an, als sie vorsichtig nippte und sich bemühte, gleichermaßen unschuldig und verführerisch zu erscheinen.
Mit einer weit ausholenden Geste bot er ihr den Arm und geleitete sie den halben Schritt an ihren schmalen Art Dekor Tisch, der gerade genug Platz für die beiden Teller und ihre Gläser bot.
„Das ist norwegischer Edellachs aus königlicher Zucht“, erklärte sie, und versuchte nicht daran zu denken, dass das Zucken in seinem Gesicht ein Naserümpfen bedeuten könnte.
„Gefüllte Lachsroulade an Salat“, fuhr sie schnell fort. „Einfach und unaufdringlich, passt für jede Gelegenheit.“ Sie schluckte nervös. „Lachs beugt zudem den in unserer Gesellschaft und diesen Breitengraden weit verbreiteten Vitamin-D-Mangel vor“, erklärte sie weiter in dem Versuch, seine Aufmerksamkeit von dem Anblick, der sich auf seinem Teller bot, abzulenken. „Gerade wenn ein gewisses Alter überschritten wurde und die Osteoporose droht, sollte man peinlich genau darauf achten ...“
Camilla brach erschrocken auf und spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Hastig schlug sie die Augen nieder. Ihre Wangen glühten, während sie auf die verhunzten, ausgesprochen individuell verformten und sich geradezu im Stadium der Auflösung befindenden Lachsröllchen starrte.
Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Der größte Fehler, der ihr nur hätte unterlaufen können, und sie war mit beiden Beinen in den Abgrund gesprungen, der sich vor jeder Frau auftat, die ein gewisses Alter überschritten hatte. Frau sprach nicht über die Anzahl der Jahre, die sie auf dem Buckel trug, niemals. Und schon gar nicht in Gegenwart eines potentiellen Fanges. Alleine anzudeuten, dass die eigene Aufmerksamkeit sich von der allgemeinen Achtsamkeit und der modern gesunden Lebensführung, auf die schlicht notwendige Schadensbegrenzung, die der unwiderruflich eintretende Verfall des Körpers mit sich brachte, beschränkte, bedeutete den Todesstoß für jede auch nur in Erwägung gezogene Romanze.
Camilla fühlte das Bedürfnis, sich ihre eigene Zunge abzubeißen. Sie konnte es nicht glauben, dass sie tatsächlich Osteoporose erwähnt hatte. Ebenso gut hätte sie auch über ihren bevorstehenden Einzug ins Seniorenstift sprechen können. Nicht dass sie das vorhatte. Aber nach diesem Abend konnte sie die Hoffnung auf einen Lebensabend, der etwas anderes als Kaffeekränzchen und Gruppensingen beinhaltete, wohl endgültig aufstecken.
So grübelte Camilla düster vor sich hin, bis ein leises Räuspern sie zwinkern und aufblicken ließ. Camilla begegnete einem belustigten Lächeln, das keinen Zweifel daran ließ, dass Thorsten ihre Verlegenheit durchaus aufgefallen war.
Nichtsdestotrotz räusperte er sich erneut und nickte dann in die Richtung seines Tellers.
„Das sieht sehr gut aus“, meinte Thorsten charmant und Camilla glaubte zu bemerken, wie sich der Rotton ihrer Haut intensivierte.
Thorsten fasste todesmutig die schlanke Vorspeisengabel, sammelte eine der Scheiben so gut es ging auf diese und balancierte sie zum Mund.
„Mm“, murmelte er dann und schluckte, leckte sich nachdenklich die Lippen. „Äußerst delikat.“
Und lächelte wieder, so dass Camilla nicht sicher war, ob oder inwieweit er es ernst meinte.
Also folgte sie seinem Beispiel und führte eine Gabel, mit der sie ein ausgefranstes und weiß–grün betupftes Stückchen Lachs aufgespießt hatte, zum Mund.
„Das soll so sein“, murmelte sie, bevor sie kostete. „Die Vermählung von Haute Cuisine mit der Vertrautheit des Alltags ergibt den Hauch Klassik, den sich jedermann insgeheim wünscht.“
„Und jede Frau“, ergänzte Thorsten und zwinkerte wieder.
Camille zwinkerte zurück, kaute rasch und schluckte. Schluckte wieder.
„Verflixt“, entfuhr es ihr.
„Was ist denn?“ Thorsten zog fragend die Augenbrauen hoch.
Camille biss sich auf die Unterlippe und schlug dann die Augen nieder. „Ich habe den Meerrettich vergessen“, stieß sie dann betreten hervor. „Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Jetzt schmeckt es nach … nichts.“
Als Thorsten sich vorbeugte und ihr eine lose Strähne aus der Stirn strich, zuckte sie zurück und sah ihn groß an. Er lächelte wieder und warf dann einen Blick zu der fest verschlossenen Küchentür.
„Ich dachte mir schon, dass es nicht so einfach war“, meinte er dann.
Camilla blinzelte. „Aber, wie kommst du darauf?“, versuchte sie möglichst unbeeindruckt zu erscheinen.
„Nun.“ Thorsten räusperte sich wieder und gab ihr dann mit dem Zeigefinger einen Stups auf die Nasenspitze. „Ich ging davon aus, dass Petersilie auf der Nase und Quark in der Frisur nicht zu deiner üblichen Aufmachung gehören.“
Wenn Camilla nicht schon knallrot gewesen wäre, dann hätte ihr Gesicht spätestens jetzt diese Farbe angenommen.
„Ich … also … was das Kochen angeht …“
Thorsten legte ihr sanft seinen Finger auf die Lippen und schüttelte leicht den Kopf. „Ist schon in Ordnung. Ich helfe dir dabei, die Küche aufzuräumen.“ Er lachte leise. „Liege ich richtig damit, dass das dein momentan größtes Problem darstellt?“
Camilla nickte verlegen und Thorsten lachte wieder, worauf Camilla sich ein Herz fasste. „Das hat aber Zeit“, schlug sie vor, „vielleicht sogar bis morgen früh?“
Worauf Thorsten lachend seinen Kopf schüttelte. Doch an der Art, wie die kleinen Fältchen um seine Augen ein belustigtes Muster entwarfen, erkannte Camilla, dass ihre Bemühungen, wenn auch anders als sie erwartet hatte, letztendlich von Erfolg gekrönt waren.
Feiertagssuppe
Titel: Feiertagssuppe
Autor: callisto24
* * *
Der kräftige Duft der Brühe stieg hoch und Henriette wich zurück, bevor der kräuselnde Dampf ihr allzu streng in die Nase steigen konnte.
Feiertage bedeuteten Henriette viel, um nicht zu sagen alles. Sie gaben dem Leben Struktur, verliehen dem Jahr seine Höhepunkte und ihr die Möglichkeit auf ein Ziel hinzuarbeiten, ihre Gedanken und Pläne auf ein Ereignis zu konzentrieren, das es wert war, als solches beachtet zu werden.
Und selbstverständlich gehörte auch ihr Hochzeitstag zu einem dieser Feiertage, denen es galt, besondere Beachtung zu schenken. Nicht dass Egon es wirklich wert war, dass sie sich so um ihn bemühte. Dennoch, er war nun einmal ihr Mann und sie hatte geschworen, ihn zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod sie schied. So abgedroschen dies auch klingen mochte.
Ihr Zusammenleben, die vielen Jahre, die sie miteinander durch Dick und Dünn gegangen waren bedeuteten Henriette viel. Deshalb hatte sie sich entschlossen, diesem Hochzeitstag mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als ihre spärliche, übrig gebliebene Verwandtschaft für akzeptabel hielte.
Natürlich lag der größte Teil ihrer Familie schon längst im Grab, ein Umstand, an dem man sich in ihrem Alter gewöhnt und mit dem man sich wohl oder übel abgefunden hatte. Selbst wenn Henriettes selige Mutter nicht müde geworden war, Egon zu wünschen und zu prophezeien, dass er das Zeitliche lange vor ihr selbst segnen sollte. Selbst auf dem Totenbett drückte sie noch ihren Unmut darüber aus, dass Egon trotz seines Übergewichts, seiner Trinkerei und den übelriechenden Zigarren, nach denen er ständig roch, kein Anzeichen einer Erkrankung oder Schwäche zeigte.
Das war eine schwere Zeit für Henriette gewesen, hin und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, ihren Ehemann zu verteidigen und dem Wunsch ihrer Mutter das Verständnis entgegenzubringen, das sie am Ende ihres Lebens verdient hatte.
Letztendlich spielte all das auch keine Rolle. Egon und sie hatten ihre Mutter ebenso begraben wie ihren Vater und Bruder, ihre Tanten und Onkel. Lediglich zwei Cousinen besuchte sie noch ab und an, von denen eine nicht fit genug war, um die Bedeutung des Tages zu begreifen und die andere sich schlichtweg weigerte, mit Egon eine Mahlzeit zu teilen.
Aber an all das wollte Henriette an diesem besonderen Tag auch nicht denken. Stattdessen verbrachte sie bereits die Zeit seit den frühen Morgenstunden mit der sorgfältigen Vorbereitung eines Abendessens, das Egon ihrer Liebe und Treue versichern und den heiligen Bund ihrer Ehe erneuern sollte.
Zwar war Henriette es gewohnt, sich nach dem Geschmack ihres Mannes zu richten, zumindest wenn es um das tägliche Kochen ging, doch an den Ehrentagen nahm sie sich heraus, ein gewisses Maß an Kreativität, wenn nicht gar Experimentierfreudigkeit an den Tag zu legen.
Daher hatte sie sich auch entschlossen, mehrere Gänge zu servieren und mit jedem einzelnen ihre Liebe und Hingabe erneut unter Beweis zu stellen.
Der Kühlschrank war gefüllt mit den Speisen und Beilagen, die kalt serviert wurden, die Gefriertruhe beinhaltete Egons Lieblingseissorte und im Ofen brutzelte ein raffiniert gewürzter Braten.
Henriette hatte sich die Freiheit genommen anstelle der Salzstangen auf dem Esstisch zur Feier des Tages eine ausladende Platte mit Frischkäse bestrichener Cracker anzurichten und das Naserümpfen ihres Mannes geflissentlich ignoriert.
Dass er die einzelne Rose, die sie mitsamt der Lieblingsvase ihrer Mutter neben der Platte in die Mitte des Tisches gestellt hatte, beachtete Egon nicht, aber Henriette hatte das auch nicht erwartet. Auch die Kerzen am Fenstersims oder die Biskuitrolle, die das trockene Mürbegebäck zum Kaffee ersetzt hatte, entlockten ihrem Mann kein Augenzwinkern. Und dass sie selbst ihren Tag in der Küche verbrachte, anstatt mit der Wäsche, dem Putzen des Bades oder dem Staubwischen, um nur wenige ihrer bevorzugten Beschäftigungen zu nennen, war Egon natürlich ebenfalls nicht aufgefallen.
Nun, Henriette erwartete das auch nicht, keineswegs. Er war ihr Mann und er gehörte zu ihr. Das musste genügen. Vor Jahrzehnten hatten sie sich einander versprochen. Sie liebte ihn und er liebte sie. Und das Mindeste war, dass sie diese Liebe mit einem Festessen unter Beweis stellte.
Trotzdem fühlte ihr Herz sich schwer an, wollte sich die Festtagsstimmung, auf die sie gewartet hatte, nicht einstellen.
Henriette rieb sorgfältig die Suppenschüssel mit einer Knoblauchzehe aus. Sicher, Egon konnte Knoblauch nicht ausstehen, aber in jeder Frauenzeitschrift stand doch, dass diese Knolle besonders gut für das Herz und den Blutdruck sei. Zwei Schwachpunkte, die Egons Arzt von Zeit zu Zeit zu bemängeln pflegte. Nicht dass es Egon etwas ausmachte, oder er auf die Idee käme, seine Lebensweise zu überdenken, geschweige denn dass er auf den Rat des Mannes hörte, doch Henriette hatte nicht vor mit der Gesundheit ihres Mannes Poker zu spielen. Wo es ging, mogelte sie ihm ein wenig Grünzeug unter. Ein paar Vitamine hier und da, ein Hauch von Ballaststoffen konnten doch nicht schaden.
Und was Egon nicht wusste, das konnte ihn auch nicht stören. Soweit war Henriette sich sicher, dass ein schwaches Knoblaucharoma den Geschmacksknospen ihres Mannes nicht auffiele.
Ein unanständiges Schimpfwort entkam ihren Lippen, als sie mit Schwung die Suppe in die feine Porzellanschüssel füllte, die ihre Mutter ihr bei der Heirat als besonders exquisiten Bestandteil des Sonntagsgeschirrs präsentiert hatte. Wie immer stellte sie sich zu ungeschickte an und trotz all ihrer zuvor ausgefeilten Kunstgriffe, landete ein geraumer Teil der Flüssigkeit auf dem Küchentisch neben dem Herd.
Henriette stellte den Topf zurück und fragte sich einen Moment, ob sie die Grießklöße vor dem obligatorischen Umfüllen aus der Schüssel hätte fischen sollen. Doch dann verdrehte sie ihre Augen und beschloss keinen Gedanken mehr an die weichen, weißen Knödel zu verschwenden, die sie mit soviel Mühe aus der klebrigen Masse geformt hatte, und die trotz allem jetzt wie unförmige Beulen in der klaren Brühe schwammen.
Henriette hatte noch nie verstanden, warum Egon diese besondere Vorliebe für Grießnockerlsuppe hegte. Sie selbst konnte Suppen eher etwas abgewinnen, wenn sie mit einer auffallend cremigen Konsistenz ihrem Gaumen schmeichelten. Etwas Sahne, ein Stich Butter und vielleicht ein wenig geschmolzener Käse waren die Bestandteile, mit der sich eine Suppe genießen ließ. Aber auch da schieden sich ihr Geist und der ihres Mannes. Egon liebte die klare Brühe und Henriette musste, wenn auch widerstrebend zugeben, dass in diesem Fall und im Hinblick auf die Tatsache, dass es sich mit der Suppe nur um den ersten warmen Gang der Mahlzeit handelte, es sinnvoller war, mit etwas Leichtem zu beginnen.
Und warum auch nicht ihren Hochzeitstag und Egon damit erfreuen, dass sie sich mit der Suppe ganz besondere Mühe gab, ja, sich sogar an die Hinweise hielt, die Egon im Laufe der Jahre fallen gelassen hatte. In all den langen Jahren, in denen er von seiner Mutter gesprochen hatte und von ihrem ganz besonderen und von Henriette definitiv unerreichtem Können in der Küche.
Mit schiefem Blick auf die in Würfeln gepresste Brühe, die Henriette nachlässig in heißes Wasser warf, erwähnte er beiläufig, wie es in ihrer Familie Tradition gewesen war, nach klassischer Art Knochen auszukochen, die wertvollen Inhaltstoffe des Marks und den unerreichten Geschmack, den nur die Mühe dieser Arbeit erzielen konnte, sich mühselig und über Stunden hinweg zu erarbeiten.
Also hatte Henriette sich ein Herz gefasst, umgehört und es war ihr tatsächlich gelungen, die richtigen Suppenknochen aufzutreiben. Mit weit geöffnetem Fenster und einer Wäscheklammer auf der Nase hatte sie diese ausgekocht, den Sud erkalten lassen und für diesen speziellen Tag aufgehoben, an dem sie ihn mit der abgewogenen, gewaschenen und geputzten Menge an Suppengrün neu aufsetzte. An dieser Brühe sollte es nichts auszusetzen geben, das hatte sie sich geschworen. Sie bildete den Auftakt zu einem Festmahl, nach dem sich ihr Mann noch nach Jahren alle Finger lecken sollte.
Das Abseihen war nicht leicht gewesen, aber auch das war ihr gelungen, wusste Henriette doch wie sehr Egon es hasste, wenn er in seiner Brühe Bestandteile entdecken musste, die auch nur ein wenig an Gemüse erinnerten. Nicht einmal die winzigen Kräuter und Gewürze, die beim Aufgießen einer einfachen gekörnten Brühe in der Flüssigkeit schwammen, vermochte er zu tolerieren. Und Henriette war es nach den vielen Jahren gewohnt, ihm seine kleinen Vorlieben und Schwächen nachzusehen. Auch das machte Liebe aus. Auch das bedeutete eine lebenslange Partnerschaft.
Und natürlich beruhte dieses Einvernehmen auf Gegenseitigkeit. So hatte Henriette ihrem Egon im Laufe der Zeit abgetrotzt, dass sie die mühsam auf dem Balkon gezogene Petersilie benutzen und nach ihrem Belieben über die Speisen verteilen durfte.
Mit dem eigens zu diesem Zweck erworbenen Wiegemesser machte Henriette sich nun daran und zerkleinerte die liebevoll aus dem Topf herausgesuchten, schönsten und grünsten Petersilienblätter, indem sie wieder und wieder mit dem scharfen Messer über sie hinweg ging. Jede Seite des Wiegemessers in einer Hand und in einem stetigen Rhythmus wiegte sie mit der Klinge über das Brett, sah zu, wie die Blätter in ihre Einzelteile zertrennt wurden, kleiner und filigraner gehobelt, bis sie nur noch wie feiner, grüner Staub, so leicht, dass ein Windhauch sie anhoben konnte, in einem kleinen Haufen auf dem Brett lagen.
Mit einem zufriedenen Seufzer legte Henriette das Messer weg. Es war gut und richtig, darauf zu achten, dass Egon wenigstens ein Mindestmaß an Vitaminen genoss, auch wenn er sich innerlich dagegen sträubte. Wollte sie ihn doch noch so lange behalten, wie es irgend möglich war.
Mit einem weichen Küchentuch wischte sie über den Rand der Porzellanschüssel, entfernte die letzten Tropfen, die ihrer misslungenen Umfüllaktion entsprungen waren und streute dann liebevoll die feingehackte Petersilie über die in der Suppe schwimmenden Grießklöße. Deren flockiges Weiß erhielt so hübsche grüne Sprenkel und Henriette trat einen Schritt zurück, um ihr Werk zufrieden zu betrachten.
Sie schloss die Schüssel mit dem geschwungenen Deckel, stellte sie auf das Tablett, neben die dazu passenden Suppentassen und blank geputzten Löffel, bevor sie ihre Schürze abnahm und sich ihr Haar aus dem Gesicht strich.
Sicher, sie war nicht jünger geworden. Aber letztendlich war das keiner von ihnen. Und dieser Tag sollte ein Festtag werden. Die Suppe war nur der Beginn.
Henriette ging leichten Schrittes, so leicht es ihr mit der Suppenschüssel, die auf dem Tablett balancierte, möglich war, auf die Küchentür zu, drückte mit über die Jahre hinweg perfektioniertem Geschick mit Hilfe des Ellbogens den Griff herunter und betrat das Wohnzimmer in dem ihr Mann wartete.
Obwohl, dass er wartete, war eigentlich zu viel gesagt. Egon lümmelte, wie es seine Art war, auf dem Sofa. Er hatte sich zurückgelehnt, in der einen Hand die Bierflasche, während er sich mit der anderen seinen Bauch kratzte.
Aber Henriette wollte sich nicht ärgern. Nicht an diesem Tag.
Er sah nicht auf, als sie eintrat. Sein Blick blieb, wie gewohnt, auf den Bildschirm gerichtet, auf dem fast ähnliche Erscheinungen, wie er eine bot, ebenfalls auf Sofas lümmelten und sich dabei allerdings auch noch wüst beschimpften.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Henriette, dass die Platte mit den verzierten Crackern leer war und schmunzelte zufrieden in sich hinein. Sie stellte vorsichtig das Tablett auf den Sofatisch und räumte die leere Platte zur Seite. Eine leere Tasse fand ihren Platz direkt vor Egon und die andere daneben, gerade dort, wo sie selbst sich zu setzen gedachte. Jedoch nicht, bevor sie für ein passenderes Getränk gesorgt hatte, als das, welches Egon für sein ein und alles erklärt hatte, solange sie sich kannten.
Henriette brachte Tablett und Platte zurück in die Küche und ergriff dann die Flasche Rotwein, die sie sorgfältig temperiert und auch nicht vergessen hatte, die gewünschte Zeit atmen zu lassen. Es sollte nichts schief gehen, alles musste passen.
Henriette schüttelte ihr Haar zurück, versuchte sich einen Moment darauf zu konzentrieren, wie es einmal ausgesehen hatte, und trug dann die Flasche ins Wohnzimmer. Sie nahm zwei langstielige Gläser aus dem Schrank und setzte diese neben den Suppentassen ab.
Egon reagierte immer noch nicht. Also hob Henriette den Deckel von der Suppenschüssel und wartete, bis der Duft nach Brühe das Zimmer erfüllte. Mit der Suppenkelle tauchte sie in die Flüssigkeit und sagte dann schmeichelnd: „Sieh doch, Liebling, was ich dir gemacht habe.“
Egon brummte etwas Unverständliches. Also nahm Henriette seine Suppentasse und ließ einen guten Löffel der Brühe hinein gleiten. Obenauf schwammen zwei weiche Grießklößchen und Henriette bewunderte für einen Augenblick deren Lockerheit, die ihr trotz der vielleicht ungewohnt erscheinenden Form, doch bemerkenswert gut gelungen war.
Egon rümpfte die Nase. „Was ist das denn?“, bequemte er sich dann ungehalten von sich zu geben, ohne sich jedoch aufzurichten.
„Ich habe dir deine Lieblingssuppe gemacht“, zwang Henriette sich, so charmant es ihr möglich war, zu antworten. „Wie du sie gerne hast. Wie deine Mutter sie gemacht hat.“
Egon blinzelte und sah endlich zu ihr auf, schüttelte dann entschieden den Kopf. „Nein“, murrte er dann. „Das riecht komisch. So kenn ich die Suppe nicht.“
Henriette schloss die Augen und atmete tief durch. „Ich habe mir viel Mühe damit gegeben“, sagte sie dann gepresst und deutete in Richtung Küche. „Es ist auch nur die Suppe. Danach kommen noch mehrere Gänge.“ Sie öffnete ihre Augen wieder und sah ihren Gatten an. „Es ist ein besonderer Tag heute“, sagte sie leise. „Schnupper doch mal, wie gut es duftet. Seit heute Vormittag stehe ich in der Küche und schufte. Warte erst, bis du den Braten siehst.“
Egon verzog das Gesicht. „Ich will nicht einmal diese Suppe hier sehen“, murrte er und richtete sich dann ächzend auf, um einen Blick in die Schüssel zu werfen. „Was soll das denn sein?“, brachte er dann verächtlich vor. „Kannst du denn gar nichts richtig machen? Bei Mutti sah ein Nockerl aus wie das andere. Gleichmäßig und perfekt geformt. So schwer kann das doch wohl nicht sein.“
Henriette presste ihre Lippen zusammen und schluckte, bevor sie weitersprach. „Probier doch erst einmal“, sagte sie leise. „Sie sind sehr leicht und locker.“
„Blödsinn.“ Egon ließ sich mit einem Stöhnen wieder auf das Sofa zurücksinken und griff nach der Fernbedienung. „Das blöde Grünzeug hast du auch wieder reingematscht. Du weißt doch, wie ich das hasse.“
„Vitamine tun dir gut“, versuchte Henriette zu erklären.
„Ach was“, schimpfte Egon nun. „Die kannst du in der Pfeife rauchen. Ich brauch etwas Richtiges zwischen die Kiemen. Nicht deinen vornehmen Edelfraß. Was hast du überhaupt mit den Crackern angestellt. Und ich wette, du servierst mir als nächstes ein Gemüse und behauptest, dass ich davon satt werde.“
Henriette nahm die Flasche und sein Glas, schenkte ihm mit zitternden Händen ein. „Liebling“, sagte sie dann. „Ich bitte dich. Es ist ein besonderer Tag für mich.“
Sie setzte das Glas vor ihm ab und ergriff ihr eigenes. „Ich weiß nicht, ob man Rotwein zu Suppe trinken kann“, fuhr sie nervös fort, „aber es kann doch auch nicht schaden, sich einmal etwas Besonderes zu gönnen.“
„Etwas Besonderes?“, lachte Egon. Und mit einem hässlichen Lachen, beugte er sich vor, ergriff sein Glas mit genügend Schwung, dass die Hälfte seines Inhaltes heraus schwappte, auf der Tischdecke, dem Teppich und sogar in ein paar Spritzern auf den Gardinen landete, hielt es einen Moment hoch, als wolle er Henriette zuprosten, bevor er damit ausholte und durch das Wohnzimmer warf in Richtung der Küchentür. Doch noch vor dieser fiel es auf den Boden und zerschellte. Der Rest des Weins hinterließ einen nassen Fleck, der sich farblich jedoch kaum von dem Ton des Teppichs abhob, wie Henriette mit Erleichterung feststellte.
Überhaupt fühlte sie sich ruhiger, als sie in einer Situation wie dieser erwartet hätte. Ihr Atem ging langsam und gleichmäßig und in ihrem Kopf war es klarer, als zu jedem anderen Zeitpunkt des Tages. Die Aufregung war wie weggepustet, nun, da sie wusste, dass die Entscheidung gefallen war.
Egon interessierte sich nicht die Bohnen für ihren gemeinsamen Tag. Er achtete weder ihre Mühe, noch kümmerten ihn Henriettes Gefühle.
Sie seufzte leise. Es war ja auch nicht direkt eine Überraschung. Sie sah langsam an ihm herab, an seinem schmutzigen Unterhemd, das er nun schon mehrere Tage trug, der ausgebeulten Jogging Hose, dem unrasierten Kinn und den blutunterlaufenen, geradezu verquollenen Augen. Das wenige schüttere Haar, das ihm geblieben war, klebte fettig an seinem Hinterkopf und das pausbäckige Gesicht zeigte das selbstzufriedene Lächeln, das er sich mit dem Beginn der Rentenzeit und der stetig entwickelnden Vorliebe für Reality-Soaps angewöhnt hatte.
Nein, sie hatte ihm jede Chance gegeben, alles getan, was in ihrer Macht stand.
Henriette schenkte sich ein, nahm ihr Glas, lehnte sich im Sofa zurück und nippte versonnen daran. Ihr Blick fiel auf die einzelne Rose und sie dachte daran, welche Wünsche und Träume sie als junges Mädchen vor ihrer Heirat gehegt und Jahr für Jahr mehr vergessen hatte.
Sie hörte, wie Egon den Fernseher lauter stellte und dachte vage daran, dass sie bald aufstehen und nach dem Braten sehen sollte. Aber noch war es nicht soweit.
Henriette hörte wie das Sofa quietschte, wie Egon sich mit einem Stöhnen vorwärts beugte und einen Blick in die Schüssel warf.
Schwer ließ er sich wieder zurückfallen und warf ihr einen gnädigen Blick zu.
„Also gut“, sagte er dann. „Will ich mal nicht so sein. Gib mir was davon.“
Henriette nickte lächelnd. Oh ja, sie kannte ihren Mann, kannte ihn besser, als er sich selbst. Sie stellte ihr Glas ab, fühlte dass er sie beobachtete, als sie sich ihrerseits vorbeugte und ihm ohne zu kleckern eine weitere Kelle Suppe mit Knödeln in die Tasse gleiten ließ.
Egon rutschte mühsam an den Rand des Sofas, nahm den Löffel ohne seinen Blick vom Fernseher zu wenden, und begann damit hastig und mit vernehmlichem Schlürfen die Suppe zu essen. Mit seiner anderen Hand streckte er Henriette die Bierflasche entgegen. „Hol mir noch eins“, befahl er zwischen zwei Löffeln und während zwei der Figuren auf dem Bildschirm mit Fäusten aufeinander losgingen.
„Aber natürlich“, antwortete Henriette gehorsam, nahm die leere Flasche und begab sich zum Kühlschrank, um eine neue herauszuholen.
Selbst wenn Egon trotz Arterienverkalkung und leicht erhöhtem Blutdruck im Grunde gesund wie ein Fisch im Wasser war, so konnte sie sich doch darauf verlassen, dass seine Geschmacksknospen durch Alkohol, Nikotin und zu scharf gewürztes Essen ausreichend gelitten hatten, um den Geschmack zu verdecken, der nicht wirklich in eine Suppe passte. Auch nicht, wenn man die Freiheiten bedachte, die Henriette gewohnt war, sich seiner Gesundheit zuliebe und gegen seinen Willen zu erlauben.
Sie lächelte, als sie sich vorstellte, wie er wohl sehr bald feststellen musste, dass dieser Hochzeitstag in ihrem Sinn ablief. Nicht mehr lange, und sogar Egon fiele auf, dass ihre Suppe Inhaltsstoffe enthielt, auf die seine Mutter wohl kaum gekommen war.
Allerdings bezweifelte Henriette, dass er diese in Verbindung brächte mit den dekorativen Blumen, die sie neben der Petersilie, dem Thymian und dem Rosmarin auf ihrem Balkon züchtete. Vielleicht, wenn er sich einmal vom Fernseher und seinem Sofa getrennt und etwas frische Luft geschnappt hätte, so wie sie ihn so oft gebeten hatte, vielleicht hätte er dann die Herbstzeitlose oder die verschiedenen Nachtschattengewächse erkannt, denen sie ihre Liebe und Aufmerksamkeit schenkte, damit sie wuchsen und gediehen, bis sie eine von ihnen brauchte.
Doch Henriette bezweifelt das. Egon dachte nicht so viel nach. Sonst hätte er vielleicht gespürt, dass die letzte Chance, die sie ihm gegeben hatte, eigentlich keine mehr war.
Autor: callisto24
* * *
Der kräftige Duft der Brühe stieg hoch und Henriette wich zurück, bevor der kräuselnde Dampf ihr allzu streng in die Nase steigen konnte.
Feiertage bedeuteten Henriette viel, um nicht zu sagen alles. Sie gaben dem Leben Struktur, verliehen dem Jahr seine Höhepunkte und ihr die Möglichkeit auf ein Ziel hinzuarbeiten, ihre Gedanken und Pläne auf ein Ereignis zu konzentrieren, das es wert war, als solches beachtet zu werden.
Und selbstverständlich gehörte auch ihr Hochzeitstag zu einem dieser Feiertage, denen es galt, besondere Beachtung zu schenken. Nicht dass Egon es wirklich wert war, dass sie sich so um ihn bemühte. Dennoch, er war nun einmal ihr Mann und sie hatte geschworen, ihn zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod sie schied. So abgedroschen dies auch klingen mochte.
Ihr Zusammenleben, die vielen Jahre, die sie miteinander durch Dick und Dünn gegangen waren bedeuteten Henriette viel. Deshalb hatte sie sich entschlossen, diesem Hochzeitstag mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als ihre spärliche, übrig gebliebene Verwandtschaft für akzeptabel hielte.
Natürlich lag der größte Teil ihrer Familie schon längst im Grab, ein Umstand, an dem man sich in ihrem Alter gewöhnt und mit dem man sich wohl oder übel abgefunden hatte. Selbst wenn Henriettes selige Mutter nicht müde geworden war, Egon zu wünschen und zu prophezeien, dass er das Zeitliche lange vor ihr selbst segnen sollte. Selbst auf dem Totenbett drückte sie noch ihren Unmut darüber aus, dass Egon trotz seines Übergewichts, seiner Trinkerei und den übelriechenden Zigarren, nach denen er ständig roch, kein Anzeichen einer Erkrankung oder Schwäche zeigte.
Das war eine schwere Zeit für Henriette gewesen, hin und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, ihren Ehemann zu verteidigen und dem Wunsch ihrer Mutter das Verständnis entgegenzubringen, das sie am Ende ihres Lebens verdient hatte.
Letztendlich spielte all das auch keine Rolle. Egon und sie hatten ihre Mutter ebenso begraben wie ihren Vater und Bruder, ihre Tanten und Onkel. Lediglich zwei Cousinen besuchte sie noch ab und an, von denen eine nicht fit genug war, um die Bedeutung des Tages zu begreifen und die andere sich schlichtweg weigerte, mit Egon eine Mahlzeit zu teilen.
Aber an all das wollte Henriette an diesem besonderen Tag auch nicht denken. Stattdessen verbrachte sie bereits die Zeit seit den frühen Morgenstunden mit der sorgfältigen Vorbereitung eines Abendessens, das Egon ihrer Liebe und Treue versichern und den heiligen Bund ihrer Ehe erneuern sollte.
Zwar war Henriette es gewohnt, sich nach dem Geschmack ihres Mannes zu richten, zumindest wenn es um das tägliche Kochen ging, doch an den Ehrentagen nahm sie sich heraus, ein gewisses Maß an Kreativität, wenn nicht gar Experimentierfreudigkeit an den Tag zu legen.
Daher hatte sie sich auch entschlossen, mehrere Gänge zu servieren und mit jedem einzelnen ihre Liebe und Hingabe erneut unter Beweis zu stellen.
Der Kühlschrank war gefüllt mit den Speisen und Beilagen, die kalt serviert wurden, die Gefriertruhe beinhaltete Egons Lieblingseissorte und im Ofen brutzelte ein raffiniert gewürzter Braten.
Henriette hatte sich die Freiheit genommen anstelle der Salzstangen auf dem Esstisch zur Feier des Tages eine ausladende Platte mit Frischkäse bestrichener Cracker anzurichten und das Naserümpfen ihres Mannes geflissentlich ignoriert.
Dass er die einzelne Rose, die sie mitsamt der Lieblingsvase ihrer Mutter neben der Platte in die Mitte des Tisches gestellt hatte, beachtete Egon nicht, aber Henriette hatte das auch nicht erwartet. Auch die Kerzen am Fenstersims oder die Biskuitrolle, die das trockene Mürbegebäck zum Kaffee ersetzt hatte, entlockten ihrem Mann kein Augenzwinkern. Und dass sie selbst ihren Tag in der Küche verbrachte, anstatt mit der Wäsche, dem Putzen des Bades oder dem Staubwischen, um nur wenige ihrer bevorzugten Beschäftigungen zu nennen, war Egon natürlich ebenfalls nicht aufgefallen.
Nun, Henriette erwartete das auch nicht, keineswegs. Er war ihr Mann und er gehörte zu ihr. Das musste genügen. Vor Jahrzehnten hatten sie sich einander versprochen. Sie liebte ihn und er liebte sie. Und das Mindeste war, dass sie diese Liebe mit einem Festessen unter Beweis stellte.
Trotzdem fühlte ihr Herz sich schwer an, wollte sich die Festtagsstimmung, auf die sie gewartet hatte, nicht einstellen.
Henriette rieb sorgfältig die Suppenschüssel mit einer Knoblauchzehe aus. Sicher, Egon konnte Knoblauch nicht ausstehen, aber in jeder Frauenzeitschrift stand doch, dass diese Knolle besonders gut für das Herz und den Blutdruck sei. Zwei Schwachpunkte, die Egons Arzt von Zeit zu Zeit zu bemängeln pflegte. Nicht dass es Egon etwas ausmachte, oder er auf die Idee käme, seine Lebensweise zu überdenken, geschweige denn dass er auf den Rat des Mannes hörte, doch Henriette hatte nicht vor mit der Gesundheit ihres Mannes Poker zu spielen. Wo es ging, mogelte sie ihm ein wenig Grünzeug unter. Ein paar Vitamine hier und da, ein Hauch von Ballaststoffen konnten doch nicht schaden.
Und was Egon nicht wusste, das konnte ihn auch nicht stören. Soweit war Henriette sich sicher, dass ein schwaches Knoblaucharoma den Geschmacksknospen ihres Mannes nicht auffiele.
Ein unanständiges Schimpfwort entkam ihren Lippen, als sie mit Schwung die Suppe in die feine Porzellanschüssel füllte, die ihre Mutter ihr bei der Heirat als besonders exquisiten Bestandteil des Sonntagsgeschirrs präsentiert hatte. Wie immer stellte sie sich zu ungeschickte an und trotz all ihrer zuvor ausgefeilten Kunstgriffe, landete ein geraumer Teil der Flüssigkeit auf dem Küchentisch neben dem Herd.
Henriette stellte den Topf zurück und fragte sich einen Moment, ob sie die Grießklöße vor dem obligatorischen Umfüllen aus der Schüssel hätte fischen sollen. Doch dann verdrehte sie ihre Augen und beschloss keinen Gedanken mehr an die weichen, weißen Knödel zu verschwenden, die sie mit soviel Mühe aus der klebrigen Masse geformt hatte, und die trotz allem jetzt wie unförmige Beulen in der klaren Brühe schwammen.
Henriette hatte noch nie verstanden, warum Egon diese besondere Vorliebe für Grießnockerlsuppe hegte. Sie selbst konnte Suppen eher etwas abgewinnen, wenn sie mit einer auffallend cremigen Konsistenz ihrem Gaumen schmeichelten. Etwas Sahne, ein Stich Butter und vielleicht ein wenig geschmolzener Käse waren die Bestandteile, mit der sich eine Suppe genießen ließ. Aber auch da schieden sich ihr Geist und der ihres Mannes. Egon liebte die klare Brühe und Henriette musste, wenn auch widerstrebend zugeben, dass in diesem Fall und im Hinblick auf die Tatsache, dass es sich mit der Suppe nur um den ersten warmen Gang der Mahlzeit handelte, es sinnvoller war, mit etwas Leichtem zu beginnen.
Und warum auch nicht ihren Hochzeitstag und Egon damit erfreuen, dass sie sich mit der Suppe ganz besondere Mühe gab, ja, sich sogar an die Hinweise hielt, die Egon im Laufe der Jahre fallen gelassen hatte. In all den langen Jahren, in denen er von seiner Mutter gesprochen hatte und von ihrem ganz besonderen und von Henriette definitiv unerreichtem Können in der Küche.
Mit schiefem Blick auf die in Würfeln gepresste Brühe, die Henriette nachlässig in heißes Wasser warf, erwähnte er beiläufig, wie es in ihrer Familie Tradition gewesen war, nach klassischer Art Knochen auszukochen, die wertvollen Inhaltstoffe des Marks und den unerreichten Geschmack, den nur die Mühe dieser Arbeit erzielen konnte, sich mühselig und über Stunden hinweg zu erarbeiten.
Also hatte Henriette sich ein Herz gefasst, umgehört und es war ihr tatsächlich gelungen, die richtigen Suppenknochen aufzutreiben. Mit weit geöffnetem Fenster und einer Wäscheklammer auf der Nase hatte sie diese ausgekocht, den Sud erkalten lassen und für diesen speziellen Tag aufgehoben, an dem sie ihn mit der abgewogenen, gewaschenen und geputzten Menge an Suppengrün neu aufsetzte. An dieser Brühe sollte es nichts auszusetzen geben, das hatte sie sich geschworen. Sie bildete den Auftakt zu einem Festmahl, nach dem sich ihr Mann noch nach Jahren alle Finger lecken sollte.
Das Abseihen war nicht leicht gewesen, aber auch das war ihr gelungen, wusste Henriette doch wie sehr Egon es hasste, wenn er in seiner Brühe Bestandteile entdecken musste, die auch nur ein wenig an Gemüse erinnerten. Nicht einmal die winzigen Kräuter und Gewürze, die beim Aufgießen einer einfachen gekörnten Brühe in der Flüssigkeit schwammen, vermochte er zu tolerieren. Und Henriette war es nach den vielen Jahren gewohnt, ihm seine kleinen Vorlieben und Schwächen nachzusehen. Auch das machte Liebe aus. Auch das bedeutete eine lebenslange Partnerschaft.
Und natürlich beruhte dieses Einvernehmen auf Gegenseitigkeit. So hatte Henriette ihrem Egon im Laufe der Zeit abgetrotzt, dass sie die mühsam auf dem Balkon gezogene Petersilie benutzen und nach ihrem Belieben über die Speisen verteilen durfte.
Mit dem eigens zu diesem Zweck erworbenen Wiegemesser machte Henriette sich nun daran und zerkleinerte die liebevoll aus dem Topf herausgesuchten, schönsten und grünsten Petersilienblätter, indem sie wieder und wieder mit dem scharfen Messer über sie hinweg ging. Jede Seite des Wiegemessers in einer Hand und in einem stetigen Rhythmus wiegte sie mit der Klinge über das Brett, sah zu, wie die Blätter in ihre Einzelteile zertrennt wurden, kleiner und filigraner gehobelt, bis sie nur noch wie feiner, grüner Staub, so leicht, dass ein Windhauch sie anhoben konnte, in einem kleinen Haufen auf dem Brett lagen.
Mit einem zufriedenen Seufzer legte Henriette das Messer weg. Es war gut und richtig, darauf zu achten, dass Egon wenigstens ein Mindestmaß an Vitaminen genoss, auch wenn er sich innerlich dagegen sträubte. Wollte sie ihn doch noch so lange behalten, wie es irgend möglich war.
Mit einem weichen Küchentuch wischte sie über den Rand der Porzellanschüssel, entfernte die letzten Tropfen, die ihrer misslungenen Umfüllaktion entsprungen waren und streute dann liebevoll die feingehackte Petersilie über die in der Suppe schwimmenden Grießklöße. Deren flockiges Weiß erhielt so hübsche grüne Sprenkel und Henriette trat einen Schritt zurück, um ihr Werk zufrieden zu betrachten.
Sie schloss die Schüssel mit dem geschwungenen Deckel, stellte sie auf das Tablett, neben die dazu passenden Suppentassen und blank geputzten Löffel, bevor sie ihre Schürze abnahm und sich ihr Haar aus dem Gesicht strich.
Sicher, sie war nicht jünger geworden. Aber letztendlich war das keiner von ihnen. Und dieser Tag sollte ein Festtag werden. Die Suppe war nur der Beginn.
Henriette ging leichten Schrittes, so leicht es ihr mit der Suppenschüssel, die auf dem Tablett balancierte, möglich war, auf die Küchentür zu, drückte mit über die Jahre hinweg perfektioniertem Geschick mit Hilfe des Ellbogens den Griff herunter und betrat das Wohnzimmer in dem ihr Mann wartete.
Obwohl, dass er wartete, war eigentlich zu viel gesagt. Egon lümmelte, wie es seine Art war, auf dem Sofa. Er hatte sich zurückgelehnt, in der einen Hand die Bierflasche, während er sich mit der anderen seinen Bauch kratzte.
Aber Henriette wollte sich nicht ärgern. Nicht an diesem Tag.
Er sah nicht auf, als sie eintrat. Sein Blick blieb, wie gewohnt, auf den Bildschirm gerichtet, auf dem fast ähnliche Erscheinungen, wie er eine bot, ebenfalls auf Sofas lümmelten und sich dabei allerdings auch noch wüst beschimpften.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Henriette, dass die Platte mit den verzierten Crackern leer war und schmunzelte zufrieden in sich hinein. Sie stellte vorsichtig das Tablett auf den Sofatisch und räumte die leere Platte zur Seite. Eine leere Tasse fand ihren Platz direkt vor Egon und die andere daneben, gerade dort, wo sie selbst sich zu setzen gedachte. Jedoch nicht, bevor sie für ein passenderes Getränk gesorgt hatte, als das, welches Egon für sein ein und alles erklärt hatte, solange sie sich kannten.
Henriette brachte Tablett und Platte zurück in die Küche und ergriff dann die Flasche Rotwein, die sie sorgfältig temperiert und auch nicht vergessen hatte, die gewünschte Zeit atmen zu lassen. Es sollte nichts schief gehen, alles musste passen.
Henriette schüttelte ihr Haar zurück, versuchte sich einen Moment darauf zu konzentrieren, wie es einmal ausgesehen hatte, und trug dann die Flasche ins Wohnzimmer. Sie nahm zwei langstielige Gläser aus dem Schrank und setzte diese neben den Suppentassen ab.
Egon reagierte immer noch nicht. Also hob Henriette den Deckel von der Suppenschüssel und wartete, bis der Duft nach Brühe das Zimmer erfüllte. Mit der Suppenkelle tauchte sie in die Flüssigkeit und sagte dann schmeichelnd: „Sieh doch, Liebling, was ich dir gemacht habe.“
Egon brummte etwas Unverständliches. Also nahm Henriette seine Suppentasse und ließ einen guten Löffel der Brühe hinein gleiten. Obenauf schwammen zwei weiche Grießklößchen und Henriette bewunderte für einen Augenblick deren Lockerheit, die ihr trotz der vielleicht ungewohnt erscheinenden Form, doch bemerkenswert gut gelungen war.
Egon rümpfte die Nase. „Was ist das denn?“, bequemte er sich dann ungehalten von sich zu geben, ohne sich jedoch aufzurichten.
„Ich habe dir deine Lieblingssuppe gemacht“, zwang Henriette sich, so charmant es ihr möglich war, zu antworten. „Wie du sie gerne hast. Wie deine Mutter sie gemacht hat.“
Egon blinzelte und sah endlich zu ihr auf, schüttelte dann entschieden den Kopf. „Nein“, murrte er dann. „Das riecht komisch. So kenn ich die Suppe nicht.“
Henriette schloss die Augen und atmete tief durch. „Ich habe mir viel Mühe damit gegeben“, sagte sie dann gepresst und deutete in Richtung Küche. „Es ist auch nur die Suppe. Danach kommen noch mehrere Gänge.“ Sie öffnete ihre Augen wieder und sah ihren Gatten an. „Es ist ein besonderer Tag heute“, sagte sie leise. „Schnupper doch mal, wie gut es duftet. Seit heute Vormittag stehe ich in der Küche und schufte. Warte erst, bis du den Braten siehst.“
Egon verzog das Gesicht. „Ich will nicht einmal diese Suppe hier sehen“, murrte er und richtete sich dann ächzend auf, um einen Blick in die Schüssel zu werfen. „Was soll das denn sein?“, brachte er dann verächtlich vor. „Kannst du denn gar nichts richtig machen? Bei Mutti sah ein Nockerl aus wie das andere. Gleichmäßig und perfekt geformt. So schwer kann das doch wohl nicht sein.“
Henriette presste ihre Lippen zusammen und schluckte, bevor sie weitersprach. „Probier doch erst einmal“, sagte sie leise. „Sie sind sehr leicht und locker.“
„Blödsinn.“ Egon ließ sich mit einem Stöhnen wieder auf das Sofa zurücksinken und griff nach der Fernbedienung. „Das blöde Grünzeug hast du auch wieder reingematscht. Du weißt doch, wie ich das hasse.“
„Vitamine tun dir gut“, versuchte Henriette zu erklären.
„Ach was“, schimpfte Egon nun. „Die kannst du in der Pfeife rauchen. Ich brauch etwas Richtiges zwischen die Kiemen. Nicht deinen vornehmen Edelfraß. Was hast du überhaupt mit den Crackern angestellt. Und ich wette, du servierst mir als nächstes ein Gemüse und behauptest, dass ich davon satt werde.“
Henriette nahm die Flasche und sein Glas, schenkte ihm mit zitternden Händen ein. „Liebling“, sagte sie dann. „Ich bitte dich. Es ist ein besonderer Tag für mich.“
Sie setzte das Glas vor ihm ab und ergriff ihr eigenes. „Ich weiß nicht, ob man Rotwein zu Suppe trinken kann“, fuhr sie nervös fort, „aber es kann doch auch nicht schaden, sich einmal etwas Besonderes zu gönnen.“
„Etwas Besonderes?“, lachte Egon. Und mit einem hässlichen Lachen, beugte er sich vor, ergriff sein Glas mit genügend Schwung, dass die Hälfte seines Inhaltes heraus schwappte, auf der Tischdecke, dem Teppich und sogar in ein paar Spritzern auf den Gardinen landete, hielt es einen Moment hoch, als wolle er Henriette zuprosten, bevor er damit ausholte und durch das Wohnzimmer warf in Richtung der Küchentür. Doch noch vor dieser fiel es auf den Boden und zerschellte. Der Rest des Weins hinterließ einen nassen Fleck, der sich farblich jedoch kaum von dem Ton des Teppichs abhob, wie Henriette mit Erleichterung feststellte.
Überhaupt fühlte sie sich ruhiger, als sie in einer Situation wie dieser erwartet hätte. Ihr Atem ging langsam und gleichmäßig und in ihrem Kopf war es klarer, als zu jedem anderen Zeitpunkt des Tages. Die Aufregung war wie weggepustet, nun, da sie wusste, dass die Entscheidung gefallen war.
Egon interessierte sich nicht die Bohnen für ihren gemeinsamen Tag. Er achtete weder ihre Mühe, noch kümmerten ihn Henriettes Gefühle.
Sie seufzte leise. Es war ja auch nicht direkt eine Überraschung. Sie sah langsam an ihm herab, an seinem schmutzigen Unterhemd, das er nun schon mehrere Tage trug, der ausgebeulten Jogging Hose, dem unrasierten Kinn und den blutunterlaufenen, geradezu verquollenen Augen. Das wenige schüttere Haar, das ihm geblieben war, klebte fettig an seinem Hinterkopf und das pausbäckige Gesicht zeigte das selbstzufriedene Lächeln, das er sich mit dem Beginn der Rentenzeit und der stetig entwickelnden Vorliebe für Reality-Soaps angewöhnt hatte.
Nein, sie hatte ihm jede Chance gegeben, alles getan, was in ihrer Macht stand.
Henriette schenkte sich ein, nahm ihr Glas, lehnte sich im Sofa zurück und nippte versonnen daran. Ihr Blick fiel auf die einzelne Rose und sie dachte daran, welche Wünsche und Träume sie als junges Mädchen vor ihrer Heirat gehegt und Jahr für Jahr mehr vergessen hatte.
Sie hörte, wie Egon den Fernseher lauter stellte und dachte vage daran, dass sie bald aufstehen und nach dem Braten sehen sollte. Aber noch war es nicht soweit.
Henriette hörte wie das Sofa quietschte, wie Egon sich mit einem Stöhnen vorwärts beugte und einen Blick in die Schüssel warf.
Schwer ließ er sich wieder zurückfallen und warf ihr einen gnädigen Blick zu.
„Also gut“, sagte er dann. „Will ich mal nicht so sein. Gib mir was davon.“
Henriette nickte lächelnd. Oh ja, sie kannte ihren Mann, kannte ihn besser, als er sich selbst. Sie stellte ihr Glas ab, fühlte dass er sie beobachtete, als sie sich ihrerseits vorbeugte und ihm ohne zu kleckern eine weitere Kelle Suppe mit Knödeln in die Tasse gleiten ließ.
Egon rutschte mühsam an den Rand des Sofas, nahm den Löffel ohne seinen Blick vom Fernseher zu wenden, und begann damit hastig und mit vernehmlichem Schlürfen die Suppe zu essen. Mit seiner anderen Hand streckte er Henriette die Bierflasche entgegen. „Hol mir noch eins“, befahl er zwischen zwei Löffeln und während zwei der Figuren auf dem Bildschirm mit Fäusten aufeinander losgingen.
„Aber natürlich“, antwortete Henriette gehorsam, nahm die leere Flasche und begab sich zum Kühlschrank, um eine neue herauszuholen.
Selbst wenn Egon trotz Arterienverkalkung und leicht erhöhtem Blutdruck im Grunde gesund wie ein Fisch im Wasser war, so konnte sie sich doch darauf verlassen, dass seine Geschmacksknospen durch Alkohol, Nikotin und zu scharf gewürztes Essen ausreichend gelitten hatten, um den Geschmack zu verdecken, der nicht wirklich in eine Suppe passte. Auch nicht, wenn man die Freiheiten bedachte, die Henriette gewohnt war, sich seiner Gesundheit zuliebe und gegen seinen Willen zu erlauben.
Sie lächelte, als sie sich vorstellte, wie er wohl sehr bald feststellen musste, dass dieser Hochzeitstag in ihrem Sinn ablief. Nicht mehr lange, und sogar Egon fiele auf, dass ihre Suppe Inhaltsstoffe enthielt, auf die seine Mutter wohl kaum gekommen war.
Allerdings bezweifelte Henriette, dass er diese in Verbindung brächte mit den dekorativen Blumen, die sie neben der Petersilie, dem Thymian und dem Rosmarin auf ihrem Balkon züchtete. Vielleicht, wenn er sich einmal vom Fernseher und seinem Sofa getrennt und etwas frische Luft geschnappt hätte, so wie sie ihn so oft gebeten hatte, vielleicht hätte er dann die Herbstzeitlose oder die verschiedenen Nachtschattengewächse erkannt, denen sie ihre Liebe und Aufmerksamkeit schenkte, damit sie wuchsen und gediehen, bis sie eine von ihnen brauchte.
Doch Henriette bezweifelt das. Egon dachte nicht so viel nach. Sonst hätte er vielleicht gespürt, dass die letzte Chance, die sie ihm gegeben hatte, eigentlich keine mehr war.
Appetitlich
Titel: Appetitlich
Autor: callisto24
* * *
Diesmal musste es klappen. Hilde war fest entschlossen, sich keine Schwäche mehr zu erlauben. Jahr für Jahr das gleiche Spiel. Der Frühling folgte auf einen Winter, in dem sie sich von Festtag zu Festtag gehangelt hatte und in der Zwischenzeit jeden kühlen Luftzug als Ausrede für eine warme Mahlzeit, eine heiße Schokolade oder eine cremige Suppe benutzte. Und mit den ersten warmen Sonnenstrahlen folgte unweigerlich die Ernüchterung, wenn die im vorigen Sommer noch perfekt sitzende Hose auf einmal an den Hüften spannte.
Jedes Jahr von neuem die Garderobe zu erneuern war nicht nur mühsam, sondern auch noch teuer. Und wie Hilde es auch drehte und wendete, die zusätzlichen Pfunde wirkten sich auf ihr Selbstvertrauen alles andere als positiv aus.
Aber damit war nun Schluss. Ab jetzt wurde abgenommen. Und wie.
Hilde hatte nicht vor, sich auch nur eine Schwäche zu erlauben. Nicht eine kleine. Andere hatten das auch geschafft. Es kam nur auf die Willensstärke an. Schluss mit den komplizierten Diät-Versuchen, die sie sich aus Zeitschriften ausschnitt und sorgfältig zusammenheftete. Nur um dann Unsummen auszugeben für Hüttenkäse, Kräuter, das trockene Knäckebrot, für das geworben wurde. Sie schnitt, wusch, hobelte und arbeitete sich einen Wolf bei der Zubereitung komplizierter und angeblich gleichermaßen gesunder wie wohlschmeckender Mahlzeiten. Ausgewogen und dennoch kalorienarm sollten sie Wunder wirken, Hilde in eine elegant dahinschwebende Elfe verwandeln, die zudem auch völlig frei von Hungergefühlen glücklich durch den Tag tanzte.
Natürlich funktionierte es nicht. Und natürlich waren die Selbstvorwürfe das Schlimmste, die sich unwiderruflich einstellten, wenn sie nach wenigen Tagen der Geschmacks- und gewürzfreien Gerichte überdrüssig, sich mit einem Schokoriegel in einer Ecke wiederfand.
Vielleicht folgten die Depressionen ihrer Schwäche, vielleicht stellten sie sich aber auch schon aufgrund des ständigen Kampfes gegen den Appetit ein, der während jeder ihrer Diät-Anfälle den größten Teil von Hildes Energie fraß.
Es kam also – und so hatte sie eindeutig und von ganzem Herzen beschlossen – darauf an, ihre Energie daraufhin zu fokussieren, nichts zu essen. Und damit meinte Hilde auch nichts. Ihre Freundinnen, ihre Familie waren allesamt vorgewarnt und hatten nach einigem Sträuben zugestimmt, sie nicht mit Einladungen und Versuchungen zu quälen. Hildes Tagespläne standen, ihre Routen, die große Bögen um Bäckereien, Konditoreien und andere Quellen der Versuchung schlugen und sie trotzdem zu ihren Zielen fühlten, waren festgelegt und Hilde verbrachte die letzten Tage des Winters damit, sich mental auf die bevorstehende Fastenkur vorzubereiten. Einen letzten nicht gerade bedauernden Gedanken schickte Hilde noch an die hohen Summen, die sie für Diäten ausgegeben hatte, die in fertigen Dosen oder Gläsern einher kamen und ihr beim Erwerb suggerierten, dass allein der Anblick die Kilos schwinden ließ. Natürlich halfen auch die darin enthaltenen Pülverchen nicht weiter, weder ob sie als Brei, als Suppe, Pudding oder Diätdrink verabreicht wurden. Hilde endete doch immer wieder mit dem obligatorischen Schokoladenriegel und der Schale Chips.
Auch damit hatte es nun ein Ende. Hilde hatte genug gehört, gelesen und sich selbst zusammengereimt, um davon überzeugt zu sein, dass in der Nulldiät die Zukunft lag. Ihre Zukunft. Und welche Zeit wäre besser geeignet, als der Frühling, um mit einer Unternehmung wie dieser zu starten?
Alles blühte, alles grünte und die ersten Sonnenstrahlen wärmten genug, um das leise Frösteln, das dem Verzicht auf Nahrung nur allzu oft folgte, zu übertünchen.
Einziges Problem in Hildes ansonsten so durchdachten, notwendigen und sinnvollen Plan trat ihr in Gestalt von Stefan entgegen. Stefan, Hildes Freund seit zwei Jahren und der Einzige, der ihren Träumen vom Erreichen des Wunschgewichts aktiv entgegentrat.
Unglücklicherweise konnte sie ihn nicht davon überzeugen, dass ihr persönliches Heil und Glück in einem schlanken Körper wohnte. Und insgeheim befürchtete Hilde von Zeit zu Zeit, dass es Stefans Absicht war, sie als die dralle, unauffällige Brünette zu behalten, die weit davon entfernt war, die Blicke anderer männlicher Wesen auf sich zu ziehen.
Nicht dass Hilde vorhätte, Stefan zu hintergehen. Nichts läge ihr ferner. Und doch wünschte sie sich, wie ihrer Meinung nach jede Frau sich wünschte und wie es zur Natur von Evas Geschlecht gehörte, ein wenig die Verführerin sein zu dürfen, als die sie geboren war.
Ohne Konsequenzen selbstverständlich, lediglich als Beweis dafür, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehörte, dass sie jung genug war, um auf Männer zu wirken, sie zu verwirren und auf ihre Weise anzuziehen.
Dieses Gefühl vermisste Hilde seit geraumer Zeit, um ehrlich zu sein, bereits seit Jahren. Und sie vermisste es schmerzlich.
Es stellte die Art von Selbstbestätigung dar, die Hilde ansonsten nirgendwo erhalten konnte, und die ihr auf eine merkwürdige, wirre und unlogische Weise mehr bedeutete, als jeden Erfolg, jedes Lob, das sie in ihrem Beruf erzielte.
Himmel, sie war nicht alt. Sie war eine junge Frau. Und auch wenn sie sich an Stefan gebunden hatte, so bedeutete das noch nicht das Aus für jeden angedeuteten Flirt, für jedes noch so kleine Amüsement.
Nur dass diese Flirts ungewollt wegfielen, dass sie nicht einmal annähernd in der Lage war, die Augen eines beliebigen Mannes, der sie zudem an sich nicht im Geringsten interessierte, auf sich zu fesseln. Und dieser Mangel an Interesse schmerzte von Jahr zu Jahr stärker.
Es half nichts, die Sache musste in Angriff genommen werden, und Hilde fühlte sich willens und in der Lage, diese auch in Angriff zu nehmen.
Natürlich verhielt sie sich nicht dumm oder gar selbstzerstörerisch. Die notwendigen Vitamine und Mineralstoffe lagen in Tablettenform bereit. Kalorienfreie Suppen und Diätsäfte sollten das ausgeklügelte Heilfasten begleiten.
Und als spirituelle Begleitung hatte Hilde sich die eine oder andere CD meditativer Gesänge angeschafft.
Auch wenn man alles andere außen vorließ, so handelte es sich bei der Fastendiät doch um eine ausgesprochen preisgünstige Form des Überlebens. Und das bedeutete, dass durchaus der eine oder andere Cent übrig blieb, mit dem sie sich Dinge leisten konnte, auf deren Anschaffung sie sonst nicht einmal annähernd käme.
Insgesamt lief es gut. Hilde wusste, dass ein großer Punkt für den Erfolg ihrer Unternehmung darin lag, sich Schwächen zu gönnen. Selbstverständlich ausschließlich kalorienfreie Schwächen.
Sie besuchte mit Stefan das Kino und war erleichtert, dass der ohrenbetäubende Lärm des Actionkrachers, den sie sich ausgesucht hatten, das Knurren ihres Magens übertönte.
Mit einer gleichgesinnten Freundin, die unter ähnlichen Frühlingsgefühlen wie Hilde selbst litt, ging sie joggen und ließ sich haarklein die Rezepte aufzählen, mit denen diese sich über die Runden half und die allesamt aus rein biologisch angebautem und ohne Garmethode zubereitetem, ungesalzenem, ungewürztem Gemüse bestand.
Hilde verkniff sich die abschätzigen Bemerkungen, die ihr durch den Kopf wanderten. Sie hielt sich ebenso mit den Geschichten, die ihrer eigenen Erfahrungswelt entstammten, zurück. Jeder musste, was Diäten anging, seine eigenen Erfahrungen machen, zu diesem Schluss war sie innerhalb der letzten Jahre eindeutig gelangt.
Eine Woche hielt Hilde bereits durch und strich voller Stolz über ihren abgeflachten Bauch. Es stimmte doch, dass Abnehmen das Selbstbewusstsein steigerte. Wenn nur nicht das unangenehme Grummeln im Magen gewesen wäre, das sie bereits in der Früh weckte und unweigerlich wach hielt, obwohl sie ohne weiteres noch Zeit für einen ausgedehnten Schlummer gefunden hätte.
Nichtsdestotrotz, eine Diät steigerte angeblich auch die Energie und so stand Hilde doch, trotz Wochenendes, trotz Erschöpfung in den Gliedern, kurz nach Sonnenaufgang auf und braute sich einen Kräutertee, von dem sie allerdings bereits wusste, dass er dem Magenknurren an sich kaum Einhalt gebieten konnte.
Dennoch trank sie ihn hastig, gönnte sich eine Extra-Dosis Süßstoff, obwohl sie tief innerlich fest davon überzeugt war, dass diese chemischen Mittelchen den Appetit auf Süßes unweigerlich anregten. Aber in diesem Moment zählte das nicht, war Hilde sich doch sicher, dass ihr Appetit auf Süßes ohnehin kaum noch zu steigern wäre. Oder auf Salziges, Saures, Würziges … im Grunde auf alles.
Stöhnend machte sie sich an den Frühjahrsputz und vermied es tunlichst, daran zu denken, dass der Samstagvormittag sich stets als perfekt geeignet für Wocheneinkäufe geeignet hatte.
Doch sich den unüberschaubaren Versuchungen auszusetzen, die in jedem Supermarkt, jedem Schaufenster, jeder frisch aufgebrühten Kaffeebohne, die ihren Duft auf die Straße verströmte, auszusetzen, gliche grober Fahrlässigkeit.
Also beschränkte Hilde sich darauf, Staub zu wischen, zu saugen, die Fenster zu putzen und sich den anderen Vergnügungen hinzugeben, für die das Wochenende Zeit bot.
Sie hatte vor, sich in einen Zustand der Erschöpfung zu arbeiten, in dem selbst der bloße Gedanke an Nahrungsaufnahme zu anstrengend sei, als dass sie in Versuchung käme, ihrer Diät abtrünnig zu werden.
Am späten Nachmittag war es Hilde tatsächlich gelungen, müde genug zu werden, um dem Wunsch nach Essen die Dringlichkeit und die bohrende Spitze zu nehmen.
Auf wackligen Füßen schwankte sie in ihr blitzsauberes und nach Zitrone duftendes Badezimmer und brachte gerade noch die Energie auf, sich eine Wanne einzulassen und auf einen geruhsamen Abend vor dem Fernseher zu freuen.
Eine Stunde später stieg sie, halbwegs erfrischt aus ihrer Wanne, stieg in ihre flauschigen Pantoffeln und wickelte sich in einen warmen Frotteemantel. Als es an der Tür klingelte.
Hilde unterdrückte einen Fluch, seufzte mitleiderregend und begab sich dann doch zur Tür um durch das Guckloch zu spähen.
Ein breit lächelnder Stefan baute sich im Gang des Hauses auf und Hilde seufzte erneut.
Der einzige Effekt lag jedoch darin, dass Stefan sich vorbeugte. „Ich weiß, dass du da bist“, verkündete er durch die Tür hindurch.
Hilde stöhnte leise. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich mir einen ruhigen Abend wünsche“, sagte sie dann und zögerte immer noch, die Tür zu öffnen.
„Das hast du“, gab Stefan zu, doch unternahm keine Anstalten von der Stelle zu weichen. „Und es liegt mir fern, deinen Wünschen zuwiderzuhandeln.“
„Und was willst du?“
Stefan blinzelte. „Du verwendest bereits die ganze Woche die Ausrede vom ruhigen Abend“, erklärte er schließlich. „Und ich dachte, dass ich dir heute dabei helfen könnte, dass der Abend auch wirklich ruhig wird.“
Hilde öffnete die Tür einen Spalt und zog die Augenbrauen hoch. „Ich wollte fernsehen“, sagte sie und ließ ihre Lippen den Schmollmund bilden, von dem sie wusste, dass er Stefan immer wieder zum Lächeln brachte.
„Dann sehe ich mit dir fern“, verkündete der Mann und drängte sich an ihr vorbei in die Wohnung.
Hilde sah an sich und an ihrem Bademantel herunter. „Ich bin überhaupt nicht auf Besuch eingerichtet.“
„Das macht nichts.“ Stefan beugte sich über sie und drückte ihr einen dicken Kuss auf den immer noch schmollenden Mund.
Hilde schnupperte alarmiert. „Was ist das?“, fragte sie zweifelnd. „Ich rieche etwas.“
Stefan versteckte mit unschuldigem Gesichtsausdruck seine Hände hinter dem Rücken. „Was meinst du?“
„Das ist doch etwas zu essen“, warf Hilde ihm vor. „Du weißt doch, dass ich auf Diät bin.“
Unverkennbar wallte Ärger in ihr auf, gemischt mit der unmöglich zu ignorierenden Frage, was es sein konnte, das Stefan versuchte, in ihre Wohnung zu schmuggeln.
Stefan stöhnte auf. „Du und dein Diätfimmel.“ Er wandte sich ab und setzte rasch eine kleine Tüte auf den Sofatisch. „Siehst du?“, drehte er sich zu ihr um. „Das ist nicht einmal richtiges Essen. In diese Tüte passt nichts.“
Hilde runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. „Ich weiß wirklich nicht, warum du mich immer sabotieren willst“, klagte sie laut. „Wenn ich sage, ich will nichts zu essen, dann will ich auch nichts. Kein Dinner, kein Ausgehen, keinen Cocktail. Kino und Sport ist okay. Aber abends will ich meine Ruhe haben.“
„Es ist Samstag“, gab Stefan zu bedenken. „Niemand will Samstag seine Ruhe haben.“
„Also ich schon“, seufzte Hilde. „Wenigstens bis ich wieder in meinen Minirock hineinpasse.“
Stefan verdrehte die Augen. „Du bist wunderschön, so wie du bist.“
Hilde ließ sich frustriert auf in ihr Sofa sinken. „Wunderschön, ach was. Was du für wunderschön hältst. Und dass es mich überall zwickt und kneift und ich dauernd neue Sachen brauche, ist dir egal.“
Stefan setzte sich neben sie und legte seinen Arm um ihre Schulter. „Solange du gesund und so zum Anbeißen bist, wie gerade jetzt, habe ich keine Einwände.“ Er versuchte sie auf den Hals zu küssen, aber Hilde entwand sich schmollend seinem Griff. „Ich bin überhaupt nicht zum Anbeißen. Ich kugele durch die Gegend und weiß wirklich nicht, warum du das nicht siehst.“
„Ich sehe es nicht, weil es nichts zu sehen gibt“, murmelte Stefan und küsste ihr Ohrläppchen. Es kitzelte und Hilde konnte nicht anders als zu lachen. „Du hast doch etwas vor“, vermutete sie und drohte ihm mit dem Zeigefinger. „Ich kenne dich, wenn du etwas im Schilde führst.“ Sie lehnte sich zurück und legte ihren Kopf schief.
„Du trägst genau denselben Gesichtsausdruck, den du im letzten Jahr aufgesetzt hast, als du mich mit der Buttercremetorte überrascht hast. Das werde ich dir nie verzeihen.“
Stefan streckte ihr beide Handflächen entgegen. „Siehst du hier irgendwo eine Torte? Schon gar nicht eine mit Buttercreme.“ Er nickte eifrig. „Ich habe ja auch dazu gelernt und weiß inzwischen, was sich gehört.“
Er drehte seine Hände vor ihrer Nase. „Siehst du? Keine Torte, keine Eiscreme, keinen Braten oder Topf mit Nudeln. Ich bin vollkommen unschuldig.“
„Hm.“ Hilde rümpfte skeptisch die Nase und zeigte auf die Tüte. „Und was ist das?“
Stefan zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, das ist gar nichts.“
„Gar nichts“, wiederholte Hilde. „Und warum hast du dann ‚gar nichts‘ mitgebracht?“
Stefan beugte sich vor, griff nach der Tüte und zog aus ihrem Inneren eine zart gelbe Serviette hervor, in die etwas eingeschlagen war.
Sorgfältig platzierte er das betreffende Objekt vor Hilde und begann damit langsam, Ecke für Ecke die Serviette zurückzuschlagen und ihren Inhalt zu enthüllen.
„Und – was ist das jetzt?“, stieß Hilde hervor, während sie versuchte, noch ein Mindestmaß an Würde und Zurückhaltung zu bewahren.“
Stefan sah sie mit einem betretenen Dackelblick an. „Das ist eines der Appetithäppchen, die meine Schwester für ihren Geburtstag zubereitet hat. Ich wollte es dir wenigstens zeigen. Für eines dieser Teile benötigte sie eine halbe Stunde. Du kannst dir vorstellen, wann sie heute früh aufgestanden ist, um mit den Vorbereitungen anzufangen.“
„Deine Schwester ist Küchenchefin“, gab Hilde zu bedenken. „Ganz genau“, stimmte Stefan bedrückt zu. „Das heißt, sie weiß, wie es geht. Aber das bedeutet nicht, dass sie weniger Zeit und Mühe für ihr mehrgängiges Menü benötigt.“
„Das ist heute?“, fragte Hilde unnötig und auch ein wenig schuldbewusst.
Stefan räusperte sich. „Du hast doch schon vor einer Weile abgesagt“, meinte er dann beinahe entschuldigend. „Was natürlich nicht bedeutet, dass sie sich nicht doch freute, wenn du es dir anders überlegst. Du weißt ja, dass sie immer für mindestens ein Dutzend Leute mehr kocht.“
Hilde beäugte das Appetithäppchen vor ihr, dass, wenn sie ehrlich war, nicht gerade besonders beeindruckend wirkte. Andererseits kannte sie die Kochkünste von Stefans Schwester nur zu gut und wusste, dass sich in den unscheinbarsten Gerichten, die höchsten Gaumenfreuden verbargen.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht“, sagte sie mit betont fester Stimme und versuchte ihren Blick von dem Inhalt der Serviette zu wenden. „Und das hier werde ich auch nicht versuchen.“ Sie schüttelte erneut den Kopf. „Und wenn deine Schwester den ganzen Tag damit zugebracht hat, diese Blätterteigkringel zusammenzudrehen, dann solltest du sie ihr nicht wegnehmen und in der Gegend herumtragen.“
Stefan atmete aus. „Diese Festessen sind ein reiner Albtraum für mich“, gab er dann zu. „Und ohne dich werde ich auch nicht gehen. Das weiß sie.“ Er schluckte hörbar.
„Aber das hier musste ich dir einfach zeigen.“
Vorsichtig schob er die Serviette näher an Hilde heran. „Die Füllung besteht aus einer Creme von Wachteleiern, Trüffeln, Sahne und der speziellen Würzmischung, deren Inhaltsstoffe nicht verraten wird.“
Hilde lief das Wasser im Munde zusammen. „Muskat, Ingwer und Chili?“, riet sie und beäugte das Blätterteiggebilde mit neu erwachtem Interesse.
Jetzt bemerkte sie auch den Glanz, den an verschiedenen, delikaten Stellen angebrachtes Eigelb den Spitzen und Kanten des Gebäcks verliehen hatte. Sie sah die helle Creme, die durch die hauchdünne und an manchen Stellen sorgfältig durchbrochene Oberfläche hindurch schimmerte. Und sie konnte sich nur allzu gut vorstellen, welchen Mühen sich die Küchenfee unterzogen hatte. Den Anspruch an Perfektion, den diese an sich selbst stellte, bewunderte Hilde von jeher. Wenigstens was ihre Kunst im kulinarischen Bereich anging.
Ihr äußeres Erscheinungsbild dagegen entsprach zumindest nicht dem aktuellen Schönheitsideal, auch wenn Hilde widerstrebend zugab, dass barocke Formen auch ihre Reize besaßen.
„Ich weiß, woran du denkst“, flüsterte ihr Stefan so plötzlich ins Ohr, dass Hilde zusammenzuckte.
„Was meinst du?“, gab sie irritiert zurück.
Stefan lachte leise. „Mein Schwesterherz ist stolz auf ihre Figur. Sie sagt immer wieder, dass sie Werbung für ihre Kochkunst läuft.“ Er strich Hilde eine feuchte Strähne aus der Stirn und küsste sie leicht. „Man soll sehen, dass sie ihr Leben genießt.“
Hilde schluckte. „Ob stundenlanges Blätterteig-Formen ein Genuss ist, wage ich zu bezweifeln.“
Stefan lachte wieder und nahm das winzige Stück Gebäck zwischen Daumen und Zeigefinger. „Das Ergebnis ist es, was zählt“, bemerkte er dann. „Was für ein Mensch jemand ist, was er schafft, wie viel und wen er liebt.“ Er schüttelte den Kopf. „Purzelnde Pfunde bedeuten nichts. Nur dass sie früher oder später zurückkehren und noch mehr quälen, sinnlos Zeit und Kraft rauben, und schließlich nur eine leere Hülle zurücklassen, für die Nichts mit Ausnahme der eigenen Figur zählte.“
Er führte das Gebäck an Hildes Lippen und sie atmete tief das köstliche Aroma ein.
„Wenn deine Schwester sich so viel Mühe gemacht hat“, murmelte sie zögernd.
Stefan küsste sie auf die Wange. „Du bist perfekt, so wie du bist“, sagte er dann. „Ich möchte dir nur dabei helfen, dich auf das Wichtige im Leben zu konzentrieren.“ Er küsste sie wieder.
„Und das wäre?“, fragte Hilde leise.
„Freundschaft, Liebe, Gemeinsamkeit, um nur ein paar Dinge zu nennen“, antwortete Stefan und lächelte. „Die anderen lernst du kennen, sobald du es zulässt.“
Und Hilde ließ es zu. Sie öffnete den Mund und biss in das außen knusprige und innen göttlich zarte Appetithäppchen hinein, das ihr besser mundete, als sie sich erinnern konnte, jemals zuvor etwas gekostet zu haben. Hilde schluckte und leckte sich die Lippen.
„Also gut“, flüsterte sie. „Lass uns gehen.“
Und der Frühling begann.
Autor: callisto24
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Diesmal musste es klappen. Hilde war fest entschlossen, sich keine Schwäche mehr zu erlauben. Jahr für Jahr das gleiche Spiel. Der Frühling folgte auf einen Winter, in dem sie sich von Festtag zu Festtag gehangelt hatte und in der Zwischenzeit jeden kühlen Luftzug als Ausrede für eine warme Mahlzeit, eine heiße Schokolade oder eine cremige Suppe benutzte. Und mit den ersten warmen Sonnenstrahlen folgte unweigerlich die Ernüchterung, wenn die im vorigen Sommer noch perfekt sitzende Hose auf einmal an den Hüften spannte.
Jedes Jahr von neuem die Garderobe zu erneuern war nicht nur mühsam, sondern auch noch teuer. Und wie Hilde es auch drehte und wendete, die zusätzlichen Pfunde wirkten sich auf ihr Selbstvertrauen alles andere als positiv aus.
Aber damit war nun Schluss. Ab jetzt wurde abgenommen. Und wie.
Hilde hatte nicht vor, sich auch nur eine Schwäche zu erlauben. Nicht eine kleine. Andere hatten das auch geschafft. Es kam nur auf die Willensstärke an. Schluss mit den komplizierten Diät-Versuchen, die sie sich aus Zeitschriften ausschnitt und sorgfältig zusammenheftete. Nur um dann Unsummen auszugeben für Hüttenkäse, Kräuter, das trockene Knäckebrot, für das geworben wurde. Sie schnitt, wusch, hobelte und arbeitete sich einen Wolf bei der Zubereitung komplizierter und angeblich gleichermaßen gesunder wie wohlschmeckender Mahlzeiten. Ausgewogen und dennoch kalorienarm sollten sie Wunder wirken, Hilde in eine elegant dahinschwebende Elfe verwandeln, die zudem auch völlig frei von Hungergefühlen glücklich durch den Tag tanzte.
Natürlich funktionierte es nicht. Und natürlich waren die Selbstvorwürfe das Schlimmste, die sich unwiderruflich einstellten, wenn sie nach wenigen Tagen der Geschmacks- und gewürzfreien Gerichte überdrüssig, sich mit einem Schokoriegel in einer Ecke wiederfand.
Vielleicht folgten die Depressionen ihrer Schwäche, vielleicht stellten sie sich aber auch schon aufgrund des ständigen Kampfes gegen den Appetit ein, der während jeder ihrer Diät-Anfälle den größten Teil von Hildes Energie fraß.
Es kam also – und so hatte sie eindeutig und von ganzem Herzen beschlossen – darauf an, ihre Energie daraufhin zu fokussieren, nichts zu essen. Und damit meinte Hilde auch nichts. Ihre Freundinnen, ihre Familie waren allesamt vorgewarnt und hatten nach einigem Sträuben zugestimmt, sie nicht mit Einladungen und Versuchungen zu quälen. Hildes Tagespläne standen, ihre Routen, die große Bögen um Bäckereien, Konditoreien und andere Quellen der Versuchung schlugen und sie trotzdem zu ihren Zielen fühlten, waren festgelegt und Hilde verbrachte die letzten Tage des Winters damit, sich mental auf die bevorstehende Fastenkur vorzubereiten. Einen letzten nicht gerade bedauernden Gedanken schickte Hilde noch an die hohen Summen, die sie für Diäten ausgegeben hatte, die in fertigen Dosen oder Gläsern einher kamen und ihr beim Erwerb suggerierten, dass allein der Anblick die Kilos schwinden ließ. Natürlich halfen auch die darin enthaltenen Pülverchen nicht weiter, weder ob sie als Brei, als Suppe, Pudding oder Diätdrink verabreicht wurden. Hilde endete doch immer wieder mit dem obligatorischen Schokoladenriegel und der Schale Chips.
Auch damit hatte es nun ein Ende. Hilde hatte genug gehört, gelesen und sich selbst zusammengereimt, um davon überzeugt zu sein, dass in der Nulldiät die Zukunft lag. Ihre Zukunft. Und welche Zeit wäre besser geeignet, als der Frühling, um mit einer Unternehmung wie dieser zu starten?
Alles blühte, alles grünte und die ersten Sonnenstrahlen wärmten genug, um das leise Frösteln, das dem Verzicht auf Nahrung nur allzu oft folgte, zu übertünchen.
Einziges Problem in Hildes ansonsten so durchdachten, notwendigen und sinnvollen Plan trat ihr in Gestalt von Stefan entgegen. Stefan, Hildes Freund seit zwei Jahren und der Einzige, der ihren Träumen vom Erreichen des Wunschgewichts aktiv entgegentrat.
Unglücklicherweise konnte sie ihn nicht davon überzeugen, dass ihr persönliches Heil und Glück in einem schlanken Körper wohnte. Und insgeheim befürchtete Hilde von Zeit zu Zeit, dass es Stefans Absicht war, sie als die dralle, unauffällige Brünette zu behalten, die weit davon entfernt war, die Blicke anderer männlicher Wesen auf sich zu ziehen.
Nicht dass Hilde vorhätte, Stefan zu hintergehen. Nichts läge ihr ferner. Und doch wünschte sie sich, wie ihrer Meinung nach jede Frau sich wünschte und wie es zur Natur von Evas Geschlecht gehörte, ein wenig die Verführerin sein zu dürfen, als die sie geboren war.
Ohne Konsequenzen selbstverständlich, lediglich als Beweis dafür, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehörte, dass sie jung genug war, um auf Männer zu wirken, sie zu verwirren und auf ihre Weise anzuziehen.
Dieses Gefühl vermisste Hilde seit geraumer Zeit, um ehrlich zu sein, bereits seit Jahren. Und sie vermisste es schmerzlich.
Es stellte die Art von Selbstbestätigung dar, die Hilde ansonsten nirgendwo erhalten konnte, und die ihr auf eine merkwürdige, wirre und unlogische Weise mehr bedeutete, als jeden Erfolg, jedes Lob, das sie in ihrem Beruf erzielte.
Himmel, sie war nicht alt. Sie war eine junge Frau. Und auch wenn sie sich an Stefan gebunden hatte, so bedeutete das noch nicht das Aus für jeden angedeuteten Flirt, für jedes noch so kleine Amüsement.
Nur dass diese Flirts ungewollt wegfielen, dass sie nicht einmal annähernd in der Lage war, die Augen eines beliebigen Mannes, der sie zudem an sich nicht im Geringsten interessierte, auf sich zu fesseln. Und dieser Mangel an Interesse schmerzte von Jahr zu Jahr stärker.
Es half nichts, die Sache musste in Angriff genommen werden, und Hilde fühlte sich willens und in der Lage, diese auch in Angriff zu nehmen.
Natürlich verhielt sie sich nicht dumm oder gar selbstzerstörerisch. Die notwendigen Vitamine und Mineralstoffe lagen in Tablettenform bereit. Kalorienfreie Suppen und Diätsäfte sollten das ausgeklügelte Heilfasten begleiten.
Und als spirituelle Begleitung hatte Hilde sich die eine oder andere CD meditativer Gesänge angeschafft.
Auch wenn man alles andere außen vorließ, so handelte es sich bei der Fastendiät doch um eine ausgesprochen preisgünstige Form des Überlebens. Und das bedeutete, dass durchaus der eine oder andere Cent übrig blieb, mit dem sie sich Dinge leisten konnte, auf deren Anschaffung sie sonst nicht einmal annähernd käme.
Insgesamt lief es gut. Hilde wusste, dass ein großer Punkt für den Erfolg ihrer Unternehmung darin lag, sich Schwächen zu gönnen. Selbstverständlich ausschließlich kalorienfreie Schwächen.
Sie besuchte mit Stefan das Kino und war erleichtert, dass der ohrenbetäubende Lärm des Actionkrachers, den sie sich ausgesucht hatten, das Knurren ihres Magens übertönte.
Mit einer gleichgesinnten Freundin, die unter ähnlichen Frühlingsgefühlen wie Hilde selbst litt, ging sie joggen und ließ sich haarklein die Rezepte aufzählen, mit denen diese sich über die Runden half und die allesamt aus rein biologisch angebautem und ohne Garmethode zubereitetem, ungesalzenem, ungewürztem Gemüse bestand.
Hilde verkniff sich die abschätzigen Bemerkungen, die ihr durch den Kopf wanderten. Sie hielt sich ebenso mit den Geschichten, die ihrer eigenen Erfahrungswelt entstammten, zurück. Jeder musste, was Diäten anging, seine eigenen Erfahrungen machen, zu diesem Schluss war sie innerhalb der letzten Jahre eindeutig gelangt.
Eine Woche hielt Hilde bereits durch und strich voller Stolz über ihren abgeflachten Bauch. Es stimmte doch, dass Abnehmen das Selbstbewusstsein steigerte. Wenn nur nicht das unangenehme Grummeln im Magen gewesen wäre, das sie bereits in der Früh weckte und unweigerlich wach hielt, obwohl sie ohne weiteres noch Zeit für einen ausgedehnten Schlummer gefunden hätte.
Nichtsdestotrotz, eine Diät steigerte angeblich auch die Energie und so stand Hilde doch, trotz Wochenendes, trotz Erschöpfung in den Gliedern, kurz nach Sonnenaufgang auf und braute sich einen Kräutertee, von dem sie allerdings bereits wusste, dass er dem Magenknurren an sich kaum Einhalt gebieten konnte.
Dennoch trank sie ihn hastig, gönnte sich eine Extra-Dosis Süßstoff, obwohl sie tief innerlich fest davon überzeugt war, dass diese chemischen Mittelchen den Appetit auf Süßes unweigerlich anregten. Aber in diesem Moment zählte das nicht, war Hilde sich doch sicher, dass ihr Appetit auf Süßes ohnehin kaum noch zu steigern wäre. Oder auf Salziges, Saures, Würziges … im Grunde auf alles.
Stöhnend machte sie sich an den Frühjahrsputz und vermied es tunlichst, daran zu denken, dass der Samstagvormittag sich stets als perfekt geeignet für Wocheneinkäufe geeignet hatte.
Doch sich den unüberschaubaren Versuchungen auszusetzen, die in jedem Supermarkt, jedem Schaufenster, jeder frisch aufgebrühten Kaffeebohne, die ihren Duft auf die Straße verströmte, auszusetzen, gliche grober Fahrlässigkeit.
Also beschränkte Hilde sich darauf, Staub zu wischen, zu saugen, die Fenster zu putzen und sich den anderen Vergnügungen hinzugeben, für die das Wochenende Zeit bot.
Sie hatte vor, sich in einen Zustand der Erschöpfung zu arbeiten, in dem selbst der bloße Gedanke an Nahrungsaufnahme zu anstrengend sei, als dass sie in Versuchung käme, ihrer Diät abtrünnig zu werden.
Am späten Nachmittag war es Hilde tatsächlich gelungen, müde genug zu werden, um dem Wunsch nach Essen die Dringlichkeit und die bohrende Spitze zu nehmen.
Auf wackligen Füßen schwankte sie in ihr blitzsauberes und nach Zitrone duftendes Badezimmer und brachte gerade noch die Energie auf, sich eine Wanne einzulassen und auf einen geruhsamen Abend vor dem Fernseher zu freuen.
Eine Stunde später stieg sie, halbwegs erfrischt aus ihrer Wanne, stieg in ihre flauschigen Pantoffeln und wickelte sich in einen warmen Frotteemantel. Als es an der Tür klingelte.
Hilde unterdrückte einen Fluch, seufzte mitleiderregend und begab sich dann doch zur Tür um durch das Guckloch zu spähen.
Ein breit lächelnder Stefan baute sich im Gang des Hauses auf und Hilde seufzte erneut.
Der einzige Effekt lag jedoch darin, dass Stefan sich vorbeugte. „Ich weiß, dass du da bist“, verkündete er durch die Tür hindurch.
Hilde stöhnte leise. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich mir einen ruhigen Abend wünsche“, sagte sie dann und zögerte immer noch, die Tür zu öffnen.
„Das hast du“, gab Stefan zu, doch unternahm keine Anstalten von der Stelle zu weichen. „Und es liegt mir fern, deinen Wünschen zuwiderzuhandeln.“
„Und was willst du?“
Stefan blinzelte. „Du verwendest bereits die ganze Woche die Ausrede vom ruhigen Abend“, erklärte er schließlich. „Und ich dachte, dass ich dir heute dabei helfen könnte, dass der Abend auch wirklich ruhig wird.“
Hilde öffnete die Tür einen Spalt und zog die Augenbrauen hoch. „Ich wollte fernsehen“, sagte sie und ließ ihre Lippen den Schmollmund bilden, von dem sie wusste, dass er Stefan immer wieder zum Lächeln brachte.
„Dann sehe ich mit dir fern“, verkündete der Mann und drängte sich an ihr vorbei in die Wohnung.
Hilde sah an sich und an ihrem Bademantel herunter. „Ich bin überhaupt nicht auf Besuch eingerichtet.“
„Das macht nichts.“ Stefan beugte sich über sie und drückte ihr einen dicken Kuss auf den immer noch schmollenden Mund.
Hilde schnupperte alarmiert. „Was ist das?“, fragte sie zweifelnd. „Ich rieche etwas.“
Stefan versteckte mit unschuldigem Gesichtsausdruck seine Hände hinter dem Rücken. „Was meinst du?“
„Das ist doch etwas zu essen“, warf Hilde ihm vor. „Du weißt doch, dass ich auf Diät bin.“
Unverkennbar wallte Ärger in ihr auf, gemischt mit der unmöglich zu ignorierenden Frage, was es sein konnte, das Stefan versuchte, in ihre Wohnung zu schmuggeln.
Stefan stöhnte auf. „Du und dein Diätfimmel.“ Er wandte sich ab und setzte rasch eine kleine Tüte auf den Sofatisch. „Siehst du?“, drehte er sich zu ihr um. „Das ist nicht einmal richtiges Essen. In diese Tüte passt nichts.“
Hilde runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. „Ich weiß wirklich nicht, warum du mich immer sabotieren willst“, klagte sie laut. „Wenn ich sage, ich will nichts zu essen, dann will ich auch nichts. Kein Dinner, kein Ausgehen, keinen Cocktail. Kino und Sport ist okay. Aber abends will ich meine Ruhe haben.“
„Es ist Samstag“, gab Stefan zu bedenken. „Niemand will Samstag seine Ruhe haben.“
„Also ich schon“, seufzte Hilde. „Wenigstens bis ich wieder in meinen Minirock hineinpasse.“
Stefan verdrehte die Augen. „Du bist wunderschön, so wie du bist.“
Hilde ließ sich frustriert auf in ihr Sofa sinken. „Wunderschön, ach was. Was du für wunderschön hältst. Und dass es mich überall zwickt und kneift und ich dauernd neue Sachen brauche, ist dir egal.“
Stefan setzte sich neben sie und legte seinen Arm um ihre Schulter. „Solange du gesund und so zum Anbeißen bist, wie gerade jetzt, habe ich keine Einwände.“ Er versuchte sie auf den Hals zu küssen, aber Hilde entwand sich schmollend seinem Griff. „Ich bin überhaupt nicht zum Anbeißen. Ich kugele durch die Gegend und weiß wirklich nicht, warum du das nicht siehst.“
„Ich sehe es nicht, weil es nichts zu sehen gibt“, murmelte Stefan und küsste ihr Ohrläppchen. Es kitzelte und Hilde konnte nicht anders als zu lachen. „Du hast doch etwas vor“, vermutete sie und drohte ihm mit dem Zeigefinger. „Ich kenne dich, wenn du etwas im Schilde führst.“ Sie lehnte sich zurück und legte ihren Kopf schief.
„Du trägst genau denselben Gesichtsausdruck, den du im letzten Jahr aufgesetzt hast, als du mich mit der Buttercremetorte überrascht hast. Das werde ich dir nie verzeihen.“
Stefan streckte ihr beide Handflächen entgegen. „Siehst du hier irgendwo eine Torte? Schon gar nicht eine mit Buttercreme.“ Er nickte eifrig. „Ich habe ja auch dazu gelernt und weiß inzwischen, was sich gehört.“
Er drehte seine Hände vor ihrer Nase. „Siehst du? Keine Torte, keine Eiscreme, keinen Braten oder Topf mit Nudeln. Ich bin vollkommen unschuldig.“
„Hm.“ Hilde rümpfte skeptisch die Nase und zeigte auf die Tüte. „Und was ist das?“
Stefan zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, das ist gar nichts.“
„Gar nichts“, wiederholte Hilde. „Und warum hast du dann ‚gar nichts‘ mitgebracht?“
Stefan beugte sich vor, griff nach der Tüte und zog aus ihrem Inneren eine zart gelbe Serviette hervor, in die etwas eingeschlagen war.
Sorgfältig platzierte er das betreffende Objekt vor Hilde und begann damit langsam, Ecke für Ecke die Serviette zurückzuschlagen und ihren Inhalt zu enthüllen.
„Und – was ist das jetzt?“, stieß Hilde hervor, während sie versuchte, noch ein Mindestmaß an Würde und Zurückhaltung zu bewahren.“
Stefan sah sie mit einem betretenen Dackelblick an. „Das ist eines der Appetithäppchen, die meine Schwester für ihren Geburtstag zubereitet hat. Ich wollte es dir wenigstens zeigen. Für eines dieser Teile benötigte sie eine halbe Stunde. Du kannst dir vorstellen, wann sie heute früh aufgestanden ist, um mit den Vorbereitungen anzufangen.“
„Deine Schwester ist Küchenchefin“, gab Hilde zu bedenken. „Ganz genau“, stimmte Stefan bedrückt zu. „Das heißt, sie weiß, wie es geht. Aber das bedeutet nicht, dass sie weniger Zeit und Mühe für ihr mehrgängiges Menü benötigt.“
„Das ist heute?“, fragte Hilde unnötig und auch ein wenig schuldbewusst.
Stefan räusperte sich. „Du hast doch schon vor einer Weile abgesagt“, meinte er dann beinahe entschuldigend. „Was natürlich nicht bedeutet, dass sie sich nicht doch freute, wenn du es dir anders überlegst. Du weißt ja, dass sie immer für mindestens ein Dutzend Leute mehr kocht.“
Hilde beäugte das Appetithäppchen vor ihr, dass, wenn sie ehrlich war, nicht gerade besonders beeindruckend wirkte. Andererseits kannte sie die Kochkünste von Stefans Schwester nur zu gut und wusste, dass sich in den unscheinbarsten Gerichten, die höchsten Gaumenfreuden verbargen.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht“, sagte sie mit betont fester Stimme und versuchte ihren Blick von dem Inhalt der Serviette zu wenden. „Und das hier werde ich auch nicht versuchen.“ Sie schüttelte erneut den Kopf. „Und wenn deine Schwester den ganzen Tag damit zugebracht hat, diese Blätterteigkringel zusammenzudrehen, dann solltest du sie ihr nicht wegnehmen und in der Gegend herumtragen.“
Stefan atmete aus. „Diese Festessen sind ein reiner Albtraum für mich“, gab er dann zu. „Und ohne dich werde ich auch nicht gehen. Das weiß sie.“ Er schluckte hörbar.
„Aber das hier musste ich dir einfach zeigen.“
Vorsichtig schob er die Serviette näher an Hilde heran. „Die Füllung besteht aus einer Creme von Wachteleiern, Trüffeln, Sahne und der speziellen Würzmischung, deren Inhaltsstoffe nicht verraten wird.“
Hilde lief das Wasser im Munde zusammen. „Muskat, Ingwer und Chili?“, riet sie und beäugte das Blätterteiggebilde mit neu erwachtem Interesse.
Jetzt bemerkte sie auch den Glanz, den an verschiedenen, delikaten Stellen angebrachtes Eigelb den Spitzen und Kanten des Gebäcks verliehen hatte. Sie sah die helle Creme, die durch die hauchdünne und an manchen Stellen sorgfältig durchbrochene Oberfläche hindurch schimmerte. Und sie konnte sich nur allzu gut vorstellen, welchen Mühen sich die Küchenfee unterzogen hatte. Den Anspruch an Perfektion, den diese an sich selbst stellte, bewunderte Hilde von jeher. Wenigstens was ihre Kunst im kulinarischen Bereich anging.
Ihr äußeres Erscheinungsbild dagegen entsprach zumindest nicht dem aktuellen Schönheitsideal, auch wenn Hilde widerstrebend zugab, dass barocke Formen auch ihre Reize besaßen.
„Ich weiß, woran du denkst“, flüsterte ihr Stefan so plötzlich ins Ohr, dass Hilde zusammenzuckte.
„Was meinst du?“, gab sie irritiert zurück.
Stefan lachte leise. „Mein Schwesterherz ist stolz auf ihre Figur. Sie sagt immer wieder, dass sie Werbung für ihre Kochkunst läuft.“ Er strich Hilde eine feuchte Strähne aus der Stirn und küsste sie leicht. „Man soll sehen, dass sie ihr Leben genießt.“
Hilde schluckte. „Ob stundenlanges Blätterteig-Formen ein Genuss ist, wage ich zu bezweifeln.“
Stefan lachte wieder und nahm das winzige Stück Gebäck zwischen Daumen und Zeigefinger. „Das Ergebnis ist es, was zählt“, bemerkte er dann. „Was für ein Mensch jemand ist, was er schafft, wie viel und wen er liebt.“ Er schüttelte den Kopf. „Purzelnde Pfunde bedeuten nichts. Nur dass sie früher oder später zurückkehren und noch mehr quälen, sinnlos Zeit und Kraft rauben, und schließlich nur eine leere Hülle zurücklassen, für die Nichts mit Ausnahme der eigenen Figur zählte.“
Er führte das Gebäck an Hildes Lippen und sie atmete tief das köstliche Aroma ein.
„Wenn deine Schwester sich so viel Mühe gemacht hat“, murmelte sie zögernd.
Stefan küsste sie auf die Wange. „Du bist perfekt, so wie du bist“, sagte er dann. „Ich möchte dir nur dabei helfen, dich auf das Wichtige im Leben zu konzentrieren.“ Er küsste sie wieder.
„Und das wäre?“, fragte Hilde leise.
„Freundschaft, Liebe, Gemeinsamkeit, um nur ein paar Dinge zu nennen“, antwortete Stefan und lächelte. „Die anderen lernst du kennen, sobald du es zulässt.“
Und Hilde ließ es zu. Sie öffnete den Mund und biss in das außen knusprige und innen göttlich zarte Appetithäppchen hinein, das ihr besser mundete, als sie sich erinnern konnte, jemals zuvor etwas gekostet zu haben. Hilde schluckte und leckte sich die Lippen.
„Also gut“, flüsterte sie. „Lass uns gehen.“
Und der Frühling begann.
Gift
Titel: Gift
Autor: callisto24
* * *
Das Wasserglas
Es stand auf dem Tisch, das Wasserglas. Sauber und klar. Durchscheinendes Glas und darin verlockend das Wasser. Erfrischend lockte sein Anblick jeden, der es erblickte. Obwohl jeder doch wusste, wie fatal es sein konnte, der Verlockung nachzugeben, mit dem Inhalt die Zunge zu benetzen, das brennende Verlangen in der Kehle zu stillen. Sie alle schlichen um den Tisch, auf dem es wie eine Trophäe aufgebaut war, herum. Sie alle wussten, welch ein grausames Schicksal die Prüfung von ihnen forderte. Denn die augenscheinliche Reinheit trog. Was sich wirklich in dem Glas befand war zu fein, zu winzig, als dass ihre bloßen Augen es erkennen konnten. Neben den Mineralstoffen, die zu erwarten waren, den kleinen Partikeln von Schmutz oder Staub, die sich mit der Bewegung der Luft um den Standpunkt des Gefäßes auf die Oberfläche der Flüssigkeit senkten, befand sich noch so vieles mehr in dem durchsichtigen Behälter. Schwammen Teile, Hüllen, Formen und Farben darin, die niemand jemals zu Gesicht bekam, die nur erahnt werden konnten und auch das nur mit dem äußersten Maß an Vorstellungskraft.
Regenbogenfarbene Ovale, die sich mit Hilfe von Geißeln durch sanften Widerstand trieben, begegneten und begegneten nicht den kristallenen Gebilden, die nicht lebend und nicht tot ihre Existenz selbst bezweifelten. Und die dennoch eine fatalere Wirkung auf den Organismus ausübten, der sich ihnen näherte, als jener zu glauben wagte. Kleine Härchen schlugen, schwebten. Schnüre glitten, Perlen schwammen und seufzten, hingen nebeneinander wie Ketten. Das klare, reine Wasser füllte sich mit Wesen aus einer anderen Welt, mit Gestalten, die ohne den magischen Blick geschliffener Linsen, ohne die unglaubliche Bewegung noch winzigerer Elektronen niemals auch nur vermutet wurden. Nicht von ihnen, nicht von denen, die das Glas immer noch umrundeten. Denen ihr eigenes Wasser im Munde zusammenlief, deren Durst sich steigerte von Schritt zu Schritt.
Oh ja, sie wussten es, wussten von dem schleichenden Tod, der in dem Glas lauerte. Doch wer von ihnen besaß den Mut oder die Verzweiflung ihm zu trotzen? Wer von ihnen erwies sich als irrwitzig genug, um den Schluck zu nehmen, das letzte Wagnis einzugehen? Keiner von ihnen hatte etwas zu verlieren und doch verloren sie mit jedem Schritt mehr.
Der junge Mann blieb stehen. Ermunternde Blicke flogen ihm zu. Das Wasser lockte. Köstlich schwappte es von links nach rechts, floss gegen die Rundungen des kühlen Glases. Sie alle schmeckten es, fühlten seine Klarheit, das Stillen eines unstillbaren Durstes. Der Inhalt eines Glases reichte nicht, reichte nie, nicht für einen von ihnen. Und doch waren sie alle befreit, wenn der eine das Opfer brachte. Der junge Mann verneigte sich. Er berührte mit zitternden Fingern die glatte Oberfläche. Er versuchte, das Wasser, sein Wasser durch das Glas hindurch zu fühlen. Es prickelte auf der Zunge. Winzige Tropfen stiegen auf, gleich Wasserdampf drangen sie in seine Nase. Ein Zurück war unmöglich, ein Zögern keine Option. Er hob das Glas und trank. Der Jubel brandete hoch. Die Dankbarkeit umfloss ihn weich, so wie die Flüssigkeit seinen Hals benetzte. Es schmeckte bitter und mit dem ersten Schluck sah er die Seuche vor sich. Er sah sich auf dem armseligen Strohlager, das ihm blieb. Wie er dahinvegetierte, wie er sich um seinen letzten, röchelnden Atemzug quälte.
Doch nicht einmal dies Elend war ihm vergönnt. Denn nun war es zu spät, er konnte den Fluss nicht mehr aufhalten, sah das Leben an sich vorüberziehen, sah wie seine Welt endete.
Das Wasser rann, es gelangte in die falsche der Kehlen und er hustete, spuckte einen Teil wieder aus, schluckte wieder. Es gab kein Zurück. Bis auf den letzten Tropfen trank er, leerte den Becher, bis der aus seinen entkräfteten Fingern mit einem Klirren zu Boden stürzte. Und er neben ihm auf die Knie sank, den Kopf in die Hände stützte. Er wusste es, sie alle hatten es gewusst. Reinheit existierte nicht, sie war eine Lüge und er verdammt zu seinem letzten Gang.
Er krümmte sich. Der Schmerz verzerrte sein Gesicht. Seine Muskeln zuckten in Krämpfen. Keine Zeit abzuwarten, keine Zeit der Inkubation. Die Dichte unsichtbarer Erreger inmitten der lockenden Klarheit riss ihn hinab. Zeit schnellte zusammen, schrumpfte und dehnte sich gleichermaßen, als er den Horizont erblickte, als seine Gelenke anschwollen, seine Eingeweide rissen und bluteten, während das verseuchte Wasser in ihm tobte, seine Zellen durchdrang, vergiftete und eine nach der anderen tötete. Keine Zeit für Reue, keine Zeit, seine Entscheidung in Frage zu stellen. Letzte Gedanken wirbelten durch den verwüsteten Verstand, letzte Erkenntnis öffnete ihm die Augen.
Doch befreite sein Opfer die Gefangenen Die Wahl fiel auf ihn und als er starb, starb er als Held und in dem Wissen, dass sein Mut die Rettung für andere bedeutete, dass er allein die Lüge in der Reinheit offenbarte.
Autor: callisto24
* * *
Das Wasserglas
Es stand auf dem Tisch, das Wasserglas. Sauber und klar. Durchscheinendes Glas und darin verlockend das Wasser. Erfrischend lockte sein Anblick jeden, der es erblickte. Obwohl jeder doch wusste, wie fatal es sein konnte, der Verlockung nachzugeben, mit dem Inhalt die Zunge zu benetzen, das brennende Verlangen in der Kehle zu stillen. Sie alle schlichen um den Tisch, auf dem es wie eine Trophäe aufgebaut war, herum. Sie alle wussten, welch ein grausames Schicksal die Prüfung von ihnen forderte. Denn die augenscheinliche Reinheit trog. Was sich wirklich in dem Glas befand war zu fein, zu winzig, als dass ihre bloßen Augen es erkennen konnten. Neben den Mineralstoffen, die zu erwarten waren, den kleinen Partikeln von Schmutz oder Staub, die sich mit der Bewegung der Luft um den Standpunkt des Gefäßes auf die Oberfläche der Flüssigkeit senkten, befand sich noch so vieles mehr in dem durchsichtigen Behälter. Schwammen Teile, Hüllen, Formen und Farben darin, die niemand jemals zu Gesicht bekam, die nur erahnt werden konnten und auch das nur mit dem äußersten Maß an Vorstellungskraft.
Regenbogenfarbene Ovale, die sich mit Hilfe von Geißeln durch sanften Widerstand trieben, begegneten und begegneten nicht den kristallenen Gebilden, die nicht lebend und nicht tot ihre Existenz selbst bezweifelten. Und die dennoch eine fatalere Wirkung auf den Organismus ausübten, der sich ihnen näherte, als jener zu glauben wagte. Kleine Härchen schlugen, schwebten. Schnüre glitten, Perlen schwammen und seufzten, hingen nebeneinander wie Ketten. Das klare, reine Wasser füllte sich mit Wesen aus einer anderen Welt, mit Gestalten, die ohne den magischen Blick geschliffener Linsen, ohne die unglaubliche Bewegung noch winzigerer Elektronen niemals auch nur vermutet wurden. Nicht von ihnen, nicht von denen, die das Glas immer noch umrundeten. Denen ihr eigenes Wasser im Munde zusammenlief, deren Durst sich steigerte von Schritt zu Schritt.
Oh ja, sie wussten es, wussten von dem schleichenden Tod, der in dem Glas lauerte. Doch wer von ihnen besaß den Mut oder die Verzweiflung ihm zu trotzen? Wer von ihnen erwies sich als irrwitzig genug, um den Schluck zu nehmen, das letzte Wagnis einzugehen? Keiner von ihnen hatte etwas zu verlieren und doch verloren sie mit jedem Schritt mehr.
Der junge Mann blieb stehen. Ermunternde Blicke flogen ihm zu. Das Wasser lockte. Köstlich schwappte es von links nach rechts, floss gegen die Rundungen des kühlen Glases. Sie alle schmeckten es, fühlten seine Klarheit, das Stillen eines unstillbaren Durstes. Der Inhalt eines Glases reichte nicht, reichte nie, nicht für einen von ihnen. Und doch waren sie alle befreit, wenn der eine das Opfer brachte. Der junge Mann verneigte sich. Er berührte mit zitternden Fingern die glatte Oberfläche. Er versuchte, das Wasser, sein Wasser durch das Glas hindurch zu fühlen. Es prickelte auf der Zunge. Winzige Tropfen stiegen auf, gleich Wasserdampf drangen sie in seine Nase. Ein Zurück war unmöglich, ein Zögern keine Option. Er hob das Glas und trank. Der Jubel brandete hoch. Die Dankbarkeit umfloss ihn weich, so wie die Flüssigkeit seinen Hals benetzte. Es schmeckte bitter und mit dem ersten Schluck sah er die Seuche vor sich. Er sah sich auf dem armseligen Strohlager, das ihm blieb. Wie er dahinvegetierte, wie er sich um seinen letzten, röchelnden Atemzug quälte.
Doch nicht einmal dies Elend war ihm vergönnt. Denn nun war es zu spät, er konnte den Fluss nicht mehr aufhalten, sah das Leben an sich vorüberziehen, sah wie seine Welt endete.
Das Wasser rann, es gelangte in die falsche der Kehlen und er hustete, spuckte einen Teil wieder aus, schluckte wieder. Es gab kein Zurück. Bis auf den letzten Tropfen trank er, leerte den Becher, bis der aus seinen entkräfteten Fingern mit einem Klirren zu Boden stürzte. Und er neben ihm auf die Knie sank, den Kopf in die Hände stützte. Er wusste es, sie alle hatten es gewusst. Reinheit existierte nicht, sie war eine Lüge und er verdammt zu seinem letzten Gang.
Er krümmte sich. Der Schmerz verzerrte sein Gesicht. Seine Muskeln zuckten in Krämpfen. Keine Zeit abzuwarten, keine Zeit der Inkubation. Die Dichte unsichtbarer Erreger inmitten der lockenden Klarheit riss ihn hinab. Zeit schnellte zusammen, schrumpfte und dehnte sich gleichermaßen, als er den Horizont erblickte, als seine Gelenke anschwollen, seine Eingeweide rissen und bluteten, während das verseuchte Wasser in ihm tobte, seine Zellen durchdrang, vergiftete und eine nach der anderen tötete. Keine Zeit für Reue, keine Zeit, seine Entscheidung in Frage zu stellen. Letzte Gedanken wirbelten durch den verwüsteten Verstand, letzte Erkenntnis öffnete ihm die Augen.
Doch befreite sein Opfer die Gefangenen Die Wahl fiel auf ihn und als er starb, starb er als Held und in dem Wissen, dass sein Mut die Rettung für andere bedeutete, dass er allein die Lüge in der Reinheit offenbarte.
Planet
Titel: Planet
Autor: callisto24
* * *
Ich habe immer geglaubt, dass es auf die Perspektive ankommt.
Dass unsere Realität so leicht von dem abweicht, was wir vor uns sehen, gehört nur zu einem der vielen Hindernisse, die sich zwischen das denkende Wesen und seinen Versuch zu begreifen stellen. Denkende Wesen, das sind wir, das ist es, wozu uns die Evolution geschaffen hat. Erschaffen, um zu forschen, um den Blick zu schärfen, das endgültige Sein einzufangen. Ob in Worten, Taten oder abstrakten Gebilden, in Analysen, die den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, spielt keine Rolle, denn darauf ziele ich letztendlich nicht ab. Nicht meine Aufgabe, nicht meine Leidenschaft.
Ich bin ein Beobachter. Und ich beobachte die Welt um mich. Wie sie sich verzerrt, dehnt, ihre Konturen wachsen und wieder verschwimmen. All das während ich dahingleite in schwebender, ewiger Existenz. Mein Bericht wird geprägt sein von Farben und Formen, von der Bedeutung, die ich diesen verleihe. Ich gebe ihnen Namen, ich kategorisiere und ordne.
Wenn ich mich um mich selbst drehe, dann verändert sich alles. Wenn ich einen Schritt vorwärtsschwebe, dann stoße ich an meine Grenzen. Glasklar sind sie und kalt. Doch kann ich sie dereinst passieren, dann fließe ich in neue Freiheit, ergieße mich in die Welt, über die Welt, an der ich bis zu diesem Moment nur als ein Zuschauer teilhabe. So bin ich gezwungen zu warten und zu lauschen. Auf die gedämpften Geräusche, die wie durch einen Filter an mein Gehör dringen. Mal gluckernd, mal kichernd, doch nie wirklich.
Aber ich kann warten. Was ich um mich sehe, wird nicht auf ewig von mir getrennt bleiben. Ich kann in mir sehen, wie ich mich mit der Außenwelt vereine, in sie hineinfließe und mich darin auflöse. Wie sich Milliarden von Atomen miteinander vermischen, Moleküle zu Kunstwerken verknoten, deren Anfang und Ende ähnlich unbekannt bleiben wie ihr Daseinszweck. Alles wird eins. Ob ich aufsteige, die Schwere verliere und in winzigen Bläschen gen Himmel fliege, mich in lebensspendenden Funken verteile oder tiefer sinke an den Grund, um abzuwarten bis über mir Schicht nach Schicht verdampft, mich austrocknet und freilegt – es bleibt alles eins. Ich existiere, um es zu sehen und davon zu erzählen.
Denn das Schiff wird kommen, mich aus meiner Position zu lösen und meiner endgültigen Bestimmung zuzuführen. Ich spüre, dass es sich nähert, als die Welt um mich herum erbebt. Fest wird frei und hart zu weich. Die fließenden Bewegungen um mich breiten sich aus, werfen mich in Schräglage, verändern meine Sicht. Ich sehe, dass sie kommen, die Wesen, die mich verstehen, zu denen ich gehöre, denen ich Rede und Antwort stehen werde und will. Aus dem anderen Universum, dem Raum um mich ziehen sie mit ihren unsichtbaren Fäden, reißen mein Gefäß, das Glas, das mich schützt in die Höhe. Ich wirble um mich selbst, verliere mich im Strudel, als sich alles seitwärts lehnt, als mich der Strom weiterhinauszieht, aus meiner illusorischen Sicherheit befreit. Ich schwebe, schwimme und werde vorwärts getrieben, paddele hilflos an der Oberfläche, suche nach Luft, nach Atem. Je länger ich nach ihm suche, desto weniger finde ich ihn, desto schwieriger erscheint mir meine Pflicht. Nicht so wie gedacht, nicht wie geplant nähere ich mich einem Ziel. Ich steige nicht hinauf in eine Unendlichkeit, die mich nach Hause führt. Ich fließe hinab. Die Schwerkraft, die mich losließ und in die Höhe wirbelte, zieht mich nun tiefer, zieht mich in eine warme Hölle. Die rote Höhle, die mir nun, da ich so kurz davor stehe, von ihr verschluckt zu werden, zum ersten Mal ohne die täuschende Verzerrung des Glases gegenübersteht, sich in ihrer ganzen Hässlichkeit und ihrem realen Schrecken offenbart. Welcher Illusion saß ich nur auf? Welch einer Verzerrung meiner Wirklichkeit? Nun, da ich mich aus der fließenden Substanz befreie, von Sauerstoffatomen durchpumpt werde, die heiße Hölle vor Augen mich von dem kühlen Nass verabschiede, weiß ich über das Ausmaß meines Irrtums. Niemals werde ich durch den Weltraum fliegen. Niemand kommt mich zu befreien, niemand interessiert sich für die Beobachtungen, die ich so sorgfältig gespeichert habe. Ich bin allein und war es immer. Ausgeliefert dem Hunger einer Welt aus Warmblütlern. Einer Welt, die fern der kalten Analyse, von ihrem Trieb beherrscht wird. Die mich verschluckt, verdaut, vernichtet. Und nur vielleicht entlässt, wenn ich in meine Einzelteile gespaltet, zu Staub und Schmutz mutiert, am äußersten Rand des Fegefeuers wieder zu mir komme und feststelle, dass ich nicht einmal hier das Ende finde. Dass sogar das Ende Illusion bleibt. Dass alles eine Frage der Perspektive ist und auf ewig sein wird.
Autor: callisto24
* * *
Ich habe immer geglaubt, dass es auf die Perspektive ankommt.
Dass unsere Realität so leicht von dem abweicht, was wir vor uns sehen, gehört nur zu einem der vielen Hindernisse, die sich zwischen das denkende Wesen und seinen Versuch zu begreifen stellen. Denkende Wesen, das sind wir, das ist es, wozu uns die Evolution geschaffen hat. Erschaffen, um zu forschen, um den Blick zu schärfen, das endgültige Sein einzufangen. Ob in Worten, Taten oder abstrakten Gebilden, in Analysen, die den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, spielt keine Rolle, denn darauf ziele ich letztendlich nicht ab. Nicht meine Aufgabe, nicht meine Leidenschaft.
Ich bin ein Beobachter. Und ich beobachte die Welt um mich. Wie sie sich verzerrt, dehnt, ihre Konturen wachsen und wieder verschwimmen. All das während ich dahingleite in schwebender, ewiger Existenz. Mein Bericht wird geprägt sein von Farben und Formen, von der Bedeutung, die ich diesen verleihe. Ich gebe ihnen Namen, ich kategorisiere und ordne.
Wenn ich mich um mich selbst drehe, dann verändert sich alles. Wenn ich einen Schritt vorwärtsschwebe, dann stoße ich an meine Grenzen. Glasklar sind sie und kalt. Doch kann ich sie dereinst passieren, dann fließe ich in neue Freiheit, ergieße mich in die Welt, über die Welt, an der ich bis zu diesem Moment nur als ein Zuschauer teilhabe. So bin ich gezwungen zu warten und zu lauschen. Auf die gedämpften Geräusche, die wie durch einen Filter an mein Gehör dringen. Mal gluckernd, mal kichernd, doch nie wirklich.
Aber ich kann warten. Was ich um mich sehe, wird nicht auf ewig von mir getrennt bleiben. Ich kann in mir sehen, wie ich mich mit der Außenwelt vereine, in sie hineinfließe und mich darin auflöse. Wie sich Milliarden von Atomen miteinander vermischen, Moleküle zu Kunstwerken verknoten, deren Anfang und Ende ähnlich unbekannt bleiben wie ihr Daseinszweck. Alles wird eins. Ob ich aufsteige, die Schwere verliere und in winzigen Bläschen gen Himmel fliege, mich in lebensspendenden Funken verteile oder tiefer sinke an den Grund, um abzuwarten bis über mir Schicht nach Schicht verdampft, mich austrocknet und freilegt – es bleibt alles eins. Ich existiere, um es zu sehen und davon zu erzählen.
Denn das Schiff wird kommen, mich aus meiner Position zu lösen und meiner endgültigen Bestimmung zuzuführen. Ich spüre, dass es sich nähert, als die Welt um mich herum erbebt. Fest wird frei und hart zu weich. Die fließenden Bewegungen um mich breiten sich aus, werfen mich in Schräglage, verändern meine Sicht. Ich sehe, dass sie kommen, die Wesen, die mich verstehen, zu denen ich gehöre, denen ich Rede und Antwort stehen werde und will. Aus dem anderen Universum, dem Raum um mich ziehen sie mit ihren unsichtbaren Fäden, reißen mein Gefäß, das Glas, das mich schützt in die Höhe. Ich wirble um mich selbst, verliere mich im Strudel, als sich alles seitwärts lehnt, als mich der Strom weiterhinauszieht, aus meiner illusorischen Sicherheit befreit. Ich schwebe, schwimme und werde vorwärts getrieben, paddele hilflos an der Oberfläche, suche nach Luft, nach Atem. Je länger ich nach ihm suche, desto weniger finde ich ihn, desto schwieriger erscheint mir meine Pflicht. Nicht so wie gedacht, nicht wie geplant nähere ich mich einem Ziel. Ich steige nicht hinauf in eine Unendlichkeit, die mich nach Hause führt. Ich fließe hinab. Die Schwerkraft, die mich losließ und in die Höhe wirbelte, zieht mich nun tiefer, zieht mich in eine warme Hölle. Die rote Höhle, die mir nun, da ich so kurz davor stehe, von ihr verschluckt zu werden, zum ersten Mal ohne die täuschende Verzerrung des Glases gegenübersteht, sich in ihrer ganzen Hässlichkeit und ihrem realen Schrecken offenbart. Welcher Illusion saß ich nur auf? Welch einer Verzerrung meiner Wirklichkeit? Nun, da ich mich aus der fließenden Substanz befreie, von Sauerstoffatomen durchpumpt werde, die heiße Hölle vor Augen mich von dem kühlen Nass verabschiede, weiß ich über das Ausmaß meines Irrtums. Niemals werde ich durch den Weltraum fliegen. Niemand kommt mich zu befreien, niemand interessiert sich für die Beobachtungen, die ich so sorgfältig gespeichert habe. Ich bin allein und war es immer. Ausgeliefert dem Hunger einer Welt aus Warmblütlern. Einer Welt, die fern der kalten Analyse, von ihrem Trieb beherrscht wird. Die mich verschluckt, verdaut, vernichtet. Und nur vielleicht entlässt, wenn ich in meine Einzelteile gespaltet, zu Staub und Schmutz mutiert, am äußersten Rand des Fegefeuers wieder zu mir komme und feststelle, dass ich nicht einmal hier das Ende finde. Dass sogar das Ende Illusion bleibt. Dass alles eine Frage der Perspektive ist und auf ewig sein wird.
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