Samstag, 18. Juli 2009

Steppe

Titel: Steppe/Savanne
Autor: callisto24

Steppe/Savanne

Von weitem wirkte es, als schliche der Coyote geschmeidig einher. Sein gesenkter Kopf schien Witterung zu erfassen, seine Augen jedes Flirren in der Steppe wahrzunehmen. Er bewegte sich langsam. Seine geduckte Haltung erinnerte aus der Ferne an einen geplanten Angriff, als stünde das Tier kurz davor zum Sprung anzusetzen.
Nur dass es hier keine Beute gab. Die Savanne war buchstäblich leergefegt, leer von allen Zeichen des Lebens, mit Ausnahme der ausgetrockneten Pflanzen, die sich dem schwachen Wind beugten.
Die Sonne brannte hinunter, erleuchtete den Grund in all seinen winzigen Details. Jedes Sandkorn wurde sichtbar, jede noch so schwache Regung fiel auf.

Nur dass sich nichts regte. Sogar die Insektenwelt zeigte sich gelähmt. Gleißende Hitze drückte jedes Wesen, jede Seele zu Boden, verdickte ihr Inneres, bis weder Blut noch andere Säfte fließen konnten, bis jeder Versuch eines Atemzugs in trockene Starre verfiel.
Die Steppe zeigte an diesem Tag ihr tödliches Gesicht, und der Coyote wusste es.
Seine Haltung demonstrierte das letzte Aufflackern eines Stolzes, der seiner Art stets abgesprochen wurde, doch die er umso heftiger zu verteidigen gedachte.
Der Kampf oder gar der Angriff lag nicht in seiner Natur. Seinesgleichen wartete, lauerte im Geheimen und schnappte dann gierig nach Überresten, die ein größeres, ein stärkeres Tier als sie gnädig dem Verrotten überließen.

Feigheit warf man ihnen vor, und Bequemlichkeit. Doch der Coyote wusste es besser.
Ohne ihn und sein Werk wäre die Weite der Savanne nicht der Ort durch den er sich nun bewegte.
In Brand gesteckt durch die unerträglichen Strahlen einer unermüdlichen Sonne gäbe es keine gelbe, trockene und sanft geschwungene Ebene. Keine flirrenden Sinnestäuschungen, die in der Ferne lauerten, keine ausgetrockneten Organe, die nach rettender Flüssigkeit schrien, während sie ihren Weg durch verdorrtes Gras suchten.

Das Land ohne ihn gliche am ehesten noch einem Pfuhl erfüllt von Seuchen, einem stinkenden Moor, in dem kriechende Kadaver nur noch bewegt wurden von den Heerscharen an Maden und Fliegen, die sich auf ihnen, um sie herum und unter ihnen tummelten.
Deshalb behielt der Coyote seine Selbstachtung, deshalb wusste er, dass seine Existenz von Bedeutung war, dass er sich aufrecht halten konnte, durfte und musste.
Nicht für sich, sondern um ein Zeichen zu setzen, um all den anderen fehlgeleiteten Wesen, die sich nach Anerkennung, nach einem Sinn sehnten, zu beweisen, dass dieser Sinn existierte.

Er kroch vorwärts und bemühte sich, aufrecht zu bleiben, stark zu erscheinen, stark und gefährlich, wo doch seine letzten Kraftreserven längst aufgebraucht, jeder Atemzug eine qualvolle, letzte Bemühung darstellte, das Unabänderliche heraus zu zögern.
Dieses war sein Ende, der letzte Gang durch die Steppe. Und alles, was er zuvor getan hatte, versank im Angesicht der Unendlichkeit.
Die Welt zerfiel vor seinen Augen, so wie sein Rudel von ihm gefallen war.
Und dann gab der Coyote auf, erlaubte der Dunkelheit die blendende Helle um ihn zu ersetzen, ihn zu halten und zu schaukeln, bis er sein Ziel erreichte und die Ebene verließ. Für immer verließ.

Freitag, 17. Juli 2009

Büchse der Pandora

Titel: Büchse der Pandora
Autor: callisto24
Genre: Wirre Gedanken


Wie war sie nur in diese Situation geraten, zusammengequetscht, wie in einem zu klein geratenen Gummianzug, gegen einen Plastikkasten gepresst, der sowohl Nottelefon als auch die Schalter enthielt, die in die verschiedenen Stockwerke führten.
Überhaupt – Stockwerke. Wenn man diese Bezeichnung wählen wollte.
Das ganze Gebäude war eigentlich zu schmal um wahr zu sein, zu krumm und dünn, als dass es sich den Gesetzen der Schwerkraft nach aufrecht halten konnte.
Und trotzdem hielt es sich aufrecht, gähnten dunkle Fensterfronten über den lichtdurchfluteten Straßen der Stadt.
Einer staubigen Stadt, in der ein Gebäude wie dieses nicht auffiel, in der seltsame Hochhäuser an der Tagesordnung waren. Nur nicht derart schmale, derart verdrehte und auf ihre eigene Art elegante Häuser.
Zumindest von außen elegant.
Denn als Frida sich in den Fahrstuhl quetschte, der kaum groß genug war, um sie aufzunehmen, geschweige denn jemanden, der nur ein wenig breiter gebaut oder höher gewachsen war, fragte sie sich doch, welches kranke Gehirn auf den Entwurf einer Architektur wie dieser gekommen war.
Nichtsdestotrotz erreichte sie ihr Ziel. Auch wenn es sich als schwierig herausstellte. Auch wenn das Stockwerk, das sie zu erreichen suchte, weder angezeigt, noch erwähnt wurde, sondern auf eine versteckte, verborgene Weise existierte, nur für die existierte, die von seiner Existenz bereits wussten.
Und Frida gehört zu jenen, die davon wussten, auch wenn sie ahnte, dass sie eigentlich nicht zu ihnen gehören sollte, dass sie nicht willkommen war.
Denn bei ihr handelte es sich nur um eine der seltenen Gewinnerinnen. Eine der Gewinnerinnen, die tatsächlich den Preis angenommen hatten, so sehr sie dies auch in den letzten Tagen begann zu bereuen.
Denn wie immer war sie zu überstürzt, zu übereilt aufgebrochen, als dass es gut für sie wäre. Gedankenlos, begeistert hatte sie die Chance ergriffen, die einmalige Chance, denn das Glück des Spiels war nicht gewohnt, Frida zu verwöhnen.
Doch dieses Mal hatte sie gewonnen, hatte diese Reise gewonnen, diesen Flug weit hinaus in die Welt, über die Himmel in Richtung der Freiheit des Horizontes. Bis sie hier gelandet war, erneut eingesperrt, erneut gefangen in einer glühenden Großstadt, in der das Atmen schwer fiel. Auch wenn sie nicht eingequetscht zwischen den Wänden eines Fahrstuhles ausharrte, die Übelkeit hinunter kämpfte, welche die ruckartigen Bewegungen des Gefährts auslösten.
Ihren Gewinn hatte sie beanspruchte, die Reise angetreten, ohne zu überlegen, und ohne sich zu fragen, wie sie den Weg zurück finden sollte. Denn erst dort angekommen, in der fremden Stadt, in der Höhe des Dachstuhles, fiel ihr ein sich diese Frage vor Augen zu führen. Die Frage, wie sie denn zurückkehren sollte. Wie es ihr gelingen sollte, die Zeit des Urlaubs abzuschließen und zurückzukehren in ihr normales Alltagsleben.
Hätte sie doch früher gefragt, sich früher gekümmert um die Notwendigkeiten, die zu bedenken überlebenswichtig war. Doch sie öffnete die Büchse und griff gedankenlos in ihr Inneres, beseelt allein von dem Gedanken an eine Reise, von der sie geglaubt hatte, dass sie ihr ein Leben lang verwehrt bliebe.
Doch nun, da sie hier war, konnte sie nicht wieder zurück. Der seltsame Gewinn bestand in einem unsicher verlaufenden Flug ohne Netz, ohne doppelten Boden und ohne Rückfahrtschein. Sie war darauf hereingefallen, hatte mit ihrer eigenen Überstürzung und Ungeduld ihr Schicksal besiegelt.
Und nun stand sie da, vor einem Berg neuer Probleme und ohne eine Idee, wie diese zu lösen seien. Doch so widersinnig dies sein mochte, so brüchig die Stelzen unter ihren Füßen sich auch anfühlten, sie bereute nichts.
Das Spiel lief an, und zur Hölle sollte sie fahren, wenn sie es nicht spielte, so gut es in ihren Kräften stand.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Asche

Titel: Asche
Autor: callisto24



Die Reise fiel kürzer aus, als sie es erwartete. Von vier Tagen war die Rede gewesen, als ihre Mutter bereits nach zwei Tagen zum Aufbruch rief. Kaum hatten sie sich eingerichtet, schon hieß es wieder zusammenpacken.
Und wenn Hilda sich einrichtete, dann tat sie es gründlich.
Sie schaffte es, jede Ecke, jedes Möbelstück, jedes Fleckchen des Hotelteppichs der Suite mit ihrer eigenen Note zu versehen. Und mit der ihrer Tochter. Denn natürlich war es das Kind, dessen Anwesenheit einen Großteil der Spuren hinterließ.
Was hatte sie nicht alles mitgenommen, nur damit in der Kleinen keine Sekunde der Langeweile aufkam. Ein fruchtloses Unterfangen, wie sie sehr wohl wusste, wenn auch keineswegs daraus lernte.
Denn die Hoffnung stirbt nie, am allerwenigsten die Hoffnung auf ein zufriedengestelltes Kind.
Natürlich war es für die Katz gewesen. Natürlich hatte Samantha sich keinen Deut für die zahllosen mitgeschleiften Utensilien interessiert. Natürlich wusste das Kind von jeher sich besser zu beschäftigen, als mit bunten Plastikspielereien, die vielleicht für einen Moment das Auge ablenkten, doch keinen anderen nachhaltigen Wert besaßen, außer dem Bewusstsein, dass die Substanz, aus der sie geschaffen waren, die Jahrhunderte überdauerten, unabhängig davon wie malträtiert, wie hässlich und wie verkommen sie in einer Ecke dahinvegetierten.

Ebenso wie die Kleidung, die das Kind benötigte, die jedes Kind benötigte.
Kunstfasern, die die Macht der Elemente abhalten, das zarte Wesen vor jedem Tropfen des Regens, vor jedem Windstoß schützten, und die doch unzerstörbar schienen, im Fluss der Zeiten.

Und trotzdem trug Hilda all diese unnötigen und zugleich notwendigen Nichtigkeiten mit sich herum. Obwohl sie sich mehr als bewusst war, wie gegenstandslos ihre Bemühungen letztendlich sein sollten.

Ob sie auf Busreisen kilometerweite Umwege machte, hinter den anderen Teilnehmern mit ihrer Last hinterher hinkte, ob sie es wahrlich besser wusste –sie konnte nicht anders. Sie musste all diese Dinge mit sich tragen, ob dies nun einen Sinn ergab oder auch nicht.

Nicht für sich, niemals für sich, sondern für ihre Tochter.

Ebenso wie sie für ihre Mutter das Kommando zum Aufbruch als gegebene Tatsache annahm. Wenn diese es sagte, so ließ sich an der Endgültigkeit der Entscheidung nicht rütteln. Hilda selbst konnte sich irren, ihre Mutter nie.

Und so kniete sie auf dem Boden der Suite und suchte verzweifelt die bunten Plastiksteine zusammen, beförderte diese wahllos und hastig in Taschen und Tüten. Sie krabbelte weiter zu den Schränken, deren Inhalt ihr bedrohlich entgegen gähnte, sobald sie deren Türen öffnete. Wann hatte sie all diese Kleider hineingehängt? Wann hatte sie sich die Zeit genommen, in jedes Regal feinsäuberlich Spielzeuge, Bücher und Hörspiele verschiedener Farben, Formen und Größen einzuordnen?
Es spielte keine Rollen mehr, jetzt, wo sie dabei war, die Regale in Eile zu leeren. Sie benutzte beide Hände als Schaufeln und grub im Inneren der Möbelstücke, grub das Innerste hervor, beförderte die ärgerlichen Eingeweide ans Licht.
Welch eine Verschwendung von Raum. Welch eine Verschwendung von Muskelkraft!
Hilda schleifte Plastiksäcke gefüllt mit Sinnlosigkeit durch die Flure und Gänge des Hotels. Schwer und voll glitten sie über die Teppichböden, blieben an Ecken, Schwellen und Kanten hängen. Sie rissen auf, erlaubte schüchterne Blicke auf ihr buntes Innenleben, vergrößerten Hildas Sorge. Denn sie litt wider ihres besseren Wissens unter der nagenden Furcht, einen wichtigen Teil, auch nur einen winzigen jedoch unglaublich bedeutenden Aspekt ihrer Last zu verlieren. Diesen zu vergessen inmitten der lächerlich luxuriösen Einrichtung der Suite oder davor, dass ihr dieser auf der Flucht aus dieser Luxusfalle entglitt.
Nichts half, nichts machte es besser. Berge und abermals Berge von Gegenständen türmten sich auf, kletterten zur Decke empor, belagerten die Bushaltestelle, an der zu warten sie gezwungen waren. Unter glühender Sonne, ausgesetzt der Strahlung und ohne Schutz und Schatten.
Und in diesem Augenblick erkannte ihre Mutter die Wahrheit. In diesem Augenblick gab sie die Wahrheit bekannt, betreten, schockiert und doch mit diesem kleinen Lachen, das ihnen allen zeigen sollte, wie unwichtig, wie nichtig geringe Irrtümer wie dieser im Großen und Ganzen des Universums wirkten.

Es waren doch vier Tage gewesen. Hilda hatte sich nicht geirrt. Ihre unfehlbare Mutter war es, die irrte.
Samantha weinte. Und Hilda erkannte, dass ihr Mädchen nicht aufgrund des Irrtums weinte, nicht aufgrund der Enttäuschung einer ausstehenden Reise. Doch das Mädchen lachte auch nicht, freute sich nicht über den plötzlich geschenkten Zuwachs an Urlaubstagen.
Es spürte, dass in Hilde eine Wut aufstieg, die sie in ihrer Mutter niemals zuvor wahrgenommen hatte. Das Kind fühlte besser als Hildas Mutter, besser als sie selbst es tat, das mit einer Ankunft ein Abschied in Reichweite stand.
Endlich war in Hilde etwas angekommen, eine Erkenntnis, ein Durchblick, ein Zeichen für die Veränderung zum Besseren.
Hilde warf ihren Kopf in den Nacken und lachte schrill. Nie wieder. Nie wieder würde sie diese Berge mit sich schleppen, Gewichte von A nach B tragen unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte, unter Bloßlegung ihrer empfindlichen Nervenstränge.
Hilde kreischte auf, riss ihre Arme in die Luft.
Die Mutter wich zurück, schob das Kind vor sich her und floh, als Hilde die Entscheidung traf.
Sie würde es zerstören, alles Unnötige irreparabel vernichten. Nichts mehr sollte davon übrig bleiben. Nichts, dass ihre Gedanken, ihre Gefühle oder ihre Sinne belastete, ihr Pflichten auferlegte, die sie verabscheute, die niemandem weiterhalfen.
Zu Asche brennen würde sie alles, was vorgab unerlässlich zu sein. Alles was ihr erzählen wollte, dass die Anhäufung von Müll unumgänglich sein, dass ein Kind, eine Familie benötigte, was ein Mensch alleine nicht annähernd zu benötigen glaubte.
Die Raffgier, der Wahn Gegenstände zu horten und mit sich zu führen, die nicht vergänglich waren, die weder ihren Rückweg in den Kreislauf der Natur fänden, noch notwendig zeigten für das pure, einfache Überleben, sollte in einer wilden Stichflamme zum Himmel schreien.

Ein Ende der Macht des Konsums, der Anhäufung und dem Mitschleppen von Nichtigkeiten sollte gefeiert werden in einer mächtigen Explosion.
Plastik schmolz, Gegenstände schossen in die Höhe, sandten Stichflammen aus, die in weiten Kreisen um die Anwesenden rasten, Mahnung spielten für jeden Fehl, der die Welt heimsuchte.
Hilda lachte irre.
Asche, nichts als Asche sollte übrig bleiben von allem, was ihr so unerlässlich schien. Asche, nichts als Asche sollte übrig bleiben von der Unsinnigkeit ihrer eigenen Existenz.

Samstag, 11. Juli 2009

Rose

Autor: callisto24
Titel: Rose

Als sie wuchs, wusste sie, was sie sein wollte. Sie wusste es genau. Eine Rose, eine der Königinnen unter den Blumen.
Sie spross in die Höhe. Ihr helles Grün vertiefte sich. Die Entscheidung stand kurz bevor.
Und doch – ebenso sicher, wie sie es seit ihres Schlummers in der Erde gewesen war, so wusste sie jetzt, dass sie diese Entscheidung noch nicht treffen konnte.
Der Möglichkeiten existierten so viele, zu viele. Allein in diesem Garten, in dem kleinen Garten, in dem sie aufwuchs.
Wie viele Möglichkeiten, wie viele Rosen musste es erst außerhalb dieses beengten Rahmens geben?
Zu welch einer sollte sie werden, wenn sie nicht einmal alle kannte, die auf dieser Welt existierten.
Vorsichtig zog sie ihre Wurzeln aus der Erde. Es war zu früh, sich festzulegen, zu früh für Endgültiges. Ihr Weg hatte gerade erst begonnen, und sie würde nicht ruhen, bis sie die Rose entdeckt hatte, zu der sie werden sollte.

Ihre Bestimmung – sie war sich sicher, dass diese auf sie wartete, irgendwo dort draußen.
Und so begann sie ihre Wanderung. Schritt für Schritt bewegte sie sich vorwärts, langsam und mühselig war die Reise, konnte nicht anders sein für eine Pflanze wie sie.
Sie sah viele Blumen, schöne Blüten, herrliche Blüten, doch keine ließ sie daran zweifeln, dass sie zur Königin geboren war.
Nur zu welcher? Die Schönste musste es sein, einzigartig, beglückend genug allein in ihrer Erscheinung, dass sie es ertragen konnte, bis an ihr Ende in dieser Gestalt zu verharren, zu welken, zu vergehen, nur noch eine Erinnerung zu bleiben an den Duft, den sie einst verströmt hatte.

Manchmal zweifelte sie. Manchmal hielt sie inne, wenn sie ein kleines Moosröschen erblickte, schüchtern und versteckt. Eine ruhige, friedliche, bescheidene Existenz. Schönheit im Kleinen, Zauber für Kinder. Sie liebte den hellen rosa Ton, den sie mit einem Röschen verknüpfte. Er erinnerte sie an Feen und Elfen aus einer anderen Welt, einer Welt aus der sie vielleicht stammte, und in die sie mit Sicherheit zurückkehren wollte.
Und doch war es nicht das Moosröschen, zu dem sie werden wollte. Zu klein, zu bescheiden, zu behutsam ausharrend im Verborgenen.
Das war nicht ihr Ding.
Deshalb wanderte sie weiter, vorbei an der Welt des Kindlichen.

Eine Teerose bezauberte sie. Eine Teerose bannte sie. Ein zartes Orange umschmeichelte ihre Sinne. Weiche Blütenblätter streiften sie zärtlich.
Sinnlicher Duft verführte sie, hielt sie fest, erweckte ihre Lebendigkeit, den Wunsch zu leben, zu erleben.
Sie verharrte. Sie blieb. Sie schwelgte in Teerosen, in jugendlicher Frische und Zartheit. Sie schwamm im Duft, schwebte in der Schönheit.

Doch etwas fehlte ihr. Die Teerose war nicht fertig, nicht vollständig, sie ließ etwas vermissen, das – obwohl sie es nicht greifen konnte – wichtig schien, wichtiger als Kindlichkeit und Jugend.

Sie wanderte weiter und traf auf eine Rose, deren Knospe halb geschlossen war, die beschlossen hatte, sich niemals zu öffnen. Sie barg ein Geheimnis, verbreitete Faszination, fesselte in ihrem gelben Schein, dem matten Licht, das sie verströmte.
Ewig hätte sie diese ansehen können, sich in dem Anblick, in dem Rätsel verlieren.
Doch sie wanderte weiter, bis sie auf eine wahre Königin traf, nein – auf eine Kaiserin.
Dunkelrot und voll erblüht schmiegten sich Blatt an Blatt, bildeten eine Krone, die reichhaltig das Innere, den Kern der Blüte umrandeten.
Ihr Duft betäubte sie, vollständig und ganz, verströmte Wissen, Erfahrung und zugleich Lebenslust.

Sie streichelte die Kaiserin, küsste ihre zarten Blätter, liebte den vollen Glanz, den samtenen Schimmer reichhaltigen Zaubers.
So wollte sie sein, so lautete ihre Entscheidung. Diese Rose sprach von Vollkommenheit, von Wundern und Träumen.
Es war die Rose ihrer Zeit.

Und es war an der Zeit. Sie war weit genug gewandert. Diese Rose wollte sie sein. Doch dann musste sie feststellen, dass sie es nicht konnte.
Sie versuchte es, und wie sehr sie es versuchte, aber sie konnte diese Rose nicht sein. Sie war nicht groß genug, nicht reichhaltig genug, nicht stark genug.
Und sie krümmte sich zusammen im Angesicht ihres Versagens, vertrocknete im Glanz einer Perfektion, die sie niemals erreichen würde.
„Ich wollte nur Königin sein“, flüsterte sie. „Nur eine von vielen. Wieso nur darf ich das nicht.“

Da neigte sich die dunkelrote Kaiserin zu ihr herab.
„Sieh dich an“, wisperte sie und ihre Stimme klang wie eine Glocke.
„Sieh dich an, wer du bist.“

Und sie sah sich an, und erblickte eine vertrocknete Blüte, starr und fest in der Zeit stehengeblieben, von einer Farbe, die zarter und zugleich beständiger war, als jede, die sie bislang betrachten durfte.

Und ihr Duft war von einer Süße, die die Welt in Atem hielt, die Pflanzen um sie dazu brachte, sich vor ihr zu verneigen.
„Du bist schön, Großmutter“, sagten sie.

Und die Rose lächelte.

Freitag, 10. Juli 2009

Stiefvater/Anita

Titel : Stiefvater
Autor: callisto24




Anita drehte die Kappe in den Händen. Eigentlich handelte es sich nicht einmal um eine Kappe, auch wenn diese Assoziation Anita einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte.
In Wirklichkeit war es ein Hut, ein hübscher, klug entworfener Hut im Stil der Zwanziger, vielleicht der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Er passte perfekt zu der Frisur, die Anita im Augenblick trug, zu den gedrehten Locken, die sich leicht in die Stirn ringelten, jedoch im Grunde fest um ihr Gesicht anlagen, als bildeten sie selbst eine Kappe für sich.
Anita liebte die Frisuren und die Mode aus dieser Zeit. Der Schnitt der Kleidung kam ihrer Figur entgegen, an die sie sich gerade erst zu gewöhnen begann.
Diäten fielen ihr nie schwer, aber da sie sich dieser Mühe bereits seit geraumer Zeit nicht mehr unterzogen hatte, war auch ihr Vertrauen in die doch bereits wiederholt erprobte Willenskraft geschwunden.
Dennoch hatte es funktioniert. Ihr Körper war schlank und das Hochzeitskleid, das sie sich ausgesucht hatte, kam ihrer Erscheinung nur allzu sehr entgegen.
Wenngleich Hochzeitskleid der falsche Ausdruck war für den schmalen weißen Rock und das helle Hemd mit Spitzen, einer Kleidung, die vielleicht ein wenig zu fein für den Alltag wirkte, doch auch nicht gerade an Heirat erinnerte.
Bis sie diese Kappe aufsetzte, diesen Hut. Und vielleicht zögerte Anita daher. Mit diesem Hut kam sie sich verkleidet vor, erinnerte sich selbst vielleicht viel mehr an eine Braut, denn an eine Kostümparty.

Anita hatte nie verstanden, warum jemand in letzter Minute kalte Füße bekommen sollte. Und noch viel schlimmer – warum jemand so dreist sein sollte, eine Hochzeit in letzter Minute abzusagen, seinen Partner verletzte und die Gäste verstörte. Schließlich kam eine Heirat nie aus heiterem Himmel. Man besaß doch stets genug Zeit, um sich über Konsequenzen und Gefühle im Klaren zu werden.

Natürlich galt das nicht für sie selbst. In Anitas Fall war die Lage vollkommen anders. Anita hatte nie heiraten wollen.
Vielleicht als Kind, als kleines Mädchen, als sie noch nicht wusste, was das Wort bedeutete, als sie geglaubt hatte, bei einer Hochzeit handele es sich um ein unausweichliches Ereignis, ein Ritual, dem jedermann sich früher oder später unterwerfen sollte.

Und doch war sie schon damals aus dem Rahmen gefallen. Der klassische Schnitt eines Hochzeitskleides, der prinzessinnenhafte Look waren ihr nie genug gewesen.
Für sie musste es anders sein, moderner oder auch nur auffallender.
Einen Hut so groß wie ein Wagenrad hatte sie sich damals vorgestellt. Dazu ein schmales, schulterfreies Gewand, und wenn möglich nicht unbedingt in weiß.

Anita sah an sich hinunter. Eigentlich konnte es sich nur um einen schlechten Witz ihrerseits und auf ihre eigenen Kosten handeln, dass sie die Farbe weiß gewählt hatte.
Nicht nur, dass in ihrem Alter weiß lächerlich erschien, so befand sich doch unter den Gästen auch ihr bald erwachsener Sohn, sichtbarer Beweis für das Fehlen jeder Unschuld.
Dennoch fühlte sie sich bemüßigt, zumindest den Anschein von Tradition zu wahren. Ein wenig dem Klischee zu entsprechen, und sei es auch nur, weil der Zweck die Mittel heiligte.
Auf den Anschein kam es schließlich an, und der bittere Geschmack in Anitas Mund blieb das einzige äußerliche Anzeichen für die Fehlerhaftigkeit des Planes.
Wenn man Anitas zusammengesunkene Körperhaltung und ihre zögerlichen Bewegungen nicht dazuzählte.

Eigentlich wusste sie nicht, wie ihr geschah. Eigentlich war sie nicht einmal sicher, ob es funktionieren würde, und selbst wenn – wozu sie sich dieser Mühe unterzog.
Um die Sache in Ordnung zu bringen? Um Hilfestellung zu leisten in dem begrenzten Rahmen, der ihr zur Verfügung stand? Um den leichtesten Weg zu gehen – so wie sie es immer tat?
Oder um sich alle Möglichkeiten offen zu halten, und gleichzeitig doch ihren Status zu verändern. Aus Langeweile, aus Interesse oder aus der Lust daran, Neues auszuprobieren.

Je länger sie darüber nachdachte, jetzt – wo sie sich die Zeit nahm – in diesem Moment – vor der Institution, die ihre Daten aufnehmen würde und seine, die alles verkomplizieren würde, wo sie doch vereinfachen sollte – begann sie zu zweifeln, begann sich Fragen zu stellen.

Es war anders, als der im Heimlichen geträumte Traum einer praktikablen und formvollendeten Heirat als Mittel zum Zweck. Als der kurze, schmerzlose Prozess, den sie sich ausgemalt hatte.
Spätestens mit der Wahl ihrer Garderobe hätte es ihr auffallen sollen. Mit dem merkwürdigen Höherschlagen ihres Herzens bei dem Gedanken. Bei der Nervosität, die sie erfasste, den seltsamen Vorstellungen von Blütenträumen, glänzendem Stoff, fließendem Weiß.
Doch sie wollte es nicht wahr haben.
Das war sie nicht. Romantisch vielleicht, jedoch in den Bereichen, in denen Romantik Sinn ergab. Und ganz gewiss nicht, wenn es um zusammengeraffte Röcke, verstreute Rosenblätter oder klingende Gläser ging.
Ein Sonnenuntergang verströmte Romantik, eine Liebe, die nicht sein durfte, die errungen werden musste. Ein Lied vielleicht oder ein Geständnis, aber keine gekünstelte Ansammlung von jahrhundertelang erprobten Effekten. Und schon gar keine Wörter, die vor einem Gericht gesprochen wurde, das Unterschriften einsammelte, und Verbindungen festlegte, sowie es diese wieder auflösen konnte.

Umso erstaunlicher schien es ihr, dass sie diese Unternehmung nicht mit der notwendigen Kühle und dem innerlichen Abstand begegnen konnte, den sie verdiente.
Sie kannte den Mann gar nicht, hatte ihn nie zuvor gesehen, würde ihn wohl auch nie wieder sehen, wenn all dies vorbei war. Wer hätte auch gedacht, dass all dies so kompliziert wäre. Wenn es nur darum ginge, den Vater ihres Sohnes zu heiraten, so wie es ihr logisch und nachvollziehbar erschien, dann könnte sie es verstehen. Doch dieser Weg, um Ecken herum, indirekt und verschwommen, entsprach so gar nicht Anitas Natur.

Vielleicht lag auch darin der Grund dafür, dass sie sich nie die Mühe gemacht hatte, ausgiebig genug über ihre Handlung und deren Auswirkungen nachzudenken.
Es ging doch nur darum, dem Vater ihres Sohnes den Zugang zu seinem Kind zu ermöglichen. Solange dies nicht möglich war – nicht in dieser Welt, in diesem Staatenverbund möglich war – mussten Umwege gewählt und beschritten werden.

Und auf eine eigene, verworrene Art verstand Anita diese Vorgehensweise auch, selbst jetzt, selbst wenn ihr Vorsicht gebot innezuhalten, wenn ihr Verstand zum ersten Mal seit langem sich wieder in den Vordergrund drängte und Aufmerksamkeit verlangte.
Sie heiratete Illiyuri, um demjenigen einen Besuch bei seinem Sohn zu erlauben, der sein wirklicher Vater war.
Nicht ihre Idee, nicht ihr Einfall. Nein – die hilfreiche Verwandtschaft hatte zugegriffen, Initiative gezeigt, sobald der verlorene Vater seinen Kopf aus dem Sand gesteckt hatte.
Und obwohl Anita froh darüber war, dem Jungen seine Wurzeln zugänglich machen zu können, überrollten die Ereignisse sie doch zunehmend, und gerade in diesem Augenblick, in dieser Umgebung fühlte sie sich so verloren, wie schon lange nicht mehr.

Inwiefern sollte es ihr helfen, sollte es ihm helfen oder ihrem Sohne, wenn sie diese Papiere unterschrieb?
Ein Risiko war es, ein Risiko, das prickelte, tief in ihr prickelte.

Gesetze trennten Vater von Sohn, daher lag die Umgehung von Gesetzen auf der Hand. Damit hatte sie keine Probleme, keine Schuldgefühle.
Das Problem war die Verbindung, die sie einging, die Folgen, die sie nicht absehen konnte.

Aber nun war es zu spät. Ein Ausweg existierte nicht mehr. Nicht für sie. Die Gäste, die Beamten warteten.
Also setzte sie ihre Maske auf, empfing das gemurmelte „Es ist mir eine Ehre“ von Illiyuri mit einem Lächeln und einem harmlosen Scherz. Sie – die sich nur selten zu Körperkontakt oder zur Lockerheit hinreißen ließ, boxte ihm spielerisch in die Schulter, knüpfte ein Band, das letztlich nur für diese eine Aktion halten sollte.
Und er war nett, er wirkte nett, sah nett aus. Und wenn sie ehrlich war, sympathischer als die Erinnerung an den Vater, den sie suchte.

Die Hochzeit würde es ihm erleichtern, sein Leben auf lange Sicht verbessern. Und das, so wie man ihr versichert hatte, ohne auch nur die geringsten Ansprüche an sie. Warum also nicht?
Warum nicht den Tag nehmen, wie er sich bot? Warum nicht die Sache durchziehen und dann erst sehen, was passiert?

Anita nickte in sich hinein. Was hatte sie zu verlieren? Was konnte schlimmer werden?
Alles – aber das war egal, in diesem Augenblick egal.

Dienstag, 7. Juli 2009

Ehrlichkeit

Titel: Downloading
Autor: callisto24






Tamara starrte auf die Wörter, die eines nach dem anderen, Buchstabe für Buchstabe auf dem Bildschirm auftauchten. Das nagende Schuldgefühl in ihrem Inneren wollte sich nicht legen, wie viele Emails sie auch verfasste, wie viele neue Seiten sie auch anklickte.

Im Gegenteil. Jede Sekunde, die sie online blieb, verschlimmerte den Druck auf ihren Lungen, vergrößerte die Angst in ihrem Herzen.
Hätte sie es nur nicht getan? Es war das Risiko nicht wert, diesmal noch viel weniger wert gewesen, als jemals zuvor?

Nicht dass sie es oft tat. Nein, nur in Notfällen griff sie zu diesem allerletzten Mittel, nur wenn die Spannung unerträglich war, wenn sie es nicht aushielt, wenn keine andere Möglichkeit in Greifweite stand.

Nur dann wagte sie sich in Gefilde vor, die – wie sie wohl wusste – einen Hauch von Illegalität besaßen.
Nicht dass sie wusste, in welchem Ausmaße Aktivitäten wie diese illegal waren, geschweige denn, dass sie die Folgen kannte.
Aber es mussten derer furchtbare sein, schreckliche Folgen, die sich auszumalen sie zurückschreckte.

Da existierten diese Spots, diese Warn-Filme. Oft genug hatte sie diese gesehen. Schließlich handelte es sich bei ihr um eine Film-Närrin der allerersten Klasse.
Früher war es Kino gewesen, dann Video, und jetzt DVD.
Der Computer brachte alles durcheinander.
Natürlich vereinfachte er auch vieles.
Die Welt rückte zusammen.

Dinge, die einst unerreichbar schienen, erreichten eine greifbare Nähe.
Sie brauchte nur die Hand auszustrecken, um alles zu erfahren, alles, was ihr Herz begehrte.

Und ihr Herz war bescheiden.
Sie griff nicht nach den Sternen. Sie wollte nicht alles. Sie lud sich keine Blockbuster hinunter, sie war weit davon entfernt, sich auf auch nur irgendeine verdrehte Art zu bereichern.

Nein, bei Tamara handelte es sich lediglich um eine Sklavin ihrer Gelüste, ihrer Abhängigkeiten, wenn man so wollte.

Und was für eine Abhängigkeit sollte das schon sein?
Keine Drogen, kein Alkohol – das hatte sie hinter sich. Keine Neurosen – diese ließ sie seit behandeln.
Jede Art von Suchtverhalten, welches ihr in die Wiege gelegt worden war, bekämpfte sie nach Strich und Faden.
Nur nicht dieses.
Nur nicht die Sucht nach Serien.

Sie stellten einen Halt für sie dar, vielleicht den letzten Halt, der ihr blieb.
Die Zuverlässigkeit, mit der sich zu Freunden gewordene Seriengestalten Woche für Woche wieder in ihrem Zimmer, auf ihrem Fernsehmonitor einfanden, besaß etwas ungemein Tröstliches, beinhaltete eine Hoffnung, und damit einen Grund weiterzumachen.

Nicht selten den einzigen Grund, den sie sehen konnte.

Natürlich – sie nahm diese Serien zu wichtig, die Handlung, die Vorgänge, die emotionalen Verstrickungen und die Entwicklungen der Charaktere. Sie waren ihr wichtiger als ihr eigenes Leben, wichtiger als alles andere um sie herum.
Sie wusste das. Und doch konnte sie nicht aufhören, wollte sie nicht aufhören.

Was blieb ihr schon? Was hatte sie vom Leben, außer den verworrenen Strängen, denen sich ihre Lieblinge Woche für Woche aussetzten, und in denen sie sich nur allzu gerne selbst mit verfing, sich selbst vergaß?

Willentlich und wissentlich ergab sie sich dieser Abhängigkeit, einer Abhängigkeit, die zumindest nicht allzu großen Schaden anrichtete, die weder ihr noch den Menschen um sie herum wehtat, die ihr ein Leben ermöglichte, das normalerweise unerträglich für sie war.

Und doch – seit sie sich in der Welt der Computer zurechtfand, seitdem sie kommunizieren konnte mit Gleichgesinnten – ja – seitdem sie Gleichgesinnte entdeckt und zu ihrem eigenen Erstaunen festgestellt hatte, dass diese existierten, erfüllte sich ihr Leben von Tag zu Tag mit mehr Farbe. Mit neuen Entdeckungen, Erfahrungen, mit Vergnügungen von denen sie niemals gewagt hatte zu träumen.

Sie saß förmlich an der Quelle, nur einen Klick entfernt von den neuesten Gerüchten, Ereignissen, Geschehnissen aus der Welt derer, die ihr alles bedeuteten.

Wenn nur eines nicht gefehlt hätte? Eines vermisste sie immer noch und jetzt sogar mehr denn je.
Jetzt, wo sie wusste, was bereits geschehen war in dieser Welt, in der Serienwelt. Jetzt, wo sie es erfahren konnte, wann immer sie wollte. Nachlesen, worum es ging, Bilder betrachten, Meinungen hören. Jetzt wollte sie diese neuen Folgen auch sehen. Wollte sie unbedingt sehen. Unvorstellbar, dass das Gute bereits existierte, der Trost, die Erfüllung ihres Lebens auf zahllosen Bildschirmen flimmern durfte, nur nicht auf dem Ihren.

Warum nicht auf dem Ihren?
Sie lebte nicht im richtigen Land. Lediglich im Ursprungsland des unbändig tobenden Serienwahnsinns, bekamen die glücklichen Bewohner zu Gesicht, worauf sie schon so lange warteten. Worauf auch sie wartete, und worauf zu warten sie gezwungen blieb, gezwungen bleiben würde, bis ein gnädiges Schicksal die Serie ihrer Träume auch dorthin brachte, wo sie für Tamara erreichbar wäre.
Wenn sie denn erreichbar sein würde.
Nicht nur, dass sie gezwungen war, ein gutes Jahr zu warten, hin und wieder betrug die Wartezeit weitaus länger. Und hin und wieder wartete sie vergeblich.

Je nach Lust und Laune der Fernsehschaffenden, der Händler, die mit den Träumen und den Lebensinhalten von ihr und Menschen wie ihr handelten.

Denn dass sie nicht mehr alleine war, hatte sie erfahren, zumindest dies.

Manchmal reichte ein unglaubliches Aufgebot an Geduld und Selbstbeherrschung aus, bis die geliebte Serie auf DVD aufzufinden war.
Manchmal jedoch nicht.

Manchmal machte die DVD ihren Weg nicht bis über den großen Teich, manchmal verschwand sie spurlos, blieb ein Gerücht, eine vage Vorstellung, die sie nur mehr quälte.

Und Tamara war nicht dumm.
Sie wusste von den Möglichkeiten, die es gab. Sie wusste von den Wegen, über die man sich hinterrücks eine Nachdosis der Droge holen konnte, nach der sie sich verzehrte.

Und sie wusste, dass diese Wege verboten waren, weshalb sie sich von ihnen fernhielt.
Denn Tamara war ein braves Mädchen, immer ein braves Mädchen gewesen. Bis auf diese Aussetzer, die zu vergessen, sie sich stets bemühte.

Zudem schien die Prozedur schwierig, und nicht nur dies. Schwierig und gefährlich.

Und im Grunde, allen rationalen Überlegungen zufolge auch der Mühe nicht wert.
Dennoch konnte Tamara nicht anders.

Zu unerträglich war ihr das Bewusstsein, dass irgendwo da draußen die Erfüllung ihrer Sehnsüchte auf sie wartete, die Auflösung, auch wenn sie nur vorläufig sein konnte, der Handlungsstränge, die sich von Woche zu Woche erneut zuspitzten, bis sie endgültig und in einem hoffentlich überwältigenden Finale zusammenliefen.
Dem Finale der Staffel. Denn wenn alles gut verlief, so handelte es sich hierbei nicht um das Ende, sondern um den Anfang. Den Anfang einer neuen Staffel, bis zu deren Beginn eine schier unerträgliche Zeitspanne überstanden werden musste.
Doch in diesem Fall gab es kein Entkommen, keine Rettung aus der Wartehölle. Sie alle mussten warten, jeder einzelne, jeder, der sich nach neuem Stoff, den nur diese eine Serie ihm bieten konnte, verzehrte.

Es spielte keine Rolle, in welchem Teil der Welt, auf welchem Kontinent sie sich aufhielten, wieweit die Anhänger im Geiste über die Länder dieser Erde verstreut waren. Sie alle konnten nur rätseln, sich austauschen, und so gut wie möglich versuchen, die unerträgliche Frist zu überbrücken.

Denn die Folgen, auf die sie alle so sehnsüchtig warteten, existierten noch nicht. Es gab sie noch nicht. Sie mussten erst hergestellt, produziert werden.

Insofern handelte es sich um ein anderes Warten, als das unerträgliche Ausharren bis die Serie den Weg in Tamaras Land zurückgelegt hatte.
Als die Qual zu wissen, dass viele, so viele Menschen bereits das Glück genießen durften, dass deren Erwartungen bereits erfüllt wurden, während sie nach ihrer Erfüllung hungerte.

War es da ein Wunder, dass sie sich entschied, der Unerträglichkeit ihrer Situation entgegenzutreten?
War es ein Wunder, dass sie schwach wurde, dass sie mit der Sünde begann, der Versuchung nach gab, und sich das holte, was sie brauchte, sobald sie es konnte?

Nein – nicht immer. Selten – wahrlich, nur wenn es unbedingt nottat. Und jedesmal, trotz des Schauers des Verbotenen, der sie während der Tat schüttelte, besaß ihr Vorgehen doch den Hauch der Verzweiflung, die Überzeugung, dass es nicht anders ginge, dass sie es tun musste, dass es das Risiko wert wäre.

Selbst wenn man sie abführte, selbst wenn Bewaffnete, Uniformierte, Söldnertruppen ihr Zimmer stürmen sollten, ihr den geliebten Computer entreißen, ihr die Strafe entgegen brüllten, die sie nur allzu sehr verdiente. Selbst dann wäre es das wert, wert, die Serie gesehen zu haben, wert zu wissen, was geschehen ist, die neuesten Entwicklungen aus erster Hand erlebt zu haben.

Es war wunderbar, es gab nichts Besseres.

Und doch war sie zu weit gegangen, war Tamara an diesem Tage zu weit gegangen.
Nicht für sich, nicht für ihre Leidenschaft, für ihre Serie, um die Ungeduld zu stillen, die in ihr brannte, sondern für ihren kleinen Neffen, den Jungen, der ihrem Herzen am nächsten stand, dessen kindliches Gemüt ihrer im Kindesalter stehengebliebenen Entwicklung noch am ehesten entsprach.

Mit ihm verstand sie sich auf einer Ebene, die sie mit niemandem sonst teilen konnte. Mit niemandem in ihrem Leben, mit niemandem, der real war.

Und so war es auch die Welt des Irrealen, die sie mit ihm verband.
Eine Welt der Phantasie, des Traumes, die sie zumindest teilweise teilten.

Nur dass sich diese Welt in Kleinigkeiten unterschied. Nur dass ihre Welt von Kriminalfällen und Actionsequenzen handelte, vielleicht von Liebe und Romantik, die seine jedoch aus Animationen bestand.

Traumwelten waren beide, Wege um aus der Realität zu entkommen.

Und gerade weil sie sich beide in diesem Punkt einig waren, gerade weil sich ihre Gedanken, ihre Träume und Wünsche auf dieser Ebene überschnitten, verstand Tamara auch, warum ihr Neffe ausgerechnet diesen Film haben wollte. Diesen Film, der im Fernsehen gelaufen war, den sie nur hätte aufzeichnen müssen.

Doch sie versäumte es, und so blieb ihr nur noch dieser Weg, nur noch der Weg in die Illegalität. Sie musste es tun, sie hatte es versprochen, hatte ihm versprochen, dass sie ihm alle Filme besorgen konnte.

Und nur aus diesem Grund hatte sie sich an jenem Nachmittag hingesetzt, und nach den Möglichkeiten gesucht, die sich ihr boten.
Und dann hatte sie es getan, hatte ihn gefunden, hatte ihn angeklickt.

Und sie hatte nicht aufgehört, nicht gestoppt, auch als die Warnzeichen aufleuchteten.
Auch nicht als der Computer abstürzte, wieder und wieder.

Die Wunder der Technik erlaubten es ihr, erneut den Faden aufzunehmen, dort wo sie ihn verloren hatte.
Die Wunder der Technik erlaubten es ihr, weiterzumachen, weiterzusuchen, während die Räder mahlten und mahlten.


Und sie hörte nicht auf, als die Warnung aufblitzte, ein gelbes Dreieck. Es erzählte ihr davon, dass jemand – eine unbekannte Person dabei war, sie aufzuspüren, sie zu lokalisieren.

Doch das reichte ihr nicht, so wie es damals gereicht hatte, als sie einfach den Computer ausschaltete, in Panik, aus Vorsicht und Vernunft.

Nein – sie kannte das Zeichen, und sie war der Abstürze müde, des erneuten Einwählens, der wiederholten Anstrengungen für diesen Film, für ihren Neffen.

Deshalb hielt sie durch. Sie wechselte lediglich die Seite, jedoch sie lud weiter, und lud und lud. Beobachtete den Balken, der sich langsam aber stetig füllte.

So nah am Ziel, so nah daran, ihrem Neffen diesen Wunsch zu erfüllen.

Sie konnte es kaum glauben.
Und dann war es vorbei, sie hatte den Film.

Und sie wurde übermütig, suchte weiter, blieb online, obwohl ihr alle Instinkte dazu rieten, sich auszuloggen, zu flüchten, ein Versteck zu suchen.
Sie tat es nicht, starrte auf den Monitor, gab Suchanfragen ein, beseelt von dem Gedanken mehr und mehr aufzuspüren, zu suchen, zu finden, zu besitzen.

Die reine Gier erfasste Tamara. Sie konnte sich nicht mehr stoppen. Der Animationsfilm reichte ihr nicht. Das Serienfinale, das sie glücklich machen sollte, bis zum Beginn der neuen Staffel, reichte ihr nicht.

Sie brauchte mehr, wollte mehr.

Und die Auswahl war schier unbegrenzt. Ihr Blick weitete sich mit jeder neuen Seite, mit jedem neuen Aspekt, der sich ihr auftat.

Sie konnte alles haben, Western, Horror, Liebe, Komödie, Drama. Alles stand ihr offen.
Und sie klickte sich weiter, sie reiste durch die virtuellen Welten auf der Suche nach mehr, auf der Suche nach ihrer Droge. Sie wollte alles sehen, jeden Krimi, jede Tragödie. Sie wollte alles erfahren, jeden Schmerz, jedes Lachen, jede Emotion aus einer Welt, die ihr in den Schoß fallen sollte, wenn sie nur wagte, wenn sie es nur tat.

Und so tat sie es. Sie wählte. Sie nahm alles. Sie klickte auf Vampire, auf Werwölfe, auf Geister. Auf Herzschmerz, Sehnsüchte und Leidenschaften. Auf Spannung, Exotik oder Tränen.
Sie klickte weiter und weiter. Balken um Balken tauchte vor ihr auf. Balken um Balken begann sich zu füllen.
Und sie konnte nur an eines denken, an mehr, an alles. Wieso sich zurücknehmen. Hatte sie sich doch ihr ganzes Leben zurückgenommen. Wieso sollte sie es immer noch tun, immer noch zurückstecken, sich klein machen.

Jetzt nicht mehr, nicht in ihrem Zimmer, nicht in ihrem Reich.

Das gelbe Dreieck blinkte, doch sie ignorierte es. Der Computer stand auf ihrer Seite, er stürzte nicht ab, die Elektronik arbeitete mit ihr.
Gelbes Blitzen, Warnungen, die sie nur am Rande wahrnahm, die sie nicht wahrnehmen wollte.

Und dann polterte es gegen ihre Tür. Und das Poltern wurde stärker.
Tamara zuckte zusammen. Doch sie konnte nicht aufhören. Ihre Finger flogen über die Tastatur, ihr Körper beugte sich vorwärts, kam dem Bildschirm näher und näher, als sauge dieser sie ein.

Beschlagene Stiefel traten gegen die Wände. Heisere Stimmen brüllten Kommandos. Jetzt würde es passieren. Jetzt landete sie im Gefängnis, jetzt empfing sie die Strafe für ihre Untaten.

Tamara beugte sich weiter nach vorne.

„Bitte“, flüsterte sie. „Bitte – holt mich.“

Und sie wurde geholt. Sie rutschte, floss, strömte in das vibrierende, kalte Licht des Monitors. Sie löste sich auf, verschwamm mit Balken, Daten, Pixeln. Sie reiste auf elektronischen Wellen, surfte durch digitale Welten, verschmolz mit der Welt, nach der sie sich immer gesehnt hatte.

Und sie seufzte auf, zufrieden, wenn nicht gar glücklich.

Und sie seufzte immer noch, als sie die Tür einbrachen, als sie ihre schlaffe Gestalt vom Rechner wegzerrten, als sie sie fortbrachten, in eine Welt, die so ganz anders war, als die, welche sie sich erträumt hat.
Doch zumindest war sie anders. Anders als alles, was sie bisher erlebt und erlitten hatte.

Sonntag, 5. Juli 2009

Schmerz

Titel: Mark
Autor: callisto24
Genre: Original Slash


Mark starrte auf den Boden. Er merkte nicht, wie er auf den Boden starrte, spürte nicht, wie die Zeit verging, wie seine Kollegen an ihm vorbeiliefen, viele achtlos, viele während sie einen merkwürdigen Ausdruck in ihrem Gesicht trugen.

Er wusste, dass er wenigstens den Anschein erwecken sollte, als täte er etwas Sinnvolles, und konnte sich doch nicht dazu überwinden, seinen Text in die Hand zu nehmen.
Das würde bedeuten, dass er ihn festhalten müsste, seine Augen auf die Buchstaben richten, auf das grelle Weiß des Papieres, das in seinem Kopf schmerzte, wenn die Scheinwerfer es erfassten.

Vielleicht sollte er sich zurückziehen, einen Ort aufsuchen, an dem er alleine sein konnte. Aber Mark brachte die Kraft dazu nicht auf. Er war erschöpft. Erschöpft seit langem. Seit Tagen, Wochen mit Sicherheit. Und er wusste warum.

Dazu kam, dass er, wenn er gehen würde, die Chance versäumte, ihn zu sehen. Ihn nur zu sehen. Mehr erwartete er gar nicht mehr und eigentlich war es traurig, wie bescheiden er geworden war.
Er, den einst niemand hatte stoppen können, zur Hölle, den auch jetzt niemand stoppte.

Schließlich war es nicht so, als habe er nichts zu tun. Im Gegenteil, er füllte seine Tage und Nächte mit Aktivitäten, mit Arbeit. Sein Glück bestand in dem Netzwerk aus Freunden, das er sich aufgebaut hatte, den vielen grundverschiedenen Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen und Unternehmungen, in die sie ihn nur allzu gerne einbezogen.
Nicht nur, weil er gerne mitmachte, weil er gerne unter Menschen war. Die Gesellschaft hatte er von Kindheit an dem Alleinsein mit seinen Gedanken vorgezogen. Zu quälend erschienen ihm diese häufig. Sie gingen in Richtungen, die mit Traurigkeit zu tun hatten, und gefährlich nahe an die Depression führten.

Es handelte sich demnach um eine angenehme Symbiose. Für ihn gab es etwas zu tun, Ablenkung, die Andeutung eines eigenen Lebens unabhängig von dem Mann, um den trotz allem seine Gedanken ohne Unterlass kreisten.

Und für seine Freunde stellte sich jeder Schritt, den er in Richtung Bekanntheit machte, als doppelt positiv heraus.
Sein Name bedeutete Werbung, seine Anwesenheit bedeutete Mädchen und Frauen, die Schlange standen, um sich ein Autogramm abzuholen oder ein Foto mit ihm zu ergattern.
Und er beteiligte sich gerne. Es waren die kleinen Schritte, die zum Erfolg führten, und Mark machte sich nichts vor.
In der heutigen Zeit, in der jeder ein Star sein wollte, war er ein kleines Licht. Gut – er hatte in einigen Serien Gastrollen, und in einigen Filmen Nebenrollen bekleiden dürfen, aber bis auf die aktuell laufende Produktion, reichte keine der Rollen wirklich aus, um seinen Namen den Zuschauern im Gedächtnis haften zu lassen.

Und obwohl es gut für ihn aussah, war er doch weit davon entfernt, durch seine Darstellung aufzufallen. Er war weit davon entfernt, Preise zu erhalten, Auszeichnungen oder auch nur lobende Erwähnungen seitens der Kritiker.
Die waren IHM vorbehalten, Norbert.
Natürlich – Norbert befand sich schon weitaus länger in diesem Geschäft, als er es tat. Norbert hatte Hauptrollen gespielt, und sich schon vor vielen Jahren einen Namen gemacht.
Er gehörte nicht zu den Großen, aber dem Zielpublikum, an das sich ihre Serie richtete, war er ein Begriff.

Bei Mark dagegen handelte es sich für die meisten um nicht mehr, als ein hübsches Gesicht. Er war einer der vielen jungen Kerle, die sich die Seele aus dem Leib spielen konnten, aber dennoch nur von einem kleinen Teil der Zuschauer wahrgenommen wurde.
Und zwar von denen, die in seinem Charakter etwas von sich wiedererkannten, denen seine Rolle etwas bedeutete. Nicht er, nicht der Schauspieler.
Selbst wenn sie sein Autogramm wollten, sprachen sie ihn mit seinem Serien – Namen an. Und Mark lachte dazu.
Warum auch nicht. Es war ein Schritt. Und er hatte Geduld. In den meisten Dingen.

Er stellte sich vor die Produkte, die seine Freunde fabrizierten, lächelte pflichtschuldig, fand warme Worte, stellte sein eigenes Wirken in den Hintergrund.
Zumindest versuchte er es.

Denn je mehr sein Bekanntheitsgrad anstieg, desto mehr Interesse wuchs trotz allem an seiner Person. Ein Interesse, das sich nutzen ließ. Ein Interesse, das allerdings auch Nachteile mit sich brachte.

Und je mehr er darüber nachdachte, umso wahrscheinlicher kam es ihm vor, dass Norberts Verhalten der letzten Zeit damit zusammen hing.

Es konnte nicht daran liegen, dass Norbert ihn nicht mehr für anziehend hielt. Es konnte nicht daran liegen, dass der Ältere zu seiner Frau zurückgefunden hatte, sich seiner Verantwortung als Vater stellen wollte.
Es konnte auch nicht daran liegen, dass die Produzenten zu ihnen gekommen waren, zu ihnen beiden, um ihnen zu sagen, dass sie ihre Serienbeziehung distanzierter angehen sollten.
Aber vielleicht war es doch gerade das?
Vielleicht war dies der Weckruf gewesen, der Norbert hochschrecken ließ, sein Verhalten überdenken.

Sie spielten Kollegen, Anwälte, die nebeneinander, miteinander arbeiteten. Kollegen, Freunde, die auch privat eine enge Beziehung unterhielten. Eng genug, dass sie in der gelegentlichen Kriminalhandlung gemeinsame Aktionen durchführten.
Aktionen, die Körpereinsatz erforderten, die Kontakt erforderten, Körperkontakt.

Sie zogen, stießen, schubsten sich gegenseitig in Deckung, flüchteten vor der Mündung einer Waffe oder warfen sich zu Boden während hinter ihnen eine Explosion imitiert wurde.
Eine Scheinwelt, in der mit allem gerechnet werden musste.

Kein Wunder, dass Norbert und Mark ihre Charaktere als verbunden begriffen. Miteinander verschweißt durch Erlebnisse der Vergangenheit und Bedrohungen der Zukunft.

Kein Wunder, dass sie ihre Verbundenheit durch Gesten und Blicke ausdrückten. Zumal ihnen sowohl Gesten, als auch Blicke nur allzu natürlich zuflogen, sich von selbst ergaben, je stärker auch das Band zwischen ihnen selbst und nicht nur zwischen den dargestellten Charakteren wurde.

Zuerst war es Freundschaft, gegenseitige Sympathie. Man ging Texte und Abläufe zusammen durch, trank einen Kaffee zusammen oder nach getaner Arbeit auch ein Bier.
Das gegenseitige Schulterklopfen wurde zum Ritual, die gelegentlichen Umarmungen zur Gewohnheit.

Bis es dann eines Tages daraus mehr wurde. Obwohl es nicht richtig war, obwohl sie beide wussten, dass es nicht sein konnte, nicht sein durfte.
Schon allein, weil Norbert gebunden war.

Und doch geschah es, und es geschah wieder. Einmal damit begonnen, konnten sie nicht mehr voneinander lassen.

Es war an einem jener Abende passiert. Nach einer der Shows, der Preisverleihungen, an denen sie teilnahmen, weil ihre Serie nominiert worden war. Nicht, dass sie gewann, und darauf kam es auch gar nicht an. Es war das Ereignis, das zählte, die Aufmerksamkeit, die ihrer Arbeit zuteil wurde, und die ihnen die zweite Staffel sicherte.

Sie tranken vielleicht ein wenig mehr als sonst, ein wenig mehr, als ihnen guttat, ihnen beiden guttat.
Mark zog es in der Regel vor, mit dem Alkohol behutsam umzugehen. Er kannte seine Neigung zu Drogen, die ständige Versuchung, die von dieser Seite auf ihn lauerte, und er hatte nicht vor, seine Fehler zu wiederholen.

Und Norbert berichtete hin und wieder von ähnlichen Erfahrungen aus seiner Jugend, von der Notwendigkeit, ein Auge auf sich selbst zu haben.

Doch an diesem Abend hatte niemand ein Auge, weder auf sich selbst, noch auf den anderen.
Und der Regisseur ließ nicht davon ab, nachzuschenken. Er ließ nicht davon ab, wieder und wieder dazu aufzurufen, anzustoßen, das Fest in die Länge zu ziehen. Immerhin war es der erste Auftritt der Besetzung gemeinsam vor den Kameras der Welt. Ihre Bilder würden den Weg über so gut wie jeden Kanal finden, in einem Großteil der Klatschblätter landen, und ihre Namen, sowie den der Serie über Grenzen hinaus bekannt machen.

Sie alle waren albern, alle die da waren. Sie alle umarmten sich, tanzten, lachten, ließen den Abend nur widerstrebend ausklingen.
Es war nichts dabei, sich ein Taxi zu teilen, schließlich übernachteten Norbert und er in dem gleichen Hotel. In Zimmern, die zufällig nebeneinander lagen.
Während der Fahrt lehnte Mark seinen Kopf gegen Norberts Schulter, und Norbert legte seinen Arm um den Jüngeren.
Sie fuhren durch die Nacht, und Mark blinzelte gegen die Lichter der Straße und stellte sich vor, es wären Sterne. Er stellte sich vor, sie flögen, sie brausten durch das Weltall, und der warme Körper neben ihm gab ihm Halt und Trost, die Versicherung, dass sie ihr Ziel wohlbehalten erreichten.

Und das taten sie. Das Taxi hielt, und Norbert half Mark, der sich etwas tapsig anstellte, und vernehmlich gähnte, aus dem Wagen.
„Das war wohl ein bisschen zu viel heute“, hörte Mark die raue Stimme des anderen an seinem Ohr, als er ihn sicher vorwärts geleitete.
Er lächelte leicht und sah auf die weichen Teppiche, die ihre Schritte aufsaugten. Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und schwankte ein wenig mit dem Gefühl, dass er sich in einem Kreis von Lichtern um sich selbst drehte.

„Ein schönes Hotel“, murmelte er, und lächelte breiter, als er von weitem den verräterisch schleppenden Ton seiner Stimme als unverkennbares Anzeichen seines Rausches erkannte.
„Das ist es.“ Mark sah zur Seite, hoch zu Norberts Lippen, die sich langsam bewegten, die feucht und warm aussahen, verlockend.
Und unter dem Einfluss des Alkohols gestand er sich ein, dass er diese Lippen schon seit langem für verlockend hielt, dass sich der Arm auf seiner Schulter gut anfühlte, dass die Wärme an seiner Seite Trost versprach und vielleicht sogar mehr. Vielleicht sogar die eine Art von Liebe nach der er ständig auf der Suche war, und die zu finden er schon seit langem nicht mehr hoffte.

Mark stand still, als Norbert sich ihre Schlüssel aushändigen ließ, Worte mit dem Mann an der Rezeption wechselte, die im Strom von Marks Gedanken untergingen.
Er kam wieder zu sich, als Norbert ihm wieder seine Hand auf die Schulter legte, seine warme Hand – er spürte sie durch den Stoff hindurch – und ihn zum Fahrstuhl führte, vor dem sie kurz warteten, bis die Türen sich mit einem leisen Klingen öffneten.

Sie standen in der kleinen Kabine, und Norbert sah ihn an. Mark lehnte mit dem Rücken gegen eine Wand und hielt sich mit beiden Händen an der waagrechten Stange fest, während Norbert nur vor ihm stand, ihn nicht berührte, nichts sagte, ihn nur ansah.

Und Mark konnte nicht anders als zurück zu starren. Er blickte in diese großen, braunen Augen, die er lachen gesehen hatte oder weinen, die in der Lage waren jede Art von Emotion, die seine Rolle ihm gebot, auszudrücken, zu verstärken.

Und er bemerkte die Wimpern, die länger waren, als es sich eigentlich für einen Mann gehörte. Er bemerkte das dunkle Haar, das einen beinahe scharfen Kontrast bildete zu der fast zu blassen Haut.
Norbert hatte abgenommen in der letzten Zeit, Mark sah es nun deutlicher, als er es zuvor wahrgenommen hatte.
Er war schlanker geworden, und blasser. Er sah jünger aus. Sein Haar fiel ihm in die Stirn, seine Hände blieben vergraben in den Taschen des Anzuges. Und er blickte Mark unverwandt an, der seinerseits still zurückblickte.

Ein Ruck und das Klingen ertönte erneut, als sich die Türen wieder öffneten, als Mark endlich seine Augen von denen des anderen löste, und hinaustrat in den Gang.
Er stolperte leicht, als ihm der Unterschied zwischen dem Boden des Fahrstuhls und dem flauschig roten Teppich auffiel.
Doch schneller noch, als er sich wieder fangen konnte, griff Norbert nach ihm. Norbert, der neben ihn getreten war, ohne dass Mark es bemerkt hatte. Norbert, der ihn festhielt und ihn sicher weiterführte, bis sie die Nummern erreichten, die ihre Zimmer anzeigten.

„Kommst du klar?“ Mark mochte es sich einbilden, doch klang Norberts Stimme nicht fast ein wenig heiser, ein wenig unsicher – zu unsicher für einen Mann seines Alters, der gerade den Höhepunkt seiner Karriere erreichte?

Mark drehte sich zu ihm, und seine Augen blieben wieder an den Lippen hängen, an den sanften Kurven. Er sah zu, wie Norberts Zunge kurz und nervös hervor blitzte, wie sie über einen Teil der Unterlippe fuhr, einen glänzenden Streifen Speichel dort zurückließ.

Mark konnte nicht antworten. Er konnte auch nicht wegsehen. Er starrte den Größeren weiter an, starrte seine Lippen an, die leicht zitterten, bevor sie sich bewegten.

Und dann drehte Norbert sich von ihm weg, und für einen Augenblick fühlte Mark sich verloren und allein, bis er hörte, wie der Mann den Schlüssel in das Schloss schob, und mit einem Klicken die Tür öffnete. Und ohne nachzudenken stolperte Mark hinter ihm in das Zimmer. Es spielte keine Rolle, ob es sich um seines handelte oder um das von Norbert. Spielte keine Rolle, was passieren würde. Er wusste nur, dass er jetzt nicht alleine sein wollte.
Dass er es nicht ertragen könnte, von Norbert getrennt zu werden, und sei es auch nur durch eine Wand zwischen ihnen.

Er stolperte in das Zimmer, blinzelte als das Licht aufflammte, zuckte zusammen, als sich die Tür hinter ihm wieder schloss, und ein Schatten vor ihn trat.

„Brauchst du Hilfe?“ Norberts Stimme klang fast besorgt, und Mark lächelte und hob sein Gesicht zu dem des anderem.
„Nein“, sagte er, und seine Stimme kam wie aus weiter Ferne. „Ich brauche nur dich.“

Norbert schluckte. Mark fühlte mehr als er sah, wie sich sein Adamsapfel bewegte. Und dann fühlte er nichts mehr außer zwei starken Armen, die ihn umschlangen, zwei Lippen, die sich hungrig auf die seinen pressten.
Und er seufzte in den Kuss, als sich sein Mund zugleich mit dem des anderen öffnete, als eine Zunge die Konturen seiner Lippen nachfuhr, an seinen Zähnen entlang glitt, bis sie auf seine eigene Zunge traf, mit ihr spielte, bis Mark stöhnte, bis er zurückweichen und nach Luft schnappen musste.

Doch Norbert ließ ihn nicht fort. Er hielt Mark nah genug, dass dieser seine Wärme fühlte, seinen Atem atmete.

„Ist es das, was du willst?“, fragte Norbert heiser, und Mark konnte nur nicken. Dankbar nicken, aufgeregt und ein wenig beschämt, dass er es zugegeben hatte.

Daraufhin zog ihn Norbert näher an sich, barg sein Gesicht an Marks Schulter. „Ich kann nur nicht… ich… ich kann nicht…“
„Ich weiß.“ Mark streifte Norberts Kopf, fuhr dann mit seinen Fingern durch die dunkelbraunen Strähnen, die sich jedem Versuch sie in Form zu halten unermüdlich wiedersetzten.
Und er wusste es wirklich. Er wusste, wovon Norbert sprach, wusste, dass dieser nie seine Frau aufgeben würde, nie seine Familie verlassen.
Mark kannte ihn, er hatte ihm zugehört, aufmerksam zugehört, wenn dieser von Affären berichtete, schuldbewusst und trotzdem auf eine derart entwaffnende Art ehrlich, dass es Mark nicht möglich war, ihn zu verurteilen.

Er wusste selbst, wie leicht es sein konnte, wie hinterrücks sich die Versuchung heranschleichen, einen – den einen günstigen Augenblick abpassen konnte, um schließlich zu einer Handlung zu führen, die nicht zu verzeihen war, nicht wenn sie bekannt würde, nicht, wenn die Öffentlichkeit davon erführe.

Und so wusste er auch, dass Norbert seine Bindung ernst nahm, wusste und verstand es.
Er umfasste Norberts Kopf mit seiner ganzen Hand, und zog ihn näher, näher an seinen Hals.
„Ich weiß“, wiederholte er noch einmal. „Es macht nichts“, fügte er hinzu, als er fühlte wie sich Norberts Lippen gegen seine Haut bewegten, wie er sanfte Küsse bis zu seinem Nacken hinunter regnen ließ.

Und als habe Norbert darauf gewartet, drückte er Mark näher an sich, drückte ihn fest genug, dass er dessen Erektion spüren konnte, den Beweis dafür, dass es nicht nur Mark war, der sich seit langem die Nähe zwischen ihnen ersehnte.


Später, als sie im Bett lagen, ineinander verschlugen, ein konfuses Gemisch aus Armen, Beinen, aus verschwitzter Haut und erschöpften Gliedmaßen, küsste Mark die haarlose Brust auf der seinen Kopf ruhen ließ.

„Ich danke dir“, sagte er, und sah auf, als ein glucksendes Geräusch, ein Lachen an sein Ohr drang. „Du – dankst mir?“, fragte Norbert leise. „Ich bin es, der dir danken sollte. Du ahnst nicht, wie lange ich… wie sehr ich mich danach gesehnt habe.“

Mark stützte sich auf. „Dann ist es nicht zu Ende?“, fragte er, und erlaubte es seiner Stimme zu zittern.

„Nein“, antwortete Norbert. „Es ist nicht zu Ende.“ Und er ließ es zu, dass Mark sich über ihn warf, und sein Gesicht mit offenen Küssen bedeckte.

„Oh Gott… das ist… das ist…“
Mark fehlten damals die Worte, und er bewahrte diesen Augenblick in seinem Herzen wie einen Schatz, wohl wissend, dass es für eine lange Zeit der Schönste in seinem Leben sein sollte.

Obwohl es viele schöne Momente gab. Die Momente, die sie teilten, in Abgeschiedenheit, in Heimlichkeit, gestohlene Momente, fern vom Set, fern von den Verpflichtungen, die das Leben ihnen auferlegte.
Es gelang ihnen. Sie teilten und sie unterstützten sich. Sie traten gemeinsam auf, nutzten die Möglichkeiten, die ihnen allein durch die Arbeit geboten wurde.

Und wann immer sie konnten, schlossen sie eine Tür hinter sich, schlossen sich ab von den Augen der Öffentlichkeit, von den Augen anderer, und ergaben sich ihrer Leidenschaft.

Bis… bis vor ein paar Monaten alles anders geworden war. Nicht plötzlich, nicht von einem Tag auf den anderen. Sondern langsam, stückweise, ohne dass Mark die Veränderung zunächst in Worte oder auch nur in Gedanken fassen konnte.

Eine langsam wachsende Distanz. Es begann mit dem Gespräch, das die Produzenten mit ihnen geführt hatten. Und es hörte nicht auf, schlimmer zu werden, den Abstand, die Kluft zwischen ihnen vergrößerte sich mit jedem Tag. Und Mark wusste nicht, ob es daran lag, dass Norbert seine Rolle in den Alltag übernahm, oder ob es andere Beweggründe gab, Vorsichtsmaßnahmen, Bedenken, die ihn zurückweichen ließen.

Sie lernten nicht mehr zusammen, was hauptsächlich daran lag, dass sie weniger Szenen miteinander bekamen, dass ihre Charaktere Differenzen austrugen, deren Intensität Mark auch noch spüren konnte, wenn die Kameras längst ausgeschaltet waren.

Norbert war nicht mehr zu fassen. Er ließ sich nicht sprechen, nicht von ihm, und Mark ertappte sich dabei, wie er Nacht für Nacht dagegen ankämpfte, dass der Klumpen, den er in seinem Hals spürte, sich vergrößerte, stieg, sich entlud in einem Schrei oder in einem Sturzbach von Tränen.
Wie sollte er das erklären?
Wie jemandem, wie sich selbst deutlich machen?

Er hatte es gewusst, gewusst, dass es nicht von Dauer sein konnte, gewusst, dass Norbert nie für ihn da sein würde.
Und trotzdem wuchs der Schmerz in ihm, bis er beinahe unerträglich wurde, bis Mark sich auf seinem Bett zusammenrollte und wartete, bis er vorüber ging, bis die Welle anstieg und dann wieder abflachte, erträglich wurde, für eine Weile, bis die nächste Welle heran rollte.

Und seine Tage vergingen in dumpfer Gleichgültigkeit. Bis er sich an einem Ort wie diesem wiederfand, umgeben von Kollegen, von Freunden, die nicht wussten, nicht wissen konnten, was er fühlte, die vielleicht über ihn lachten, oder die ihn geflissentlich ignorierten, den Hoffnungsträger, der geholfen hatte, die Serie hochzubringen, doch der nun alle Anzeichen dafür aufwies, sich auf dem absteigenden Ast zu befinden.

Und er wartete, wartete auf ein Zeichen, auf ein Wort, einen Blick. Er wartete, dass Norbert wiederkäme, dass er zu ihm zurückkäme, dass er seine Vorbehalte vergessen konnte, und auf einmal vor ihm stünde, seine dunklen Augen in die Marks tauchte und ihm versicherte, dass er es nun erkannt habe. Dass sie zusammengehörten. Dass es nichts auf der Welt gab, das sie trennen konnte, nichts und niemand.

Doch es würde nicht geschehen. Nie geschehen.
Und Mark fühlte die Träne, die sich aus seinem Auge löste, die langsam, wie in Zeitlupe fiel, tiefer und tiefer, bis sie auf dem Boden aufkam und dort zerplatzte.
Es sollte nur eine sein, nur eine von vielen.