Titel: Eden
Autor: callisto24
* * *
Ein aufregender Urlaub
„Ala“, rief die Mutter. „Komme herüber und lass dich eincremen.“ Missmutig trottete Alyssa zu dem grell bunten Liegeplatz, den ihre Familie wie jedes Jahr zum Stammplatz auserkoren hatte. Dabei dachte sie nicht im Traum daran, Rücksicht auf die Handtücher und Habseligkeiten anderer Urlauber zu nehmen.
Ein unwilliges Gemurmel erhob sich demzufolge auch hinter ihr, was Frau Summer zu einem strengen Blick veranlasste. „Ala Summer“, sagte sie tadelnd. „Andere Kinder wären froh, einen so traumhaften Urlaub verleben zu dürfen. Nur du spielst hier ständig den Miesepeter.“
Mit rotem Gesicht, dessen Farbei beinahe der ihres Lippenstiftes entsprach, rieb sie heftig Alyssas blassen, sommersprossigen Rücken ein.
„Erstens heiße ich nicht Ala“, rief Alyssa tief unglücklich. „Ich hasse diesen Namen. Warum könnt ihr mich nicht so nennen wie ihr mich getauft habt. Dann kann ich mir wenigstens vorkommen wie ein geheimnisvolle, amerikanische Schönheit.“
„Ich weiß schon, diese Schauspielerin“, unterbrach die Mutter genervt. „Musst du immer diese Flausen im Kopf haben?“
„Und dann bin ich nun wirklich alt genug um alleine in Urlaub zu fahren. Ich könnte mit Freundinnen eine Radtour nach Frankreich machen wie die Mädels meiner Klasse oder in die Staaten jetten. Wer fährt denn heute noch nach Italien?“ Wütend sprang sie auf. „Und wenn ich schon hier sein muss, dann will ich wenigstens mal etwas erleben.“
„Bleib aber in Sichtweite“, rief Frau Summer. „Und gehe auf keinen Fall alleine ins Wasser. Und pass auf …“
Aber da war Alyssa schon außer Hörweite. „Ist doch wahr“, schimpfte sie vor sich hin. „Die anderen fahren nach Tahiti, Ägypten oder zu Orten von denen ich noch nie etwas gehört habe und ich sitze hier jeden Sommer wieder an demselben öden Strand fest. Dieselbe miefige Pension, dieselben langweiligen Touristen und das Schlimmste: dieselben gestressten, ewig nörgelnden Eltern wie zu Hause auch. Nur ist es hier noch viel schlimmer. Das Essen schmeckt nicht, dauernd ist man krank, das Wasser starrt vor Dreck, die Preise sind restlos überhöht und die Post funktioniert nicht. Ich würde mir an deren Stelle auch keine große Mühe geben.“
Natürlich, zu Hause wurde dann das ganze Jahr geschwärmt, von der Sonne, der Fröhlichkeit, den Bootsfahrten bei Vollmond. Alyssa seufzte bei diesem Gedanken auf. „Na, schon zu heiß für dich?“, erklang eine schrille Stimme hinter ihr.
„Lass mich zufrieden, Toby. Du fällst mir auf die Nerven“, sagte Alyssa.
„Quatsch nicht. Wie viele Jahre treffen wir uns jetzt in diesem Sommerparadies für Scheintote? Seit unserer Geburt? Das heißt doch, dass wir füreinander bestimmt sind, oder nicht?“
„Du spinnst doch. Ich war auf jeden Fall das letzte Mal hier. Und wenn ich abhauen muss, hierhin bringen mich keine zehn Pferde mehr.“
„Das traust du dich nicht.“ Toby grinste schadenfroh. „Du gehst doch noch nicht einmal ohne Mami ins Wasser aus Angst vor Quallen und Haifischen.“
Alyssa hatte das Gefühl jeden Moment vor Zorn zu zerplatzen. „Und ob ich mich das traue“, schrie sie. „Du wirst schon sehen, was ich mich alles traue.“ Wütend packte sie ihre Luftmatratze und lief auf das glitzernde Meer zu. Einen Augenblick zögerte sie noch, aber das gemeine Lachen hinter ihr ließ sie den unbehaglichen Gedanken an kneifende Krebse und scharfe Muscheln beiseite schieben. Mit einem Platschen landete sie im blauen Wasser zwischen unzähligen pustenden und schnaubenden Urlaubern. Alyssa zog sich auf die Matratze, die kaum größer als ihr Kopfkissen war und paddelte los. „Dem werde ich es schon zeigen. Der wird sich wundern wohin ich schwimmen kann.“ Die kleinen Wellen, die sie umspielten, die Wärme des salzigen Wassers, all das bemerkte sie nicht, denn sie hatte nur ein Ziel: hinaus ins offene Meer. Damit konnte sie es ihnen allen zeigen. Alyssa sah ohnehin nicht ein, dass jeder Strand diese dummen Felswälle haben musste. Sie versperrten nur die Sicht und die schönsten Wellen wurden klein und mickrig bis sie in der erlaubten Zone ankamen. Langweilig wie alles hier. Aber sie würde endlich einmal richtige Welle zu sehen kriegen. Und sollte sie an den Felsen zerschellen, nun, dann bliebe ihr wenigstens die langweilige Rückfahrt mit der unvermeidlichen, scheinbar unendlichen Diskussion über Benzinpreise erspart. Und so trieb Alyssa unermüdlich ihr buntes Gefährt an.
Der Wind schien heftiger zu werden und auch die kleinen, niedlichen Wellen wurden langsam zu ansehnlichen Wogen. Sie fuhr mit ihnen hoch hinauf um gleich darauf wieder tief hinab zu sinken. Es ging mittlerweile so schnell, dass sie es fast nicht glauben konnte, als der graue Wall aus großen Steinen gleichzeitig links und rechts vor ihr auftauchte. „Ich schaffe es“, dachte sie atemlos. „Ich bin frei.“
Aus der Ferne hörte Alyssa undeutliche Stimmen, beinahe wie Gemurmel aus der Tiefe des Meeres. Uralte Geschichten wurden in ihr wach. Ob ihr der Meereskönig aus Andersens Märchen, Kapitän Nemo oder die Sea Quest blitzartig in den Sinn kamen, auf einmal wurde es ihr mulmig zumute. „Rede dir nur nichts ein“, schalt sie sich. „Es gibt keine Unterwassergeister und schon gar keine geheimnisvollen Unterseeboote, die an einem Badestrand Erkundigungen einziehen.“
Dennoch zitterte sie, als die winzige Matratze mit der nächsten großen Welle hinaus geschwemmt wurde in das offene Meer. Ihre Knöchel wurden weiß, so fest klammerte sie sich an ihren vertrauten Untersatz. Und so fabelhaft war der Anblick gar nicht. Schon gar nicht stellte sich irgendein Gefühl der grenzenlosen Freiheit ein, so tief Alyssa auch in sich hinein horchte. Nur kalt war es ihr, ausgesprochen kalt. Aber da musste doch etwas sein, irgendetwas anderes. Und das erschien auch.
„Ein Hai“, schoss es Alyssa eiskalt durch den Kopf. „Ein Mörderhai, wie bei Stephen King.“ Angestrengt blinzelte sie in die Sonne, während ihr das Herz bis zum Halse schlug. Da war sie wieder, die dreieckige Schwanzflosse.
„Hilfe, Hilfe“, begann sie aus Leibeskräften zu brüllen. „Hilfe, ich werde gefressen!“ Dabei ruderte sie wie wild mit Armen und Beinen ohne sich von der Stelle zu bewegen. Das Biest kam dabei immer näher. Die Tränen strömten Alyssas Wangen hinunter, als sie gleichzeitig schrie und Wasser schluckte. „Ich will doch nicht sterben“, dachte sie verzweifelt. „Lieber Gott, lass mich nicht von einem Fisch verspeist werden.“
In diesem Augenblick fühlte sie wie man sie packte und hochriss. Voller Schrecken strampelte sie und schlug um sich. Anscheinend traf sie ziemlich gut, denn ärgerliche Laute waren das Erste, das wieder in ihr Bewusstsein drang.
„Kleines Mädchen, was du machst hier draußen?“, fragte die fremde Stimme.
„Ein Hai“, fiel es ihr wieder ein. Sie sprang erschrocken auf und stellte dabei fest, dass sie anscheinend auf den Planken eines alten Fischerbootes stand. Eines von denen, die von den Touristen so bewundert wurden und deshalb ab und an ihre Ehrenrunden drehen durften. „Ein Haifisch, er wollte mich fressen“, fiel es ihr wieder ein.
„Dieser Haifisch?“, lachte einer der Männer, der eigentlich noch ein Junge war. „Der dich wollte bestimmt nicht fressen. Ist ein, wie sagt man, Katzenhai. Der ist harmlos. Isst nur Fische, so wie wir.“ Dabei blitzten seine Zähne in der Sonne und als er leicht mit den Augen zwinkerte, fing Alyssa an zu glauben, dass der Urlaub doch noch ganz schön werden könnte.
Samstag, 6. Februar 2010
Freitag, 5. Februar 2010
Maske
Titel: Maske
Autor: callisto24
* * *
Maske
Teures Geld
Dienstag Nachmittag war es immer mehr als ruhig in der Bank. Helga Winters gähnte verstohlen und warf einen kurzen Blick auf die große Uhr über der Eingangstür. Nur noch zehn Minuten bis Schalterschluss. „Dem Himmel sei Dank“, seufzte sie erleichtert und dachte an ihre schmerzenden Füße. Vor ihrem Schalter kramte Frau Dietl hektisch in ihrer Handtasche, für Helga ein bekanntes Bild. Sie mochte die kleine, magere Rentnerin, die ungefähr einmal im Monat vorbeikam und jedes Mal Fragen zu ihren Kontoauszügen oder Überweisungsformularen mitbrachte. Gerade wollte Helga Winters sie ansprechen, als die Tür sich öffnete und einen Schwall eiskalte Luft hineinließ. Ein Mann, dessen Gesicht von der tief in die Stirn gezogenen Mütze und einem grauen Schal beinahe völlig verdeckt wurde, trat hastig ein. Er schritt schnurstracks auf den Kassenschalter zu, vorbei an der alten Dame, die verwirrt zu ihm aufsah. Helga lächelte dienstbeflissen, aber der Mann sagte keinen Ton.
Stattdessen schob er ihr mit einer schnellen Bewegung einen Zettel zu. Sie warf einen Blick darauf und erstarrte sofort. Das war die Situation, vor der sie sich immer insgeheim gefürchtet hatte. „Ich schieße sofort, wenn Sie Alarm geben. Alles Geld in diese Tasche!“ stand auf dem unscheinbaren Blatt Papier. Helga spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Unter der Mütze des Fremden blitzten zwei dunkle Augen gefährlich auf. „Keine Dummheiten“, vernahm sie wie aus weiter Ferne eine heisere Stimme. Im gleichen Augenblick schob der Bankräuber eine schwarze Aktentasche, an deren Ecken die Farbe bereits abging, zu ihr herüber. Wie in Trance blickte Helga auf das Ungetüm von Tasche, das vor ihr aufragte, unfähig sich zu rühren. „Wird’s bald“, zischte ihr Gegenüber und nahm seine Hand aus der Manteltasche. In ihr blitzte es silbern auf. „Eine Waffe, natürlich er hat auch eine Waffe“, schoss es ihr durch den Kopf, während sie blitzartig aus ihrer Ohnmacht erwachte. „Ich werde tun, was Sie wollen“, sagte sie betont ruhig und nahm die Aktentasche auf ihre Seite des Schalters. Langsam öffnete sie die Kasse, während sie versuchte, sich an die Worte des Kursleiters in dem Lehrgang über Ausnahmesituationen in der Bankpraxis zu erinnern. „Um jeden Preis Ruhe bewahren“, betete sie sich vor. „Nur nicht durchdrehen, niemanden gefährden.“ Sie atmete tief durch und legte dann ein Bündel Scheine nach dem anderen in die Tasche. Ihre Hände zitterten, als sie schließlich den Schein aus der unteren Ecke der Kasse zog, von dem sie wusste, dass sein Entfernen den Alarm im Polizeipräsidium von Mosdorf auslösen würde. „Geht es nicht etwas schneller?“, flüsterte der Fremde, wobei der nervös von einem Fuß auf den anderen trat. „Nun machen Sie schon.“
Helga raffte nun einfach den restlichen Inhalt der Kasse zusammen und stopfte das Ganze in die Tasche. Ihr Herz raste, während sie dieselbe schloss und dem Bankräuber über den Tisch schob.
Einen Augenblick war ihr, als höre sie seinen röchelnden Atem, aber es war wohl nur Täuschung. „Keine Dummheiten“, stieß er hervor und hob die Waffe. Dann ergriff er seine Beute und hastete zum Ausgang. Frau Dietl, die die Situation bis dahin wohl nur erahnt hatte, stieß einen leisen Schrei aus und sah den Räuber mit weit aufgerissenen Augen an. Helga schnappte hörbar nach Luft und befürchtete bereits das Schlimmste. Die alte Frau konnte sich Schreck nicht rühren und stand dem Fremden genau im Fluchtweg. Dieser fackelte nicht lange, sondern stieß sie roh zur Seite und lief rückwärts zur Tür.
Die beiden Frauen sahen sich an. Sie konnten nur noch hören, wie auf der Straße ein Motor aufheulte und ein Wagen mit quietschenden Reifen davon fuhr. Helga Winter spürte wie ihr schwarz vor den Augen wurde. Mit einem Seufzer sank sie auf den Boden. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie die grüne Uniform eines jungen Polizisten, der sie beruhigend ansah. „Es ist alles überstanden, Frau Winter“, sagte er. „Der Notarzt ist bereits verständigt. Sie haben einen Schock, das ist kein Wunder nach dem, was sie durchmachen mussten. Frau Dietl hat uns schon ins Bild gesetzt. Mit ihrer Hilfe nun werden wir den Täter sicher bald fassen können.“
Autor: callisto24
* * *
Maske
Teures Geld
Dienstag Nachmittag war es immer mehr als ruhig in der Bank. Helga Winters gähnte verstohlen und warf einen kurzen Blick auf die große Uhr über der Eingangstür. Nur noch zehn Minuten bis Schalterschluss. „Dem Himmel sei Dank“, seufzte sie erleichtert und dachte an ihre schmerzenden Füße. Vor ihrem Schalter kramte Frau Dietl hektisch in ihrer Handtasche, für Helga ein bekanntes Bild. Sie mochte die kleine, magere Rentnerin, die ungefähr einmal im Monat vorbeikam und jedes Mal Fragen zu ihren Kontoauszügen oder Überweisungsformularen mitbrachte. Gerade wollte Helga Winters sie ansprechen, als die Tür sich öffnete und einen Schwall eiskalte Luft hineinließ. Ein Mann, dessen Gesicht von der tief in die Stirn gezogenen Mütze und einem grauen Schal beinahe völlig verdeckt wurde, trat hastig ein. Er schritt schnurstracks auf den Kassenschalter zu, vorbei an der alten Dame, die verwirrt zu ihm aufsah. Helga lächelte dienstbeflissen, aber der Mann sagte keinen Ton.
Stattdessen schob er ihr mit einer schnellen Bewegung einen Zettel zu. Sie warf einen Blick darauf und erstarrte sofort. Das war die Situation, vor der sie sich immer insgeheim gefürchtet hatte. „Ich schieße sofort, wenn Sie Alarm geben. Alles Geld in diese Tasche!“ stand auf dem unscheinbaren Blatt Papier. Helga spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Unter der Mütze des Fremden blitzten zwei dunkle Augen gefährlich auf. „Keine Dummheiten“, vernahm sie wie aus weiter Ferne eine heisere Stimme. Im gleichen Augenblick schob der Bankräuber eine schwarze Aktentasche, an deren Ecken die Farbe bereits abging, zu ihr herüber. Wie in Trance blickte Helga auf das Ungetüm von Tasche, das vor ihr aufragte, unfähig sich zu rühren. „Wird’s bald“, zischte ihr Gegenüber und nahm seine Hand aus der Manteltasche. In ihr blitzte es silbern auf. „Eine Waffe, natürlich er hat auch eine Waffe“, schoss es ihr durch den Kopf, während sie blitzartig aus ihrer Ohnmacht erwachte. „Ich werde tun, was Sie wollen“, sagte sie betont ruhig und nahm die Aktentasche auf ihre Seite des Schalters. Langsam öffnete sie die Kasse, während sie versuchte, sich an die Worte des Kursleiters in dem Lehrgang über Ausnahmesituationen in der Bankpraxis zu erinnern. „Um jeden Preis Ruhe bewahren“, betete sie sich vor. „Nur nicht durchdrehen, niemanden gefährden.“ Sie atmete tief durch und legte dann ein Bündel Scheine nach dem anderen in die Tasche. Ihre Hände zitterten, als sie schließlich den Schein aus der unteren Ecke der Kasse zog, von dem sie wusste, dass sein Entfernen den Alarm im Polizeipräsidium von Mosdorf auslösen würde. „Geht es nicht etwas schneller?“, flüsterte der Fremde, wobei der nervös von einem Fuß auf den anderen trat. „Nun machen Sie schon.“
Helga raffte nun einfach den restlichen Inhalt der Kasse zusammen und stopfte das Ganze in die Tasche. Ihr Herz raste, während sie dieselbe schloss und dem Bankräuber über den Tisch schob.
Einen Augenblick war ihr, als höre sie seinen röchelnden Atem, aber es war wohl nur Täuschung. „Keine Dummheiten“, stieß er hervor und hob die Waffe. Dann ergriff er seine Beute und hastete zum Ausgang. Frau Dietl, die die Situation bis dahin wohl nur erahnt hatte, stieß einen leisen Schrei aus und sah den Räuber mit weit aufgerissenen Augen an. Helga schnappte hörbar nach Luft und befürchtete bereits das Schlimmste. Die alte Frau konnte sich Schreck nicht rühren und stand dem Fremden genau im Fluchtweg. Dieser fackelte nicht lange, sondern stieß sie roh zur Seite und lief rückwärts zur Tür.
Die beiden Frauen sahen sich an. Sie konnten nur noch hören, wie auf der Straße ein Motor aufheulte und ein Wagen mit quietschenden Reifen davon fuhr. Helga Winter spürte wie ihr schwarz vor den Augen wurde. Mit einem Seufzer sank sie auf den Boden. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie die grüne Uniform eines jungen Polizisten, der sie beruhigend ansah. „Es ist alles überstanden, Frau Winter“, sagte er. „Der Notarzt ist bereits verständigt. Sie haben einen Schock, das ist kein Wunder nach dem, was sie durchmachen mussten. Frau Dietl hat uns schon ins Bild gesetzt. Mit ihrer Hilfe nun werden wir den Täter sicher bald fassen können.“
Donnerstag, 4. Februar 2010
Aberglaube
Titel: Aberglaube
Autor: callisto24
* * *
Aberglaube
Der Blick in die Kristallkugel
Unter normalen Umständen wäre ich, ein vernünftiger Mann in den besten Jahren, niemals in dieses zwielichtige Zelt eingetreten. Doch deprimiert und betrunken sah ich nur die Leuchtschrift: „Erfahren Sie Ihre Zukunft, noch heute!“
Wie aus weiter Ferne hörte ich die gelangweilte Stimme der verschleierten Empfangsdame: „Handlesen kostet fünfzig Euro, Kristallkugel hundert.“
Bereits ein wenig ernüchtert durch die Höhe der Preise, kramte ich meinen letzten, zerknitterten Hunderter hervor und trat hinter den schweren Vorhang. Eine einzelne Glühbirne erleuchtete den Raum und zeigte mir ein ebenfalls bis auf die Augen verschleiertes Mädchen, das hinter einem kleinen Tisch mit einer Glaskugel darauf saß.
„Bitte zeigen Sie mir Ihre Hände“, sagte sie leise, ohne aufzusehen. Die andere Frau war bereits verschwunden und auch mich reute bereits meine unüberlegte Unternehmung. Aber das Mädchen hielt meine Hände wie in einem Schraubstock, sobald ich sie ihr gereicht hatte. „Ich sehe Sie durch einen trüben Nebel“, begann sie tonlos. „In Ihrer Zukunft werden Sie diesen Schleier durchbrechen.
„Hören Sie“, wand ich ein. „Ich glaube eigentlich nicht an Wahrsagerei und diesen ganzen Hokuspokus. Besser ich gehe jetzt. Das war eine dumme Idee von mir.“
Zum ersten Mal sah mich das Mädchen an und ich bemerkte ihre klaren Augen, die beinahe in Widerspruch zu dem undurchsichtigen Geschäft standen. Nervös fuhr ich fort, mich immer weiter zu verhaspeln. „Wissen Sie, ich bin heute entlassen worden und habe wohl etwas Angst vor der Zukunft. Und deshalb einen zu viel über den Durst getrunken.“
Unbeholfen machte ich Anstalten aufzustehen.
„Warten Sie“, sagte das Mädchen und schlug ihren Schleier zurück. „Geben Sie mir eine Chance.“
Überrascht erblickte ich die zuvor verdeckten, hellroten Haare und das sommersprossige Gesicht, das wirklich nicht in diese Umgebung zu passen schien. Konzentriert beugte sie sich über meine Handflächen und folgte mit ihren Fingern den feinen Linien. „Ich habe es doch gewusst“, entfuhr es ihr, während sie meine Hände drehte und wendete und von allen Seiten betrachtete. „Ich hab es geahnt, dass sich das Blatt heute wendet.“
„Welches, das Meinige oder das Ihrige?“, versuchte ich krampfhaft einen Scherz zu machen. Aber sie sah mich nur ernsthaft an.
„Das Unsrige.“ Vorsichtig nahm sie einen seidenen Schal und legte ihn über die Glaskugel. Ein gedämpftes Licht schien langsam unter dem Tuch aufzuglühen. „Unsere Schicksale werden von heute an untrennbar sein.“
„Also, das ist aber dann doch ein bisschen viel“, sagte ich, wie ich meinte sehr entschieden, und versuchte wieder aufzustehen.
„Bleib hier, Martin. Die Zukunft wartet auf dich.“
„Woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte ich und fühlte wie ich blass wurde. „Ich bin völlig abgebrannt, bei mir gibt es nichts zu holen, falls Ihr darauf aus seid.“
„Dein Name steht in deinen Händen, wie alles andere auch. Und nun nimm den Schleier von der Kristallkugel und du wirst sehen, was ich sehe.“
Ich weiß nicht, warum ich es tat, aber ich nahm das Tuch. Es fühlte sich warm und glatt an. Die Kugel leuchtete silbern wie der Mond, als das Mädchen mir das Tuch aus den Händen nahm. Kurz berührten sich unsere Hände und in diesem Augenblick wusste ich auch ihren Namen: „Felicitas.“
„Siehst du das hier?“, fragte sie mich und zeigte mir einen winzigen weißen Stern, direkt unter ihrem kleinen Finger. Nun legte sie ihre Hand neben meine und ich erkannte dasselbe Merkmal auch an meiner Hand.
„Als Kind bin ich in einen Dornenstrauch gefallen, die Narbe ist nie ganz verschwunden.“
„Es ist ein Zeichen“, sagte Felicitas. „Menschen mit diesem Zeichen können sich nie wieder trennen.“
Sie nahm meine Hand und legte sie zusammen mit ihrer auf die immer noch leuchtende Kristallkugel. Eine Flut von Bildern drang auf mich ein. Ich sah Sonnenlicht, grüne Wiesen und Gärten, helle Räume und dazwischen immer wieder eine lachende, rothaarige Frau, die mit Kindern fröhliche Spiele spielte.
„Das ist doch verrückt“, schoss es mir durch den Kopf. „Ich bin betrunken und meine Phantasie spielt mir einen Streich.“
„Glaube es ruhig“, sagte Felicitas. „Alles wird so geschehen, wie du es siehst.“
Ich schüttelte heftig den Kopf. „So etwas kann ich nicht glauben. Es gibt keine Vorsehung, das kann es nicht geben. Das Leben besteht aus einer Folge von Zufällen. Eine Sekunde kann alles ändern.“
„Dann versuche dein Schicksal zu ändern. Gehe fort und tue alles, um mir nicht wieder zu begegnen. Es wird dir nicht gelingen.“ Sie lächelte geduldig. „Siehst du diese Linien in deiner Hand? Diese und meine Kristallkugel haben mir alles offenbart.“
„Was denn jetzt noch?“, fragte ich mit einem Seufzer.
Sie sah mich strahlend an. „Für dich wird das Leben ein Kinderspiel. Habe ich dich erst eingefangen, dann kennen wir keine Sorgen mehr.“
Ihre Frechheit nahm mir den Atem. „Du bist ja völlig verrückt. Wenn ich erst einmal meinen Rausch ausgeschlafen habe, dann werde ich merken, dass alles ein Traum war.“
Mit unsicheren Schritten versuchte ich den Ausgang zu erreichen.
„Du kommst wieder“, rief Felicitas mir hinterher. „Sicher!“
Und was soll ich noch sagen? Mit dem Lottogewinn des darauffolgenden Samstags in der Tasche holte ich Felicitas aus ihrem Zelt und wir führen seitdem das sorgenfreie Leben, das die Kristallkugel uns gezeigt hat.“
Autor: callisto24
* * *
Aberglaube
Der Blick in die Kristallkugel
Unter normalen Umständen wäre ich, ein vernünftiger Mann in den besten Jahren, niemals in dieses zwielichtige Zelt eingetreten. Doch deprimiert und betrunken sah ich nur die Leuchtschrift: „Erfahren Sie Ihre Zukunft, noch heute!“
Wie aus weiter Ferne hörte ich die gelangweilte Stimme der verschleierten Empfangsdame: „Handlesen kostet fünfzig Euro, Kristallkugel hundert.“
Bereits ein wenig ernüchtert durch die Höhe der Preise, kramte ich meinen letzten, zerknitterten Hunderter hervor und trat hinter den schweren Vorhang. Eine einzelne Glühbirne erleuchtete den Raum und zeigte mir ein ebenfalls bis auf die Augen verschleiertes Mädchen, das hinter einem kleinen Tisch mit einer Glaskugel darauf saß.
„Bitte zeigen Sie mir Ihre Hände“, sagte sie leise, ohne aufzusehen. Die andere Frau war bereits verschwunden und auch mich reute bereits meine unüberlegte Unternehmung. Aber das Mädchen hielt meine Hände wie in einem Schraubstock, sobald ich sie ihr gereicht hatte. „Ich sehe Sie durch einen trüben Nebel“, begann sie tonlos. „In Ihrer Zukunft werden Sie diesen Schleier durchbrechen.
„Hören Sie“, wand ich ein. „Ich glaube eigentlich nicht an Wahrsagerei und diesen ganzen Hokuspokus. Besser ich gehe jetzt. Das war eine dumme Idee von mir.“
Zum ersten Mal sah mich das Mädchen an und ich bemerkte ihre klaren Augen, die beinahe in Widerspruch zu dem undurchsichtigen Geschäft standen. Nervös fuhr ich fort, mich immer weiter zu verhaspeln. „Wissen Sie, ich bin heute entlassen worden und habe wohl etwas Angst vor der Zukunft. Und deshalb einen zu viel über den Durst getrunken.“
Unbeholfen machte ich Anstalten aufzustehen.
„Warten Sie“, sagte das Mädchen und schlug ihren Schleier zurück. „Geben Sie mir eine Chance.“
Überrascht erblickte ich die zuvor verdeckten, hellroten Haare und das sommersprossige Gesicht, das wirklich nicht in diese Umgebung zu passen schien. Konzentriert beugte sie sich über meine Handflächen und folgte mit ihren Fingern den feinen Linien. „Ich habe es doch gewusst“, entfuhr es ihr, während sie meine Hände drehte und wendete und von allen Seiten betrachtete. „Ich hab es geahnt, dass sich das Blatt heute wendet.“
„Welches, das Meinige oder das Ihrige?“, versuchte ich krampfhaft einen Scherz zu machen. Aber sie sah mich nur ernsthaft an.
„Das Unsrige.“ Vorsichtig nahm sie einen seidenen Schal und legte ihn über die Glaskugel. Ein gedämpftes Licht schien langsam unter dem Tuch aufzuglühen. „Unsere Schicksale werden von heute an untrennbar sein.“
„Also, das ist aber dann doch ein bisschen viel“, sagte ich, wie ich meinte sehr entschieden, und versuchte wieder aufzustehen.
„Bleib hier, Martin. Die Zukunft wartet auf dich.“
„Woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte ich und fühlte wie ich blass wurde. „Ich bin völlig abgebrannt, bei mir gibt es nichts zu holen, falls Ihr darauf aus seid.“
„Dein Name steht in deinen Händen, wie alles andere auch. Und nun nimm den Schleier von der Kristallkugel und du wirst sehen, was ich sehe.“
Ich weiß nicht, warum ich es tat, aber ich nahm das Tuch. Es fühlte sich warm und glatt an. Die Kugel leuchtete silbern wie der Mond, als das Mädchen mir das Tuch aus den Händen nahm. Kurz berührten sich unsere Hände und in diesem Augenblick wusste ich auch ihren Namen: „Felicitas.“
„Siehst du das hier?“, fragte sie mich und zeigte mir einen winzigen weißen Stern, direkt unter ihrem kleinen Finger. Nun legte sie ihre Hand neben meine und ich erkannte dasselbe Merkmal auch an meiner Hand.
„Als Kind bin ich in einen Dornenstrauch gefallen, die Narbe ist nie ganz verschwunden.“
„Es ist ein Zeichen“, sagte Felicitas. „Menschen mit diesem Zeichen können sich nie wieder trennen.“
Sie nahm meine Hand und legte sie zusammen mit ihrer auf die immer noch leuchtende Kristallkugel. Eine Flut von Bildern drang auf mich ein. Ich sah Sonnenlicht, grüne Wiesen und Gärten, helle Räume und dazwischen immer wieder eine lachende, rothaarige Frau, die mit Kindern fröhliche Spiele spielte.
„Das ist doch verrückt“, schoss es mir durch den Kopf. „Ich bin betrunken und meine Phantasie spielt mir einen Streich.“
„Glaube es ruhig“, sagte Felicitas. „Alles wird so geschehen, wie du es siehst.“
Ich schüttelte heftig den Kopf. „So etwas kann ich nicht glauben. Es gibt keine Vorsehung, das kann es nicht geben. Das Leben besteht aus einer Folge von Zufällen. Eine Sekunde kann alles ändern.“
„Dann versuche dein Schicksal zu ändern. Gehe fort und tue alles, um mir nicht wieder zu begegnen. Es wird dir nicht gelingen.“ Sie lächelte geduldig. „Siehst du diese Linien in deiner Hand? Diese und meine Kristallkugel haben mir alles offenbart.“
„Was denn jetzt noch?“, fragte ich mit einem Seufzer.
Sie sah mich strahlend an. „Für dich wird das Leben ein Kinderspiel. Habe ich dich erst eingefangen, dann kennen wir keine Sorgen mehr.“
Ihre Frechheit nahm mir den Atem. „Du bist ja völlig verrückt. Wenn ich erst einmal meinen Rausch ausgeschlafen habe, dann werde ich merken, dass alles ein Traum war.“
Mit unsicheren Schritten versuchte ich den Ausgang zu erreichen.
„Du kommst wieder“, rief Felicitas mir hinterher. „Sicher!“
Und was soll ich noch sagen? Mit dem Lottogewinn des darauffolgenden Samstags in der Tasche holte ich Felicitas aus ihrem Zelt und wir führen seitdem das sorgenfreie Leben, das die Kristallkugel uns gezeigt hat.“
Mittwoch, 3. Februar 2010
Gewitter
Titel: Gewitter
Autor: callisto24
Die Welt dreht sich weiter
* * *
Ilse lächelte gezwungen und sah dabei konzentriert auf den schmalen Weg vor sich. Obwohl sie allgemein als unsichere Fahrradfahrerin galt, blickte sie aus einem anderen Grund nicht zur Seite. Es war schon schwierig genug, dem ständigen Geplapper ihrer Schwiegermutter ausgeliefert zu sein. Dazu noch den Anblick des ständig vor purer Lebensfreude überströmenden Gesichtes, das konnte sie nicht ertragen.
Die Anderen, allen voran Ilses Mann Bernd, dem man seine vierzig Jahre genauso wenig wie seine erfolgreiche Karriere im Geschäftsleben ansah, radelten fröhlich vorneweg. Dabei mussten sie doch genau wissen, dass Ilses Nerven, die in letzter Zeit ohnehin bis zum Zerreißen gespannt waren, dieser Prüfung kaum noch gewachsen waren.
Nur Don Carlos, der treue, alte Haushund schien Mitleid zu haben, denn er drehte sich immer wieder zu Ilse um und schenkte ihr einen mitleidigen Blick.
„Doktor Weinapfel hat mir erst gestern wieder gesagt, dass er immer wieder staunt, wie eine Frau in meinem Alter so fit sein kann. Dabei habe ich doch immer dieses Ziehen in der Brust.“
„Ist es immer noch nicht besser geworden?“, warf Ilse pflichtschuldig ein und dachte dabei an ihren vom stundenlangen Hausputz schmerzenden Rücken.
„Lasst uns doch Fahrrad fahren gehen. Wir haben uns den ganzen Tag noch nicht gerührt“, hatte Bernd vorgeschlagen, just in dem Moment, als sie sich zum ersten Mal seit Stunden hinsetzen und die Füße hoch legen wollte. Aber wer konnte den Kindern schon etwas abschlagen, die ihren Vater auch am Wochenende nur zwischen Telefon und Computer zu Gesicht bekamen. Also war Radeln angesagt, auch wenn die Füße schmerzten und Bernds Mutter sowohl den Staub auf den Bilderrahmen, als auch das Mittagessen mit Tiefkühlgemüse bemängelt hatte. Vom Mitfahren war sie natürlich nicht abzubringen, denn „schließlich gehöre ich nun mal zur Familie und wohne bei euch. Also werde ich mitfahren, auch wenn meine alten Knochen reißen.“
Ilse seufzte sehr unpassend, denn gerade erzählte Oma Beate wie begeistert Doktor Weinapfel von ihren täglichen Spaziergängen war.
„So ein netter Mensch, und so überhaupt nicht hochnäsig. Und seine Frau ist ihm immer eine Stütze.“ Den vielsagenden Blick konnte sie sich nicht verkneifen.
„Es reicht!“, platzte Ilse der Kragen und im selben Augenblick der Reifen. Mit einem lauten Zischen entwich die Luft.
„Typisch“, meinte Oma Beate.
„Reißnagel“, stellte Jenny fachkundig fest.
„Der ist hin. Flicken ist nicht mehr“, unterstützte Sophie ihre Schwester.
Nur Don Carlos bemerkte die mühsam zurückgehaltenen Tränen, als Ilse die Bescherung betrachtete.
„Nun reg dich mal nicht künstlich auf, Ilse“, sagte Bernd. „Es ist ja gar nicht mehr weit bis nach Hause. Du schiebst das kleine Stück und wenn du ankommst, hat Mama dir schon einen schönen Tee zubereitet. Du weißt schon, so einen für den man viel Geduld und Arbeit aufwenden muss.“
Ilse blickte auf die dunklen Gewitterwolken, die sich in beängstigendem Tempo am Horizont zusammenballten. „Geduld, die ich nicht habe. Und Arbeit, die ich mir nie mache, meinst du“, sagte sie leise. Aber leise Dinge überhörte Bernd und so rief er nur, während er in die Pedale trat, um den Mädchen hinterher zu jagen: „Bis gleich, Schatz. Wir sehn uns dann.“
Während Ilse den Fünfen, inklusive Don Carlos, nach sah, wusste sie, dass sie diese Familie nicht vermissen werde. Mühsam wendete sie ihr Rad, und als die ersten schweren Tropfen fielen, da stand ihr Entschluss fest. In Zukunft lebte sie ihr Leben nur für sich. Und wenn es mit einem geplatzten Reifen sein musste.
Autor: callisto24
Die Welt dreht sich weiter
* * *
Ilse lächelte gezwungen und sah dabei konzentriert auf den schmalen Weg vor sich. Obwohl sie allgemein als unsichere Fahrradfahrerin galt, blickte sie aus einem anderen Grund nicht zur Seite. Es war schon schwierig genug, dem ständigen Geplapper ihrer Schwiegermutter ausgeliefert zu sein. Dazu noch den Anblick des ständig vor purer Lebensfreude überströmenden Gesichtes, das konnte sie nicht ertragen.
Die Anderen, allen voran Ilses Mann Bernd, dem man seine vierzig Jahre genauso wenig wie seine erfolgreiche Karriere im Geschäftsleben ansah, radelten fröhlich vorneweg. Dabei mussten sie doch genau wissen, dass Ilses Nerven, die in letzter Zeit ohnehin bis zum Zerreißen gespannt waren, dieser Prüfung kaum noch gewachsen waren.
Nur Don Carlos, der treue, alte Haushund schien Mitleid zu haben, denn er drehte sich immer wieder zu Ilse um und schenkte ihr einen mitleidigen Blick.
„Doktor Weinapfel hat mir erst gestern wieder gesagt, dass er immer wieder staunt, wie eine Frau in meinem Alter so fit sein kann. Dabei habe ich doch immer dieses Ziehen in der Brust.“
„Ist es immer noch nicht besser geworden?“, warf Ilse pflichtschuldig ein und dachte dabei an ihren vom stundenlangen Hausputz schmerzenden Rücken.
„Lasst uns doch Fahrrad fahren gehen. Wir haben uns den ganzen Tag noch nicht gerührt“, hatte Bernd vorgeschlagen, just in dem Moment, als sie sich zum ersten Mal seit Stunden hinsetzen und die Füße hoch legen wollte. Aber wer konnte den Kindern schon etwas abschlagen, die ihren Vater auch am Wochenende nur zwischen Telefon und Computer zu Gesicht bekamen. Also war Radeln angesagt, auch wenn die Füße schmerzten und Bernds Mutter sowohl den Staub auf den Bilderrahmen, als auch das Mittagessen mit Tiefkühlgemüse bemängelt hatte. Vom Mitfahren war sie natürlich nicht abzubringen, denn „schließlich gehöre ich nun mal zur Familie und wohne bei euch. Also werde ich mitfahren, auch wenn meine alten Knochen reißen.“
Ilse seufzte sehr unpassend, denn gerade erzählte Oma Beate wie begeistert Doktor Weinapfel von ihren täglichen Spaziergängen war.
„So ein netter Mensch, und so überhaupt nicht hochnäsig. Und seine Frau ist ihm immer eine Stütze.“ Den vielsagenden Blick konnte sie sich nicht verkneifen.
„Es reicht!“, platzte Ilse der Kragen und im selben Augenblick der Reifen. Mit einem lauten Zischen entwich die Luft.
„Typisch“, meinte Oma Beate.
„Reißnagel“, stellte Jenny fachkundig fest.
„Der ist hin. Flicken ist nicht mehr“, unterstützte Sophie ihre Schwester.
Nur Don Carlos bemerkte die mühsam zurückgehaltenen Tränen, als Ilse die Bescherung betrachtete.
„Nun reg dich mal nicht künstlich auf, Ilse“, sagte Bernd. „Es ist ja gar nicht mehr weit bis nach Hause. Du schiebst das kleine Stück und wenn du ankommst, hat Mama dir schon einen schönen Tee zubereitet. Du weißt schon, so einen für den man viel Geduld und Arbeit aufwenden muss.“
Ilse blickte auf die dunklen Gewitterwolken, die sich in beängstigendem Tempo am Horizont zusammenballten. „Geduld, die ich nicht habe. Und Arbeit, die ich mir nie mache, meinst du“, sagte sie leise. Aber leise Dinge überhörte Bernd und so rief er nur, während er in die Pedale trat, um den Mädchen hinterher zu jagen: „Bis gleich, Schatz. Wir sehn uns dann.“
Während Ilse den Fünfen, inklusive Don Carlos, nach sah, wusste sie, dass sie diese Familie nicht vermissen werde. Mühsam wendete sie ihr Rad, und als die ersten schweren Tropfen fielen, da stand ihr Entschluss fest. In Zukunft lebte sie ihr Leben nur für sich. Und wenn es mit einem geplatzten Reifen sein musste.
Dienstag, 2. Februar 2010
Metall
Titel: Metall
Autor: callisto24
* * *
Metall
An einem anderen Tag
Ursula wusste nicht erst seit gestern, dass ihr Mann über eine ausgeprägte Phantasie verfügte, aber heute übertrieb er wirklich schamlos.
Wie von Furien gehetzt war er den steinigen Landweg, der zu dem einzigen Anwesen, das sie seit Kilometern erblickt hatten, hinab gejagt, um bleich wie der Tod und stocksteif neben ihr im Auto sitzen zu bleiben.
Natürlich hatte auch er die Sache zuerst in die Hand genommen und den Hügel zu dem einsamen Haus erklommen, um bei den Bewohnern um Hilfe zu bitten.
Sicher waren sie ausgesprochen dumm gewesen, ihren sonntäglichen Landausflug so lange auszudehnen und sich dann auch noch auf eine derartig ungeschickte Weise zu verirren, aber der Wunsch der Eintönigkeit ihres Daseins zu entfliehen, hatte sie unvorsichtig werden lassen.
Ursula fröstelte in ihrer leichten Sommerjacke. Nach Mitternacht wurde ihr immer leicht ein wenig mulmig. Und dann auch noch mit einer Reifenpanne und einem Mann, der mit glasigen Augen und ohne ein Wort zu sagen bewegungslos neben ihr saß.
Tatkraft war noch nie ihre Stärke gewesen. Und dann auch noch diese haarsträubende Geschichte, die Günther ihr, kurz bevor er in seinen erstarrten Zustand zurückgefallen war, auftischte.
Der Hausbewohner hätte ihn aufgefordert, im Wohnzimmer zu warten, damit er im Telefonbuch eine Werkstatt ausfindig machen könnte. Da Günther seine Frau nicht zu lange alleine im Auto lassen wollte, hätte er nach einer Weile begonnen, den Mann zu suchen. Aber anstatt im Inneren eines rustikalen Landhauses, hätte er auf einmal, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen war, inmitten eines metallisch glänzenden Raumes gestanden, der noch am ehesten mit einem Maschinenraum voller Schalter, Hebel und blinkender Lichter zu vergleichen wäre. Zwischen dicken Schwaden bläulichen Qualmes hätten ihn riesige, glänzende Augen angesehen und dürre, graue Arme nach ihm gegriffen.
„Aliens!“, hätte er geflüstert. „Sie wollen mich holen“, und war in diese schreckliche Starre gefallen, aus der Ursula ihn trotz aller Bemühungen nicht hatte wecken können.
„Was soll ich nur tun?“, dachte sie, während lähmende Angst ihr den Rücken hoch kroch.
„Wenn er nun wirklich so etwas wie Außerirdische gesehen hat? In später Nacht ist man leichter bereit, alles zu glauben, was einem bei Tage irrsinnig erscheint.“
Argwöhnisch beobachtete sie das Haus, an dessen Eingang immer noch eine schwache Glühbirne glimmte.
Da bewegte sich die Tür. Sogar hundert Meter entfernt, von ihrem Auto geschützt, glaubte sie, das Quietschen der alten Scharniere zu hören.
„Günther“, flüsterte sie. „Günther, um Himmels willen, wach doch auf!“
Eine große Gestalt trat aus dem Eingang und verschwand hinter dem Gebäude. Kurze Zeit später wurde dieses Gebäude von Scheinwerfern erhellt, und ein altes Land-Auto rumpelte mit großem Getöse den Hügel hinunter, bis es auf der Landstraße neben Günthers Opel zum Stehen kam.
Ursula kämpfte tapfer die aufsteigende Panik nieder, als die Vordertür aufging und ein vierschrötiger, bärtiger Mann ausstieg. Ein breites Lächeln war zu sehen, als er sich niederbeugte, um an die Vorderscheibe zu klopfen.
„Alles in Ordnung bei Ihnen? Sie haben mir ja einen Mordsschrecken eingejagt, als sie auf einmal verschwunden waren.“
„Er kann Sie, glaube ich, nicht hören“, sagte Ursula und versuchte ein unsicheres Lächeln.
„Irgendetwas muss ihn furchtbar erschreckt haben, und jetzt steht er wohl unter einer Art Schock. Seine Nerven sind nicht mehr so gut nach dem Zusammenbruch.“
„Ich verstehe.“ Der Fremde sah sie aufmunternd an. „Um diese Uhrzeit auf dem Lande kommt einem Stadtmenschen so manches nicht geheuer vor. Aber wenn man hier lebt und aufgewachsen ist, erscheint einem alles völlig normal. Wenn Sie mir die Tür aufmachen, können wir ihn ins Haus bringen und einen Arzt rufen.“
„Natürlich!“, Ursula öffnete die Autotür, und gemeinsam schoben sie Günther aus dem Fahrzeug. Draußen hob der Fremde ihn einfach mit starken Armen in die Luft und setzte ihn in sein Gefährt.
„Übrigens, mein Name ist Hannes Ungeheuer. Er ist aber auch das einzig Schreckliche an mir. Darf ich Ihnen helfen?“ Damit reichte er Ursula seine große Hand. Sie ergriff diese dankbar, stieg ein und stellte sich nun ihrerseits vor.
Schweigend fuhren sie den Berg zu dem Haus hinauf, während in Ursula seltsame Gedanken aufstiegen. Von einem Mann wie diesem Fremden hatte sie in ihrer Mädchenzeit geträumt. Jemand, auf den man sich verlassen konnte, der Geborgenheit und Wärme vermittelte. Jemand mit großen, starken Händen, die gewohnt waren zuzupacken.
„Wahrscheinlich sind Sie hier draußen völlig unabhängig?“ fragte Ursula, nachdem sie ausgestiegen waren.
„Das kann man so nicht sagen“, murmelte Ungeheuer ausweichend, während er versuchte, Günther zu stützen. Doch Günther starrte weiterhin kraftlos vor sich hin.
Die schwere Holztür knarrte wirklich ein wenig, als sie eintraten. Diele und Wohnzimmer waren spärlich, aber gemütlich eingerichtet. Hannes lud Ursula ein, Platz zu nehmen; und ließ Günther neben ihr niedersinken.
„Ich werde, sobald es geht, einen Arzt verständigen“, versprach er. „Leider sind hier draußen die Telefonleitungen manchmal etwas überlastet. Es kann also eine Weile dauern. Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ihnen wird sehr bald geholfen werden.“ Er zwinkerte ihr noch einmal aufmunternd zu und verschwand.
Ursula holte tief Luft. Jetzt konnte es ja nur noch besser werden. Dieser sympathische Mann würde sie aus ihrer misslichen Lage befreien. Und Günther bräuchte nur ein paar weitere Besuche bei seinem Psychiater, etwas Meditation vielleicht, und alles würde wieder wie immer sein.
Interessiert betrachtete sie die wenigen Landschaftsbilder an den dunklen Holzwänden, als sie ein leises Summen wahrnahm, das langsam lauter zu werden schein.
„Unser Gastgeber lässt aber wirklich lange auf sich warten“, sagte sie laut, um ihre plötzlich eingetretene Nervosität zu überspielen. Günther reagierte nicht, aber das Summen begann ihr unangenehm zu werden.
„Ob da vielleicht ein Generator verrückt spielt?“, kam es ihr in den Sinn. Sie presste beide Hände auf die Ohren, aber das machte es nicht besser.
„Herr Ungeheuer“, rief sie. „Hannes, wo sind Sie nur?“ und ging widerstrebend auf die Tür zu, hinter der er verschwunden war. Sie klopfte, aber als das Summen nicht aufhörte, öffnete sie beherzt die Tür.
Das Summen schwoll an zu einem lauten Orkan, und ein beißender Qualm erfüllte die Luft, so dass sie kaum atmen konnte. Ihre Augen tränten. Sie schwankte, denn es war, als ob ein starker Wind sie vorwärtstreiben würde. Durch den Tränenschleier erblickte sie ein metallenes Portal mitten im Raum, das erfüllt war von einer leuchtenden Erscheinung, die noch am ehesten mit einem rotierenden Wirbel zu vergleichen war. Gerade als sie meinte, sich nicht mehr auf den Füßen halten zu können, trat unvermittelt Stille ein.
Ursula zitterte am ganzen Körper. Da spürte sie, wie eine warme Hand die Ihre ergriff. Hannes stand neben ihr. Er blickte konzentriert zu dem glänzenden Tor, in dessen Lichterschein langsam dunkle Umrisse Gestalt annahmen. Ursula klammerte sich an den Mann neben ihr.
„Was ist das?“, wollte sie flüstern und sah ihn an. Doch es war kein gutmütiges, bärtiges Gesicht, in das sie blickte, sondern eine bleiche, geisterartige Grimasse mit riesigen, schwarzen Augen, in denen sich ihr Entsetzen spiegelte.
„Das ist nur eine der Gestalten, die ich annehmen kann“, sprach das Wesen. „Du wirst mich als das sehen, was du dir wünschst.“ Ursula zuckte zurück, als sich die weißen Finger ihrem Gesicht näherten.
„Du wirst mit uns kommen und alles verstehen“, wisperten Stimmen von allen Seiten. „In unserer Welt wirst du eine Auserwählte sein.“
Ein Schwindel erfasste Ursula. Alles begann sich um sie zu drehen, bis eine erlösende Ohnmacht ihr die Sinne nahm. Als sie wieder zu sich kam, blickte sie in Hannes‘ brauen Augen, die besorgt die Ihren erforschten.
„Komm!“ Er half ihr vorsichtig auf. „Komm mit in ein neues Leben.“
Sie spürte, wie der leuchtende Wirbel sie erfasste und fort trug in eine Welt jenseits ihrer Vorstellungskraft.
Autor: callisto24
* * *
Metall
An einem anderen Tag
Ursula wusste nicht erst seit gestern, dass ihr Mann über eine ausgeprägte Phantasie verfügte, aber heute übertrieb er wirklich schamlos.
Wie von Furien gehetzt war er den steinigen Landweg, der zu dem einzigen Anwesen, das sie seit Kilometern erblickt hatten, hinab gejagt, um bleich wie der Tod und stocksteif neben ihr im Auto sitzen zu bleiben.
Natürlich hatte auch er die Sache zuerst in die Hand genommen und den Hügel zu dem einsamen Haus erklommen, um bei den Bewohnern um Hilfe zu bitten.
Sicher waren sie ausgesprochen dumm gewesen, ihren sonntäglichen Landausflug so lange auszudehnen und sich dann auch noch auf eine derartig ungeschickte Weise zu verirren, aber der Wunsch der Eintönigkeit ihres Daseins zu entfliehen, hatte sie unvorsichtig werden lassen.
Ursula fröstelte in ihrer leichten Sommerjacke. Nach Mitternacht wurde ihr immer leicht ein wenig mulmig. Und dann auch noch mit einer Reifenpanne und einem Mann, der mit glasigen Augen und ohne ein Wort zu sagen bewegungslos neben ihr saß.
Tatkraft war noch nie ihre Stärke gewesen. Und dann auch noch diese haarsträubende Geschichte, die Günther ihr, kurz bevor er in seinen erstarrten Zustand zurückgefallen war, auftischte.
Der Hausbewohner hätte ihn aufgefordert, im Wohnzimmer zu warten, damit er im Telefonbuch eine Werkstatt ausfindig machen könnte. Da Günther seine Frau nicht zu lange alleine im Auto lassen wollte, hätte er nach einer Weile begonnen, den Mann zu suchen. Aber anstatt im Inneren eines rustikalen Landhauses, hätte er auf einmal, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen war, inmitten eines metallisch glänzenden Raumes gestanden, der noch am ehesten mit einem Maschinenraum voller Schalter, Hebel und blinkender Lichter zu vergleichen wäre. Zwischen dicken Schwaden bläulichen Qualmes hätten ihn riesige, glänzende Augen angesehen und dürre, graue Arme nach ihm gegriffen.
„Aliens!“, hätte er geflüstert. „Sie wollen mich holen“, und war in diese schreckliche Starre gefallen, aus der Ursula ihn trotz aller Bemühungen nicht hatte wecken können.
„Was soll ich nur tun?“, dachte sie, während lähmende Angst ihr den Rücken hoch kroch.
„Wenn er nun wirklich so etwas wie Außerirdische gesehen hat? In später Nacht ist man leichter bereit, alles zu glauben, was einem bei Tage irrsinnig erscheint.“
Argwöhnisch beobachtete sie das Haus, an dessen Eingang immer noch eine schwache Glühbirne glimmte.
Da bewegte sich die Tür. Sogar hundert Meter entfernt, von ihrem Auto geschützt, glaubte sie, das Quietschen der alten Scharniere zu hören.
„Günther“, flüsterte sie. „Günther, um Himmels willen, wach doch auf!“
Eine große Gestalt trat aus dem Eingang und verschwand hinter dem Gebäude. Kurze Zeit später wurde dieses Gebäude von Scheinwerfern erhellt, und ein altes Land-Auto rumpelte mit großem Getöse den Hügel hinunter, bis es auf der Landstraße neben Günthers Opel zum Stehen kam.
Ursula kämpfte tapfer die aufsteigende Panik nieder, als die Vordertür aufging und ein vierschrötiger, bärtiger Mann ausstieg. Ein breites Lächeln war zu sehen, als er sich niederbeugte, um an die Vorderscheibe zu klopfen.
„Alles in Ordnung bei Ihnen? Sie haben mir ja einen Mordsschrecken eingejagt, als sie auf einmal verschwunden waren.“
„Er kann Sie, glaube ich, nicht hören“, sagte Ursula und versuchte ein unsicheres Lächeln.
„Irgendetwas muss ihn furchtbar erschreckt haben, und jetzt steht er wohl unter einer Art Schock. Seine Nerven sind nicht mehr so gut nach dem Zusammenbruch.“
„Ich verstehe.“ Der Fremde sah sie aufmunternd an. „Um diese Uhrzeit auf dem Lande kommt einem Stadtmenschen so manches nicht geheuer vor. Aber wenn man hier lebt und aufgewachsen ist, erscheint einem alles völlig normal. Wenn Sie mir die Tür aufmachen, können wir ihn ins Haus bringen und einen Arzt rufen.“
„Natürlich!“, Ursula öffnete die Autotür, und gemeinsam schoben sie Günther aus dem Fahrzeug. Draußen hob der Fremde ihn einfach mit starken Armen in die Luft und setzte ihn in sein Gefährt.
„Übrigens, mein Name ist Hannes Ungeheuer. Er ist aber auch das einzig Schreckliche an mir. Darf ich Ihnen helfen?“ Damit reichte er Ursula seine große Hand. Sie ergriff diese dankbar, stieg ein und stellte sich nun ihrerseits vor.
Schweigend fuhren sie den Berg zu dem Haus hinauf, während in Ursula seltsame Gedanken aufstiegen. Von einem Mann wie diesem Fremden hatte sie in ihrer Mädchenzeit geträumt. Jemand, auf den man sich verlassen konnte, der Geborgenheit und Wärme vermittelte. Jemand mit großen, starken Händen, die gewohnt waren zuzupacken.
„Wahrscheinlich sind Sie hier draußen völlig unabhängig?“ fragte Ursula, nachdem sie ausgestiegen waren.
„Das kann man so nicht sagen“, murmelte Ungeheuer ausweichend, während er versuchte, Günther zu stützen. Doch Günther starrte weiterhin kraftlos vor sich hin.
Die schwere Holztür knarrte wirklich ein wenig, als sie eintraten. Diele und Wohnzimmer waren spärlich, aber gemütlich eingerichtet. Hannes lud Ursula ein, Platz zu nehmen; und ließ Günther neben ihr niedersinken.
„Ich werde, sobald es geht, einen Arzt verständigen“, versprach er. „Leider sind hier draußen die Telefonleitungen manchmal etwas überlastet. Es kann also eine Weile dauern. Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ihnen wird sehr bald geholfen werden.“ Er zwinkerte ihr noch einmal aufmunternd zu und verschwand.
Ursula holte tief Luft. Jetzt konnte es ja nur noch besser werden. Dieser sympathische Mann würde sie aus ihrer misslichen Lage befreien. Und Günther bräuchte nur ein paar weitere Besuche bei seinem Psychiater, etwas Meditation vielleicht, und alles würde wieder wie immer sein.
Interessiert betrachtete sie die wenigen Landschaftsbilder an den dunklen Holzwänden, als sie ein leises Summen wahrnahm, das langsam lauter zu werden schein.
„Unser Gastgeber lässt aber wirklich lange auf sich warten“, sagte sie laut, um ihre plötzlich eingetretene Nervosität zu überspielen. Günther reagierte nicht, aber das Summen begann ihr unangenehm zu werden.
„Ob da vielleicht ein Generator verrückt spielt?“, kam es ihr in den Sinn. Sie presste beide Hände auf die Ohren, aber das machte es nicht besser.
„Herr Ungeheuer“, rief sie. „Hannes, wo sind Sie nur?“ und ging widerstrebend auf die Tür zu, hinter der er verschwunden war. Sie klopfte, aber als das Summen nicht aufhörte, öffnete sie beherzt die Tür.
Das Summen schwoll an zu einem lauten Orkan, und ein beißender Qualm erfüllte die Luft, so dass sie kaum atmen konnte. Ihre Augen tränten. Sie schwankte, denn es war, als ob ein starker Wind sie vorwärtstreiben würde. Durch den Tränenschleier erblickte sie ein metallenes Portal mitten im Raum, das erfüllt war von einer leuchtenden Erscheinung, die noch am ehesten mit einem rotierenden Wirbel zu vergleichen war. Gerade als sie meinte, sich nicht mehr auf den Füßen halten zu können, trat unvermittelt Stille ein.
Ursula zitterte am ganzen Körper. Da spürte sie, wie eine warme Hand die Ihre ergriff. Hannes stand neben ihr. Er blickte konzentriert zu dem glänzenden Tor, in dessen Lichterschein langsam dunkle Umrisse Gestalt annahmen. Ursula klammerte sich an den Mann neben ihr.
„Was ist das?“, wollte sie flüstern und sah ihn an. Doch es war kein gutmütiges, bärtiges Gesicht, in das sie blickte, sondern eine bleiche, geisterartige Grimasse mit riesigen, schwarzen Augen, in denen sich ihr Entsetzen spiegelte.
„Das ist nur eine der Gestalten, die ich annehmen kann“, sprach das Wesen. „Du wirst mich als das sehen, was du dir wünschst.“ Ursula zuckte zurück, als sich die weißen Finger ihrem Gesicht näherten.
„Du wirst mit uns kommen und alles verstehen“, wisperten Stimmen von allen Seiten. „In unserer Welt wirst du eine Auserwählte sein.“
Ein Schwindel erfasste Ursula. Alles begann sich um sie zu drehen, bis eine erlösende Ohnmacht ihr die Sinne nahm. Als sie wieder zu sich kam, blickte sie in Hannes‘ brauen Augen, die besorgt die Ihren erforschten.
„Komm!“ Er half ihr vorsichtig auf. „Komm mit in ein neues Leben.“
Sie spürte, wie der leuchtende Wirbel sie erfasste und fort trug in eine Welt jenseits ihrer Vorstellungskraft.
Sonntag, 31. Januar 2010
Herbst
Titel: Berge
Autor: callisto24
* * *
Herbst
Jeder Augenblick zählt
Herr Friedhelm Feddersen war genau die Sorte Arbeitskollege, die jeder Büroangestellte gerne zu seinen Mitarbeitern zählt. Er war freundlich, ausgeglichen und verlässlich, aber gleichzeitig auf eine angenehme Art und Weise zurückhaltend, so dass niemand in seiner Umgebung sich von seiner Anwesenheit gestört oder auch nur beeinflusst fühlen konnte.
Aber besonders auffallend war seine außerordentliche Pünktlichkeit. Er pflegte gerne zu erwähnen, dass Pünktlichkeit die Tugend der Könige sei und daher auch heutzutage nicht zu vernachlässigen.
Sein Leben verlief gleichmäßig und ereignislos wie ein perfekt funktionierendes Uhrwerk. Und bis zu diesem milden Herbstabend, Anfang November, war ihm noch niemals wirklich aufgefallen, dass darin etwas fehlte.
Vielleicht lag es an den letzten Sonnenstrahlen, die herabfallende, rote und gelbe Blätter leuchten ließen, vielleicht auch nur an dem finalen Aufblitzen des späten Herbstes, der zum letzten Mal gegen die drohende Kälte des Winters antrat. Vielleicht waren es auch nur die feierabendlich gestimmten Menschen, die ihm auf dem Weg aus dem grauen Bürogebäude zu seiner Bushaltestelle begegneten, die ihm die Einsamkeit in seinem Leben bewusst machten und ihn, ganz gegen seine Natur, dazu brachten, von seiner täglichen Routine abzuweichen. Nur hätte er es sich niemals träumen lassen, dass dieser eine Abend, an dem er seinen gewohnten Tagesablauf verließ, Kreise ziehen sollte, die sein geordnetes Leben in den Grundfesten erschütterten.
Es war eigentlich ein Tag wie jeder andere, ein Donnerstag. Das Wochenende rückte näher; für Friedhelm Feddersen bedeutete dies lediglich Zeit zum gründlich Staubwischen und Anzüge bügeln.
Bei diesem Gedanken klopfte er sorgfältig ein Staubkörnchen von seinem Jackenaufschlag. Ein korrektes Erscheinungsbild hielt er nach dem Verlassen des Arbeitsplatzes für ebenso wichtig wie bei der Ankunft. Doch an diesem Abend war Alles ein wenig anders. Sicher, er hatte die üblichen belanglosen Worte mit Kollegen, Pförtner und Busfahrer gewechselt, aber zum ersten Mal machte er sich Gedanken darüber, was für ein Leben all diese Menschen führten, die er zwar jeden Tag sah, aber im Grunde niemals richtig wahrnahm. Sie alle kehrten nach getaner Arbeit heim zu den Menschen, die sie liebten und von denen sie geliebt wurden.
Nicht, dass er es jemals bereute, allein zu sein. Es war ihm nur niemals so richtig bewusst geworden, dass im Grunde fast jeder wenigstens einen Menschen besaß, mit dem er etwas teilen konnte, und wenn es nur ein wenig Zeit war.
Gedankenverloren schüttelte Feddersen den Kopf. Einfach lächerlich, sich jetzt, mit beinahe 50 Jahren, solch absurde Gedanken zu machen. Sein Leben war perfekt eingerichtet, und jede Veränderung verursachte doch nur Probleme.
Aber nichtsdestotrotz konnte Feddersen nicht anders, er musste sich dieses Gefühl eingestehen, ein Gefühl, dass sich unweigerlich etwas Entscheidendes ändern werde. Nur ob sich daraus etwas Gutes entwickelte, das wusste er nicht.
Und so stieg er zum ersten Mal nicht in den Bus, Abfahrt 17 Uhr 33, um seinen gewohnten Platz einzunehmen, sondern er lief zu Fuß neben der Straße einher, auf dem Weg, den er sonst täglich aus den Augenwinkeln beobachtete, während sein Gesicht sorgsam hinter der Tageszeitung verborgen blieb. Er lief ruhig und gleichmäßig. Dabei formulierte er im Kopf bereits die Worte, die er sagen wollte. Der Herbstwind brachte seine Frisur durcheinander, aber zum ersten Mal versuchte er nicht, die grauen Strähnen wieder zu bändigen, sondern er fühlte, wie die Kraft der Windstöße eine längst verschüttet geglaubte Wildheit wieder aufleben ließ. Ein Tatendrang, der ihn das letzte Mal in seiner Kindheit erfasst haben musste, lange bevor Schule und Beruf sein Leben in eine Form gepresst hatten, die ihm bisher als die einzig akzeptable erschienen war.
Kurz vor seinem Ziel hielt er inne. Einen Moment zweifelte er noch an seinem Vorhaben, aber da erblickte er sie bereits.
Von seinem Platz im Bus aus sah er sie jeden Tag, am Morgen, beim Öffnen des Kiosks, und am Abend, wenn sie begann, die ausgelegten Zeitungen zu sortieren und wieder einzuordnen. Und er konnte schwören, dass sie ihn auch jeden Tag anblickte, manchmal mit einem kleinen Kopfnicken, manchmal sogar mit dem Anflug eines Lächelns, bevor sie wieder verschämt zur Seite blickte. Aber diesmal spräche er mit ihr, sogar wenn es nur war, um ein Magazin zu kaufen.
Ihre Haare, in denen wie in seinen die grauen Strähnen dominierten, flatterten lose um ihr helles Gesicht. Die große Brille drohte ständig ihr von der Nase zu rutschen, wurde aber zum Glück von seitlichen Bändern festgehalten, die das Schlimmste verhinderten. Als sie ihn sah, leuchteten ihre Augen wiedererkennend auf, und sie öffnete die Lippen zu einem Begrüßungswort.
Autor: callisto24
* * *
Herbst
Jeder Augenblick zählt
Herr Friedhelm Feddersen war genau die Sorte Arbeitskollege, die jeder Büroangestellte gerne zu seinen Mitarbeitern zählt. Er war freundlich, ausgeglichen und verlässlich, aber gleichzeitig auf eine angenehme Art und Weise zurückhaltend, so dass niemand in seiner Umgebung sich von seiner Anwesenheit gestört oder auch nur beeinflusst fühlen konnte.
Aber besonders auffallend war seine außerordentliche Pünktlichkeit. Er pflegte gerne zu erwähnen, dass Pünktlichkeit die Tugend der Könige sei und daher auch heutzutage nicht zu vernachlässigen.
Sein Leben verlief gleichmäßig und ereignislos wie ein perfekt funktionierendes Uhrwerk. Und bis zu diesem milden Herbstabend, Anfang November, war ihm noch niemals wirklich aufgefallen, dass darin etwas fehlte.
Vielleicht lag es an den letzten Sonnenstrahlen, die herabfallende, rote und gelbe Blätter leuchten ließen, vielleicht auch nur an dem finalen Aufblitzen des späten Herbstes, der zum letzten Mal gegen die drohende Kälte des Winters antrat. Vielleicht waren es auch nur die feierabendlich gestimmten Menschen, die ihm auf dem Weg aus dem grauen Bürogebäude zu seiner Bushaltestelle begegneten, die ihm die Einsamkeit in seinem Leben bewusst machten und ihn, ganz gegen seine Natur, dazu brachten, von seiner täglichen Routine abzuweichen. Nur hätte er es sich niemals träumen lassen, dass dieser eine Abend, an dem er seinen gewohnten Tagesablauf verließ, Kreise ziehen sollte, die sein geordnetes Leben in den Grundfesten erschütterten.
Es war eigentlich ein Tag wie jeder andere, ein Donnerstag. Das Wochenende rückte näher; für Friedhelm Feddersen bedeutete dies lediglich Zeit zum gründlich Staubwischen und Anzüge bügeln.
Bei diesem Gedanken klopfte er sorgfältig ein Staubkörnchen von seinem Jackenaufschlag. Ein korrektes Erscheinungsbild hielt er nach dem Verlassen des Arbeitsplatzes für ebenso wichtig wie bei der Ankunft. Doch an diesem Abend war Alles ein wenig anders. Sicher, er hatte die üblichen belanglosen Worte mit Kollegen, Pförtner und Busfahrer gewechselt, aber zum ersten Mal machte er sich Gedanken darüber, was für ein Leben all diese Menschen führten, die er zwar jeden Tag sah, aber im Grunde niemals richtig wahrnahm. Sie alle kehrten nach getaner Arbeit heim zu den Menschen, die sie liebten und von denen sie geliebt wurden.
Nicht, dass er es jemals bereute, allein zu sein. Es war ihm nur niemals so richtig bewusst geworden, dass im Grunde fast jeder wenigstens einen Menschen besaß, mit dem er etwas teilen konnte, und wenn es nur ein wenig Zeit war.
Gedankenverloren schüttelte Feddersen den Kopf. Einfach lächerlich, sich jetzt, mit beinahe 50 Jahren, solch absurde Gedanken zu machen. Sein Leben war perfekt eingerichtet, und jede Veränderung verursachte doch nur Probleme.
Aber nichtsdestotrotz konnte Feddersen nicht anders, er musste sich dieses Gefühl eingestehen, ein Gefühl, dass sich unweigerlich etwas Entscheidendes ändern werde. Nur ob sich daraus etwas Gutes entwickelte, das wusste er nicht.
Und so stieg er zum ersten Mal nicht in den Bus, Abfahrt 17 Uhr 33, um seinen gewohnten Platz einzunehmen, sondern er lief zu Fuß neben der Straße einher, auf dem Weg, den er sonst täglich aus den Augenwinkeln beobachtete, während sein Gesicht sorgsam hinter der Tageszeitung verborgen blieb. Er lief ruhig und gleichmäßig. Dabei formulierte er im Kopf bereits die Worte, die er sagen wollte. Der Herbstwind brachte seine Frisur durcheinander, aber zum ersten Mal versuchte er nicht, die grauen Strähnen wieder zu bändigen, sondern er fühlte, wie die Kraft der Windstöße eine längst verschüttet geglaubte Wildheit wieder aufleben ließ. Ein Tatendrang, der ihn das letzte Mal in seiner Kindheit erfasst haben musste, lange bevor Schule und Beruf sein Leben in eine Form gepresst hatten, die ihm bisher als die einzig akzeptable erschienen war.
Kurz vor seinem Ziel hielt er inne. Einen Moment zweifelte er noch an seinem Vorhaben, aber da erblickte er sie bereits.
Von seinem Platz im Bus aus sah er sie jeden Tag, am Morgen, beim Öffnen des Kiosks, und am Abend, wenn sie begann, die ausgelegten Zeitungen zu sortieren und wieder einzuordnen. Und er konnte schwören, dass sie ihn auch jeden Tag anblickte, manchmal mit einem kleinen Kopfnicken, manchmal sogar mit dem Anflug eines Lächelns, bevor sie wieder verschämt zur Seite blickte. Aber diesmal spräche er mit ihr, sogar wenn es nur war, um ein Magazin zu kaufen.
Ihre Haare, in denen wie in seinen die grauen Strähnen dominierten, flatterten lose um ihr helles Gesicht. Die große Brille drohte ständig ihr von der Nase zu rutschen, wurde aber zum Glück von seitlichen Bändern festgehalten, die das Schlimmste verhinderten. Als sie ihn sah, leuchteten ihre Augen wiedererkennend auf, und sie öffnete die Lippen zu einem Begrüßungswort.
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Titel: Banner
Autor: callisto24
* * *
Da stand ich nun vor der leeren Leinwand und bemühte mich vergeblich um Inspiration. Der Augenblick war günstig. Gerade hatte ich die kleine Chantal in ihr Bett gelegt, in dem sie, gottlob, noch die meiste Zeit ihres gerade mal vierwöchigen Lebens verbrachte. Ich hätte nie gedacht, dass so ein kleines Wesen so viele Nerven kosten könnte. Und angeblich war das erst der Anfang. Dabei reichte es mir wirklich schon. Keine Nacht durchschlafen und wahrscheinlich auch keine Chance mehr, die überschlanke Figur, mit der ich als junges Mädel um jeden Preis Model werden wollte, jemals wiederzuerlangen. Schauspielerin wäre ich auch nur allzu gerne geworden. Dafür hatte ich mir sogar einen Künstlernamen zugelegt: „Claire Valaire“. Damals konnte es mir gar nicht französisch genug zugehen. Und es hörte sich doch auch bei weitem bedeutender an als „Julia Oberstein“.
Wahrscheinlich war es auch die französische Herkunft, die mich an Jacques so fasziniert hatte und mich dazu gebracht hatte diese Katastrophenehe einzugehen. Aber zwei Schauspieler ohne ernstzunehmende Ausbildung, die vergeblich auf den großen Durchbruch warteten, das konnte nicht gutgehen. Da war ich mit Philip schon besser dran. Ihn kannte ich eigentlich schon aus dem Kindergarten, und die ganzen Witze unserer Eltern, dass wir noch eines Tages als Brautpaar enden würden, hatten sich schließlich doch bestätigt. Und was konnte ich mir auch mehr wünschen als einen liebevollen, treuen Ehemann, der mit Freude seiner Arbeit als Mechatroniker nachging. Dass er dazu noch in der Werkstatt meines Vaters arbeitete, konnte mir eigentlich nur recht sein. Wenn da nur nicht dieser ungute Beigeschmack gewesen wäre. Als ob alle zusammen etwas ausgeheckt und mich in die Falle gelockt hätten. Sollte ich vielleicht im Windeln Wechseln und Fläschchen Zubereiten die Erfüllung meines Lebens finden?
Ich sah von der kahlen Leinwand weg und blickte in den Spiegel. Mit etwas Training und viel Tennis bekäme ich vielleicht doch eines Tages wieder meine alte Figur zurück. „Ach ja, Tennis“, entrang sich mir ein Stoßseufzer. „Bis ich wiederauf dem Platz stehen kann, bin ich wahrscheinlich schon alt und grau geworden.“
Aufmerksam durchforstete ich mein Gesicht nach kleinen Fältchen, aber dank der zahlreichen Cremes und Feuchtigkeitspräparate, die man mir während meiner Arbeit als Mannequin aufgedrängt hatte, sah ich, mit ein wenig Fantasie, trotz der Übermüdung noch immer aus wie 17. In den Discos und Clubs konnte ich mich immer noch sehen lassen. Jedoch auch das konnte ich wahrscheinlich fürs erste vergessen. Philip meinte ohnehin schon, dass ich zu wenig Zeit mit dem Baby verbrächte und Babysitter kamen für ihn nicht in Frage. Aber der hatte leicht reden. Außer Autos kannte er gar nichts. Nur ich wollte einfach noch nicht zum alten Eisen zählen. Wenn ich eine meiner Rockplatten anhören wollte, hieß es sofort: „Leise, das Baby! Aber ich konnte doch nicht nur Wiegenlieder hören, von morgens bis abends. Das musste doch auch irgendwie anders gehen. Vielleicht wäre ja Rockmusik genau nach Chantals Geschmack?
‚Ich sollte einfach nicht so viel auf Philip hören“, beschloss ich, während ich mit dem Pinsel Kreise in die Luft malte. Schließlich würde mein Name mit Sicherheit eines Tages bei Weitem bekannter sein als seiner.
Deswegen wollte ich mit der Malerei anfangen. In großen Lettern über der teuersten Galerie der Stadt sollte mein neuer Künstlername prangen. Natürlich nur ein Wort wie bei allen großen Künstlern. Ich schwankte dabei noch zwischen ‚Juliette‘, um meinen Vater zu erfreuen, und ‚Roxanne‘, denn dem Englischen gehört die Zukunft.
Aufmunternd sah ich meinem Spiegelbild in die braunen Augen. Worauf wartete ich denn noch?
Schon als Kind hatte mich alle Welt wegen meiner hübschen Zeichnungen gelobt. Und jetzt sollten sie sich wegen meiner Ölgemälde ebenso begeistert zeigen. Der Haken war nur: Es gab noch gar keine Ölgemälde. Mir fiel einfach nichts ein. Und kaum hatte ich die rettende Idee und begann die Farben auf meiner Palette zu mischen, schon ertönte das grässliche Geschrei wieder aus dem Baby-Phon, und die Pause war erst einmal beendet.
Aber dieses Mal nicht. Denn an diesem Tag geschah etwas ganz Besonderes, etwas, das meine Kindheitsträumereien auf einen Schlag beenden sollte.
Und wer hätte je gedacht, dass ich jenes üble Geschrei eines Tages tatsächlich vermisste.
Autor: callisto24
* * *
Da stand ich nun vor der leeren Leinwand und bemühte mich vergeblich um Inspiration. Der Augenblick war günstig. Gerade hatte ich die kleine Chantal in ihr Bett gelegt, in dem sie, gottlob, noch die meiste Zeit ihres gerade mal vierwöchigen Lebens verbrachte. Ich hätte nie gedacht, dass so ein kleines Wesen so viele Nerven kosten könnte. Und angeblich war das erst der Anfang. Dabei reichte es mir wirklich schon. Keine Nacht durchschlafen und wahrscheinlich auch keine Chance mehr, die überschlanke Figur, mit der ich als junges Mädel um jeden Preis Model werden wollte, jemals wiederzuerlangen. Schauspielerin wäre ich auch nur allzu gerne geworden. Dafür hatte ich mir sogar einen Künstlernamen zugelegt: „Claire Valaire“. Damals konnte es mir gar nicht französisch genug zugehen. Und es hörte sich doch auch bei weitem bedeutender an als „Julia Oberstein“.
Wahrscheinlich war es auch die französische Herkunft, die mich an Jacques so fasziniert hatte und mich dazu gebracht hatte diese Katastrophenehe einzugehen. Aber zwei Schauspieler ohne ernstzunehmende Ausbildung, die vergeblich auf den großen Durchbruch warteten, das konnte nicht gutgehen. Da war ich mit Philip schon besser dran. Ihn kannte ich eigentlich schon aus dem Kindergarten, und die ganzen Witze unserer Eltern, dass wir noch eines Tages als Brautpaar enden würden, hatten sich schließlich doch bestätigt. Und was konnte ich mir auch mehr wünschen als einen liebevollen, treuen Ehemann, der mit Freude seiner Arbeit als Mechatroniker nachging. Dass er dazu noch in der Werkstatt meines Vaters arbeitete, konnte mir eigentlich nur recht sein. Wenn da nur nicht dieser ungute Beigeschmack gewesen wäre. Als ob alle zusammen etwas ausgeheckt und mich in die Falle gelockt hätten. Sollte ich vielleicht im Windeln Wechseln und Fläschchen Zubereiten die Erfüllung meines Lebens finden?
Ich sah von der kahlen Leinwand weg und blickte in den Spiegel. Mit etwas Training und viel Tennis bekäme ich vielleicht doch eines Tages wieder meine alte Figur zurück. „Ach ja, Tennis“, entrang sich mir ein Stoßseufzer. „Bis ich wiederauf dem Platz stehen kann, bin ich wahrscheinlich schon alt und grau geworden.“
Aufmerksam durchforstete ich mein Gesicht nach kleinen Fältchen, aber dank der zahlreichen Cremes und Feuchtigkeitspräparate, die man mir während meiner Arbeit als Mannequin aufgedrängt hatte, sah ich, mit ein wenig Fantasie, trotz der Übermüdung noch immer aus wie 17. In den Discos und Clubs konnte ich mich immer noch sehen lassen. Jedoch auch das konnte ich wahrscheinlich fürs erste vergessen. Philip meinte ohnehin schon, dass ich zu wenig Zeit mit dem Baby verbrächte und Babysitter kamen für ihn nicht in Frage. Aber der hatte leicht reden. Außer Autos kannte er gar nichts. Nur ich wollte einfach noch nicht zum alten Eisen zählen. Wenn ich eine meiner Rockplatten anhören wollte, hieß es sofort: „Leise, das Baby! Aber ich konnte doch nicht nur Wiegenlieder hören, von morgens bis abends. Das musste doch auch irgendwie anders gehen. Vielleicht wäre ja Rockmusik genau nach Chantals Geschmack?
‚Ich sollte einfach nicht so viel auf Philip hören“, beschloss ich, während ich mit dem Pinsel Kreise in die Luft malte. Schließlich würde mein Name mit Sicherheit eines Tages bei Weitem bekannter sein als seiner.
Deswegen wollte ich mit der Malerei anfangen. In großen Lettern über der teuersten Galerie der Stadt sollte mein neuer Künstlername prangen. Natürlich nur ein Wort wie bei allen großen Künstlern. Ich schwankte dabei noch zwischen ‚Juliette‘, um meinen Vater zu erfreuen, und ‚Roxanne‘, denn dem Englischen gehört die Zukunft.
Aufmunternd sah ich meinem Spiegelbild in die braunen Augen. Worauf wartete ich denn noch?
Schon als Kind hatte mich alle Welt wegen meiner hübschen Zeichnungen gelobt. Und jetzt sollten sie sich wegen meiner Ölgemälde ebenso begeistert zeigen. Der Haken war nur: Es gab noch gar keine Ölgemälde. Mir fiel einfach nichts ein. Und kaum hatte ich die rettende Idee und begann die Farben auf meiner Palette zu mischen, schon ertönte das grässliche Geschrei wieder aus dem Baby-Phon, und die Pause war erst einmal beendet.
Aber dieses Mal nicht. Denn an diesem Tag geschah etwas ganz Besonderes, etwas, das meine Kindheitsträumereien auf einen Schlag beenden sollte.
Und wer hätte je gedacht, dass ich jenes üble Geschrei eines Tages tatsächlich vermisste.
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